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Seeräuberei Kampf gegen den "Fluch der Karibik"

Illustration: Nassau
Rund 2000 Seeräuber leben um 1716 in den Hütten Nassaus – darunter viele einstige Matrosen und Kaperfahrer
© Tim Möller-Kaya
Nichts fürchten Kapitäne, die das Karibische Meer besegeln, im frühen 18. Jahrhundert mehr als die »Flying Gang«: eine verschworene Gemeinschaft von Seeräubern, die von einer Insel der Bahamas aus auf Raubzüge gehen – bis London 1718 eine mächtige Flotte entsendet

Es sind verstörende Nachrichten, die ab dem Sommer 1716 die Regierung in London erreichen. Briefe, abgesandt aus den britischen Besitzungen in der Neuen Welt, gerichtet an die Königliche Admiralität, die Kommission für Handel und Kolonialangelegenheiten, sogar an Seine Majestät selbst. Eines der ersten Schreiben kommt vom Gouverneur der Kolonie Virginia an der amerikanischen Ostküste. Der gesamte Handel sei bedroht, schreibt der Beamte, durch ein „Piratennest“, das sich auf den Bahamas gebildet habe und stetig größer werde. Die Gesetzlosen benähmen sich ganz so, als wäre die karibische Inselgruppe, immerhin Terri­torium der Krone, nicht weniger als ihr Eigentum.

Der Gouverneur von Jamaika beklagt, dass mehr als die Hälfte der Segler mit Kurs auf sein Eiland oder die Nachbarinsel Hispaniola von diesen Bahamas-Piraten gekapert würden. Selbst ein Kriegsschiff der Royal Navy wagt es nicht mehr, den Hafen zu ­verlassen. Und ein britischer Siedler, der von den Bahamas geflohen ist, schildert in einem eindringlichen Bericht, wie sich die Seeräuber auf New Providence, einer der Inseln des Archipels, festgesetzt hätten und die Bevölkerung terrorisierten. „Sie rauben die Einwohner aus, brennen ihre Häuser nieder und schänden ihre Frauen“, schreibt er. Die Männer, die sich selbst die „Flying Gang“ getauft hätten, die „fliegende Bande“, würden angeführt von „einem Piraten namens Benjamin Hornigold“.

Die Piraten scheinen der ganzen Welt den Krieg erklärt zu haben

Als immer mehr Berichte eingehen – von Diplomaten, Navy-Kapitänen, den Innungen der Tabak- und Zuckerhändler – steigt die Nervosität im Regierungsviertel Westminster, und die Beamten der Krone beraten in eilig einberufenen Konferenzen die Lage. Was mag in der Karibik vor sich gehen? Seeräuberei ist dort ein bekanntes Übel. Doch bisher hatten es europäische Handelssegler dabei meist entweder mit kleinen, oft schlecht organisierten Banden zu tun oder mit offiziellen Kaperfahrern, die im Auftrag konkurrie­render Staaten dem Warenverkehr eines Gegners schaden sollten.

Diese neuen Piraten aber scheinen der ganzen Welt den Krieg erklärt zu haben, entern Schiffe gleich welcher Nation – und fühlen sich keinem Auftraggeber verpflichtet. Dafür haben sich die Kapitäne untereinander zu einer ver­schworenen Bruderschaft zusammengeschlossen, die sogar unter einer gemeinsamen Flagge segelt: dem „Jolly Roger“, einem weißen Totenkopf auf schwarzem Grund. Die Männer leben nach ihren eigenen Gesetzen und auf ihrem eigenen Territorium – der Bahamas-Insel New Providence, die manche Historiker später die „Republik der Piraten“ nennen. Seine Majestät Georg I. beschließt, den wohl berühmtesten englischen Seehelden der Zeit gegen die Verbrecher zu senden: Woodes Rogers, 38 Jahre alt, Weltumsegler, Sklavenhändler und selbst ein ehemaliger Kaperfahrer. Ein persönlicher Erlass des Königs beauftragt ihn, der Seeräuberplage Herr zu werden – auf jede beliebige Weise.

