Reden mit den Eltern Was in Gesprächen zwischen Jung und Alt oft schief­läuft – und wie es besser geht

Warum fällt es vielen so schwer, mit ihren betagten Eltern auf Augenhöhe zu reden? Und wie geht man mit gut gemeinten Ratschlägen um? Die Beraterin Petra Schlitt erklärt, wie der Austausch zwischen Jung und Alt gelingen kann
Vater und Sohn im Gespräch

Generationenkonflikt: Besonders bei heiklen Themen fällt es Erwachsen schwer, mit ihren Eltern ins Gespräch zu kommen

GEO WISSEN: Frau Schlitt, Sie beraten Menschen, die mit ihren Eltern in Streit geraten. Warum entzünden sich so oft Konflikte, wenn Mutter und Vater alt werden?

Petra Schlitt: Wenn die Eltern in die Jahre kommen, gibt es grundsätzlich zwei Konfliktherde: Zum einen können sowohl Kinder als auch Eltern im Angesicht des letzten Lebensabschnitts den Drang verspüren, Themen anzusprechen, die ihnen schon lange zu schaffen gemacht haben; etwa eine empfundene Vernachlässigung in der Kindheit, eine Bevormundung in der Jugend oder erlittene Kränkungen. Zum anderen sind die gegensei­tigen Erwartungen konfliktträchtig. Die erwachsenen Kinder etwa meinen, die Eltern müssten sich mehr um ihre eigene Gesundheit bemühen, vorsorgen, Vorbereitungen für die letzten Fragen treffen. Die Eltern erwarten womöglich umgekehrt, dass sich die Kinder uneingeschränkt und klaglos für sie einsetzen, endlich „zurückgeben“, was man für sie zu frü­heren Zeiten getan hat. Auch wenn beide Seiten viele Jahre ihr eigenes Leben gelebt haben, entwickelt sich, wenn die Eltern alt werden, häufig das Gefühl: Jetzt müssen wir wieder aufeinanderzu­gehen.

Verkehrt sich dann, wie es oft heißt, das Verhältnis? Werden die Eltern allmählich zu Kindern, die Kinder zu Eltern?

Nein, Eltern bleiben immer Eltern, Kinder immer Kinder. Es gibt keinen Rollentausch, doch die In- halte der Rollen ändern sich. Eltern und Kinder stehen einander als Erwachsene unterschiedlichen Alters gegenüber. Wenn alles gut geht, dann können Mutter oder Vater offen sagen „Bitte hilf mir!“ – und das erwachsene Kind: „Ich helfe dir, aber so, dass es auch für mich gut ist.“

Und warum fällt das im Alter so schwer?

Das Alter selbst ist nicht das Problem. Sondern die Bedürftigkeit, die sich entwickeln kann, der Bedarf an Unterstützung. Im Haushalt, beim Einkauf, im Garten, auf Reisen – überall erleben alternde Menschen, wie sie an Selbstbestimmung verlieren, an Autonomie. Mit diesem schleichenden Verlust kommen viele schmerzhafte Gefühle auf: Hilflosigkeit, Scham, Angst, Unsicherheit. Bei den erwachsenen Kindern entwickelt sich oft ein schlechtes Gewissen, Schuld, ein quälendes Gefühl, nicht zu genügen. Prallen diese Emotionen aufeinander, werden die Beziehungen oft auf eine harte Probe gestellt.

Um welche Themen geht es dann meist?

Das ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Aber nach meiner Erfahrung gibt es doch einige Dinge, mit denen die meisten Familien zu kämpfen haben. Der erste große Schritt, an dem alle Beteiligten merken, dass sich etwas verändert, ist meist die Diskussion um das Auf­geben des Autofahrens. Häufig regen die Kinder dies an, während die Eltern sich oft mit aller Kraft wehren. Der Verlust des Autofahrens schränkt die Autonomie und die Bewegungsfreiheit stark ein und erfordert manche Umstellung im Alltag. Ist diese Klippe überwunden, kehrt oft ein wenig Ruhe ein. Bis Unterstützung im Haushalt, Pflege oder der Umzug in eine Pflegeeinrichtung nötig werden – oder den Angehörigen nötig erscheinen.

Wie spricht man diese Themen am besten an?

Der größte Fehler, den man machen kann, ist zu sagen: „Du brauchst Hilfe!“ oder „Du musst …“. Du musst dich besser ernähren, du musst zum Arzt gehen, du musst öfter Bus fahren. Eigentlich weiß jeder, wie allergisch man auf so etwas reagiert. Doch gerade bei älteren Menschen, zumal jenen, um die wir uns kümmern, scheinen wir das oft zu vergessen.

Welche Formulierung ist hilfreicher?

Eine weit bessere Strategie ist, an eigene Erlebnisse anzuknüpfen, zu erzählen, wie man sich selbst mit Ernährung beschäftigt oder über Mobilität Gedanken macht. Oder wie andere Menschen, etwa Bekannte, Fragen rund um Pflege und Haushalt lösen. Auch wichtig: Formulieren Sie Beobachtungen, nicht Feststellungen. Sagen Sie also eher „Du Mama, mir ist aufgefallen, dass du häufig unsicher gehst“ statt „Du bist ja ganz schön wackelig auf den Beinen“. Der Unterschied mag klein erscheinen, für das Gegenüber ist er aber sehr groß.
Und schließlich: Fragen Sie doch einmal Ihre Eltern um Rat.

Petra Schlitt ist Coachin für Angehörige in Frankfurt am Main. Sie hilft Erwach­senen, mit ihren Eltern über schwierige Themen zu kommunizieren, und schreibt darüber im Internet.

Aber gerade Rat von den eigenen Eltern ist nicht immer willkommen.

Natürlich, viele erwachsene Kinder reagieren eher ablehnend auf Ratschläge der Älteren. Aber umso schöner kann es für die sein, wenn die Jüngeren einmal ganz gezielt um einen Rat bitten. Meist verändert dies das Gesprächsklima so sehr, dass auch die Älteren eher geneigt sind, Hilfe anzunehmen.

Und wenn die Eltern einen ungefragt mit Ratschlägen überhäufen?

Dagegen kann sich nur wehren, wer deutlich Grenzen zieht. Aber auch dabei kann jeder dem anderen ohne viel Mühe signalisieren, dass einem der Rat nicht grundsätzlich gleichgültig ist. Etwa indem er sagt: „Danke, ich weiß, dass du mir helfen willst, doch im Moment komme ich noch alleine zurecht. Aber ich frage dich gern, wenn ich nicht weiterweiß!“

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview lesen Sie im "GEO WISSEN - Das Geheimnis des guten Alterns" (hier bestellen). Darin erklärt Petra Schlitt unter anderem, warum Scham in der Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren betagten Eltern die meisten Konflikte heraufbeschwört.