IRA Attentate und Rachemorde: Der Aufstand von Londonderry und seine Folgen

Im August 1969 eskaliert der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Fast 30 Jahre lang verheeren Gewalt und Gegengewalt das konfessionell zerrissene Nordirland: Auf Attentate militanter Katholiken folgen Rachemorde der Protestanten. Die mächtigste dieser Mordgruppen ist die Irish Republican Army, die sogar versucht, London in die Knie zu zwingen
Belfast 1969

Brennende Barrikade in der Belfaster Falls Road. Die Straße gleich neben der protestan­ti­schen Shankill Road ist ein Zentrum des katholischen Widerstands

Was war das Schlimmste? Das Stöhnen der Sterbenden? Die Totenstille nach den Schüssen? Die eigenen Schmerzen? Die Kälte? Das Blut? Alan Black erinnert alles, jede einzelne der Sekunden, die sich dehnen, als seien sie Ewigkeiten. Black ist der Einzige, der den Mordanschlag überlebt, am Abend des 5. Januar 1976 auf einer Hügelkuppe, nahe der Kreuzung von Kingsmill. 16 Männer sind sie, alle Arbeiter einer Textilfabrik in der irischen Nordprovinz Ulster. Ein Minibus soll sie nach Schichtende nach Hause bringen: fünf Katholiken und elf Protestanten.

Während der Fahrt reden sie über den Mord an den Reavey-Brüdern in der benachbarten Kleinstadt Whitecross am Abend zuvor. Eine fürchterliche Geschichte, junge Kerle, einfach erschossen zu Hause beim Fernsehen. Jeder weiß, wer die Täter sind, protestantische Extremisten, die die Reaveys nur aus einem einzigen Grund überfallen haben: Sie waren Katholiken. Erschüttert sind sie alle im Bus, gleichgültig, welcher Konfession sie angehören. Gerade hat ihr Wagen das Haus der Reaveys passiert, als er stoppt und vier katholische Kollegen in Whitecross aussteigen. Es ist halb sechs Uhr abends. Sie fahren weiter auf der Landstraße, plötzlich erkennt der Fahrer vor sich eine Gestalt in Armeeuniform. Sie schwenkt eine Taschenlampe auf und ab. Eine Streife? Gut möglich nach dem Mordanschlag. Er hält an.

Sofort springen etwa zehn Männer hinter den Hecken am Straßenrand hervor und umringen den Kleinbus. Sie tragen Kampfanzüge, ihre Gesichter sind geschwärzt. Alle müssen heraus, sich neben dem Bus aufstellen, die erhobenen Hände auf den Wagen gestützt. Ein Mann fragt: „Wer ist Katholik?“ Keiner rührt sich. Noch einmal fragt er, dringlicher. Die Männer neben dem einzigen Katholiken in ihrer Reihe versuchen ihn davon abzuhalten, sich zu erkennen zu geben, vorsichtig drücken sie seine Hand. Sie fürchten offenbar, dass die Killer vom Abend zuvor noch einmal zuschlagen könnten.

Ihr Kollege tritt dennoch hervor. Der Mann im Kampfanzug bellt ihn an: „Hau ab, die Straße runter, und schau dich nicht um!“ Er fordert die verbliebenen elf Männer auf, die Lücke in ihrer Reihe zu schließen – und sagt dann nur noch ein Wort, eine Silbe: „Right. “ Das Todeskommando. Sofort feuern die Bewaffneten. In weniger als einer Minute fallen 136 Schüsse. Einige Männer schreien noch, dann fallen die Leiber der Toten und Verwundeten übereinander.

Das Attentat von Kingsmill schockiert alle Iren

Auf dem schwer verletzten Black liegt der jüngste der Arbeiter, ein 19-jähriger Lehrling. Er stöhnt vor Schmerz und ruft nach seiner Mutter. Einer der Schützen tritt zu den Männern, schießt kaltblütig jedem ein weiteres Mal in den Kopf. Auch auf Black feuert er, die Kugel streift aber nur den Schädel. 18 Geschosse haben ihn getroffen, doch er überlebt. Er selbst sagt später: „Ich war mir sicher, dass ich sterben würde." Kurz nach dem Attentat meldet sich ein Anrufer bei der Polizei. Die Bluttat sei die Rache für die Erschießung der Reavey-Brüder. Verantwortlich für die Morde sei die South Armagh Republican Action Force – eine Splittergruppe der von militanten Katholiken gebildeten Irischen Republikanischen Armee.