Unter den Freibeutern sind Sklaven, Gesetzlose, Bankrotteure

Bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert suchen Piraten die Karibik heim. Weil Spanien den Großteil der Neuen Welt für sich beansprucht, bleibt anderen europäischen Mächten zunächst nur eine Möglichkeit, ihr Stück von den sagenhaften Schätzen Amerikas abzu­zweigen: Raubzüge gegen die Flotten der Iberer. Französische, niederländische und englische Freibeuter lauern mit ­ihren wendigen Seglern den spanischen Schiffen auf, die mit Silber und anderen Reichtümern Richtung Europa fahren. Im offiziellen Auftrag oder wenigstens unter stiller Duldung ihrer Heimatstaaten machen sie Jagd auf Beute.

Illustration: Seeräuber von Nassau
In der »Republik« der Freibeuter sind die berüchtigsten Seeräuber der Zeit zu Hause: neben Gründer Benjamin Hornigold (o., Mitte) etwa Edward »Blackbeard« Thatch (o. l.), Stede Bonnet (o. r.) und Samuel Bellamy (u. l.). Ab 1718 jedoch hebt Woodes Rogers (u.r.) das Piratennest aus
© Tim Möller-Kaya

Seit dem späten 16. Jahrhundert sucht dann zunehmend auch ein anderer Schlag Menschen sein Glück in der Pira­terie. Französische Hugenotten, die als Protestanten in ihrer Heimat verfolgt werden, und andere Flüchtlinge aus Europa siedeln in abgelegenen Regionen karibischer Inseln und auf weitgehend unbewohnten kleinen Eilanden. Geflohene Sklaven, Gesetzlose und Bankrotteure vom amerikanischen Festland schließen sich ihnen an. Die hartgesottenen Gruppen leben anfangs von der Jagd – und nennen sich nach einem Indianerwort für das Räuchern des Fleisches „Bukaniere“. Irgendwann entdecken sie die Seeräuberei als lohnenderes Geschäft und steigen zum Schrecken der Handelsschiffe auf.

Trotz aller Wildheit fühlen sich viele dieser Männer ihrer Religion verbunden. Unter anderem die Engländer machen sich den Hass der meist protestantischen Bukaniere auf die katholischen Spanier zunutze und nehmen sie als Kaperfahrer in ihre Dienste. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gibt Spanien seine Politik der Alleinherrschaft auf und gewährt den anderen europäischen Staaten schrittweise Zugang zur Neuen Welt. Für die Buka­niere, jetzt ein Störfaktor im nunmehr einvernehmlichen transatlantischen Handel, haben die Machthaber in London und Paris keine Verwendung mehr – viele der Seeräuber verlegen ihre Operationsbasen in den Indischen Ozean. In dieser Zeit steigen die Engländer zu Hauptakteuren der Handelsschifffahrt auf, unter anderem dank ihrer ­Kolonien in Amerika sowie der Stützpunkte, die sie in Afrika und Asien ge­gründet haben.

Im Sommer 1713 entdecken sie das perfekte Versteck: New Providence

Doch 1701 entbrennt in Europa ein jahrelanger Krieg: Frankreich und Spanien kämpfen gegen eine Allianz aus England, Österreich und den Nieder­landen. Und sogleich setzt die britische Krone im Atlantik wieder Kaperfahrer gegen die Flotten der Gegner ein. In den Kriegsjahren bringen die Freibeuter mehr als 2000 feindliche Schiffe auf. 1713 schließt London Frieden mit seinen Kontrahenten und erhält im Zuge dessen das Monopol auf den äußerst lu­krativen Sklavenhandel zwischen Afrika und den spanischen Kolonien in der Neuen Welt. Mit dem Ende des Krieges beginnt die Navy allerdings, fast drei Viertel ­ihrer Marinetruppen auszumustern – 36.000 Soldaten. Und die Besatzungen der Kaperfahrer sind nun ebenfalls ohne Arbeit. Massen von Seeleuten „streifen bettelnd durch das ganze Königreich“, wie ein Chronist berichtet, und auch die Kolonialhäfen von Jamaika, Bermuda und Virginia sind voll mit gelangweilten, hungrigen Männern.

