Anzeige
Anzeige

Mythen-Check Sieben Legenden über unsere Kreativität

Kreativität
Einen erheblichen Teil unserer Kreativität bestimmen die Gene. Sie beeinflussen Eigenschaften, die besonders häufig mit hoher Kreativität einhergehen – etwa Intelligenz oder Offenheit für neue Erfahrungen
© Gorodenkoff/Shutterstock
Originalität kann man nicht lernen? Rechtshänder sind weniger einfallsreich? Von wegen! Wissenschaftler entlarven viele falsche Vorstellungen von der menschlichen Schöpferkraft
Text: Lara Hartung

1. Es gibt eine Hirnregion für Kreativität

Vor Kurzem spielten 32 Jazzmusiker im Namen der Wissenschaft, während Elektroden Signale aus ihren Köpfen aufzeichneten. Die daraus gewonnenen Gehirnscans waren bunt, das gesamte Denkorgan schien aktiv zu sein, keineswegs nur eine bestimmte Stelle.

Die Forscher des Creativity Research Lab der Drexel University in Philadelphia zweifeln an dem verbreiteten Mythos der Spezialisierung unserer Gehirnhälften: Dass die rechte Hälfte für Kreativität, die linke für logisches und analytisches Denken verantwortlich sei.

Ihre Untersuchung zeigte, dass eine andere Gehirnstruktur besonders wichtig zu sein scheint: Die kreativsten Menschen sind wohl jene, deren Hirnhälften besonders gut miteinander verknüpft sind. Denn Kreativität ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Neuronennetzwerke. Welche genau das sind, hängt nicht nur von der Aufgabe ab, sondern auch von den Voraussetzungen, die eine Person mitbringt.

So auch bei den Jazzmusikern: Welche der beiden aktiven Gehirnhälften die andere beim kreativen Improvisieren ein wenig übertraf, hing in erster Linie von der Erfahrung ab: Profis improvisierten mit einer aktiveren linken Gehirnhälfte. Weniger erfahrene Gitarristen stellten sich derweil einer ungewohnten Situation – mit viel Aktivität in der rechten Gehirnhälfte.

2. Linkshänder sind kreativer als Rechtshänder

Aus dem Irrglauben, Kreativität sei vor allem auf einer Seite des Gehirns verortet, entspringt ein weiterer Mythos: Da die vermeintlich kreative rechte Gehirn-hälfte die linke Hand steuert, sei sie bei Linkshändern aktiver – und selbige kreativer.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Tatsächlich sind Linkshänder in künstlerischen Berufen überrepräsentiert, und statistisch scheint es durchaus Unterschiede zwischen Links- und Rechtshändern zu geben. Bei schwierigen Aufgaben, etwa der Zuordnung von mathematischen Funktionen zu gegebenen Daten, schneiden Linkshänder in der Regel ein wenig besser ab. Doch ob daran eine größere rechte Hirnhälfte oder ein dickerer Nervenstrang zwischen beiden Gehirnhälften schuld ist, ist nicht klar. Denn auch zwei Drittel der Rechtshänder haben eine größere rechte Gehirnhälfte und viele auch weitere strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Gehirn von Linkshändigen.

Doch gibt es vielleicht beim Ideenreichtum einen Unterschied? Forscher aus den Niederlanden wollten eine Antwort finden: Sie ließen gut 20 000 Testpersonen Informationen zu sich und ihrer bevorzugten Hand angeben und danach einige Kreativitätstests absolvieren. Das Ergebnis: Linkshänder hielten sich zwar für kreativer, waren es aber nicht. Die kreative Hand ist also wirklich nur ein Mythos.

3. Kreativität kann man nicht lernen

Einen erheblichen Teil unserer Kreativität bestimmen die Gene. Sie beeinflussen Eigenschaften, die besonders häufig mit hoher Kreativität einhergehen – etwa Intelligenz oder Offenheit für neue Erfahrungen. Diese Eigenschaften bestimmen auch, wen wir als kreativen Menschen einschätzen – so stark, dass sich dieser Eindruck nur schwer beeinflussen lässt.

Bei der Fähigkeit, kreative Leistungen zu erbringen – das ist die gute Nachricht –, sieht es indes anders aus. Das Abschneiden in Kreativitätstests ist eher erlernt als durch die Gene bestimmt. Dieser Teil der Kreativität lässt sich daher trainieren. Wie das am besten geht, haben Wissenschaftler anhand von 70 verschiedenen Kreativtrainings ausgewertet, die im Laufe der letzten Jahrzehnte weltweit entwickelt worden sind.

Ihr Ergebnis: Größtenteils funktionieren die Programme – und zwar unabhängig von Alter und Intelligenz der Lernenden. Am meisten helfen dabei auf einen bestimmten Bereich zugeschnittene Trainings, die konkrete Fähigkeiten und Methoden vermitteln – etwa, indem sie die kognitiven Prozesse hinter der Kreativität zeigen oder lehren, neue Situationen zu analysieren.

4. Kaffee und Alkohol machen kreativ

Wohl die meisten haben es schon versucht: mit Kaffee der eigenen Inspiration auf die Sprünge zu helfen. Immerhin fühlen wir uns so häufig wacher. Doch obwohl Konzentration und Aufmerksamkeit nach dem Morgenkaffee oft in die Höhe schnellen, steigert das Koffein die Kreativität Studien zufolge nicht.

