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Familien über Erziehung: Verständnis und Verzweiflung

Fabian (14) ist Legastheniker. Errol (14) flüchtet sich in Gewaltspiele. Und die frühreife Lena (12) widersetzt sich ihrer alleinerziehenden Mutter. GEO WISSEN sprach mit Eltern und Kindern über ihre ganz persönlichen Probleme


Protokolle: Elisabeth Hussendörfer


Symbolbild: Fabian (14) ist Legastheniker (Foto von: Phil Boorman/Cultura/Getty Images)
© Phil Boorman/Cultura/Getty Images
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Symbolbild: Fabian (14) ist Legastheniker

Familie Landmann*

Beate Landmann, 52, Galeristin

"Eigentlich will Fabian gar nicht mehr an die Grundschulzeit erinnert werden. Ich hab ihm aber erklärt, dass es wichtig ist, gerade für uns als Eltern. Es geht nicht darum, dass du damals solche Schwierigkeiten hattest, hab ich gesagt. Es geht darum, dass wir uns als Familie auf den Weg gemacht haben.

Fabian ging in die zweite Klasse, als mein Mann seine Arbeit für die Nachmittage nach Hause verlegte. Unser Sohn ist intelligent, aber allein konnte er die Hausaufgaben nicht bewältigen. Bei Klassenarbeiten gab er manchmal leere Blätter ab, die Buchstaben tanzen beim Schreiben vor meinen Augen, sagte er. Frustriert und demotiviert wirkte er, traute sich immer weniger zu. Als ihm schließlich Legasthenie diagnostiziert wurde, war das ein Schock, machte aber auch Hoffnung: Mit der richtigen Förderung könnte es bergauf gehen. Als er an die weiterführende Schule kam, eine Realschule, atmeten wir auf. Fabian macht mit im Unterricht, ist gut integriert, sagten die Lehrer. Die Noten im Halbjahreszeugnis waren eine schöne Bestätigung.

Aber saß unser Sohn wirklich sicher im Sattel? Mir fiel auf, dass er manchmal diesen besserwisserischen Ton hatte. War das typisch für die Zeit kurz vor der Pubertät oder überspielte er etwas, weil die schwierigen Jahre eben doch Spuren hinterlassen hatten? Fabian war einer der Jüngsten in der Klasse. Viele seiner Mitschüler hatten schon tiefe Stimmen, einige rauchten. Mein Mann und ich sahen eine neue Entwicklungsphase auf uns zukommen. Würde Fabian sich dauerhaft behaupten? Oder würde er Gefahr laufen, den Halt zu verlieren? Wir waren verunsichert.

Eine Freundin, der ich mich anvertraute, erzählte von einem STEP-Elternkurs. Mein Mann war zunächst zurückhaltend, kam dann aber mit und war wie ich begeistert von der Ehrlichkeit, mit der die Kursteilnehmer über sich und ihre Probleme erzählten. In einer Gesellschaft, in der es so wichtig scheint, den Nachwuchs als gut geraten zu präsentieren, hat das Seltenheitswert. Bei mir musste ich feststellen, dass ich mir weniger Sorgen darum gemacht hatte, welche Auswirkungen der Grundschul-Frust hatte, als die Frage: Was wird aus unserem Sohn? Wie geht es nach der Realschule weiter? Was wünscht ihr euch für euer Kind?’ Diese Frage der Kursleiterin brachte eine bis dahin nicht gekannte Klarheit. Dass Fabian Selbstwertgefühl gefestigt wird und er mehr Verantwortung übernimmt, schrieb ich. Dann aber ertappt man sich im Alltag, dass es oft um anderes geht: Man kommt von der Arbeit, das Kind sitzt vor dem Fernsehgerät. Hast du die Hausaufgaben schon gemacht?, frage ich. Mit dem Unterton, ich bin mir sicher, dass nicht. Also Fernseher aus. Respektvoll kommunizieren geht anders, erfordert, dass man seinem Kind auf Augenhöhe begegnet. Es ist müde, es will abschalten - so wie ich auch wenn ich nach Hause komme. Man kann das lernen, das Tempo herunterzufahren und innezuhalten. Heute frage ich: Du bist sicher auch geschafft? Wie lange gehen die Simpsons noch? Lass uns eine Zeit ausmachen und dann schaltest du ab!

