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Bothy Schottlands wilde Nächte: So gelingt die Hütten-Tour durchs Hochland

Blick auf eine Wildschutzhütte an einem Fluss vor imposanter Bergkulisse
Wild verteilt in ganz Schottland befinden sich die sogenannten Bothies - Wildschutzhütten, die kostenfrei für jedermann nutzbar sind. Manche Koordinaten der entlegenen Orte sind trotz der Digitalisierung bis heute nur über Mundpropaganda zu bekommen
© mauritius images / Helen Hotson / Alamy / Alamy Stock Photos
Geoff Allan lernte die schottischen Schutzhütten während seiner Zeit als Student in Edinburgh kennen und lieben. Seitdem besuchte er alle ihm bekannten teilweise mehrfach und schrieb mit "The Bothy Bible" und "Scottish Bothy Walks" zwei so erfolgreiche Bücher über die Bothies, dass er jahrelang hauptberuflich durch Schottland wandern konnte. Im Interview erzählt er von seiner Faszination, seinen Lieblingsorten und gibt hilfreiche Tipps

Für alle, die das erste Mal von Bothies hören. Was genau verstehen die Schotten darunter und was macht sie so einzigartig?

Der Name Bothy stammt von dem gälischen Begriff "bothan" oder dem walisischen "bwthyn" und bedeutet in etwa "kleine Hütte". Anders als die meisten das vielleicht aus den Alpen kennen, wurden diese Hütten nicht extra entlang bekannter Wege oder unterhalb der Gipfel gebaut, um Wanderer zu beherbergen, sondern sie waren bereits vorhanden. In den meisten Fällen wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, als viele Menschen die Highlands verließen, um woanders zu arbeiten und sesshaft zu werden. Auf ein ganzes Dorf folgte dann oftmals eine Person oder Familie, zum Beispiel ein Schäfer, der dann in der Abgeschiedenheit lebte. Sie liegen also wild verteilt in ganz Schottland. Es sind diese Hütten, die heutzutage als Bothies genutzt werden. Die Idee, diese verlassenen Hütten als Wildschutzhütten zu nutzen, kam Anfang der 1930er-Jahre auf, als viele Menschen in Schottland arbeitslos waren und durch das Land zogen. In den Hütten suchten sie Schutz. Seit 1965 verwaltet und renoviert die NGO Mountain Bothies Association (MBA) knapp 100 Hütten im Land. Sie sind unverschlossen und kostenfrei zugänglich für jedermann.

Wann hast du das erste Mal von den Bothies gehört und was hat dich daran so fasziniert?

Ich komme aus Suffolk, in der Nähe von London. Aber meine Familie war immer viel draußen. Ich wandere seitdem ich sieben bin. Zum Studium bin ich nach Schottland gezogen und habe mich dem Wanderclub der Uni angeschlossen. Dort habe ich das erste Mal von dem Konzept Bothy gehört und konnte es nicht glauben, dass es ein ganzes Netzwerk dieser Hütten in Schottland gibt. Damals gab es weder ein Buch noch eine Webseite, wo die Koordinaten der einzelnen Hütten zu finden waren. Alles ging über Mundpropaganda. Meine erste Tour führte mich dann zu dem wunderschönen Ort Clambaan. Dieses Gefühl, einfach losziehen zu können, kostenlos an den schönsten Orten Schottlands zu übernachten, die Landschaft für sich zu haben, war und ist noch heute sehr reizvoll. Seit dem ersten Trip war ich nahezu besessen von Bothies. Ich hatte stets eine Liste an Hütten, die ich noch besuchen wollte.

Mit dem Einzug der digitalen Medien hat sich doch sicherlich einiges geändert. Oder sind die Koordinaten der Hütten bis heute nur über Mundpropaganda zu bekommen?

Nein, mit dem Moment in dem die Mountain Bothies Association den Status einer gemeinnützigen Organisation erhielt, war sie verpflichtet gewisse Dinge offenzulegen. So auch die Hütten, die sie pflegten. Auf einen Schlag waren knapp 100 Bothies samt ihrer Koordinaten im Netz zu finden. Das wurde in der Outdoor-Community natürlich sehr kontrovers diskutiert. Aber bis heute gibt es etwa 80 oder 90 Wildschutzhütten, die eben nirgendwo zu finden sind und von deren Existenz man nur erfährt, wenn man jemanden trifft, der schon dort war. Ich finde es bemerkenswert, dass das in unserem digitalen Zeitalter noch möglich ist. Aber ich denke, es ist Teil der Bothy-Erfahrung. Wenn man etwas gefunden hat, das kaum jemand kennt, dann möchte man dieses Geheimnis auch für sich behalten. Zumindest die Schotten ticken so.

Es war also ein feiner Grad, auf dem ich mich mit meinem ersten Buch "The Bothy Bible" bewegt habe. So habe ich beispielsweise bewusst darauf verzichtet, die genauen Koordinaten von The Secret Howff zu nennen, das hätte man mir sicherlich verübelt.

Kommen wir auf deine Bücher zu sprechen. Bis auf das genannte Beispiel hast du dort viele Bothies genau lokalisiert. Das gab nicht nur gute Verkaufszahlen sondern auch Kritik. Aufgrund deines Buches wären nun die "falschen Menschen" unterwegs, hieß es zum Beispiel. Wie bist du damit umgegangen?

Ja, es gibt bis heute Menschen, die nicht gut auf mich zu sprechen sind, die die Meinung vertreten, ich hätte den Zauber der Bothies für alle zerstört. Dabei ist ein Großteil der Hütten, die ich besucht habe, genauso auf der Webseite der MBA zu finden. Insbesondere im Netz waren die persönlichen Angriffe teilweise sehr verletzend. Ich bin dazu übergegangen, mir keine Kommentare oder Rezensionen mehr durchzulesen und mich mehr auf das persönliche, positive Feedback zu konzentrieren.

