Kommentar zur neuen Barbie Autismus lässt sich nicht auf wenige Äußerlichkeiten reduzieren!

Kopfhörer, Tablet, Handkreisel "Fidget Spinner": Autismus zeigt sich bei Mattel vor allem durch Gadgets    
Kopfhörer, Tablet, Handkreisel "Fidget Spinner": Autismus zeigt sich bei Mattel vor allem durch Gadgets 
 
© Mattel / Bestimage / imago images
Mattel bringt eine "Autismus-Barbie" auf den Markt. Brauchen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung mehr Repräsentation? Ja! Doch das kann diese Puppe kaum schultern  

Nicht größer als 30 Zentimeter ist die Frau, über die die Welt in dieser Woche spricht. Nicht aufgrund ihrer Größe oder ihrer extremen Körpermaße – mit 99-46-84 wäre sie in Wirklichkeit gar nicht überlebensfähig. Was sie von ihren Verwandten unterscheidet, ist etwas anderes: Diese Puppe bringt die Diagnose Autismus nach Barbieland. 

Der US-Spielzeugkonzern Mattel entzündet mit seinem Marketing-Coup einer Autismus-Barbie mal wieder eine Debatte. 

Denn seit Jahrzehnten bietet Barbies Körper genügend Quadratzentimeter Angriffsfläche für Kritik. Auf die hat der Konzern nach und nach reagiert. So ist Barbie heute nicht mehr nur eine normschöne weiße junge Frau. Zwar blieb sie immer jung, doch seit 1968 gibt es die Puppe auch als Person of Color. Rund 50 weitere Jahre dauerte es, bis Barbie auch Kurven haben durfte, abgesehen von ihren überdimensionierten Brüsten. Und seit 2019 repräsentieren Barbies endlich auch Menschen mit Prothesen und die mehr als eine Million, die allein in Deutschland auf Rollstühle angewiesen sind.  

Ähnlich viele Menschen sind schätzungsweise von Autismus betroffen. Doch das ist weitaus weniger sichtbar – und daher weniger bekannt. Selbst unter Lehrkräften, die qua Beruf dafür sensibilisiert sein sollten, offenbarte eine Untersuchung lediglich ein "mäßiges Wissensniveau".

Meine erste Reaktion auf die Ankündigung der Autismus-Barbie war eine unbestimmte Hochstimmung: Großartig, endlich mehr Repräsentation! Die zweite: Moment, wie wird sie denn eigentlich aussehen? 

Entwickelt in enger Zusammenarbeit mit dem Autistic Self Advocacy Network (ASAN) soll die neue Barbie typisch autistische Merkmale zeigen. Dazu gehören offenbar repetitive Handbewegungen: Barbie erhielt dafür bewegliche Gelenke an Händen und Ellenbogen. Der leicht seitliche Blick soll ihre Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen darstellen – sei es mit "Ken" oder mit anderen Barbies –, schließlich meiden viele Autist*innen direkten Augenkontakt. Auffällig sind vor allem die pinken Accessoires: Noise-Cancelling-Kopfhörer bewahren die besonders sensible Barbie vor Reizüberflutung, dafür sorgt auch der weiche Stoff und lockere Schnitt ihres Kleides. Der drehbare Fidget-Spinner in ihrer Hand hilft, Reize zu kanalisieren oder Stress abzubauen. Das Tablet ist ein Kommunikationshelfer. Mithilfe seiner Bilder und Symbole kann die Autismus-Barbie leichter Botschaften ausdrücken.

Das Tablet, mit dem Barbie über Symbole Botschaften ausdrückt, soll zeigen, wie manche autistischen Menschen kommunizieren.
Das Tablet, mit dem Barbie über Symbole Botschaften ausdrückt, soll zeigen, wie manche autistischen Menschen kommunizieren.
© Mattel / Bestimage / imago images

"Mama, haben alle Menschen mit Autismus iPads?" Im besten Fall würde Mama diese Frage verneinen und erklären, dass es nicht "den Autismus" gibt, sondern Autismus eine Sammelbezeichnung ist für unterschiedliche Entwicklungsstörungen. Dass man deswegen heutzutage von einem Spektrum spricht. Dass Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) durch Probleme bei sozialer Interaktion und Kommunikation, durch ungewöhnliche Interessen und stereotype Verhaltensweisen gekennzeichnet sind, deren Ausprägungen ähnlich variabel sind wie Barbies Handgelenke. 

Vielleicht erklärt die Mutter, dass das Spektrum weit reicht, von Menschen mit schweren intellektuellen Beeinträchtigungen, die nicht allein zur Toilette gehen oder jemals das Sprechen erlernen können, bis hin zu solchen, die Universitätsprofessorinnen werden und Familien gründen. Und die auch gut ohne Kommunikations-Tablet, Noise-Cancelling-Kopfhörer oder Handkreisel leben. 

Vielleicht sagt Mama auch gar nichts, weil ihr schlicht das Wissen fehlt. Dann ist die Autismus-Barbie eben die Barbie mit Kopfhörern. 

Vielleicht ist das Kind auch selbst autistisch und kann mit der Puppe eigene Erfahrungen nachspielen. Doch es ist ungewiss, ob es sich in ihr wiederfindet. In dem Versuch, Autismus in der Breite bekannt zu machen, wird das Krankheitsbild immer weiter verengt, wird das Spektrum auf wenige Merkmale reduziert – der Natur von Barbie entsprechend auf äußere Merkmale. 

Dabei ist Autismus – anders als körperliche Einschränkungen – eben nicht am Äußeren erkennbar. Autismus ist eine Art der Wahrnehmung und des Denkens.

Als Kind habe ich Barbies geliebt, gesammelt, mehr als 100 Stück teilten sich mit mir das Zimmer. Irgendwann habe ich meinen Kleiderschrank in einen Barbieschrank umgewandelt. Was für andere eine Plastikpuppe war, war für mich das Tor in eine andere Welt. Die Barbies waren das Medium für das, was ich am liebsten tat: Geschichten erzählen. Sie dienten mir als weite Projektionsfläche. Barbie konnte, Barbie kann alles sein. Ich muss lächeln bei dem Gedanken, wie viele meiner dutzend Blondinen bereits Autistinnen waren – ich hatte es ihnen bloß nicht angesehen. 

Als ich mit einer Autistin über die neue Puppe spreche, sagt sie: "Warum entwickelt man nicht einen Koffer voller Tools für alle Barbies?" Mit Dingen, an denen sich jede Puppe, jedes Kind bedienen kann, egal ob mit Autismus, ADHS, egal ob hochsensibel oder hochbegabt. 

Denn jede Barbie kann Autistin sein. Und bleibt trotzdem Barbie.