Das Kingsmill-Massaker ist die nächste Stufe in jener Eskalation von Gewalt und Gegengewalt, von Mord und Rachemord, von Bombenanschlägen und Erschießungen, die den britisch beherrschten Norden Irlands seit Ende der 1960er Jahre heimsucht. Katholiken gehen in diesem Konflikt auf Protestanten los und umgekehrt, die britische Armee will dazwischenstehen und wird doch zur Partei. Briten und Iren nennen diese brutale Zeit The Troubles, „die Unruhen“. Doch das ist eine merkwürdige Verharmlosung. Denn es geht um tausendfachen Mord und Totschlag, um Zehntausende versehrter Menschen und Hunderttausende verwundeter Seelen. Das Verbrechen von Kingsmill schockiert alle Iren gleichermaßen. Vielen Katholiken galt die IRA trotz manch heftig umstrittener Gewalttat bis dahin als eine Art Schutzmacht. Nun aber nimmt das Ansehen der Guerillatruppe schweren Schaden. Ihre Brutalität entsetzt die Menschen.

Allein: Zu einem Innehalten im Blutvergießen kommt es noch lange nicht. Es wird mehr Tote geben, jahrzehntelang.

Schicksalsdatum: 15. August 1969

Der Konflikt in Nordirland ist eine Geschichte mit vielen Anfängen. Manche Ursachen reichen rund 800 Jahre zurück, bis zur Invasion der Engländer in Irland unter Heinrich II. im Jahr 1171. Andere zur plantation, der massenhaften Ankunft protestantischer Siedler in Ulster zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Wieder andere zur Teilung der Insel nach dem Irischen Unabhängigkeitskrieg 1921, als sechs von Protestanten dominierte Landkreise in der Provinz Ulster im Norden vom katholischen Rest des Landes abgetrennt wurden und als „Nordirland“ im Vereinigten Königreich verblieben. Ulster ist auch schon damals mehrheitlich protestantisch, etwa ein Drittel der Bevölkerung ist katholisch. Vor allem in den größeren Orten leben beide Bevölkerungsgruppen dicht nebeneinander, allerdings meist in getrennten Stadtteilen. Doch man kann den Beginn der Troubles auch ganz präzise auf ein Datum festlegen: den 15. August 1969.

Schon Monate zuvor haben junge Katholiken in Londonderry und Belfast, den beiden großen Städten Nordirlands, zu demonstrieren begonnen. Nach dem Vorbild der amerikanischen Bürgerrechtler und der aufbegehrenden Studenten weltweit wollen sich die Katholiken die Diskriminierung durch die protestantische Bevölkerungsmehrheit nicht mehr gefallen lassen. In Belfast ziehen die Demonstranten vor die Wachen der Royal Ulster Constabulary – denn die nordirische Polizei ist kein neutraler Hüter von Recht und Ordnung, sondern einseitig proprotestantisch. 90 Prozent der höheren Beamten gehören zur protestantischen Mehrheit.

Londonderry 1969

Londonderry: Unruhen in der zweitgrößten Stadt Nordirlands sind im August 1969 der Auslöser des Konflikts

Die Demonstranten werfen der Ordnungstruppe willkürliche Übergriffe auf die katholische Minderheit vor, durchaus zu Recht: Immer wieder gibt es Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung, Verhaftungen ohne Haftbefehl. Nach Provokationen durch protestantische Kundgebungen werden die Proteste der Katholiken im August 1969 zu offener Randale. Die jungen Demonstranten schleudern Steine und Molotowcocktails, Autos brennen. Sogar eine Handgranate explodiert, angeblich von einem IRA-Mann geworfen.

Die Polizei reagiert mit Härte, schießt in Belfast nun scharf über die Köpfe der Randalierer hinweg. Ein Querschläger durchdringt eine Hauswand und tötet einen kleinen Jungen. In dem Durcheinander stürmt ein protestantischer Mob die katholischen Viertel von Belfast. 120 Häuser gehen in Flammen auf. Sieben Menschen sterben, Hunderte werden in Hospitälern behandelt. 1800 Familien müssen aus ihren Wohnungen fliehen, die meisten sind Katholiken. Am 15. August 1969 entsendet die britische Regierung Truppen nach Nordirland. Sie sollen Frieden bringen. Viele Katholiken begrüßen die Soldaten als Retter im Chaos. Allein durch ihre Präsenz gelingt es der Armee rasch, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Bald stehen 6500 Mann in der kleinen Provinz.

Systematische Benachteiligung der Katholiken

Um weitere Übergriffe zu vermeiden, errichten die Truppen in Belfast Stacheldrahtsperren zwischen den Wohnvierteln der Katholiken und der Protestanten. Im Lauf der Jahre werden nach und nach fast 100 Barrieren entstehen: Zäune und Mauern, manche aus Beton, andere aus Ziegelsteinen, manche mehr als sieben Meter hoch, versehen mit bewachten Checkpoints. Sie trennen zwei Gruppen, die schon seit Langem nicht gleich behandelt werden.

