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Umweltpolitik: Klimaschutz kontra Naturschutz
Die Energiewende ist gut für das Klima - hat aber gravierende Auswirkungen auf Landschaft und Umwelt. Wir sprachen mit Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, über ein verkanntes Dilemma
GEO.de: Frau Jessel, Sie haben schon zu Beginn der Energiewende, vor eineinhalb Jahren, vor den negativen Wirkungen gewarnt, die der Ausbau der Erneuerbaren auf Natur und Landschaft haben kann. Die Folgen werden jetzt immer deutlicher: Verspargelung und Vermaisung der Landschaft, jetzt der Ausbau des Leitungsnetzes. Hat die Politik bei allem Enthusiasmus für die Energiewende den Naturschutz vergessen?
Beate Jessel: Das kann man so nicht sagen. Die Energiewende ist ein sehr komplexer Prozess. Manche vergleichen ihn sogar mit einer zweiten industriellen Revolution. Es sind viele Akteure, die zusammenzubringen und einzubinden sind. Wenn wir allerdings von mancher Seite, wie etwa aus dem Wirtschaftsministerium, hören, man möge doch für den Ausbau der Leitungsnetze den Naturschutz einfach einmal für ein paar Jahre aussetzen, dann halten wir das nicht für zielführend.
Eine tragende Säule im Bereich der Erneuerbaren ist die Biomasse ...
Biomasse steuert etwa 30 Prozent der Erneuerbaren im Strombereich bei. Bei der Wärmeerzeugung sind es sogar 91 Prozent. Das bedeutet allerdings auch, dass in einigen Landkreisen schon auf der Hälfte der gesamten Ackerfläche Mais steht. Auf solchen Flächen verarmen die Böden, der Humusgehalt und die Artenvielfalt nehmen ab. Das ist weder nachhaltig noch naturverträglich. Und immer mehr Grünland wird für den Biomasseanbau umgebrochen. Das ist auch für den Klimaschutz kontraproduktiv, denn beim Umbruch von Grünland werden beträchtliche Mengen CO2 frei.
Wie sieht Ihr Lösungsvorschlag aus?
Wir brauchen gerade beim Biomasseanbau eine stärkere räumliche Steuerung. Auf keinen Fall dürfen weitere wertvolle Grünlandflächen solchen Monokulturen zum Opfer fallen.
Sie wollen also, dass ökologisch hochwertige Regionen verschont werden, während weniger wertvolle mit Windrädern, Solaranlagen und Energiemais zugepflastert werden?
Nein, so ist das nicht gemeint. Es kommt vielmehr darauf an, dass die verschiedenen natürlichen Voraussetzungen einzelner Regionen differenziert für den Ausbau der Erneuerbaren genutzt werden. Im Bereich der Windkraft haben wir mit der Regionalplanung und der Landschaftsplanung als ökologischem Bestandteil der Regionalplanung ein sehr sinnvolles Steuerungsinstrumentarium an der Hand, um Windkraftanlagen auf Standorte zu lenken, die ökologisch unproblematisch sind. Die Regionalplanung hat man übrigens in Baden-Württemberg ganz bewusst ausgehebelt und den Prozess der Standortfindung überwiegend an die Gemeinden delegiert, da man glaubt, dass sich so Ausbau vorantreiben lässt. Das ist aber keine gute Lösung. Vielmehr wird so die Verspargelung der Landschaft befördert. Und der Aufwand ist unter dem Strich ein deutlich höherer. Im Bereich der Biomasseerzeugung müssen darüber hinaus Anreize für naturverträgliche Alternativen gesetzt werden, etwa mehrjährige Wildpflanzenmischungen, die viel Dünger und Pestizide einsparen. Was wir nicht wollen, ist eine Unterteilung in "Schutzräume" und "Schmutzräume". Die Energiewende muss als Ganzes naturverträglich sein. Es kommt darauf an, auf die jeweiligen Gegebenheiten abgestimmte regionale Energiemixe zu entwickeln.




Kommentare zu "Klimaschutz kontra Naturschutz"
von dem kostenfaktor wird wenig mitgeteilt, wie soll das finanziert werden.
Der Artikel ist zu suggestiv. Da wird immer von Verspargelung und Flächenverbrauch der erneuerbaren Energien gesprochen. Der entscheidende Punkt wird ausgeklammert: Das die Energie der Zukunft dezentral und in der kommunaler Hand erzeugt werden muss, wenn die Energiewende ihren Namen verdienen soll. Aber nein, es sollen immer wieder die vier großen Energiekonzerne bedient werden.