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GEO Magazin Nr. 08/12 Seite 2 von 2


Kolmsee kehrte nach Europa zurück, recherchierte, fand keine geeignete Anlage - und beschloss, selbst eine entwickeln zu lassen. Bauteile kamen aus Bayern, Indien und China. Dann ein Rückschlag: Der Wildheit südamerikanischer Gewässer hielt das Urmodell zunächst nicht stand. Der Anker gab nach, das Gehäuse verzog sich, Wasser drang ein. Doch die Reparatur war simpel. Heute verbaut das Technikteam Dichtungen, die sonst nur das Militär nutzt, ein Metallring verstärkt den Plastikrahmen, ein eigens entworfenes Ankersystem soll die Turbine selbst bei Hochwasser halten. Wenn alles reibungslos funktioniert, wird sich die Anschaffung in Südamerika nach drei Jahren rechnen, kalkuliert Kolmsee. Unter optimalen Bedingungen koste die Kilowattstunde etwa acht Cent. Beim Dieselgenerator seien es zwischen 22 und 41 Cent. Gerade Schwellenländer, deren Wirtschaft stark wächst, dürsten nach Energie. In Brasilien, das 2011 zur sechstgrößten Wirtschaftsmacht aufstieg, entsteht zurzeit das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt mit einer Leistung von elf Gigawatt.

Für das extrem umstrittene Elf-Milliarden-Dollar-Projekt Belo Monte mit einem 500 Quadratkilometer großen Stausee sollen 40.000 Hektar Regenwald überschwemmt und bis zu 40.000 Menschen umgesiedelt werden. Elf Gigawatt kontra fünf Kilowatt Leistung - Mikrokraftwerke erscheinen im Vergleich wie eine Kerze neben einem Atomkraftwerk. Doch es gibt unendlich viele Flüsse auf der Welt, und die Technik ist schnell einsetzbar. Als Kolmsee im Frühjahr 2011 den Prototyp seiner Turbine mit Blasmusikkapelle bei München im Isarkanal einweihte, reiste der Energieminister der peruanischen Provinz San Martín an. In Peru will die Regierung bis 2020 7,2 Millionen Menschen auf dem Land mit Strom versorgen. Hier macht die dezentrale Kleinstwasserkraft besonders viel Sinn. Nachts, wenn wenig Elektrizität gebraucht wird, kann Überschussstrom in Fischerdörfern zum Beispiel Eis erzeugen, das den Fang kühlt.

Nicht nur für arme Länder ist das Prinzip interessant. Albert Ruprecht vom Institut für Strömungsmechanik und Hydraulische Strömungsmaschinen der Universität Stuttgart hat zusammen mit der Firma RER Hydro eine Kraftwerksvariante entwickelt, die im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom eingebaut wurde. Die Turbine ist mit 110 Kilowatt Leistung wesentlich stärker als das Smart-Hydro-Modell und am Grund fixiert. Die Montage erfolgte von einer Barke und einer Hubinsel aus mit zwei Kränen.

Strom für 300 Haushalte
Seit 2010 produziert die Turbine pannenfrei 900.000 Kilowattstunden im Jahr, genug für bis zu 300 Haushalte. In Deutschland stammen bisher 3,4 Prozent des Stroms aus Wasserkraft. „Neue herkömmliche Wasserkraftwerke mit Staudämmen zu errichten, ist hierzulande oft nicht mehr durchsetzbar“, sagt Ruprecht. Nach einer Studie des Bundesumweltministeriums, an der er beteiligt war, ließe sich der Anteil des erzeugten Hydrostroms umweltfreundlich auf rund fünf Prozent aufstocken.

Für die Smart-Hydro-Variante eignen sich der Fließgeschwindigkeit wegen vor allem die Donau und der Oberrhein. In Bingen plant das Unternehmen Metropolstrom-NW noch im Jahr 2012 einen Energiepark mit 30 Kleinstkraftwerken aus Kolmsees Produktion. Bis 2013 sollen es sogar 300 Turbinen werden, hofft Geschäftsführer Arno Lauhöfer. Den Strom will er ins Netz einspeisen oder flussnahen Campingplätzen oder Ausflugslokalen zur Verfügung stellen. Die in Peru geborene Idee könnte damit auch einen kleinen Beitrag zur deutschen Energiewende liefern.

Nützliche Links: Mehr über die Minikraftwerke gibt es unter www.smart-hydro.de/home.html, die Studie unter www.bmu.de/erneuerbare_energien/downloads/doc/47027.php




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Kommentare zu "Kleinwasserkraft: Strom aus der Strömung"

Karl Kolmsee | 24.07.2012 19:37

Herr Mahlo korrigiert korrekt und stellt eine wesentliche Frage zur Fisch-Freundlichkeit - welche die wichtigste ökonomische Ressource vieler Menschen, die an Flüssen keben, betrifft. Bei der kinetischen Wasserkraft wird anders als bei der klassischen Wasserkraft vor dem Rotor kein (wenig) Sog aufgebaut: Fische, die sich in der Strömung frei bewegen können, schwimmen herum. Kleine Fische oder insbesonder Fisch-Laich, die in der Strömung schwimmen, haben bei niedrigen Drehzahlen von 250 rpm (das liegt im Bereich der Empfehlungen der Internationalen Energie Agentur zur Fischfreundlichkeit) eine hohe Wahrscheinlichkeit, ungeschädigt den freien Strömungsraum zu durchfließen. Beitrag melden!

Detlef Mahlo | 22.07.2012 11:45

Ich hoffe sehr, daß das Projekt Zukunft hat, denn dezentrale und ökologisch verträgliche Energieerzeugung ist wichtig. Aber in dem Artikel vermisse ich einen Hinweis darauf, daß die Anlagen umweltfreundlich konzipiert sind, das heißt, wie wird verhindert, daß Fische u.a. Lebewesen nicht in die Anlage geraten. In Spalte 1 - drittlletzte Zeile des Artikels muß es Kilowatt heißen und nicht Kilowattstunden. Auch ein Fahrraddynamo würde im Laufe der Jahre eine Kilowattstunde schaffen. Beitrag melden!

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