Italien Procida - so wundervoll ist die kleine Nachbarinsel von Ischia

Ischias kleine Schwester hat bunte Häuser, weite Ausblicke und feiert authentische Feste. Eine perfekte Kulisse – nicht nur im Kino
Procida

Lindgrün, rosa, hellblau oder ocker gestrichene Fassaden spiegeln sich auf Procida im dunklen Blau des Mittelmeers

In diesem Artikel
Was Sie auf Procida nicht verpassen sollten
Die besten Adressen zum Genießen
Ausgesuchte Unterkünfte auf Procida

Es ist eine Art Déjà-vu: Die weite Bucht, in der Fischerboote am Kai schaukeln. Die ineinander verschachtelten bunten Häuser, die am Steilhang kleben. Ich war noch nie hier, auf dieser winzigen Insel im Golf von Neapel – doch es ist, als hätte ich all das schon einmal gesehen, dieses ganze mediterrane Wimmelbild, auf das ich vom Anleger an der Marina Corricella blicke: Lindgrün, rosa, hellblau oder ocker gestrichene Fassaden spiegeln sich im dunklen Blau des Mittelmeers. Steile Treppen und enge Gänge durchziehen das Gewirr aus würfelförmigen Häusern, Bögen und Terrassen. Am Meer sitzen Restaurantgäste unter weißen Sonnenschirmen, eine graue Katze streicht um Fischer netze. Da dämmert es mir: Hier warb der Schauspieler Massimo Troisi in Michael Radfords Film »Il Postino« als Postbote mit Gedichten von Pablo Neruda um die Gunst der Beatrice – unvergessliche Szenen vor einer einmaligen Kulisse.

Gedreht wurde das alles vor 25 Jahren, verändert hat sich seitdem wenig. »Warum auch«, höre ich immer wieder, »so ist es doch schön hier« – und sehr anders als auf den Nachbarinseln: nicht so überlaufen wie Ischia, nicht so aufgebrezelt wie Capri. Dauerhaft leben auf Procida etwa 10 000 Einwohner. Damit ist die nur vier Quadratkilometer große Insel dichter besiedelt als jede andere im Mittelmeer. Der Alltag wirkt hier noch authentisch. In der Marina Grande laden Fähren Tagesausflügler ab und Pendler auf. Alte Kapitäne schwelgen vor Seemannsklubs wie dem Circolo Capitani e Macchinistri beim Espresso in Erinnerungen. In Procida sind die Dimensionen andere als auf den Schwesterinseln: Die Zitronen sind größer, die Strände dunkler, die Hotels kleiner, die Straßen enger. Wendige Minibusse besorgen den Nahverkehr, dicke Autos würden gnadenlos zwischen den Mauern stecken bleiben. Fußgänger entwickeln rasch ein Gespür dafür, wann es ratsam scheint, in einen Hauseingang zu flüchten.

Was Sie auf Procida nicht verpassen sollten

Procida litt lang unter dem Ruf, eine Gefängnisinsel gewesen zu sein. An ihrer Ostspitze ragt ein steiler Fels aus dem Meer, darauf eine wuchtige Festung. Terra Murata, gemauerte Erde, wird die burgartige Altstadt genannt. Dort ließ im 16. Jahrhundert die herrschende Familie der d’Avalos einen Palazzo errichten. 1830 wurde er zum Gefängnis umfunktioniert. Bis 1988 saßen hier Mafiabosse und andere Schwerverbrecher ein. Wie tote Augen blicken die Kerkerfenster aufs Meer. Wer einen Blick in die Zellen werfen will, muss sich telefonisch bei der Gemeinde anmelden (Tel. 0039-333-351 07 01). Die Zukunft nicht nur dieses Denkmals ist allerdings ungewiss. »Für eine Restaurierung fehlt uns leider das Geld«, bedauert Mara Granito. Sie ist eine von vielen Inselbewohnern, die helfen, das historische Erbe zu bewahren. Mara tut dies in der Associazione Culturale Millenium. Hier bietet sie Führungen an und kümmert sich um den Erhalt der Abtei San Michele Arcangelo. Während ihr Kind in der Schule ist, zeigt die junge Mutter Besuchern die Altstadt oder die Hauptkirche San Michele mit ihrer in Gold ausgelegten Kassettendecke. Mara führt mich zum versteckt liegenden, nur durch einen engen Durchlass zu erreichenden Casale Vascello. Das Viertel wurde im 17. Jahrhundert außer halb der Festungsmauern erbaut, ist aber eigentlich nur ein Innenhof, um den sich mehrstöckige Häuser gruppieren (Eingang Via Principessa Margherita). Wie angeklebt, führen Außentreppen zu den Stockwerken. Aus einem der Bogenfenster lugt eine Frau. »Jeder hat hier jeden im Blick. Das Leben in den Casali ist und war stets sehr sozial«, sagt Mara lachend.