Fabian ist viel zugänglicher, seit ich mich besser auf ihn einlasse. Natürlich werden wir uns nicht immer einig und gelegentlich geht er am nächsten Morgen ohne Hausaufgaben zur Schule. Dann aber im Bewusstsein, dass er das selbst zu verantworten hat. Denn von diesen Gedanken hab ich mich verabschiedet: dass wir ihm, wenn es darauf ankommt, irgendetwas abnehmen können. Letztlich ist er es, der sein Leben lebt. Am letzten Abend des Elterntrainings hat die Kursleiterin noch einmal unsere anfangs formulierten Wünsche hervorgeholt. Selbstwertgefühl, Verantwortung – ich bekam eine Gänsehaut, als ich las, was ich geschrieben hatte. Bilder der Hip-Hop-Veranstaltung an Fabian Schule kamen mir in den Sinn. Unser Sohn hatte den Job des Chefbeleuchters: Vier Tage lang ist er in drei Metern Höhe auf Traversen rumgeklettert und hat Lampen angebracht. Auch den kreativen Part, die Choreographie hat er übernommen. Während der Veranstaltung und am Ende kam er auf die Bühne, wurde bejubelt von den älteren Schülern.

Und ich sah als Mutter: Der kleine Junge ist plötzlich eine Persönlichkeit. Obwohl es keine Garantie für die nächsten Jahre gibt, fühlte ich, dass etwas sehr Wichtiges passiert ist."


Stefan Landmann, 53, Industriedesigner

"Als Beate mit der Idee kam, den Elternkurs zu besuchen, dachte ich: wieso? Fabian hat zwar Lernschwierigkeiten, doch nach der Grundschule hatte er Fortschritte gemacht. Alles gut, sagte ich mir. Aber die elterliche Wahrnehmung arbeitet unehrlich, filtert Unangenehmes raus, richtet den Fokus auf schöne Momente.

Ich ließ mich dann doch überreden – und war erstaunt über die Offenheit der anderen Eltern. Rasch waren einige bei der eigenen Kindheit. Und dann hörte auch ich mich von meinem Vater erzählen. Nicht nur, dass wir ideologisch weit auseinander lagen war ein Problem, er konservativ, ich politisch links. Vor allem war ich nicht bereit, seiner fordernden Art entgegenzukommen. Vater wurde zwar nie besonders laut, aber da war dieser ständige Druck. Ich habe lange gar nicht recht verstanden, was er eigentlich forderte, aber egal was ich tat, ich machte es ihm nicht recht. Ich fühlte, dass ich eine große Enttäuschung für ihn gewesen sein muss.

Plötzlich sah ich die vielen Nachmittage, an denen ich mit Fabian gelernt hatte, in einem anderen Licht. War es mir wirklich um ihn gegangen? Oder ging es nicht viel mehr um mich, wenn ich versucht hatte, ihn auf eine bessere Mathenote zu hieven? Viele Parallelen sind mir im Elternkurs bewusst geworden: Der Dauerdruck meines Vaters hatte mich verunsichert. Meine Freunde kamen damals vor mir in die Pubertät. Ich war dünn, hatte eine Piepsstimme. Meine körperliche Unterlegenheit kompensierte ich mit Besserwisserei und einer großen Klappe. In dieser Zeit habe ich viel einstecken müssen, Rippenbrüche, Nasenbruch. So was passiert meinen Söhnen nicht, habe ich mir geschworen. Aber dann beobachtete ich bei Fabian genau dieses Muster.

