Adipositas weltweit Neue Studie zeigt: Reichtum macht fettleibig. Doch Armut auch

Junge übergewichtige Frau, die auf einem Laufband in einem Fitnessstudio trainiert
Fettleibigkeit steigert das Risiko vieler Krankheiten
© Skynesher / Getty Images
In vielen wohlhabenden Ländern stagniert der Anteil fettleibiger Menschen, zeigt eine aktuelle Untersuchung. Doch in den meisten Regionen steigt er weiterhin. Was dahinter steckt

Jahrzehntelang war die Rede von einer weltweiten Adipositas-Epidemie: Nun zeigt eine Studie über 45 Jahre, dass sich der vermeintliche Trend zu Fettleibigkeit in vielen Weltregionen abgeschwächt und mancherorts sogar umgekehrt hat. "Diese Analyse zeigt, dass der Trend zu Adipositas nicht unvermeidlich ist, und dass politische Entscheidungsträger eingreifen können, um die Zunahme von Fettleibigkeit zu stoppen und sogar umzukehren", betont Studienleiter Majid Ezzati vom Imperial College London.

An der weltweiten Studie, die die Entwicklung von 1980 bis 2025 untersucht, wirkten mehr als 1.900 Forschende mit. Sie werteten unter anderem Messungen von Größe und Gewicht von mehr als 232.000 Millionen Menschen ab 5 Jahren aus. Und im Gegensatz zu früheren Erhebungen verfolgte das Team die Entwicklung von Fettleibigkeit in etwa 200 Ländern und Territorien, von Jahr zu Jahr. 

Die in der Zeitschrift "Nature" veröffentlichten Resultate zeigen ein zweigeteiltes Bild: In den meisten wohlhabenden Ländern flaute die Häufigkeit von starkem Übergewicht - definiert bei Erwachsenen als Körper-Masse-Index (BMI) ab 30 - schon im frühen 21. Jahrhundert ab, zunächst bei Kindern, ein Jahrzehnt später dann auch bei Erwachsenen. In Ländern wie Frankreich, Italien, Portugal und möglicherweise auch Spanien sinkt die Rate demnach vermutlich bereits. In den meisten Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen steigt sie dagegen noch immer teilweise stark an, vor allem in Afrika, Süd- und Ostasien, Lateinamerika, der Karibik und Ozeanien. 

In Dänemark wurde der Trend zuerst gestoppt

Dies veranschauliche die zunehmende globale Ungleichheit in Bezug auf Ernährung und Gesundheit, unterstreicht das Forschungsteam, dem auch Mitarbeiter von rund 20 deutschen Einrichtungen angehören, darunter das Robert Koch-Institut (RKI).

Dänemark war der Studie zufolge das erste Land, in dem um 1990 bei Heranwachsenden - im Alter von 5 bis 19 Jahren - der Trend zu Fettleibigkeit gebremst wurde. In den 1990er Jahren folgten weitere europäische Länder wie Island, Belgien, die Schweiz und Deutschland. In Deutschland hat die Entwicklung ein Plateau erreicht: Hier haben demnach etwa 7 Prozent der Mädchen und 12 Prozent der Jungen starkes Übergewicht. Bei Erwachsenen - also ab dem Alter von 20 Jahren - sind 20 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer betroffen.

Auch in den USA hat sich der Trend der Studie zufolge deutlich abgeschwächt, allerdings auf sehr hohem Niveau: Hier haben 20 bis 23 Prozent der Heranwachsenden und 40 bis 43 Prozent der Erwachsenen starkes Übergewicht.

Hoffnung durch neue Abnehmpräparate

Eine Abschwächung des Trends zu mehr Adipositas verzeichnet die Analyse auch für Tschechien, Kroatien und Slowenien. Einige Ausnahmen unter den Ländern mit hohem Wohlstand gibt es dennoch: Heranwachsende Jungen und Mädchen in Australien, Finnland und Schweden seien unberührt von der positiven Entwicklung, schreibt das Team.

Die Einführung der neuen Abnehmpräparate - der sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten - im vergangenen Jahrzehnt erkläre die in der Studie gefundenen Resultate nicht, heißt es weiter. Allerdings könnten sie die zukünftige Entwicklung durchaus prägen, betont Studienleiter Ezzati. "Es ist wahrscheinlich noch zu früh um zu sagen, ob GLP-1-Arzneien ganze Bevölkerungen direkt beeinflusst haben, auch wenn sie für Patienten durchaus nützlich sind. Der Fokus sollte sich darauf richten, sie für all jene in der Welt erschwinglich zu machen, die sie brauchen."

Fettleibigkeit steigert das Risiko sehr vieler Krankheiten, wie das Forschungsteam betont: Dazu zählen unter anderem Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Atemwege, Diabetes, Nieren- und Leberleiden, Probleme des Bewegungsapparates und auch manche Krebserkrankungen.

Sehr unterschiedlicher Verlauf je nach Land

In einem "Nature"-Kommentar betont Boyd Swinburn von der University of Auckland in Neuseeland, dass die Adipositas-Rate in den weitaus meisten Ländern über die untersuchten 45 Jahre hin trotz aller Anstrengungen gestiegen sei. 

Das Hauptresultat der Studie sei, dass die Entwicklung in verschiedenen Ländern unterschiedlich verlaufe. "Die Epidemie tauchte zuerst in wohlhabenden Ländern in Westeuropa, Nordamerika und Australien-Asien auf, und die Kurven flachen in vielen dieser Länder ab." Möglicherweise habe die letzte, nach unten verlaufende Phase des Epidemieverlaufs in manchen wohlhabenden Ländern wie Frankreich, Portugal und Italien bereits begonnen. Nun gelte es zu klären, welche Faktoren hinter diesen gegenläufigen Entwicklungen stehen.

Walter Willems