Schweden Warum Stockholm im Winter eine Reise wert ist

Wintersport in Schwedens Metropole heißt: Eislauf mitten in der City, Schlitter-Shoppingtouren auf Södermalm genießen – und den Fetten Dienstag feiern. Tipps für einen winterlichen Besuch in Stockholm
Stockholm

Auch wenn die hellen Stunden in der Winterzeit rar sind, verzaubert Stockholm die Besucher

Sportlich durch den Stockholmer Winter

Es ist schon ein mulmiges Gefühl. Wie mit Puderzucker bestreut, liegt der zugefrorene Källtorp-See da. Aus dem Eis ragen zwei kleine felsige, mit Kiefern bewachsene Inseln. Am anderen Ufer glänzen helle Birkenstämme in der Sonne. Kann man einfach so rüberlaufen, trägt das Eis? Nach ersten vorsichtigen Schritten ein Blick nach unten: Überfrorene Risse sehen aus wie Handlinien. Während ich darüber nachdenke, ob sich daraus mein Schicksal ablesen lässt, ertönt hinter mir ein Schrei, etwas klatscht ins Wasser. Erschrocken drehe ich mich um. »Alles okay«, ruft eine kräftige Männerstimme, »du kannst ruhig weiter gehen. Wir üben hier nur, wie man aus einem Eisloch wieder rauskommt.« Nur 20 Minuten Busfahrt von der City entfernt locken der Källtorp-See und das Outdoor-Paradies Hellasgården im Sommer zu Badefreuden und im Winter zu Eis- und Langlauf samt Aufwärmen in der Sauna. Schulklassen lernen dort für alle Fälle, sich in voller Montur behutsam aus einem Eisloch zu robben (www.hellasgarden.se, Bus 401 Richtung Älta ab Slussen).

Was bei so viel Wasser vorkommen kann: Stockholms Innenstadt ist auf 14 Inseln erbaut. Erfahrene Schlittschuhläufer freuen sich auf das 80 Kilometer lange Wikinger-Rennen von Uppsala in die Hauptstadt (www.vikingarannet.com), weniger erfahrene drehen ihre Kringel mitten in der Stadt auf der Eisbahn am Kungsträdgården (www.visitstockholm.com). Ski und Rodel sind im winterlichen Stockholm immer gut, dank Schneekanonen auf dem Hammarbybacken, einem ehemaligen Schuttberg mit vier Pisten und einem Snowboard-Park (www.skistar.com/hammarbybacken).

Eislaufen, Stockholm

Die große Eisbahn am Kungsträdgården ist besonders in den Abendstunden beliebt

Kunstvoll durch die Wintermonate in Stockholm

Strahlende Wintersonne lässt Schnee auf den Dächern schmelzen, Sturzbäche aus Regenrinnen überfluten die Bürgersteige, wo das Wasser im Schatten schnell wieder gefriert: Also schlittere ich mehr, als dass ich gehe zu Fotografiska, dem Tempel für moderne Fotografie im ehemaligen Zollamt nahe dem Fährterminal. Hinter der Backsteinfassade werden jährlich vier große Ausstellungen gezeigt, das Café eröffnet einen weiten Blick über die Altstadt Gamla Stan und die Inseln Djurgården und Skeppsholmen (Stadsgårdshamnen 22, http://fotografiska.eu). Dort, auf der anderen Seite des Strömmen, des bis in die Stadt hineinreichenden Ostseearms, liegt meine Lieblingsinsel. Sie ist über eine Brücke mit goldener Krone in der Mitte des Geländers erreichbar: Weil Skeppsholmen jahrhundertelang bis 1968 Militärbasis und Sperrgebiet war, wirkt die Insel wie aus der Zeit gefallenen. Zwischen historischen Gebäuden wie der Garnisonskirche oder Wohnhäusern für die Leibgarde des Königs sticht das Moderna Museet hervor und glänzt mit Ausstellungen und einer Sammlung, die Werke von Picasso, Matisse oder Andy Warhol umfasst (Exercisplan 4, www.modernamuseet.se/stockholm).