Einer von ihnen ist Benjamin Hornigold, über dessen frühe Jahre man nicht mehr weiß, als dass er 1680 in England geboren wurde und im Krieg auf einem Kaperschiff mitgesegelt ist. Wie so viele ist auch er nun ohne Heuer. Warum also nicht den Friedensschluss ignorieren und auf eigene Rechnung spanische Schiffe kapern, fragt er irgendwann seine Zechkumpane in den Kaschemmen von Jamaika. Nur brauchen sie dazu noch einen passenden Unterschlupf. Mit einem kleinen Segelschiff und einigen Getreuen fährt Benjamin Hornigold im Sommer 1713 durch das Labyrinth der Bahamas – ein Archipel aus 700 Eilanden, die meisten nicht mehr als lang gestreckte Sandbänke oder von Mangroven bestandene Felsrücken, nur wenige bewohnt. Und als sie auf New Providence stoßen, weiß Hornigold, dass er den rechten Ort gefunden hat.

Die reiche Beute der etwa 75 Freibeuter: Gold, Rum und Zucker

Vor ihm liegt eine weite, blau schimmernde Bucht. Untiefen machen das Einlaufen zu einem riskanten Unterfangen, dafür liegen die Ankerplätze gut geschützt im Schatten eines vorgelagerten Eilands. Am Ufer sieht Hornigold ein paar Palmhütten und verfallene Häuser, von Gestrüpp überwucherte Pfade, die zu den Ruinen einer Kirche führen und zu einem kleinen Fort mit bröckelnden Mauern oberhalb der Siedlung. Wie den ganzen Archipel beansprucht Großbritannien auch New Providence für sich. Englische Kolonisten gründeten um 1650 am Strand eine Siedlung, bald Nassau genannt, und legten Tabak- und Baumwollplantagen an. Doch in den Kriegsjahren wurde der Ort viermal von Spaniern und Franzosen niedergebrannt. Viele Siedler verließen das Eiland. Jetzt leben vielleicht noch 30 Familien hier.

Mit Entermessern, Degen und Pistolen kapern die Piraten Schiffe jedweder Nation. So gefürchtet sind die Seeräuber, dass Kapitäne oft kampflos kapitulieren. Viele Matrosen schließen sich ihnen danach an – getrieben von der Aussicht auf Beute und ein freies Leben
Mit Entermessern, Degen und Pistolen kapern die Piraten Schiffe jedweder Nation. So gefürchtet sind die Seeräuber, dass Kapitäne oft kampflos kapitulieren. Viele Matrosen schließen sich ihnen danach an – getrieben von der Aussicht auf Beute und ein freies Leben
© Tim Möller-Kaya

Hornigold und seine Crew schlagen ihr Lager in Nassau auf. Von dort aus machen sie in drei kleinen Booten mit Segel und Bordkanone Jagd auf kleinere Handelsschiffe und überfallen einsam gelegene Zuckerplantagen. Nach jedem Raubzug kehren die mittlerweile etwa 75 Piraten mit Gold, Rum und Zucker zurück. Bald findet sich auf einer Nachbarinsel auch ein Händler, der die Beute übernimmt und weiterverkauft. Während die Bande die Gewässer um Kuba und Florida unsicher macht und ihre Boote dabei nach und nach durch erbeutete größere Schiffe ersetzt, geht die Kunde von dem neuen Piratennest bei den Seeleuten von Ohr zu Ohr: ein Ort der Gesetzlosigkeit, gut geschützt im Bahamas-Archipel – und zugleich nahe an der Floridastraße, die Teil der wichtigsten Schiffs­route zwischen Amerika und Europa ist. Arbeitslose Kaperfahrer, Glücksritter und Aben­teurer, Schurken jeglicher Couleur setzen ihre Segel und brechen auf zur Siedlung der Seeräuber.

Auf dem prächtigsten Schiff weht die schwarze Totenkopfflagge

Juni 1716. Benjamin Hornigold, inzwischen einer der gefürchtetsten Piraten der Region, steht auf der Brücke seines neu erbeuteten Flaggschiffs „Benjamin“, eines spanischen Seglers, der 200 Seeräubern und einer Reihe schwerer Kanonen Platz bietet. Nur drei Jahre sind vergangen, seit er das erste Mal einen Fuß auf den Strand von New Providence gesetzt hat. Vor ihm breitet sich das Panorama von Nassaus Hafen aus – und der Anblick muss ihn mit Stolz erfüllen. Vielleicht 30 oder 40 Schiffe ankern nun in der Bucht: Barkassen, Scha­luppen, Handelssegler, Kriegsschiffe. Auf den prächtigsten mit den meisten Kanonen an Bord weht die schwarze Totenkopfflagge. Die anderen sind erbeutete Frachter, deren Ladung Piraten in Booten an Land bringen.