Denn seit der Abspaltung Ulsters 1921 sind die Katholiken in Nordirland nur Bürger zweiter Klasse. Schon damals, zwischen 1920 und 1922, hat es Mord und Totschlag, Plünderungen und Vertreibungen gegeben. Mehr als 500 Menschen kamen um, 23 000 mussten aus ihren Häusern fliehen, weil sie in einem Wohngebiet lebten, das von der anderen Konfession dominiert wurde. Nordirland gehört seit der Trennung 1921 zwar zum Vereinigten Königreich, hat aber eine eigene Regierung, die in inneren Angelegenheiten weitgehend autonom ist. Solange es in der Region ruhig bleibt, interessiert die Regierungen in London das kleine Land nicht.

Belfast 1969

London will zwischen den Gruppen vermitteln – und wird immer stärker in den Konflikt hineingezogen

Die protestantischen Unionisten (die die Verbindung mit Großbritannien erhalten wollen) setzen mit ihrer Mehrheit ein Wahlrecht durch, das die Katholiken systematisch benachteiligt. In Londonderry etwa sind die Wahlkreise so geschnitten, dass ein Kandidat in protestantischen Wohngegenden 700 Stimmen benötigt, um in den Stadtrat einzuziehen, in katholischen Bezirken hingegen mehr als doppelt so viele.

Auch in Schule und Beruf sind die Chancen ungleich verteilt: Die angesehene (und gut zahlende) Werft Harland & Wolff beschäftigt 1970 rund 10 000 Protestanten – und nur 400 Katholiken. Und in den meisten Institutionen, ob Polizei oder Verwaltung, herrschen Protestanten vor. Ausgleichende Kräfte – etwa Parteien, die sich über die Konfessionsgrenzen hinweg organisieren – gibt es kaum. Es dominieren vielmehr Gruppierungen, die ausschließlich für Protestanten offen sind oder für Katholiken. Die protestantische Ulster Unionist Party, die seit der Abspaltung Nordirland regiert, steht loyal zur Union mit Großbritannien.

Die katholischen Nationalisten streben dagegen nach der Vereinigung mit der Republik Irland. Ihre radikalste Partei ist Sinn Féin („Wir selbst“), eine Gruppierung, die zwar bei Wahlen in beiden Landesteilen Irlands antritt, aber stets nur unter Protest und immer mit der erklärten Absicht, Mandate nicht wahrzunehmen – da Teilnahme bedeuten würde, die Teilung der Insel anzuerkennen. Gemäßigten Katholiken bleibt nur die Nationalist Party, die aber dem nordirischen Parlament ebenfalls fernbleibt.

Die Rolle der IRA

Die IRA, 1919 als Guerillatruppe der um ihre Freiheit kämpfenden Iren entstanden, ist im Grunde der bewaffnete Arm von Sinn Féin. Als Irland 1921 seine weitgehende Unabhängigkeit erreichte, überwarfen sich etliche ihrer Kommandeure 1922 mit der ersten freien irischen Regierung, die aus ihrer Sicht nicht kompromisslos genug gegen London war, und gingen in den Untergrund. Zweimal startete die IRA Anschlagsserien: 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sowie Ende der 1950er Jahre. Beide Kampagnen brachen rasch erfolglos in sich zusammen, zahlreiche Kämpfer wurden festgenommen.

Jetzt, im Sommer 1969, spielt sie militärisch keine Rolle. Der Führungskader der nach Schätzungen nur noch ein paar Dutzend Aktivisten und gewaltbereiten Unterstützer beschäftigt sich vor allem mit marxistischer Theorie, hat den Kontakt zur Bevölkerung weitgehend verloren. Die Eskalation vom August 1969 überrascht die IRA daher vollkommen. Nur wenige Kämpfer leisten dem militanten protestantischen Mob in Belfast spontan Widerstand. Viele Katholiken fühlen sich im Stich gelassen. Auf den Hauswänden von Belfast tauchen bald Graffiti auf mit den Worten: „IRA – I Ran Away“ – die Armee, die sich aus dem Staub macht, wenn es brenzlig wird.

