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Karthago Sophonisbe: Das tragische Schicksal der schönen Königin

Sie ist die Tochter eines karthagischen Staatsmanns und Feldherrn. Als Frau von Rang wird Sophonisbe früh prestigeträchtig verheiratet – und nutzt fortan geschickt ihre Stellung, um eigene Ziele zu verfolgen
Sie ist die Tochter eines karthagischen Staatsmanns und Feldherrn. Als Frau von Rang wird Sophonisbe früh prestigeträchtig verheiratet – und nutzt fortan geschickt ihre Stellung, um eigene Ziele zu verfolgen
© Timo Zett
Durch Klugheit und Charme behauptet sich die Karthagerin Sophonisbe im Spiel der Mächtigen. Doch dann gerät sie in eine Lage, die ihr nur noch einen Ausweg lässt
Tanja Beuthien

Sie ist schön, charmant, unwiderstehlich. Und angesichts ihrer verzweifelten Lage im Ringen um die Macht im nordafrikanischen Numidien 203 v. Chr. zu allem entschlossen: Sophonisbe, gebürtige Karthagerin und Königin Westnumidiens, wirft sich dem siegreichen Massinissa zu Füßen, als er ihre Residenz in voller Rüstung betritt. Der Fürst aus dem Osten Numidiens hat gemeinsam mit Rom soeben ihr Land unterworfen, ihren Gatten gefangen genommen – und die Königin in ihrem eigenen Palast festgesetzt.

Sophonisbe umklammert Massinissas Beine, bittet ihn, sie zu schützen und nicht der Grausamkeit seiner Verbündeten preiszugeben, jener Römer, die auf Vergeltung sinnen. Sie appelliert an seine Ehre als Feldherr, an seine Solidarität als Afrikaner, der in derselben Region des gewaltigen Kontinents geboren ist wie sie. Und Massinissa verfällt Sophonisbe sofort. Während sich ihr Gatte in römischer Gefangenschaft befindet, ringt sie dem Eroberer ein Hochzeitsversprechen ab.

Heiratspolitik in eigener Sache

Es ist kluge Heiratspolitik in eigener Sache. Ein Vorgehen, das dem ihres Vaters ähnelt. Denn der, ein karthagischer Feldherr und Staatsmann, hatte Sophonisbe schon einmal Massinissa zur Frau versprochen – wohl um die diplomatischen Bande zwischen Karthago und dem afrikanischen Nachbarreich Ostnumidien zu festigen. Damals allerdings gab der Vater die Hand der Tochter doch noch einem anderen: dem Rivalen Massinissas aus Westnumidien, von dem Waffenhilfe in dem seit 218 v. Chr. wütenden Krieg gegen Rom (siehe Seite 112) zu erhoffen war.

Dass Sophonisbe schon damals ein wertvolles Pfand im Ränkespiel der Politik war, zeugt vom Status der Frauen. Denn die Phönizierinnen, wohl nicht nur die der Oberschicht, besitzen eine wichtige Stellung in Familie und Gesellschaft, sie vermitteln als Priesterinnen zwischen den Menschen und den Göttern, führen Handelsgeschäfte: In Schmuck gehüllt und nach ägyptischer und griechischer Mode gekleidet, gelten sie als überaus stolz und patriotisch.

So auch Sophonisbe, die bei ihrer ersten Heirat wohl kaum älter als 17 Jahre ist und von griechischen und römischen Chronisten als intelligent und gebildet beschrieben wird. Ihrer Überredungskunst ist es wohl auch zu verdanken, dass ihr erster Gatte tatsächlich mitten im Krieg von den Römern zu den Karthagern überläuft. Ein Schritt, den er nach seiner Niederlage gegen Massinissa und Rom bereut. Er gibt Sophonisbe allein die Schuld an seinem Schicksal: Seine Frau sei eine „Furie und eine Geißel“, die ihn gegen seine ehemaligen Freunde aufgehetzt und ihn noch eigenhändig bewaffnet habe, klagt er kurz vor seinem Tod. Er sei nicht mehr er selbst gewesen – denn mit ihren Schmeicheleien habe Sophonisbe ihn um den Verstand gebracht.

Verführungskünste der Königin wurden gefürchtet

Genau diese Verführungskünste der Königin fürchten die Römer nun: Sie wollen nicht auch noch Massinissa als Verbündeten verlieren. Und so stellen sie den verliebten Fürsten zur Rede und fordern ihn auf, sich nicht von seiner Leidenschaft überwältigen zu lassen. Außerdem machen sie ihm deutlich, dass Sophonisbe zur „Kriegsbeute“ gehöre und nach Rom ausgeliefert werden müsse. Dort würden dann Senat und Volk darüber entscheiden, was mit ihr geschehe: einer Verräterin, die einen Verbündeten entfremdet und kopfüber in den Krieg gestürzt habe.

Die Drohung wirkt. Massinissa, der zwar auch schon an der Seite der Karthager gekämpft hat, sich von der Allianz mit den Römern aber einen beträchtlichen Machtzuwachs in Nordafrika erhofft, erweist sich als treuer Verbündeter. Nach einigen „Seufzern“, so schildert es ein römischer Chronist, schickt er einen Sklaven zu Sophonisbe. Mit einer Botschaft. Und mit einem Becher voll Gift.

Da er sein Ehegelübde nicht einlösen könne, wolle er wenigstens sein Wort halten und sie nicht ausliefern. Und Sophonisbe versteht: Der drohenden Bestrafung durch die Römer kann sie nur durch Suizid entgehen.

In den literarischen Überlieferungen der Nachwelt gerät Sophonisbes Tod zur heroischen Tat und zum patriotischen Akt des Widerstandes gegen die römische Fremdherrschaft. Der Renaissance-Schriftsteller Petrarca stilisiert Sophonisbe und Massinissa gar zum großen tragischen Liebespaar der Geschichte.

„Ich wäre leichter gestorben, wenn ich nicht bei meiner Beerdigung geheiratet hätte“, lässt Sophonisbe Massinissa noch ausrichten. Dann nimmt sie, ohne zu zögern, den Giftbecher. Und trinkt ihn aus.

Dieser Text erschien zuerst in GEO Epoche Nr. 113. Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.

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