Shopping im Stockholmer Winter

So wie Michael Asplund ist auch sein Showroom: freundlich, klar, unaufdringlich, aufs Wesentliche konzentriert, gelassen und doch bestimmt. Für feinstes schwedisches Design, kreativ und handwerklich gefertigt, stehen die Brüder Michael und Thomas seit mehr als 25 Jahren, seit der Kunsthändler und der Banker ihre Galerie Asplund gründeten, »um Möbel als Kunstobjekte zu präsentieren«. Michael zeigt mir leichtfüßige Tische, die zu schweben scheinen, und Teppiche, die Gemälden gleichen (Sibyllegatan 31, www.asplund.org). Auch für kleinere Budgets steckt die Stadt voller Fundgruben, besonders in Södermalm, speziell in Sofo, »Söder om Folkungagatan«, dem Szene-Quartier südlich der Folkungagatan. Vergleiche mit dem Prenzlauer Berg hinken, weil »Söder« trotz zahlreicher Shops, Bars und Cafés ein intaktes Wohnviertel vor allem für junge Familien
geblieben ist, noch jedenfalls. Traditionelle Holzschuhe mit neuem Chic präsentieren Swedish Hasbeens (Nytorgsgatan 36A, www.swedishhasbeens.com). Junge Damen im Retrolook fabrizieren nebenan bei Pärlans Konfektyr Karamellbonbons mit Schmelz (Nytorgsgatan 38, https://parlanskonfektyr.se). Schnee und Regen trotzt man stilvoll in Stutterheims Raincoats (Åsögatan 136, https://stutterheim.com). Und voller Vintage-Schätze von Möbeln bis Bekleidung steckt der Secondhandladen der christlichen Stadtmission (Skånegatan 75, www.stadsmissionen.se).

Lesen in Stockholm

Momente der Ruhe lassen sich im Stockholmer Winter überall finden, zum Beispiel im Moderna Museet

Wo Sie schwedische Köstlichkeiten genießen können

Mit Glück ergattere ich zum Lunch in SoFo einen Platz im rappelvollen Restaurant des Urban Deli, einem von 8 bis 24 Uhr geöffneten Bio-Laden mit überwältigender Frischetheke inklusive Austern und Hummer. Der in Meerrettich marinierte Lachs mit Fenchel, Gurke und Dillmayonnaise schmeckt köstlich, der Preis ist moderat (Nytorget 4, www.urbandeli.org). Freunde des schwedischen Köttbullar kommen im Meatballs for the people auf ihre Kosten, wo es mehr als zehn Varianten von Fleischbällchen gibt (Nytorgsgatan 30, http://meatball.se). Design, Handwerk und Kochkunst gehen im Woodstockholm eine gelungene Verbindung ein: Das auf einem Hügel gelegene Ecklokal ist Möbelladen, Weinbar und Restaurant zugleich. Der nordische Gourmetführer »White Guide« lobt besonders die Themen-Menüs. Ich probiere in Erinnerung an Tore Wretmann, den »Godfather der schwedischen Hausmannskost«, zartes Lamm in Dillsoße. Am liebsten hätte ich auch meinen Stuhl gekauft (Mosebacke torg 9, www.woodstockholm.com). An kalten Wintertagen verstehe ich, warum die Fika, die wärmende Kaffeepause, in Schweden ein Must ist: Schon von Weitem lockt der Röstgeruch in die Kaffeebar Johan & Nyström (Swedenborgsgatan 7, https://johanochnystrom.se). Schräg gegenüber: die Bageri Petrus, ein Backwaren-Paradies (Swedenborgsgatan 4 b) – besonders am Fetten Dienstag! Am Dienstag zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch gönnen sich die Schweden die ebenso köstlichen wie kalorienreichen Semlor, Hefeteigbrötchen mit Kardamom, einer Schicht Marzipan und einer ordentlichen Portion Vanillesahne – als letzte süße Sünde vor der Fastenzeit.

Schöne Unterkünfte in Stockholm

Im neuen Stadtteil Hammarby Sjöstad, zuvor Industriegebiet, liegt das Motel L, das frisches Design und günstige Preise vereint. Die Grafikerin Lisa Bengtsson hat verspielte Dekors entworfen, der Skiberg ist nebenan, und nach Södermalm pendelt eine kostenlose Fähre (Hammarby Allé 41, www.motel-l.se, DZ ab 75 €). Über Geschichte stolpert man im Hotel Hellstens Glashus: Ein unebener Werkstattboden prägt die Lobby, denn einst wurden hier Glocken für Schwedens Kirchen gegossen. Industrial Chic und modernes Design machen das Gebäude, das auffällt durch seine gläserne Fassade, zum angenehmen Standort im lebendigen Södermalm (Wollmar Yxkullsgatan 13, www.hellstensglashus.se, DZ ab ca. 115 €). Wenn abends die letzten Museumsbesucher gegangen sind, haben die Gäste des Hotel Skeppsholmen quasi eine Insel für sich: Ursprünglich als Marine-Unterkünfte zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebaut, beherbergt das sorgsam restaurierte Ensemble heute ein stilvolles Designhotel für anspruchsvolle Gäste (Gröna Gången 1, www.hotelskeppsholmen.se, DZ ab ca. 204 €).

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