Das ist unerträglich für jene Aktivisten, denen die Organisation schon lange zu wenig militant ist und sich zu viel mit der Theorie und zu wenig mit der Praxis des Guerillakampfes beschäftigt. Zudem spielt die Führung der IRA mit dem Gedanken, Sinn-Féin-Abgeordnete künftig zur Mitarbeit in den Parlamenten zu ermutigen. Es kommt zum Streit – die Truppe spaltet sich. Im Dezember 1969 gründen Dissidenten die „provisorische“ IRA. Die Provisionals sind entschlossen, eine Blamage wie im Sommer nicht wieder zuzulassen. Steinewerfen oder Molotowcocktails sind ihnen nicht genug. Sie wollen die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes – in aller Härte (die alte IRA, nun „Official IRA“ genannt, bleibt bestehen. Auch ihre Leute kämpfen wieder; sie verliert aber rasch an Bedeutung).

Die Provisionals versprechen den Bewohnern katholischer Wohngebiete den Schutz vor Übergriffen protestantischer Extremisten. Und sie schwören, die „heilige Sache“, die Wiedervereinigung Irlands, nicht aus den Augen zu verlieren und die Briten für immer aus Ulster zu vertreiben. Als Gegner sehen sie Armee und Polizei. Vor allem aber bekämpfen sie die paramilitärischen Untergrundorganisationen der Unionisten: die 1966 gegründete Ulster Volunteer Force und später die Ulster Defence Association, die ein protestantisch dominiertes Nordirland erhalten wollen und willkürlich Katholiken ermorden. Sie werden von der Polizei mitunter gedeckt.

Die IRA formiert sich neu und brutal

Die Provisionals sind streng hierarchisch organisiert. Die Kampflinie gibt ein siebenköpfiger Armeerat vor. Die Aktivisten vor Ort sind in Brigaden, Bataillonen und Kompanien organisiert. (Ende der 1970er Jahre wird das System umgestellt auf lokale Zellen, denen nur vier Kämpfer angehören. So soll verhindert werden, dass Verhaftete zu viel Wissen preisgeben können.)

Potenzielle Mitstreiter melden sich freiwillig. Es ist ein komplizierter Prozess. Wer mitmachen will, muss jemanden aus dem Bekanntenkreis kontaktieren, von dem er annimmt, er stehe der Truppe nahe. Über Wochen wird er nichts hören, dann aber völlig überraschend zu einem Rekrutierungsgespräch einbestellt. In einem Trainingshandbuch der Provisional IRA sind die Fragen nachzulesen, die den Freiwilligen gestellt werden. Haben sie womöglich sehr romantische Vorstellungen vom Befreiungskampf? Sind sie lediglich auf Abenteuer aus? Und vor allem: Sind sie bereit zu töten – und selbst ihr Leben zu geben?

Sind die Rekrutierer mit den Antworten zufrieden, wird dem Anwärter noch eine eherne Regel eingehämmert: Jeder hat sich strikt dem Prinzip von Befehl und Gehorsam zu unterwerfen. Dann schwört der neue Kämpfer die Treue zur Irischen Republik, wie sie von den Unabhängigkeitskämpfern 1916 ausgerufen wurde. Erstes Ziel der eben gegründeten Provisional IRA ist es, Waffen für den Kampf zu beschaffen. In Verstecken finden sich noch ein paar Pistolen und Gewehre, viele über Jahre gepflegt und einsatzbereit, aber natürlich veraltet. Aus den USA, wo irische Auswanderer die IRA mit Spenden unterstützen, beschaffen sich die Kämpfer schon bald moderne Schnellfeuerwaffen. Ausgerechnet der britische Luxusliner „Queen Elizabeth 2“ ist wichtigstes Transportmittel beim Waffenschmuggel. Irisches Kabinenpersonal versteckt die Gewehre auf dem Ozeanriesen in New York und bringt sie in Southampton von Bord. Von dort werden sie per Auto und Fähre in die Kampfzone transportiert.

Anfang 1971 ermordet die Provisional IRA erstmals einen Soldaten – ein Racheakt: Britische Truppen haben tags zuvor einen jungen Katholiken erschossen. Fortan planen IRA-Kommandos gezielt Mordanschläge, locken Soldaten in Hinterhalte, töten bis zum Sommer ein Dutzend Armeeangehörige. Die Briten schicken weitere Truppen, lassen Verdächtige ohne Haftbefehl internieren. Binnen sechs Monaten werden mehr als 2000 Verdächtige festgenommen, mitunter brutal misshandelt. Sie dürfen nicht schlafen, müssen stundenlang mit erhobenen Armen stehen, tagelang wird ihr Kopf mit Kapuzen verhüllt.

Saint Patrick
Irland
Saint Patrick: Wer war der Held der Iren?
Saint Patrick soll den Iren einst das Christentum gebracht haben. Doch er war nicht der erste Missionar auf der Insel

Die Gewalt überrollt Großbritannien

Belfast wird zum Schlachtfeld. IRA-Aktivisten schießen auf Soldaten und Polizisten, aber auch auf Kämpfer der Unionisten, wo immer sie eine Chance zum Töten sehen. Das kann an jeder Straßenecke sein. Wer als Fußgänger dazwischengerät, hat schlicht Pech gehabt. Innerhalb weniger Tage kommen bei Schießereien 19 Zivilisten um, bis Ende des Jahres 1971 werden es 97 sein.

