Gefährliches Halbwissen Die größten Irrtümer bei der Ersten Hilfe

Fast jeder zweite Deutsche traut sich nicht zu, bei einem Unfall Erste Hilfe zu leisten – aus Angst, etwas falsch zu machen. Das zeigen die Ergebnisse einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Toluna. Wir räumen mit den größten Irrtümern auf und erklären, was in Notfallsituationen zu tun ist
Erste Hilfe

In einer Notfallsituation kann jede Minute lebensentscheidend sein

Irrtum 1: Wer falsch Erste Hilfe leistet, macht sich strafbar!

Wer nach bestem Wissen und Gewissen einem Verletzten hilft, der muss auch im Falle eines Fehlers keine rechtlichen Konsequenzen fürchten. Im Gegenteil: Wer wegschaut und nichts tut, macht sich der unterlassenen Hilfsleistung schuldig, was mit einer Freiheits- oder Geldstrafe geahndet werden kann.

Tipp: Wer sich unsicher fühlt und das persönliche Erste-Hilfe-Wissen auffrischen möchte, kann bei vielen Organisationen, beispielsweise dem Deutschen Roten Kreuz, den Johannitern oder Maltesern, einen Auffrischungskurs besuchen!

Irrtum 2: Einen Verletzten immer in die stabile Seitenlage bringen!

Beim Gedanken an die Erste Hilfe hat man zwar schnell das Bild der stabilen Seitenlage im Kopf, doch nicht immer ist diese Maßnahme auch die richtige. Nur bewusstlose Personen mit einer normalen Atmung sollten in die stabile Seitenlage gebracht werden. Verletze mit Atemproblemen oder gar ohne Atmung sollte man zur weiteren Versorgung bzw. Wiederbelebung auf den Rücken legen.

Irrtum 3: Stark blutende Wunden stets sofort abbinden!

Blutet eine Wunde sehr stark, ist das Abbinden des betroffenen Körperteils nicht immer die beste Wahl. Besonders, wenn Amateure versuchen, die Blutung durch direktes Abbinden zu stillen, kann es gefährlich werden. Durch das Unterbrechen des Blutkreislaufs läuft das betroffene Körperteil Gefahr, abzusterben. Auch beim Abbinden selbst können gefährliche Verletzungen an Nerven und Gewebe entstehen.

Nach jetzigem Forschungsstand wird daher das Anlegen eines Druckverbands empfohlen, wodurch die sichtbare Blutung durch genügend Druck auf die Wunde gestillt wird. Dazu wird eine Wundauflage auf die Wunde gelegt, darauf eine nicht ausgerollte Mullbinde oder ein ähnlich fester Gegenstand gedrückt und anschließend mit einem Druckverband fixiert.

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Irrtum 4: Bei einem Schock muss sofort die Schocklagerung angewandt werden!

Hat der Betroffene einen Schock erlitten, sollte er in die Schocklagerung (flach liegend, Beine erhöht) gebracht werden. Das klingt erstmal logisch. Es gibt jedoch wichtige Ausnahmen, die unbedingt in einer Notfallsituation bedacht werden müssen: Leidet der Betroffene unter einem kardiogenen Schock, zum Beispiel im Zuge eines Herzinfarktes, sollten die Beine keinesfalls hochgelagert werden. Dies würde zu einer zusätzlichen Belastung des Herzens führen. Auch bei Verletzungen im Kopf-, Brust- und Wirbelsäulenbereich sowie beim Auftreten von Atemnot darf die Schocklagerung nicht angewandt werden.

Irrtum 5: Bei Verbrennungen hilft Eis am besten!

In der Eile das Bügeleisen an der Unterfläche berührt oder an den Rost des Backofens gegriffen – im Alltag passieren kleinere Verbrennungen schnell. "Schnell her mit dem Eis!", denken viele und eilen zum Kühlschrank. Doch das ist ein verbreiteter Irrglaube. Nicht Eis, sondern lauwarmes Wasser ist die beste Wahl. Bei der Kühlung kleinflächiger Verbrennungen hilft fließendes Leitungswasser, das über die Verbrennung gegossen wird, bis die Schmerzen nachlassen. Nach dem Kühlen sollte die Brandwunde mit einer sterilen Auflage abgedeckt und dem Arzt vorgestellt werden.

Zu kaltes Wasser, Kühlpacks oder Eis hingegen verstärken die Durchblutung der Haut, der Schmerz kann sich dadurch schnell verschlimmern. Bei längerer Kühlung mit Eis droht der Haut außerdem ein Kälteschaden.

Ausführliche Tipps zum Umgang mit Verbrennungen haben wir in diesem Artikel für Sie zusammengetragen.

Irrtum 6: Für den Autoführerschein ist ein vollumfänglicher Erste-Hilfe-Kurs nötig!

Die weitverbreitete Meinung, man habe im Zuge des Autoführerscheins auch einen vollständigen Erste-Hilfe-Kurs absolviert und wäre vollumfänglich ausgebildet, ist falsch. Tatsächlich brauchen angehende Autofahrer lediglich den Nachweis über einen Erste-Hilfe-Grundkurs, der vor allem die lebensrettenden Sofortmaßnahmen am Unfallort behandelt. Dieser konzentriert sich auf allererste Hilfsmaßnahmen, die typischerweise für Unfälle im Straßenverkehr erforderlich sind. Ein vollumfänglicher Erste-Hilfe-Kurs umfasst jedoch weitaus mehr, zum Beispiel schult er unter anderem auch den richtigen Umgang bei Vergiftungen und Verätzungen.

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Irrtum 7: Bei Vergiftungen den Betroffenen unbedingt erbrechen lassen!

Das stimmt so nicht ganz. Keinesfalls sollte man bei Vergiftungserscheinungen unüberlegt das Erbrechen provozieren - besonders nicht, wenn der Betroffene bewusstlos ist oder schlecht Luft bekommt (Erstickungsgefahr!). Auch wenn ätzende Chemikalien wie beispielsweise Haushaltsreiniger geschluckt wurden - ein Fall, von dem besonders häufig Kleinkinder betroffen sind - sollte keinesfalls erbrochen werden. Das erneute Passieren der Substanzen könnte zur Schädigung der Atemwege und der Speiseröhre führen.

Stattdessen hilft es, viel Wasser, Saft oder Tee zum Trinken gegeben werden und die Vergiftungszentrale zu kontaktieren. Wenn möglich, kann durch die Gabe von Aktivkohle das Binden der Giftsubstanz im Körper gefördert werden.

Irrtum 8: Nach einem Unfall darf man Motorradfahrern nicht den Helm abnehmen!

Auch diese Aussage stimmt so nicht. Ist der verunglückte Fahrer ohne Bewusstsein und nicht ansprechbar, muss der Motorradhelm abgenommen werden. Andernfalls ist die Gefahr für den verunglückten Fahrer zu groß, an der eigenen Zunge oder dem Erbrochenem zu ersticken.

Stattdessen sollte der Helm vorsichtig abgenommen werden, wobei auf eine gerade Kopfhaltung des Unfallopfers zu achten ist. Wenn möglich, bittet man dazu eine zweite Person um Hilfe, die die Halswirbelsäule ausreichend stabilisieren kann.

Testen Sie Ihr Erste-Hilfe-Wissen!

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