Drüben am Strand stapeln sich Kisten und Fässer mit Gold und Silber, Bier, Wein, Musketen, Zucker, Baumwolle und Indigo. Entlang der Küste liegen die schwarz gebrannten Wracks jener Beute­schiffe, die die Seeräuber angezündet haben, weil sie kein weiteres Interesse an ihnen hatten. Obwohl inzwischen bis zu 2000 Piraten den Ort bevölkern, wirkt Nassau noch immer eher wie ein provisorisches Camp von Schiffbrüchigen. Zwischen Palmen und Buschwerk drängen sich schiefe Hütten, zusammengezimmert aus Treibholz, Deckplanken oder was sonst zur Hand war, daneben Zelte, Baracken und offene Tavernen unter Segeltuch.

Dichter Rauch steigt auf von Hunderten Feuerstellen am Strand, an denen die Seeräuber ihre Beutefahrten feiern, während Humpen mit Barbados-Rum, Wein von Madeira und französischem Brandy von Hand zu Hand gehen. Viele Piraten schmücken sich zum Spaß mit der Kleidung ihrer reichen Opfer: Männer mit zerzaustem Bart und schmutzigem Gesicht tragen leuchtende Westen und Hüte aus Seide oder Filz, ge­puderte Perücken, Kragen, Manschettenknöpfe. Alle möglichen Sprachen sind zu hören, alle Hautfarben zu sehen im Schein der Feuer: Geflohene Sklaven von den Plantagen haben sich den See­räubern angeschlossen, Meuterer und deser­tierte Matrosen von den Handelsschiffen, europäische Kriminelle, die zur Zwangsarbeit in die Kolonien geschickt worden waren. An den Tischen der Kaschemmen und Hurenhäuser kann man manchmal die Piratenkapitäne zusammensitzen sehen, wie sie auf ihre Taten anstoßen und neue Pläne schmieden, voreinander prahlen und sich gegenseitig reizen.

Zum gefürchtesten Piraten der Welt steigt Edward Thatch auf

Benjamin Hornigold wird zwar von allen respektiert als Gründer des Stützpunkts und hat sich auch öffentlich zum obersten Anführer erklärt. Dennoch wett­eifern etliche der 20 bis 30 Kapi­täne, die Nassau in diesen Jahren zu ihrer Basis gemacht haben, beständig um Macht und die fetteste Beute. Hornigolds erbittertster Rivale, mit dem er häufig im Streit liegt, ist Henry Jennings. Seit dieser Freibeuter den Spaniern sagenhafte 120.000 Pesos geraubt hat (nach heutigem Wert mehr als 1,5 Millionen Euro), gilt er als Le­gende unter den Seeräubern.

Aber es entstehen auch enge Bindungen. Gute Freunde sind etwa zwei Männer, die beide unter Hornigolds Kommando gesegelt sind: Samuel Bel­lamy hat sich in kürzester Zeit zum Kapitän mit 170 Mann Besatzung hochgearbeitet und in einem einzigen Jahr in der Karibik 50 Schiffe aufgebracht. Er sieht sich als Rächer der Unterdrückten gegen feiste Schiffseigner und grausame Kapitäne, vergleicht sich gern mit Robin Hood. Der andere, Edward Thatch, versetzt mit seinem Anblick selbst die Pira­ten Nassaus in Schrecken, wenn er groß, schlank und mit langem, schwarzem Bart, durch die Straßen streift. Seit er sein erstes eigenes Schiff befehligt, nennt Thatch sich „Blackbeard“.