Doch, es gibt auch Strände, zum Beispiel die schmale, aber relativ lange Spiaggia di Ciraccio dal Ciracciello im Nordwesten. Aber Procida lockt weniger als Badedenn als Erlebnisinsel. Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens ist die Karfreitagsprozession. Junge Procidaner in weißen Kutten mit blauen Capes tragen drei Stunden lang misteri genannte Figuren und Szenen aus der Bibel durch die engen Gassen. Lebensfroher fällt am letzten Juli-Wochenende die Sagre del Mare aus, das Kirchweihfest des Meeres. Auch weil dann die Graziella gewählt wird, die schönste junge Frau der Insel. Ihr Titel ist inspiriert vom Roman des französischen Schriftstellers Alphonse de Lamartine. Er pries darin schon 1852 die Anmut der Insel und ihrer Bewohnerinnen.

Procida

Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens auf Procida ist die Karfreitagsprozession

Die besten Adressen zum Genießen

In allen Restaurants duftet es nach Zitronen, dem Stolz der Insel. Sie werden meist in kleinen Familienbetrieben angebaut. Angerichtet werden die reifen Früchte gern mit Öl, Knoblauch, Minze und Paprika zu einem Salat. Die Zitrone darf natürlich auch nicht in Procidas berühmtester Backware fehlen, der Lingua dolci di Procida. Das längliche, mit Zitronencreme gefüllte Blätterteig-Teilchen wird zum Beispiel in den Cafés an der Via Roma gereicht – oft schon zum Frühstück. Ansonsten genieße ich Fisch in allen Variationen: Im Restaurant La Lampara an der Marina Corricella machen schon die köstlichen Antipasti glücklich wie ein Hauptgericht. Zu marinierten Sardellen und Tintenfisch, Bruschetta mit Tomaten und Thunfisch sowie mit Kräutern gewürzten Fischfrikadellen gibt es den atemberaubenden Meerblick gratis dazu (Via Marina Corricella 88). Mit frischem Fisch vom Grill punktet an derselben Marina das Restaurant La Gorgonia, dessen ebenso einfache wie gute Küche auch der Guide Michelin rühmt (Via Marina Corricella 50).

Ausgesuchte Unterkünfte auf Procida

Wer sich austoben will, kann als Gast der Albergo la Vigna gern bei der Weinernte mithelfen – entspanntere Gemüter können das Ergebnis der Mühsal aber auch einfach als roten oder weißen Hauswein auf der Terrasse genießen. Der stilvoll eingerichtete Vier-Sterne-Palazzo liegt sehr ruhig in Terra Murata. Das Hotel nennt den ältesten Weinberg der Insel sein eigen, der Spa bietet Wein-Therapien an (DZ ab 90 €). Etwas mühsam nur über Treppen erreichbar, dafür aber ein Drei-Sterne-Haus mit Fünf-Sterne-Ausblick: Das Hotel la Corricella. Es thront mit geräumigen Zimmern am Hang der gleichnamigen Bucht (DZ/F ab 80 €). Beim Frühstück auf der Terrasse blicke ich auf Fischerboote und – schon wieder ein Déjà-vu – das Gewimmel bunter Häuser.

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