Man will, dass seinem Kind nicht ähnliches widerfährt wie einem selbst. Aber es ist ein Irrglaube, dass man dies für andere schaffen kann. Eigentlich hätte ich es wissen können. Erst als Erwachsener hatte ich erkannt, wie unerfüllt mein Vater jahrzehntelang im Job gewesen war. Und dass er mir genau das hat ersparen wollen, mich deswegen anders haben wollte, zielgerichteter, erfolgsorientierter als er es selbst je war. Dass Beate schon am ersten Kursabend Fabian mangelndes Selbstwertgefühl thematisiert hat, war eine große Hilfe. Ich hatte es nur als Schulthema gesehen. Aber nun war mir klar, was zwischen mir und Fabian wirklich war, welche Erwartungen ich unbewusst an ihn hatte. Vielleicht habe ich das gerade noch rechtzeitig erkannt, denn in der Pubertät kocht so etwas plötzlich hoch. Und dann sagt man als Eltern plötzlich Sätze wie: Ich habe es doch immer gut gemeint. Das Umwandeln von Druck und Du-Anklagen in Fragen und Ich-Botschaften war eine wichtige Erkenntnis für mich. Früher habe ich oft überflüssige Tipps gegeben, wenn Fabian vor seinen Freunden mit Computer- oder Skaterwissen angab: Mach dich doch nicht so wichtig! Schau doch erst mal, ob dein Wissen überhaupt gefragt ist!

Ich habe auch angefangen, mehr über mich zu reden. Fabian weiß jetzt, dass es schwierig zwischen mir und meinem Vater war. Dass ich mit 16 Jahren tagelang nicht aus den Ferien zurückgekommen bin, dass ich mit 20 weg war von daheim, für immer. Bei uns soll das bitte anders laufen. Fabian soll nie das Gefühl haben, eine Enttäuschung zu sein. Ich möchte, dass er weiß, wie stolz wir auf ihn sind."


Fabian Landmann, 14

"Am Anfang habe ich mich gewundert. Wieso machen meine Eltern ein Elterntraining? Steht es so schlimm um unsere Familie? Bin etwa ich das Problem? Ein Freund, der es mitbekam, musste schmunzeln. Elterntraining? Allein schon das Wort ist ja merkwürdig. Hunde trainiert man! Aber Kinder?

Meine Eltern sehen das anders. Sie haben gesagt, dass es ihnen wichtig ist, dass wir positiv miteinander sprechen. Dass sie zum Beispiel die Wörter 'du musst' ganz streichen wollen. Wenn es ihnen doch mal rausrutscht, erinnere ich sie daran. Wir haben heute ein super Verhältnis. Es gibt Freunde, die sagen: Mit dir würde ich gerne tauschen. Man kriegt ja immer mal wieder mit, wie es anderswo so zu Hause läuft, mit Hausarrest und Handyverbot. So etwas gab es bei uns nie. Gerade am Anfang des Kurses sind mir ein paar Dinge aufgefallen: Wenn ich die Hausaufgaben mal nicht hatte, kam nicht gleich dieser vorwurfsvolle Ton. Wenn ich den höre ist es, als würde ich mich innerlich abschotten. Das geschieht ganz unbewusst, um meinen Freiraum zu schützen, der mir sehr wichtig ist. Anders als andere Eltern scheinen meine das zu verstehen.

Und mein Vater sagt jetzt zum Beispiel so etwas wie: Wenn du rechtzeitig fertig bist mit den Hausaufgaben, das wäre cool, dann können wir noch eine Sendung zusammen schauen. Und nicht mehr, wie früher manchmal: Du musst jetzt aber mal fertig werden! Ich hätte selbst nicht gedacht, dass die Wortwahl so einen Unterschied macht. Aber es ist so. Und seitdem läuft alles flüssiger bei uns zu Hause."


* Familienname geändert
Die drei vorgestellten Familien haben einen STEP-Elternkurs besucht. Mehr Informationen zu Erziehungskursen in der neuen Ausgabe von GEO WISSEN oder speziell zu STEP unter www.instep-online.de.



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