Und dass er bald zum gefürchtetsten Seeräuber der Neuen Welt aufsteigt, verdankt er nicht nur seinen Beutezügen, sondern auch einer theatralischen Ader: Bei einem Enterangriff postiert Thatch sich an der Reling seines ­Schiffes, in einer Schärpe sechs Pistolen über den Leib gebunden, Haupthaar und Bart zu verfilzten Zöpfen geknüpft. Brennende Lunten, die er unter den Hut gesteckt hat, umlodern angeblich sein Gesicht in einem Kranz aus Rauch und Feuer. Eine Erscheinung, so schreibt ein Zeitzeuge, „dass man keine Furie der Hölle sich entsetzlicher ausmalen kann“.

So wie die Männer von Nassau Blackbeard fürchten, so machen sie sich im Stillen lustig über die bunteren Vögel unter den Kapitänen: Jack Rackham etwa, der mit Heldentaten prahlt, obwohl er am liebsten wehrlose Fischerboote überfällt. Aus der Masse hebt er sich durch seine Vorliebe für grell gefärbte indische Kaliko-Baumwolle hervor, weshalb alle ihn „Calico Jack“ nennen. Oder Stede Bonnet, der „Gentleman-Pirat“, den nicht wenige für geisteskrank halten: Der Sohn eines der reichsten Zuckerpflanzer von Barbados führte ein mustergültiges Leben, bis er eines Tages beschloss, Pirat zu werden, und mit eigenem Schiff in Nassau einlief. Entweder, so erzählt man sich, weil er urplötzlich verrückt wurde. Oder weil er seiner herrischen Ehefrau entkommen wollte. Oft sieht man Bonnet an Bord im Morgenmantel in eines der ­Bücher aus der großen Bibliothek seiner Kajüte vertieft.

Unruhestifter werden oft auf einsamen Inseln ausgesetzt

Es ist nicht überliefert, welcher der Kapitäne auf die Idee kam, die Gruppe die „Flying Gang“ zu nennen. Natürlich handelt es sich noch immer um eine Bande von Banditen, ist die Piratenrepu­blik auf den Bahamas kein Staatswesen mit einer gewählten Regierung und einer funktionierenden Verwaltung. Dennoch: So wild und unkontrolliert das Leben der Seeräuber auf den ersten Blick erscheint, so gibt es doch Gesetze, die die Gesetzlosen sich selbst gegeben haben. Und verglichen mit den absolutistischen Staaten Europas oder den despotischen Regimes auf den Kriegs- und Handelsschiffen wirken diese Regeln erstaunlich human, egalitär und gerecht.

So werden alle wichtigen Entscheidungen auf einem Piratensegler von einem Großen Rat entschieden, in dem vom Kapitän bis zum Schiffsjungen jedermann die gleiche Stimme hat. In oft tumultartigen Debatten beraten die Männer über das nächste Ziel, das Für und Wider eines Angriffs, verhängen zudem Strafen. Ein Unruhestifter in der Crew etwa wird gern zum „Gouverneur einer Insel“ ernannt – und von seinen Kameraden auf einem verlassenen Eiland ausgesetzt. Nur im Gefecht besitzt der Kapitän allein die absolute Befehlsgewalt, sodass jeder ihm gehorchen muss. In den Zeiten dazwischen sollte er auf der Hut sein: Der Rat ist berechtigt, ihn abzusetzen, etwa wegen Feigheit vor dem Feind oder Grausamkeit gegen die eigene Mannschaft. Er darf sich nie über die Crew erhaben wähnen, soll das gleiche Essen zu sich nehmen und in der für den Schiffskommandanten vorgesehenen Kajüte auch Kameraden schlafen lassen.

Bei der Verteilung der Beute geht es ebenfalls gerecht zu: Während auf einem offiziellen Kaperschiff im Dienst einer europäischen Regierung dem Kapitän oft das 14-Fache eines Matrosen zusteht, erhält er bei den Seeräubern nur einen halben Anteil mehr. Daher melden sich viele Matrosen bereitwillig, wenn Piraten die Crew eines gekaperten Seglers fragen, wer künftig unter dem Totenkopf die Meere befahren möchte. Denn die Bedingungen auf den Handels- und Kriegsschiffen sind entsetzlich – von mit Maden gespicktem Brot über die mickrige Heuer bis zu den drakonischen Strafen sadistischer Kapitäne. Das freiere Leben der Seeräuber erscheint manchem Verzweifelten da wie ein Blick ins Paradies. Die Zahl der Piraten steige und steige, schreibt in diesen Jahren ein frustrierter Gouverneur von Virginia, obwohl „sie niemanden in ihre Dienste zwingen“.

