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Städtereise Montpellier - Mit der Tram ans Meer


In der südfranzösischen Stadt trinken Flaneure ihren Apéro unter Platanen, blicken zu avantgardistischer Architektur auf und gondeln schließlich mit der Tram ans Meer
Städtereise: In den Gassen Montpelliers taucht die Kuppel des Hôtel Saint Côme inmitten von 80 Stadtpalästen fast unter
In den Gassen Montpelliers taucht die Kuppel des Hôtel Saint Côme inmitten von 80 Stadtpalästen fast unter
© Bertrand Rieger/hemis.fr/laif

Die Platanen der Esplanade Charles-de-Gaulle knistern im Wind, am Boden tanzen rosarote Lichtkringel, die Tramontane, ein trockener Fallwind, fegt die Hitze des Tages hinweg. An den Ständen duftet es nach Süden, nach Ferien, nach Käse, Crêpes und Gazpacho. Während der Estivals von Juli bis September laden jeden Freitagabend Winzer der Region Languedoc- Roussillon im Zeltdorf zur Verkostung ein. An langen Tischen essen Familien und Studenten, probieren brombeerigen Rosé vom Pic St. Loup und erdigen Roten aus den Corbières. Von der Bühne auf den Stufen vor dem Corum (Esplanade Charles-de-Gaulle) klingt Flamenco-Jazz, in einer anderen Ecke tanzen Paare weltversunken Tango. Die Platanen-Plätze sind einer der Gründe, warum ich die Stadt zwischen Camargue und Garrigue-Hügeln so liebe: Ich mag die ausgedehnten Apéros. Gern bummle ich dann über die glatten Steine der Gassen, etwa die Rue de l'Aiguillerie oder die Rue de l'Ancien Courrier. Oder ich wandere zu den Lagunen an der Küste und in die Weinberge des Hinterlands.

Gestern und Heute

Zwischen Montpellier und mir muss es Liebe auf den allerersten Blick gewesen sein: Ich war nur ein paar Wochen alt, als wir uns das erste Mal begegneten. Im zweiten Hof des Hôtel des Trésoriers de la Bourse (Rue des Trésoriers de la Bourse 4) lernte ich laufen. Bis heute ist dort die Maison de Heidelberg untergebracht, ein partnerstädtisches Sprach- und Kulturinstitut, das mein Vater damals leitete. Das noble Haus mit der ausladenden Showtreppe ist eins von 80 Stadtpalais mit kühlen Innenhöfen und hohen Stuckdecken, die sich hinter blonden Sandsteinfassaden verstecken. Auf einem Stadtrundgang können Besucher ein paar dieser hôtels particuliers auch von innen besichtigen (nähere Informationen unter www.ot-montpellier.fr). Zur Zeit der Religionskriege zerstörten die Protestanten in einer Nacht 50 Kirchen und Kapellen, was die unzähligen kleinen Plätze erklärt, die sich im Ecusson finden, wie die autofreie Altstadt genannt wird. Heute beleben Cafés, Bistros und plätschernde Brunnen diese Orte. Im Carré Sainte-Anne (Rue Philippy 2), einer desakralisierten Kirche, organisiert der junge Kurator Numa Hambursin Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und Performances. Aus den offenen Fenstern des Musik-Konserva-toriums wehen Debussy und Mozart herüber. Auf der Place de la Canourgue sitzen Besucher bei einem Milchkaffee oder Mojito. Am Ende des Platzes ragen die Spitzen der Kathedrale St.-Pierre in den Himmel. Sie sind von vielen Orten der Stadt aus zu sehen, etwa vom Garten des Restaurants Le Petit Jardin, wo Gäste Kabeljau in Haselnuss-Kruste oder Pannacotta vom St.-Marcellin-Käse genießen (Rue Jean Jacques Rousseau 20, Tel. 0033-4-67 60 78 78, www.petit-jardin.com). Großstädtisches Flair, das an Paris erinnert, umweht die Cafés an der Place de la Comédi.