Das Militär trägt nicht zur Entspannung bei. Es errichtet Checkpoints, verhängt Ausgangssperren, beleidigt Passanten. Bei Razzien werden vor allem katholische Wohngebiete oft über Tage abgeriegelt. Die Soldaten, verängstigt und verbittert durch die Mordanschläge der IRA, zertrümmern bei Hausdurchsuchungen Mobiliar, reißen Kreuze und Marienbilder von Wänden. Gerry Adams, zu dieser Zeit mutmaßlich ein hoher Offizier der Provisional IRA und ab 1983 Vorsitzender von Sinn Féin, sagt später: „Unbeabsichtigt trieb die Armee die katholische Gemeinde in die Arme der Provisional IRA. “ Bald dienen mehr als 1000 Freiwillige in der Truppe.

Zum Sinnbild des rücksichtslosen britischen Vorgehens wird der „Bloody Sunday“ am 30. Januar 1972 in Londonderry. Provoziert von Steine und Brandsätze werfenden und mit Eisenstangen bewaffneten Jugendlichen, eröffnen Fallschirmjäger das Feuer auf ansonsten friedliche Demonstranten. 13 Menschen sterben, weitere 14 werden zum Teil schwer verwundet. Der blutige Sonntag verändert vieles: Selbst politisch gemäßigte Katholiken akzeptieren die IRA nun als Schutzmacht gegen die britischen Besatzer. Nach Anschlägen oder Schießereien finden Provisionals fortan wie selbstverständlich Unterstützung. Überall öffnen sich jetzt Haustüren, hinter denen Kämpfer verschwinden können. Nähern sich britische Soldaten, schlagen Frauen in katholischen Wohngebieten Mülleimerdeckel gegeneinander und warnen so die Aktivisten der IRA.

Londonderry 1969

Nordirlands Polizisten sind keine unparteiischen Ordnungshüter: Die meisten von ihnen sind Protestanten, viele unterstützen insgeheim Angriffe auf Katholiken

Im Frühjahr 1972 stellt die britische Regierung Nordirland wieder unter direct rule, erstmals seit 1921: Sie entmachtet die protestantische Regionalregierung und übernimmt selbst das Kommando über die nordirische Polizei. Doch die Gewalt eskaliert weiter: Am 21. Juli 1972 zündet die IRA im Stadtzentrum von Belfast in nicht einmal anderthalb Stunden 22 Bomben. Das hat es bis dahin nicht gegeben. Die Militanten warnen zwar telefonisch vor den Explosionen, doch die Hinweise sind nicht präzise und kommen zu spät. Polizei und Armee haben nicht genug Zeit, um die genannten Orte zu räumen. Eine Katastrophe: Neun Menschen werden an diesem „Bloody Friday“ von Bomben zerrissen, 130 Menschen zum Teil schwer verletzt.

Die protestantischen Extremisten lassen die Attentate nicht unbeantwortet: „Die IRA tötet Protestanten“, erklärt die UDA. „Wir werden Republikaner töten. Wenn wir keine Republikaner finden, werden wir Katholiken töten.“ Allein 1972 ermorden die Unionisten 81 Katholiken.

Auch London reagiert mit Härte: 22 000 Mann sind nun in Ulster stationiert. In der größten Operation der britischen Armee seit der Suezkrise 1956 besetzen die Soldaten Stadtbezirke in Belfast und Londonderry. Stillschweigend aber sucht die Regierung gleichzeitig nach einer politischen Lösung, führt sogar Geheimgespräche mit der IRA. Doch ohne Erfolg.

Insgesamt sterben im Schreckensjahr 1972 497 Menschen bei Zusammenstößen oder Anschlägen, mehr als die Hälfte von ihnen Zivilisten. Bombenattentate, Schießereien, gezielte Tötungen – der Terror ist nun Teil des Alltags, nicht nur in Nordirland: Protestantische Extremisten zünden am 17. Mai 1974 drei Autobomben in Dublin, ohne Vorwarnung. 26 Menschen kommen um. Und die IRA trägt ihren Krieg nach Großbritannien: Bei Bombenanschlägen auf zwei Pubs in Birmingham sterben 21 Menschen.

Distanzierung von Kingsmill, aber weitere Anschläge

Die Gewalt eskaliert nun immer weiter – bis zu den Morden vom 5. Januar 1976 an der Kingsmill Road, die Alan Black als Einziger überlebt.