Aus Übersee treffen alarmierende Hilferufe in England ein

Auf hoher See genügt oft schon der Anblick des Jolly Roger am Mast, um Handelskapitäne dazu zu bringen, als Zeichen der Kapitulation die Segel zu streichen. Meist haben auch die Piraten kein Interesse an einem Gefecht, bei dem die Beute Schaden nehmen könnte. Kommt es dann doch einmal zum Kampf, feuern die Seeräuber zunächst eine Breitseite ihrer Kanonen gegen den Feind, gefolgt von einem Hagel aus Musketenkugeln, Schrotgeschossen und improvisierten Handgranaten aus Pulver, Kugeln und Eisenspan in Flaschen, die Takelage und Männerkörper in Stücke reißen. Danach kommen sie längs­seits, machen mit Leinen am gegnerischen Schiff fest und stürmen mit Säbeln, Degen, Entermessern und Äxten in den Nahkampf.

Die Piraten von Nassau kapern anfangs vor allem spanische und franzö­sische Segler, dann auch immer mehr Schiffe Großbritanniens, die den Handel dominieren und daher am meisten Beute versprechen. Bis hinauf nach New York reicht im Norden ihr Operationsgebiet, bis nach Venezuela im Süden. Nicht einmal vor Angriffen auf ganze Kolonien schrecken sie zurück: In der Karibik brandschatzen sie im November 1717 das französische Guadeloupe, plündern im Dezember das britische St. Kitts. Die Royal Navy und die Marine-­Kapitäne anderer Nationen sehen dem Rauben fast tatenlos zu. Viele britische Kriegsschiffe sitzen zu dieser Zeit in den Häfen fest, weil sie wegen Krankheiten oder Fahnenflucht nicht ausreichend bemannt sind. Andere Kommandanten profitieren sogar von der Bedrohung durch die Piraten – denn Handelssegler lassen sich von ihnen gegen hohe Belohnungen eskortieren. Erst als immer mehr alarmierende Hilferufe aus den Kolonien in England eintreffen, beschließt die Regierung zu handeln – und das Hauptquartier der Seeräuber zu zerschlagen.

Die Strategie: die verschworene Seeräuber-Gemeinschaft spalten

Am 24. Oktober 1717 erscheint in einer Londoner Zeitung die Notiz: „Am Mittwoch küsste Kapitän Rogers die Hand Seiner Majestät, da er zum Gouverneur der Insel Providence ernannt wurde, die zurzeit im Besitz der Piraten ist.“ Freunde bei Hof haben Woodes Rogers dem König als den richtigen Mann dafür empfohlen, das Problem mit den Seeräubern aus der Welt zu schaffen. Der 38-Jährige, ursprünglich ein Kaufmann aus Bristol, hat früher als Kaperfahrer spanische Schiffe und Kolonien geplündert, dabei als einer der wenigen Männer der Zeit die Erde umrundet – und ist 1711 mit so überreicher Beute in London eingetroffen, dass sogar die Börse ins Wanken geriet.

Gegen die Piraten verfolgt Rogers von Anfang an eine doppelte Strategie. Auf sein Anraten hin erlässt der König eine Proklamation, laut der jeder Pirat begnadigt wird, der sich binnen eines Jahres einem britischen Gouverneur ­unterwirft. Das Pardon soll einen Teil der Seeräuber dazu bringen, zu Recht und Gesetz zurückzukehren – und so gleichzeitig die verschworene Gemeinschaft der Flying Gang spalten. Die Wider­ständigen aber will der Seeheld ohne Erbarmen bekämpfen. Mit sieben kanonenbestückten Schiffen sowie 550 Soldaten und Matrosen bricht er im April 1718 auf.