Architektur und Design

Fast jeden Sommer bin ich wiedergekommen und habe erlebt, wie sich die Stadt veränderte, vom Provinznest zur "avantgardistischsten Stadt Frankreichs" – so befand zumindest die "New York Times" 2012. Der Grund: 27 Jahre lang wurde Montpellier von einem visionären (und etwas größenwahnsinnigen) Bürgermeister regiert. Bis zu seinem Tod im Jahr 2010 berief Georges Frêche einen Stararchitekten nach dem anderen in seine Stadt und ließ neue Viertel entstehen wie das neo-antike Antigone, das der Katalane Ricardo Bofill entworfen hat, oder Port Marianne entlang des Flusses Lez. Von der Terrasse der bar à vin Trinque Fougasse O'Sud (Rue de la Galata 148, Tel. 0033-4-99 23 27 05, www.trinquefougasse.com/o-sud) hat man bei einer großen Wein- und Tapas-Auswahl freie Sicht auf die beiden neuesten Eyecatcher: das blauschwarz schimmernde Rathaus von Jean Nouvel und François Fontès (Pl. Georges Frêche 1) sowie das transparente Wolkengebilde Le Nuage von Philippe Starck (Av. Raymond Dugrand 769). Sogar die Straßenbahnen wurden von Designern eingekleidet. Meine liebste, die Tramlinie Nr. 3 mit den Meerestieren, hat Modemacher Christian Lacroix gestaltet. Sie verbindet das alte mit dem neuen Montpellier und fährt weiter bis (fast) an den Strand.

Kunst und Kurioses

Die medizinische Fakultät, 1289 gegründet, ist eine der ältesten der Welt. Wer sich ins Musée d’Anatomie wagt, braucht gute Nerven: In diesem Skurrilitäten-Kabinett werden 5600 Instrumente, Präparate und medizinische Wachspuppen konserviert (www.ot-montpellier.fr, nur auf Anmeldung). In die historische Apotheker- Schule ist inzwischen La Panacée eingezogen, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst (Rue de l’École de Pharmacie 14, www.lapanacee.org). Künstler von der Renaissance bis zur Gegenwart, darunter Eugène Delacroix und Pierre Soulages, haben dagegen in den prunkvollen Räumen des Musée Fabre ihren Platz gefunden (Bd. Bonne Nouvelle 39, http://museefabre.montpellier3m.fr)

Land und Strand

Das Viavino, ein Wein- und Kulturzentrum in den Weinbergen, macht den "Estivales" Konkurrenz: Im Sommer lädt es freitags zu dégustation und Konzerten (Saint-Christol, Chemin de Vérargues 80, Tel. 0033-467834565, www.viavino.fr). Jeden Mittwoch im Sommer drängt sich alles auf dem Nachtmarkt in Sommières, einem hübschen Städtchen am Fluss Vidourle. Das Meer hat jeden Tag Saison: Im Strandclub Palm Ray relaxt man auf bequemen Liegen oder lässt es sich an der Bar oder im Restaurant gut gehen (Carnon, Petit Travers, Av. Grassion Cibrand, www.palm-ray.com). Fangfrische Muscheln kommen in der Ferme Marine des Aresquiers direkt von der Lagune auf den Tisch (Vic-la-Gardiole, Route des Aresquiers, www.lafermemarinedesaresquiers.fr).

Hotels in Montpellier

Hôtel du Palais

Die Fenster des Hôtel du Palais öffnen sich zur schönen Place de la Canourgue (Rue du Palais des Guilhem 3, Tel. 0033-4-67 60 47 38, www.hoteldupalais-montpellier.fr).

Hotel Le Guilhem

Im historischen Hotel Le Guilhem gleich um die Ecke fällt der Blick auf die Kathedrale und einen kleinen Garten (Rue Jean-Jacques Rousseau 8, Tel. 0033-4-67 52 90 90, www.leguilhem.com).

Baudon de Mauny

Seit sieben Generationen im Besitz der Familie ist das Palais Baudon de Mauny, eine edle maison d’hôtes mit nur acht Zimmern, stylisch eingerichtet von einer Innendekorateurin aus Paris (Rue de la Carbonnerie 1, Tel. 0033-4-67 02 21 77, www.baudondemauny.com).

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