Interview Ungesunder Perfektionismus: Auswege aus der Überforderungsfalle

Allen Anforderungen im Leben gerecht werden zu wollen ist höchst ungesund. Die Psychologin Christine Altstötter-Gleich erläutert, wie es gelingen kann, manche Ansprüche an sich radikal zu senken – und wie entlastend das ist
Mutter Workout

Nur Leistung zählt – dieses Lebensmotto geben Perfektionisten oftmals an ihre Kinder weiter

GEO WISSEN: Frau Dr. Altstötter- Gleich, viele Menschen stellen extreme Ansprüche an sich selbst, im Privatleben aber auch im Beruf. Warum sollte man das infrage stellen? Niemand möchte doch von einem Chirurgen operiert werden, der einen Bypass schlampig annäht. Niemand möchte Ingenieuren die Konstruktion eines Flugzeugs überlassen, die nicht penibel auf alle Schwachstellen achten.

DR. CHRISTINE ALTSTÖTTER-GLEICH: Absolut richtig. Als ich bei einem Vortrag vor Zahnärztinnen von denen zu hören bekam, dass sie sich alle für perfektionistisch halten, war ich selbstverständlich sehr froh. Wenn es in der Menschheitsentwicklung nicht immer wieder Perfektionisten gegeben hätte, würden wir unsere Wäsche vermut- lich noch heute mit der Hand waschen. Viele Höchstleistungen sind darauf zurückzuführen, dass Menschen mit dem Status quo nicht zufrieden waren. Das gilt für Künstler, für Sportler, das gilt für Unternehmensgründer wie Steve Jobs, der eine Inkarnation des Perfek­tionisten war.

Was ist dann das Problem mit dem Perfektionismus?

Es gibt ungesunde Ausprägungen: Dazu zählen Verhaltensweisen wie exzessives Kontrollieren, also alles doppelt und dreifach zu überprüfen. Dazu gehört die Unfähigkeit zu delegieren. Ebenso übermäßiges Planen, etwa das ständige Anfertigen aller Arten von Listen. Häufig auch das Hinauszögern von Entscheidungen, denn man könnte ja falschliegen.

Eine ganz zentrale Frage ist: Wie gut kann ich Nein sagen, mich bestimmten Anforderungen auch mal verweigern. Wenn ich das nicht kann, mich unersetzlich fühle, dann habe ich meist ein Problem.

Aber oft haben Menschen, auf die all dies zutrifft, doch anscheinend gar keinen persönlichen Leidensdruck.

Das ist tatsächlich ein spezielles Problem von Perfektionisten. Sie gestehen sich keine Schwächen zu, denn das wäre ja höchst unperfekt. Oft bemerkt das Umfeld, dass sich jemand stark überlastet, noch ehe es den Betreffenden selber bewusst wird. Nicht ohne Grund nimmt man an, dass ein ungesunder Perfektionismus eine nicht zu unterschätzende Ursache für Suizide ist – weil die Symptomatik über viele Jahre unbehandelt bleibt. Auch in den Kliniken bekommen wir oft erst die starken Ausprägungen eines dysfunk­tionalen Perfektionismus zu sehen, wie Depressionen und Burnout.

Was entsteht bei den folgenden Sätzen für ein Bild vor Ihrem inneren Auge: „Ich bin 30 Jahre jung. Ich habe drei Töchter, ein Haus, einen Ehemann, einen Job, Träume, die ich mir noch erfüllen möchte. Weihnachten steht vor der Tür – und ich bin kurz davor zu sterben. Die Ursache dafür bin ich selbst!“?

Ich sehe eine extrem leistungsorien­tierte, vermutlich gut aussehende Frau vor mir, die sicher auch noch Sport treibt, beruflich erfolgreich ist und auf allen Gebieten perfekt sein will – inklusive der Familie, insbesondere wenn sie Kinder hat. Perfekt bis zum Zusammenbruch.

Das ist ziemlich genau getroffen. Geschrieben hat das eine erfolgreiche TV-Produzentin. Was ist daran aus Ihrer Sicht typisch?​

Dass sich der Drang nach Perfektionismus so gut wie immer durch alle Lebensbereiche zieht: Beruf, Partnerschaft, Kinder, Hobbys, der eigene Körper. Typisch ist das Weiterfunktionieren, bis es einfach nicht mehr geht. Es gibt kaum Menschen, die entweder beruflich oder privat alles bestmöglich machen wollen und das jeweils andere einfach laufen lassen.

Also auch in der Freizeit?