Die Piraten bilden sogar ein Spalier vom Strand zur kleinen Festung

Noch vor der Flotte erreicht die Kunde von dem Gnadenangebot die Karibik – und Rogers’ Plan geht auf: Wie erhofft teilen sich die Piraten von Nassau in zwei Fraktionen. Auf der einen Seite stehen vor ­allem ehemalige offizielle Kaperfahrer in königlichen Diensten, wie Hornigold, die aus Not und Profitgier Seeräuber geworden sind. Plötzlich öffnet sich ­ihnen eine zweite Chance: ein neues Leben, in dem sie vielleicht ihre zusammengestohlenen Reichtümer in legale Geschäfte investieren, auf einem Handelsschiff anheuern oder in einem künftigen Krieg sogar wieder offizielle Freibeuter der Krone werden können. Viele von ihnen verlassen New Providence, um sich in einer der benachbarten Kolonien begnadigen zu lassen.

Auf der anderen Seite sind die Gesetzlosen, die eine bürgerliche Existenz weder anstreben noch je erreichen können: langjährige Verbrecher, geflohene Sklaven und Deserteure. Im letzten Moment verlassen sie die Siedlung, um einen neuen Zufluchtsort zu finden und von dort aus auf dem Meer weiter ihrem Handwerk nachzugehen. Und so halten sich nur noch rund 600 der zu Hochzeiten 2000 Seeräuber der Flying Gang in Nassau auf, als Woodes Rogers’ mächtige Flotte im Juli 1718 in die Bucht einfährt. Zu seiner Überraschung wird der Ankömmling von Benjamin Hornigold ehrerbietig begrüßt. Die Piraten haben sogar ein Spalier vom Strand zu der kleinen Festung über der Siedlung gebildet und schießen mit Musketen Salut. „Ich landete und nahm das Fort in Besitz“, schreibt Rogers nach England. Bereits am nächsten Tag begnadigt er einige Hundert der verbliebenen Seeräuber, die sich ihm als neuem Gouverneur offiziell unterwerfen. In seinem Auftrag bessern sie in den folgenden Wochen das baufällige Kastell aus. Doch nur drei Monate nach seiner Ankunft notiert Rogers, dass bereits 100 Männer geflohen seien, um erneut Pirat zu werden.

Auf dem Podest wartet der Galgen für neun Freibeuter

Einen Verbündeten findet der Gouverneur ausgerechnet im Gründer der Republik: Der Piratenfürst Hornigold lässt sich nun als Piratenjäger verpflichten. Ihn reizt wahrscheinlich die Aussicht auf hohe Kopfgelder; außerdem bietet sich ihm die Chance, wie Rogers schreibt, „seinen berüchtigten Namen reinzuwaschen“. Einige widerständige Seeräuber aus Nassau haben sich inzwischen auf eine Bahamas-Insel nördlich von New Provi­dence zurückgezogen. Hornigold und seine Crew greifen ein Piratenschiff an, töten drei ihrer einstigen Kameraden und bringen ein knappes Dutzend Gefangene nach New Providence. „Kapitän Hornigold hat sich als ehrlich erwiesen“, schreibt Rogers. Doch der Gouverneur spürt seine Autorität bröckeln, fürchtet, dass die Bewohner Nassaus mit ihren ehemaligen Kum­panen nun doch sympathisieren, die Festgenommenen befreien und sich zur Rebellion ­erheben.

1718 trifft der vom britischen König entsandte Woodes Rogers mit Truppen in der Karibik ein. Viele Seeräuber unterwerfen sich, andere fliehen. Um ein Exempel zu statuieren, bringt er im Dezember einige Männer an den Galgen –  unter dem Banner der Piraten
1718 trifft der vom britischen König entsandte Woodes Rogers mit Truppen in der Karibik ein. Viele Seeräuber unterwerfen sich, andere fliehen. Um ein Exempel zu statuieren, bringt er im Dezember einige Männer an den Galgen –  unter dem Banner der Piraten
© Tim Möller-Kaya