Nachdem er unter den Gewehrsalven zusammengebrochen ist, stellt er sich tot. Er zuckt selbst dann nicht, als er neben seinem Schädel die Waffe des Schützen spürt, der den Toten und Halbtoten einen Kopfschuss gibt. Anschließend zieht das Mordkommando in Ruhe ab, ohne Eile, als hätte es einen Routineeinsatz absolviert. Black überlebt wohl nur deshalb, weil ein Ehepaar kurz danach mit dem Wagen den Tatort passiert und anhält. Das Stöhnen des Schwerverletzten macht die zwei auf Black aufmerksam. Gemeinsam beten sie und halten den stark Blutenden bei Bewusstsein, ehe ihn eine Ambulanz ins Krankenhaus bringt. Eine Notoperation rettet ihn.

Die Öffentlichkeit widert die Gewalttat an. Auch katholische Politiker verurteilen das Massaker als barbarisch und feige. Selbst irische Intellektuelle, die den Kampf der Republikaner grundsätzlich als legitim erachten, gehen auf Distanz. „Nach dieser Nacht ist die Freiheit ein Leichnam“, schreibt Paul Durcan, einer der angesehensten Dichter Irlands. Die Provisional IRA reagiert schnell auf den Imageschaden. Sie distanziert sich von dem Mordanschlag, verneint jede Beteiligung und versichert, keine derartigen Racheakte zu planen. Das wirkt auch auf die Gegenseite. Zwar beabsichtigen militante Protestanten offenbar einen Anschlag, wollen 30 katholische Kinder in einer Schule umbringen, so berichtet später ein ehemaliger Kämpfer. Aus Angst vor der öffentlichen Entrüstung aber geben sie die Pläne auf.

Der Gewalt schwören beide Seiten dennoch nicht ab. Eine neue Generation von IRA-Anführern, zu denen Gerry Adams zählt, propagiert vielmehr einen langen Abnutzungskrieg. Adams ist zu jener Zeit ein junger Mann von Ende 20, der gerade unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in der IRA im Gefängnis sitzt. Er nutzt die Zeit, um in der Sinn-Féin-Zeitung „Republican News“ Artikel zu veröffentlichen. Darin entwirft er eine neue Strategie: Die IRA müsse den bewaffneten Kampf konsequent fortführen, während Sinn Féin das Ringen um die Zustimmung an der Wahlurne verstärken und sich den Katholiken als Streiterin für die irische Einheit empfehlen solle. Die Provisionals lassen sich auf den Plan ein – und Adams etabliert sich als strategischer Kopf der Republikaner.

Die IRA zögert nicht, ihre Entschlossenheit unter Beweis zu stellen. Am 22. März 1979 ermordet sie den britischen Botschafter in den Niederlanden. Fünf Monate später, am 27. August 1979, sprengt ein Kommando die Yacht von Earl Louis Mountbatten in die Luft, dem letzten Vizekönig von Indien und entfernten Cousin der Queen. Neben Mountbatten sterben drei weitere Menschen, darunter sein 14-jähriger Enkel. Nur wenige Stunden später detonieren zwei Bomben nahe dem nordirischen Grenzort Warrenpoint, 18 Soldaten kommen ums Leben.

Margaret Thatcher bietet der IRA die Stirn

Die britische Regierung, nun unter der Führung von Premierministerin Margaret Thatcher, reagiert mit demonstrativer Härte. Die Kabinettschefin erscheint im Kampfanzug am Attentatsort in Warrenpoint, ordnet die Verstärkung der Polizei um weitere 1000 Mann an.

Unbeugsam bleibt Margaret Thatcher auch in einem anderen Konflikt mit der IRA. Schon seit Langem fordern die IRA-Häftlinge im nordirischen Maze-Gefängnis, als politische Gefangene anerkannt zu werden. Sie weigern sich, Sträflingskleidung anzuziehen, weil die sie wie normale Kriminelle aussehen ließe. Stattdessen hüllen sie sich in Decken, manche schmieren über Monate Exkremente an ihre Zellenwände. Schließlich treten sie in Hungerstreik. Bobby Sands, verurteilt wegen illegalen Waffenbesitzes, ist der Anführer der Provisionals im Gefängnis. Das Wort des erst 27-Jährigen hat Gewicht, im Gefängnis und auch außerhalb, wo er sich ebenfalls als Autor in den „Republican News“ einen Namen gemacht hat. Vom 1. März 1981 an verweigert er die Nahrungsaufnahme, andere Insassen folgen seinem Beispiel.

