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Den Menschen verstehen

Vom Teilchenphysiker zum Mönch "Glaube und Wissenschaft – das stand für mich nie im Widerspruch"

Stefan Bosch arbeitete als Teilchenphysiker, ehe er vor 13 Jahren beschloss, in ein Kloster der Benediktiner einzutreten – und Bruder Timotheus zu werden. Unfreier habe er sich nach der Entscheidung nicht gefühlt - im Gegenteil
"Glaube und Wissenschaft – das stand für mich nie im Widerspruch"

Bruder Timotheus, 44, unterrichtet als Lehrer Religion und Physik

Gehen oder bleiben? Allein oder gemeinsam? Festhalten oder loslassen? Der Alltag stellt jeden von uns vor Entscheidungen, manchmal vor besonders schwierige. In GEO WISSEN: Richtig entscheiden erzählen acht Frauen und Männer, wie sie eines Tages nicht mehr weiterwussten – und dann doch den für sie richtigen Weg fanden. Stefan Bosch ist einer von ihnen.

Protokoll: Katharina von Ruschkowski

Eine Freundin hat mich einmal gefragt, ob die Entscheidung für ein Leben als Mönch allein auf die Situation zurückzuführen ist, in der ich mich seinerzeit befand: Mein Vater war schwer krank, die Freundin hatte mich verlassen – und in der Physik sah ich keine Perspektive mehr. Ich habe oft über diese Frage nachgedacht. Aber ich bin mir sicher: Es war nicht in erster Linie eine Flucht damals, es war ein Aufbruch.

Ich wollte schon als Kind Priester werden, ich liebte den Kirchgang und die Heiligengeschichten. Irgendwie benei­dete ich deren Figuren darum, so viel Trost und Schutz bei Gott zu finden.

In der zehnten Klasse begann ich allerdings, mich für ­Naturwissenschaften zu interessieren. Ich promovierte in Teilchenphysik, forschte in den USA. Mein Leben ging einen Weg; aber irgendwann sah ich nicht mehr, wohin der führte. Die Krankheit meines Vaters und die Trennung von meiner Freundin waren letztlich der Auslöser, die Zweifel nicht mehr wegzuschieben, sondern über Alternativen nachzudenken.

"Selbstbestimmung aufgegeben – aber zu mir selbst gefunden"

Ich ging auch in den USA regelmäßig in den Gottesdienst. Glaube und Wissenschaft – das stand für mich nie im Widerspruch, weil unser Wissen allein am Ende doch nicht reicht, das Universum zu erklären. Nach den Messen kam ich mit dem Hochschulpfarrer ins Gespräch. Er riet mir, Exerzitien zu machen. Dabei geht es darum, durch Gebet und Meditation tief in sich hinein zu versinken – um sich selbst und Gott zu begegnen. 30 Wochen lang nahm ich mir jede Woche einige Stunden Zeit für Gebet, Einkehr, Gespräche mit Geistlichen.

Ich spürte, wie mein Wunsch nach einem geistlichen Leben zurückkehrte, ich sehnte mich nach Sinn und Gemeinschaft. Aber ich rang auch mit meinen Gefühlen, prüfte, ob ich mich dem starren Klosteralltag fügen, auf eine eigene Familie, auf meinen Namen verzichten könnte. Doch keines der Argumente wog für mich so schwer, dass ich es nicht wenigstens ausprobieren wollte.

Familie und Freunde reagierten zunächst reserviert, als ich ihnen – zurück in Deutschland – meinen Entschluss mitteilte, Novize zu werden in der Erzabtei Sankt Ottilien. Doch nach einer Weile schwanden bei vielen die Vorbehalte. Die landläufige Meinung ist ja, dass Menschen hinter Klostermauern unfrei sind. Ich erlebe es anders: Ich könnte an wenigen Orten meine Talente so wunderbar entfalten und ausleben wie hier.

Heute unterrichte ich als Lehrer Religion und Physik, singe mit bei Chorälen, spiele Tuba im Orchester, biete Fahrrad­touren für unsere Klostergäste an und erledige als Prior mittlerweile leitende Aufgaben im Kloster. Mich macht es glücklich, hier als Mensch in Gänze geschätzt und gebraucht zu werden und in der Gemeinschaft bei Gott geborgen zu sein.

Natürlich, ich habe Selbstbestimmung aufgegeben – aber zu mir selbst gefunden.

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