Rogers muss ein Zeichen setzen. Am Morgen des 12. Dezember werden neun der Gefangenen auf den nordöstlichen Wall des Forts geführt. Am Fuß der Festung haben sich 300 Schaulustige versammelt, die meisten ehemalige Piraten. Sie starren schweigend auf ihre Kameraden und die Mündungen der Kanonen, die direkt auf sie gerichtet sind. Nach Psalmen und Gebet ruft einer der Verurteilten, er könne sich an Tage erinnern, da hätten die „tapferen Männer dieser Insel“ es nicht zugelassen, dass „er wie ein Hund sterben müsse“. Dann klettern er und die anderen über eine Leiter die Mauer hinab an den Strand, wo sich ein Podest mit mehreren Galgen erhebt, bewacht von rund 100 Soldaten und anderen Bewaffneten im Dienste Rogers’. Über dem Holzgerüst weht die Totenkopfflagge. Während die neun Männer mit der Schlinge um den Hals auf den Tod warten, beschimpfen zwei von ihnen die Zuschauer als Feiglinge und fordern sie auf, das Podest zu stürmen. Die Menge murrt und drängt nach vorn, aber begehrt nicht auf gegen die Bewaffneten.

Die Navy beauftragt private Kopfgeldjäger mit der Jagd

Als die Leichen der Verurteilten im Winde schwingen, weiß Rogers, dass er die Oberhand gewonnen hat. Tatsächlich: Wie sich später herausstellt, lassen Verschwörer bald nach den Hinrichtungen ihren Plan für einen Mordanschlag auf den Gouverneur fallen, weil es ihnen in Nassau an willigen Unterstützern fehlt. Die Toten am Galgen senden ein allzu deutliches Signal – auch an alle übrigen Seeräuber in den karibischen Gewässern: Das Ende der Piratenrepublik ist gekommen. Die Gehängten von Nassau sind der Auftakt einer entschlossenen Kampagne der britischen Krone, die Region endgültig von Seeräubern zu befreien. Wer das königliche Pardon ausschlägt, soll gnadenlos gejagt werden. Die Navy verstärkt ihre Patrouillen, zudem werden private Kopfjäger mit der Aussicht auf Belohnung ausgesandt. Auch den Hehlern, die mit Piratenbeute handeln, droht nun die Todesstrafe. Von den 55 Piratenkapitänen dieser Zeit, deren Schicksal bekannt ist, enden 26 am Galgen. Sechs sterben im Gefecht, vier ertrinken.

Der „Robin Hood der Meere“ Sam Bellamy: geht mit seinem Schiff in einem Sturm unter, Überlebende seiner Mannschaft werden in Boston hingerichtet. Stede Bonnet, der „Gentleman-­Pirat“: mit 22 seiner Leute gehängt in South Carolina. Der gefürchtete Blackbeard: stirbt im Gefecht, 13 Männer seiner Crew ­enden in Virginia am Strang. Der eitle „Calico Jack“: zusammen mit 18 seiner Männer gehängt auf Jamaika. Das Ende der Karibik-Piraten. Während in den Jahren 1716 bis 1718 um die 2000 Piraten die Region heimsuchen, sind es nach 1725 kaum noch 200. Die große Zeit der Seeräuber in der Karibik ist Geschichte.

Benjamin Hornigold heuert wieder als britischer Kaperfahrer an, als ein neuer Krieg gegen Spanien ausbricht. Er stirbt entweder in einem Kampf oder als namenloser Gefangener in den Kerkern Kubas. Woodes Rogers schließlich fällt, trotz seiner entscheidenden Rolle beim Sieg über die Seeräuber, aus unbekannten Gründen in Ungnade. Er wird vom König abgesetzt und landet nach seiner Rückkehr nach London im Schuld­gefängnis. Doch 1724 erscheint ein Buch über die Geschichte der Piraterie, das Rogers’ Leistung würdigt und sich hervorragend verkauft. Er wird rehabilitiert und erneut als Gouverneur in die ehemalige Seeräuberrepublik gesandt, wo er 1732 stirbt.

Sein Grab ist verschollen, seine Lebensgeschichte fast vergessen. Eine ­Straße im Hafenviertel von Nassau, ­heute die Hauptstadt der Bahamas, immerhin trägt Rogers’ Namen. Und an sein Verdienst erinnert noch bis ins 20. Jahrhundert das offizielle Motto der Inselgruppe: Expulsis piratis, restituta commercia – Piraten vertrieben, Handel wiederhergestellt.

Erschienen in GEO Epoche 04/2020

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