In der Regel sind da die Ansprüche genauso hoch wie im Berufsleben. Mal abschalten, nichts tun, Musik oder Essen zu genießen, fällt ungemein schwer. Müßiggang kommt den Betroffenen wie verlorene Zeit vor, in der man ja noch etwas hätte erledigen können. Von Gelassenheit keine Spur.

Wie weit verbreitet ist Perfektionismus überhaupt?​

Wir haben für eine Studie Hun­derte Deutsche Fragebögen bearbeiten lassen. Zwei Drittel haben – in unterschiedlicher Ausprägung – perfektionistische Tendenzen, übrigens Frauen und Männer gleichermaßen. Nur etwa ein Drittel gab an, dass ihnen ihre Leistungen eher nicht so wichtig sind.

Von den Personen, die zum Perfektionismus neigen, können etwa die Halfte als „funktionale Perfektionisten“ bezeichnet werden: Das ist die gesunde Variante dieses Persönlichkeitsmerkmals. Es sind Menschen, die zwar richtig gut sein wollen, die aber keine Angst davor haben, auch Fehler zu machen, vielleicht auch mal zu versagen. Die dann nicht gleich ihre gesamte Persönlichkeit infrage stellen. Die den Erfolg ihres Handelns auch genießen können und nicht sofort an die nächste Hürde denken. Und die vor allem auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten, darauf, dass sie Erholung brauchen. Dann lässt es sich bestens mit Perfek­tionismus leben.

Und was zeichnet einen ungesunden Perfektionismus aus?

„Dysfunktionale Perfektionisten“ setzen sich hohe Standards, haben aber zugleich Angst, Fehler zu machen. Sie zweifeln oft an ihrer Leistungsfähigkeit und fürchten, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden. Wenn etwas nicht klappt, geben sie sich selbst die Schuld, nicht gut genug gewesen zu sein. Von außen betrachtet erscheinen einem solche Versagensängste völlig übertrieben. Aber für die Betreffenden gibt es nur Gut oder Schlecht, keine Zwischentöne, keinen Trost wie: „Ich habe zwar nicht alles hinbekommen, aber doch einiges.“ Hinzu kommt: Dys- funktionale Perfektionisten haben oft das Gefühl, dass andere Menschen sie nicht mehr mögen oder respektieren, wenn ihnen etwas nicht gelingt. Denn sie gehen davon aus, dass sie als Person nur nach ihren Leistungen beurteilt werden. Das erhöht dann wiederum die Angst vor Fehlern.

Christine Altstötter-Gleich

Dr. Christine Altstötter-Gleich lehrt an der Universität Koblenz-Landau und forscht seit vielen Jahren zum Thema Perfektionismus. Sie ist Mitautorin des Buchs »Perfektionismus. Mit hohen Ansprüchen selbstbestimmt leben«.

Was kann man selber tun, um ungesunden Perfektionismus zu vermeiden?

Entscheidend ist: Man braucht regelmäßige Erholungszeiten. Dabei kön- nen Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation hilfreich sein. Oder Gartenarbeit oder schlicht, in Ruhe ein Hörbuch zu hören. Es kann auch sportliche Betätigung sein, die stressab­bauend wirkt. Man muss sich bewusst Inseln der Ruhe schaffen.

Perfektionisten werden sagen: Sie haben gut reden, natürlich wäre es schön, wenn ich mich mal rausziehen könnte, aber dann bleibt ja alles liegen.

Das ist genau die Falle, die auf solche Menschen lauert. Sie denken: „Das kann nur ich leisten.“ Sie räumen dann doch ständig den Kindern hinterher, kochen doch noch schnell ein Drei-Gänge-Menü, bügeln doch die Wäsche selbst, weil scheinbar niemand anderes das so gut hinbekommt.

Aber mit gutem Zureden, etwa dem Rat, auch einmal mit unaufgeräumten Zimmern zu leben, mit einer Tiefkühlpizza oder ungebügelten Hosen, kommt man ja meist nicht weiter.

Einem Perfektionisten zu sagen, er solle jetzt mal nicht so anspruchsvoll sein, ist ungefähr so sinnvoll, wie einem Alkoholiker zu sagen, er solle nichts mehr trinken. Perfektionismus ist ein Schema, das auf die gesamte Lebensumwelt angelegt wird, das ganz zentral zu der Person gehört, zu ihrem Selbstverständnis. Daher hilft am Ende mitunter nur noch eine Therapie.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Das komplette Gespräch mit Dr. Christine Altstötter-Gleich finden Sie in "GEO WISSEN - Gelassenheit" - hier im GEO Shop bestellen.