Zur gleichen Zeit kommt es zu einer Nachwahl für einen nordirischen Sitz im Londoner Unterhaus. Sinn Féin schlägt Sands als gemeinsamen Kandidaten aller Katholiken vor. Ein hungerstreikender Häftling als Parlamentskandidat? Das macht den Gefangenen auf einen Schlag weltweit berühmt. Doch Margaret Thatcher macht keine Zugeständnisse, „Verbrechen bleibt Verbrechen“, sagt sie, selbst als Sands am 40. Tag seines Hungerstreiks tatsächlich gewählt wird. Ein unschätzbarer PR-Erfolg für die IRA. Bobby Sands weigert sich mehr als sieben Wochen lang zu essen. Er stirbt am 5. Mai 1981. Sein Tod macht ihn zum Märtyrer, gut 100 000 Trauernde folgen seinem Sarg.

Neun weitere Hungerstreikende lassen noch ihr Leben, ehe die Aktion auf Druck von Angehörigen im Herbst beendet wird. Die Häftlinge werden zwar nicht als politische Gefangene anerkannt, dürfen aber fortan Zivilkleidung tragen.

Doch der Kampf außerhalb des Gefängnisses geht weiter, allein während des Hungerstreiks ermordet die IRA 61 Menschen. Weitere Morde folgen, auch in England: So entgeht Premierministerin Margaret Thatcher 1984 in Brighton nur knapp einem Attentat, bei dem fünf Mitglieder ihrer konservativen Partei sterben.

Die IRA aber hat Probleme, ihren Kampf zu finanzieren. Die Kämpfer müssen bezahlt werden, und die Familien toter oder inhaftierter Freiwilliger brauchen Unterstützung. Zwar haben irische Nationalisten in den USA einen Hilfsverein gegründet, der offiziell Geld zur Unterstützung der Wiedervereinigung Irlands sammelt – und unter der Hand die Waffenkäufe finanziert. Doch die Dollars aus Amerika reichen nicht aus, ebenso wenig wie die Einkünfte aus legalen und halb legalen Geschäften: Die IRA betreibt Clubs, in denen sich Anhänger zum Bier treffen können, oder vergibt Lizenzen für Taxis in katholischen Wohngebieten. Deshalb praktizieren die Aktivisten Schutzgelderpressung, organisieren Überfälle auf Postämter und Banken. Auch vor Kidnappings schrecken sie nicht zurück. Bis zu 1,5 Millionen Pfund kommen so jährlich zusammen.

Die schrecklichen Methoden der Provisionals

Bald kontrolliert die IRA katholische Stadtviertel und Gemeinden wie eine Mafia: Sie wacht darüber, wer welche Geschäfte machen darf, fordert ihren Anteil. Was Recht ist, bestimmen die Provisionals. Jungen Frauen, die sich mit britischen Soldaten einlassen, drohen archaische Strafen: Greiftrupps binden sie an Laternenpfähle, scheren ihnen die Haare, gießen ihnen heißes Pech über den Kopf und streuen Federn über die schwer verbrannten Opfer.

Wer gar in den Verdacht gerät, ein Kollaborateur zu sein oder ein Informant der Briten, ist seines Lebens nicht mehr sicher. Eine „Verhöreinheit“ vernimmt den Verdächtigen und fällt das Urteil, in den meisten Fällen der Tod. Berufung gibt es nicht. So entführt ein IRA-Kommando in Belfast eine alleinerziehende Mutter vor den Augen ihrer zehn Kinder, weil sie angeblich fürs britische Militär gearbeitet hat. (Die Anschuldigungen werden nie erwiesen; ihre Leiche wird erst Jahrzehnte später, 2003, gefunden.)

Die IRA-Leute geben sich als erbarmungslose Ordnungshüter. Wer als Dealer oder Einbrecher erwischt wird, bekommt Prügel. Wiederholungstätern zerschießen „Bestrafungseinheiten“ die Kniescheiben, manchen zerschmettern sie das Rückgrat, die Opfer sind querschnittsgelähmt. Häufig sterben Delinquenten bei den drakonischen Strafaktionen. Tausende müssen auf Befehl der IRA binnen Stunden aus Nordirland verschwinden. „Ausweisungen“ nennt sie das. Immer weiter verfestigt sich das Schreckensregiment der Provisionals – und es wird in Teilen auch das Ende des Bürgerkriegs überdauern.

Der langsame Friedensprozess beginnt

Ende der 1980er jahre beginnt, ganz vorsichtig, ein Friedensprozess. Erstes Anzeichen der Veränderung ist eine Einsicht, die Gerry Adams öffentlich formuliert: Im Nordirland-Konflikt gebe es „keine militärische Lösung“. Diese Erkenntnis kommt nicht ganz freiwillig. Die Briten haben mit gezielten Tötungen von Terroristen und Festnahmen von Führungsleuten die IRA stark geschwächt.