Etwas besser sieht es mit Alkohol aus: Tatsächlich fanden Forscher aus Graz heraus, dass Bier in kleinen Mengen helfen kann, Probleme einfallsreich zu lösen. Allerdings schnitten die Probanden nicht besser ab, wenn es ums Finden völlig neuer Ideen ging. Ob das Ergebnis nach ein paar Bier mehr immer noch so gut ausfällt, wurde nicht ermittelt. Am besten untersucht ist wohl der kreativitätssteigernde Effekt von Halluzinogenen wie LSD. Verschiedene Studien belegen: Ein Trip kann durchaus kreativ machen, aber eben nicht selten zu einem hohen Preis. Doch bereits ein Bruchteil dessen, was als übliche Dosis gilt, sogenanntes Microdosing, kann einen ähnlichen Effekt haben – allerdings nur so schwach, dass dahinter auch der Placebo-Effekt stecken könnte.

Wer seine Kreativität mithilfe von Substanzen fördern möchte und zugleich seiner Gesundheit nicht schaden will, der sollte: Tee trinken. In einer Studie konnten Forscher belegen, dass ein Aufguss Schwarztee die Inspiration tatsächlich ein klein wenig unterstützt.

5. Männer sind kreativer als Frauen

Wissenschaftler der Duke University in den USA zeigten Probanden ein Bild eines Hauses und fragten: Für wie kreativ halten Sie den Architekten dieses Gebäudes? Die Antwort fiel sehr unterschiedlich aus – je nachdem, ob die Wissenschaftler zuvor behauptet hatten, dass der Entwurf von einer Frau oder von einem Mann stamme. Wenn die Probanden glaubten, das Werk eines Mannes vor sich zu haben, hielten sie den eher für innovativ.

Diese und viele andere Studien belegen: Bei gleicher Leistung wird die Arbeit von Frauen im Schnitt als weniger kreativ wahrgenommen. Haltbare Belege für ein kreativeres Geschlecht gibt es derweil keine. Ein Grund, warum sich dieser Mythos trotzdem hält, könnten die traditionell männlich geprägten Strukturen der Arbeitswelt sein.

Welchen Einfluss das Arbeitsumfeld haben kann, zeigten Forscher am Beispiel der Konkurrenz: Sie gaben gemischtgeschlechtlichen Teams eine kreative Aufgabe, die sie einmal gegeneinander, einmal miteinander lösen sollten. Standen die Teams in direktem Wettkampf, liefen die Männer zu Höchstform auf; Frauen zogen sich in Diskussionen immer weiter zurück. War das Miteinander hingegen kooperativ, blühten die Frauen auf – und überrundeten die Männer in puncto kreativem Output um Längen.

6. Musik macht kreativ

Bei der Arbeit Musik zu hören füllt nicht nur die manchem unangenehme Stille oder übertönt andere Geräusche, sondern hebt auch die Laune – und, so meinen viele, inspiriert zu neuen Ideen.

Und tatsächlich: Wer beispielsweise beim Brainstorming Gute-Laune-Musik hört, dem fallen mehr ungewöhnliche Ideen ein. Das fanden Forscher an der Radboud University in Nijmegen und der University of Technology in Sydney heraus. Geht es allerdings um mehr, als nur die Ideen fließen zu lassen und stattdessen konkrete Probleme kreativ zu lösen, ist Musik eher ein Hindernis.

Sie beeinträchtigt das verbale Arbeitsgedächtnis, das für die Verarbeitung von Worten, aber auch Zahlen und benennbaren Objekten zuständig ist. Dabei ist die Art von Musik egal – ob fröhlich oder traurig, ob Klassik oder Pop. Schuld an der Ideenflaute sind weder die Atmosphäre noch der Text der Lyrics – es ist die unregelmäßige Veränderung der Geräusche, die unsere Aufmerksamkeit einfordert.

Wer Stille nicht aushält, macht Musik daher besser nach dem ersten Brainstorming aus und sorgt für eine leise, aber doch bewegte Geräuschkulisse. Etwa, indem er das Fenster öffnet oder Naturgeräusche abspielt.

7. Kreative leben riskanter

Besonders kreative Geister grübeln nicht allzu viel und stürzen sich neugierig ins Unbekannte, heißt es oft. Doch wer den Mut für einen Bungee-Sprung aufbringt, gründet deshalb noch lange kein Start-up. Denn auf die Frage nach dem Zusammenspiel von Kreativität und Risikofreude gibt es keine einfache Antwort. Manche Studien konnten eine Beziehung entdecken, andere offenbarten, dass gerade risikoscheue Menschen bei kreativen Aufgaben besser abschneiden.

Vor wenigen Jahren wollten Forscher endgültig Licht ins Dunkel bringen und untersuchten die Risikobereitschaft in fünf Bereichen: Finanzen, Gesundheit, Moral, Soziales und Hobbys. Dann testeten sie Studienteilnehmer hinsichtlich Risikobereitschaft und Kreativität. Das Ergebnis offenbarte: Dass kreative Menschen generell risikofreudiger seien, stimmt nicht.

In fast allen Bereichen zeigten sich die besonders kreativen Probanden als nicht risikofreudiger. Einzige Ausnahme waren Risiken in der Kategorie Soziales. Auf Fragen wie „Würdest du einen Job, den du gern machst, einem sicheren vorziehen?“ oder „Würdest du eine Autoritätsperson kritisieren“ antworteten sie häufiger mit Ja.

Erschienen in GEO Wissen Nr. 72

Mehr zum Thema

VG-Wort Pixel