Außerdem vertrete ich die Meinung: Wer ist eigentlich der Wächter über dieses Wissen? Ich konnte all diese schönen Orte besuchen und kennenlernen, warum sollten andere Menschen das nicht auch dürfen? Solange sie sich an die Bothy-Netiquette halten, sehe ich das Problem nicht. Natürlich gibt es Hütten, die inzwischen mehr besucht werden, als vorher. Aber auch hier: Wer sind die "falschen Menschen"? Bothies sind offen für alle und jeden und wer sie besucht, sollte das akzeptieren und sich mit den Menschen, auf die man trifft, arrangieren. Auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick nicht jemand sind, mit dem man sich im Alltag austauschen würde, ist es doch gerade eine Chance über den eigenen Tellerrand zu schauen und für mich Teil des Bothy-Erlebnisses. 

Geoff Allan sitzt am Kamin in einer Bothy
Geoff Allan sagt, er hatte nie viel Geld, aber immer viel Freiheit. Seit seinen Studienzeiten Ende der 1980er-Jahre hat er alle ihm bekannten Bothies besucht und inzwischen zwei Bücher darüber geschrieben
© Jonathan Andrews

Du hast es bereits angesprochen. Man kann eine Bothy nicht buchen, entsprechend auch nicht vorab wissen, ob sie bereits belegt ist. Was mache ich, wenn ich ankomme und die Bothy ist bereits belegt?

Es gibt das Prinzip: Für einen mehr ist immer Platz. Es gibt einige Bothies, bei denen es clever ist, ein Zelt mitzubringen. Aber insbesondere bei schlechtem Wetter wird immer versucht, alle in der Hütte unterzubringen.

Und was erwartet mich vor Ort? Wie kann ich mir eine Bothy von innen vorstellen?

Für die meisten Hütten gilt: Es gibt keine Elektrizität oder fließendes Wasser, aber oftmals einen Ofen und oder einen Kamin. Es gibt Schlafnischen oder Podeste. Vereinzelt gibt es Tische, Stühle oder gar einen Sessel. Wasser holt man sich vom nächsten Fluss und es gibt einen Spaten für den Toilettengang. Die Bandbreite ist sehr weit - einige sind nahezu so gut ausgestattet wie Hostels, andere eher kalt und leer. Es liegt also an Dir, diese Orte zu einem Zuhause zu machen. Du musst sie mit Leben füllen.

Was darf auf einer Wanderung zu einer Bothy also nicht im Rucksack fehlen?

Am besten nimmt man all das mit, was man auch für eine Nacht im Zelt mitnehmen würde. Plus Kerzen, etwas Feuerholz oder Kohle, Extraklamotten, die nach der Wanderung warm und trocken halten sowie eine Belohnung oder etwas, was du vor Ort genießen möchtest. Ich bringe mir zum Beispiel immer frisches Gemüse mit, um vor Ort zu kochen oder eine Flasche Wein oder Whisky, die man dann mit den anderen vor Ort am Feuer teilen kann.

Nun hätte ich gerne noch deinen Expertenrat. Nachdem du nahezu alle Bothies besucht hast: Welche sind deine Favoriten und warum?

Ich nenne Dir drei und sage Dir auch gleich, für wen sie am besten geeignet sind. Starten wir mit "The Lookout" auf der Isle of Skye. Dieser alte Aussichtsposten liegt erhaben auf der Klippe Rubha Hunish und bietet spektakuläre Aussichten auf das Meer und die Äußeren Hebriden. Wer zur richtigen Jahreszeit kommt, kann mit etwas Glück und dem Fernglas sogar Wale beobachten. Da die Wanderung hierhin nur knapp drei Kilometer beträgt, bietet sich The Lookout hervorragend für Familien an. Hier verbringt man auch eher nur den Tag, als über Nacht zu bleiben. Eine gute Option die Bothies kennenzulernen.

Die wohl bekannteste Bothy ist Shenavell. Ich war mindestens sieben Mal bereits dort, weil es einfach unbeschreiblich schön ist. Die nächste Straße liegt fast eine Tageswanderung entfernt. Man ist also mitten in der Wildnis im Windschatten der Südhänge von An Teallach. Shenavell befindet sich an dem relativ beliebten Cape Wrath Trail und ist durchaus gut besucht. Hier empfiehlt es sich also, ein Zelt mitzunehmen. Die Wanderung würde ich eher Menschen empfehlen, die bereits etwas erfahrener sind.

Die dritte Bothy, die empfehlen möchte, ist Staioneag. Ich glaube, das ist die Bothy, die ich in meinem Leben am häufigsten besucht habe. Grund dafür ist auch, dass sich der Ausgangspunkt für die Wanderung nur per Zug erreichen lässt und nicht mit dem Auto - ich besitze nämlich keins. Die Bothy ist sehr schön und bettet sich in eine weitläufige Hügellandschaft. Staioneag hat einen ganz eigenen Charme und zieht sehr viele verschiedene Menschen an. Auch weil sie sich ohne Auto erreichen lässt. Ich habe hier bereits eine Familie getroffen, die sich sonst keinen Urlaub hätte leisten können und die Sommerferien dann einfach dort verbracht hat. Hier sind eben nicht nur Wanderer und Outdoor-Menschen unter sich. Diese Bothy finde ich, wäre der perfekte Einstieg, um auch über Nacht zu bleiben. Das Bothy-Erlebnis einfach mal auszuprobieren.


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