Zudem explodiert 1987 eine IRA-Bombe vorzeitig und tötet elf unbeteiligte Menschen in einer Provinzstadt. Das Entsetzen der Öffentlichkeit trifft die Organisation ähnlich heftig wie nach dem Massaker von Kingsmill. Adams notiert, die Bewegung werde einen weiteren derartigen Anschlag nicht überstehen.

Ohnehin hat die IRA wegen ihrer Mafia-Methoden und ihres Vorgehens gegen vermeintliche Kriminelle und Kollaborateure an Unterstützung in der katholischen Bevölkerung verloren. Das schlägt sich auch in den Wahlergebnissen für Sinn Féin nieder: 1987 büßt sie bei den Unterhauswahlen deutlich an Stimmen ein. Die gemäßigten Kräfte in Nordirland, die in der Social Democratic and Labour Party organisiert sind, gewinnen dagegen immer mehr Zuspruch bei den Katholiken. Die Doppelstrategie des Gerry Adams ist gescheitert.

Und so beginnt Sinn Féin, bislang mit dem Anspruch aufgetreten, den einzig richtigen Weg für Irland zu kennen, nun das Bündnis mit der christlich-konservativen Regierung in Dublin sowie der SDLP zu suchen.

Die militanten Protestanten reagieren mit Gewalt, wie sie es immer getan haben, wenn sie eine Einigung der Streitparteien ohne ihre Beteiligung fürchteten: Ihre Angst ist, dass London einer Wiedervereinigung Irlands zustimmen könnte. Das Morden scheint kein Ende zu nehmen. Allein im Oktober 1993 fallen 27 Menschen Anschlägen beider Seiten zum Opfer; es ist der tödlichste Monat seit 1976. Aber London setzt nun auf eine Verhandlungslösung. Und auch die irische Regierung in Dublin fordert ein Ende der Gewalt. Unter dem vereinten Druck lässt sich die IRA am 31. August 1994 auf einen Waffenstillstand ein. Auch die protestantischen Kämpfer stimmen am 13. Oktober 1994 einer Waffenruhe zu.

Dennoch dauert es noch weitere vier Jahre, bis am Karfreitag 1998 von allen Parteien ein Friedensabkommen unterzeichnet wird – nach fast 30 Jahren Bürgerkrieg, 3636 Toten und mehr als 47 000 Verwundeten. Nach 16 200 Bombenanschlägen, 22 000 bewaffneten Überfällen und 2200 Brandanschlägen.

Der Krieg ist beendet, das Misstrauen bleibt

Das Abkommen schafft ein Parlament und eine Provinzregierung für Ulster, in der die protestantische Mehrheit den Regierungschef stellt, sein Stellvertreter stets ein Katholik ist. Die Regierungsposten werden nach dem Stärkeverhältnis in der neu zu wählenden Volksvertretung vergeben.

Und so wird 2007 Martin McGuinness, der einstige militärische Stabschef der Provisional IRA, zum stellvertretenden Ersten Minister Nordirlands – ausgerechnet unter dem Regierungschef Ian Paisley, einem Wortführer der protestantischen Fanatiker. Bis dahin hatten beide sich geweigert, überhaupt miteinander zu sprechen.

Zu einem wirklichen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten aber kommt es auch jetzt nicht; die Mauern in den Städten sind seither an einigen Stellen sogar noch verlängert worden, um Zusammenstöße zu verhindern. Die IRA hat das Ende ihres bewaffneten Kampfes verkündet. Manche ihrer Einheiten indes existieren weiter, zum Teil als Gangs, die sich nach wie vor mit Banküberfällen und Schmuggel finanzieren.

Und selbst 20 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen wird in Nordirland noch immer gekämpft – inzwischen um die Erinnerung an die Troubles und deren tödlichen Aus einandersetzungen: Im Januar 2018 musste ein nordirischer SinnFéin-Abgeordneter zurücktreten, von seiner eigenen Partei dazu gezwungen, weil er sich über das Massaker von Kingsmill lustig gemacht hat, mehr als vier Jahrzehnte nach der Bluttat.

Die Killer von Kingsmill aber hat, trotz vieler Hinweise und Vermutungen, bis heute kein Gericht zur Rechenschaft gezogen.

Irland
Teilung Irlands
Der Preis der Freiheit
Nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft erkämpfen sich die Iren 1921 endlich einen weitgehend unabhängigen Staat. Doch dafür müssen sie den britischen Besatzern enorme Zugeständnisse machen. Der Streit um das Abkommen mit London spaltet zudem die Nation – und eskaliert zu einem blutigen Bürgerkrieg