Blütenpracht und Geschichte Welterbe-Gärten am Mittelrhein: Im Tal der grünen Oasen

Gartenreich: In Oberwesel können gleich fünf grüne Oasen besucht werden. Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn
Gartenreich: In Oberwesel können gleich fünf grüne Oasen besucht werden. Foto
© Bernd F. Meier/dpa-tmn
Grüne Oasen verschönern das Unesco-Welterbe zwischen Koblenz, Bingen und Rüdesheim. Zwischen schiefergrauen Berghängen und engen Flussschleifen knüpfen sie ein Netz voller Geschichten und Geschichte.

"Wir unternehmen eine Zeitreise ins Mittelalter. Sind sie bereit dazu?" So ermuntert Gärtnermeister Kai Wernecke seine Besuchergruppe auf der Marksburg oberhalb von Braubach. Mit Schlafmohn, Wurmfarn, Alraune und Tollkirsche wachsen "Hexen- und Zauberpflanzen" in den Beeten.

Rund um die Südseite der wehrhaften Burg gedeihen im anschließenden Kräutergarten etwa Zitronenmelisse, Rosmarin, Estragon, Lavendel und Brunnenkresse. Im Nutzgarten nebenan entdecken die Besucher Möhren, Lauch, Porree, dicke Bohnen und Dinkel. Das Gartengrün vereint insgesamt 150 verschiedene Pflanzen.

Der mittelalterliche Schaugarten der Marksburg ist einer der 37 Burg- und Schlossgärten und Stadtparks unter den Welterbe-Gärten in Rheinland-Pfalz und Hessen. Privates Gartengrün, der Arenberger Bibelgarten in Koblenz mit spiritueller Gestaltung und der Hildegard von Bingen-Heilkräutergarten in Bingen zählen ebenfalls zu dem Verbund.

Zwischen Flusskilometer 526 und 593

Die grünen Oasen fügen sich ein in das Miteinander mittelalterlicher Bauwerke, malerischer Stadtbilder und steiler Weinberge am kurvigen, engen Flusslauf. Prägend ist der schroffe Loreleyfelsen bei St. Goarshausen an der tiefsten und engsten Stelle des Flussabschnitts. Daher wurde das Obere Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz im Juni 2002 als erste deutsche Kulturlandschaft zum Unesco-Welterbe ernannt.

Seit knapp 15 Jahren besteht das Netzwerk der Welterbegärten zwischen den Flusskilometern 526 und 593 links und rechts des Stroms im Oberen Mittelrheintal. "Nach der Koblenzer Bundesgartenschau 2011 hat eine Fachjury die Parks und Gärten ausgewählt", so Nicole Schuh, Projektleiterin beim Zweckverband Oberes Mittelrheintal in St. Goarshausen.

Den Machern des Gartenverbundes war wichtig, eine erlebbare Mixtur aus historisch gewachsenem Grün wie auch neueren Parkanlagen und Privatgärten zu schaffen. Projektleiterin Schuh ist sicher: "Der Zusammenschluss der Welterbegärten ist in Deutschland einzigartig."

Von Anbeginn im Verbund ist der über 700 Quadratmeter große Privatgarten von Waltraud und Ernst Feuerpfeil in dem Flecken Lorch-Ransel, oberhalb des Rheintales auf der Hochebene gelegen. Wer Feuerpfeils Grün betritt, der wird überwältigt von der üppigen Blumenpracht.

Mediterraner Touch und Mittelalter-Fake

Geschwungene Wege führen vorüber an zahllosen Stauden und Sträuchern, hinter jeder Kurve warten neue Gartenbilder: Ehrenpreis, Taglilien, Muskatellersalbei, Echinacea und Katzenminze entfalten im Hochsommer ihre Blütenpracht in schillernden Farben.

Hobbygärtnerin Feuerpfeil: "Nahezu das ganze Jahr wird durchgeblüht." Ihr Garten ist für das aktive Rentnerpaar ein Ort des Wohlfühlens, den sie am Welterbetag (erster Juni-Sonntag) auch für Besucher öffnen.

Hinüber zur anderen Rheinseite und über den steilen Serpentinenpfad hinauf zur Burg Rheinstein. Wie ein Adlernest thront die imposante Ritterburg am Abhang, rund 100 Meter über dem Rheinstrom. Mittelalterlich ist das Bauwerk allerdings nicht.

Zwar deuten Funde auf ein frühes Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert hin. Doch die heutige Burg ist gerade mal 200 Jahre alt. Preußen-Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig ließ Rheinstein ab 1825 aufbauen. Mit Türmen und Türmchen sowie zinnenbewehrten Mauern ganz im Stil des damaligen Zeitgeistes – der Rheinromantik.

"Auch der Garten wurde romantisch angelegt, mit mediterranem Touch. Das zeigt der in Archiven dokumentierte Schriftwechsel des Adligen mit seinen Architekten und den Bauleuten." So erzählt es Burgherr Marco Hecher, dessen Großvater 1975 die damals arg heruntergekommene Burganlage gekauft hatte und mit Millionenaufwand restaurieren ließ.

Kleinode im Stadtzentrum

Als Schmuckstück gilt der Burgundergarten, der seinen Namen nach den dort wachsenden drei knorrigen Rebstöcken bekam. Mehr als 70 Jahre alt sollen sie sein. "Das schätzen jedenfalls Weinbauexperten", so Burgherr Hecher.

Zur Burg Rheinstein kommen die allermeisten Besucher, um die besondere Atmosphäre einer mittelalterlich nachempfundenen Ritterburg auf sich wirken zu lassen. Burgherr Hecher hat beobachtet: "Einige wollen allerdings nur den Garten sehen."

Ein paar Kilometer flussabwärts in Oberwesel können gleich fünf grüne Oasen besucht werden: der Pfarrgarten von St. Martin, der Vikariegarten der gotischen Liebfrauenkirche, der Stadtmauergarten und schließlich die beiden Gärten am ehemaligen Minoritenkloster: Klostergarten und der in den 1990er-Jahren angelegte Barockgarten nebenan. "Es sind unsere Kleinode inmitten des eng bebauten Stadtzentrums", so Gästeführerin Ilona Haberkamp.

Viele fahren vorbei

Besondere Ruhe strahlt der Garten vor der Klosterruine aus, dessen älteste Mauerreste aus dem 13. Jahrhundert stammen. Vom Nutzgarten über einen Friedhof bis zur heutigen stillen Oase mit seltenen Gehölzen wie Trompetenbaum, Ginkgo und Himalaya-Zeder reicht die wechselvolle Geschichte. Haberkamp sagt: "Die Oberweseler Gärten sind noch unentdeckt, viele Reisende fahren an unserer Stadt vorbei."

Mit dem Ziel Bingen-Rochusberg? Aus vieler Herren Länder kommen Gartenfreunde nämlich zu dem kleinen, unscheinbaren Hildegard von Bingen-Heilkräutergarten. Japaner, Australier und Amerikaner wollen die Heilpflanzen der bedeutenden frühmittelalterlichen Ärztin, Mystikerin und Theologin sehen.

Vor Ort erläutert Kräuterexpertin Andrea Senn: "Der Garten wurde nach alten Plänen mit Heilpflanzen und Obstbäumen angelegt. Deren Heilwirkung hat die Naturforscherin in ihrem Buch Physica beschrieben."

Vom frühen Mittelalter der Sprung ins 19. Jahrhundert, und nordwärts auf die Höhen von Koblenz. Wie eine unsichtbare Klammer umschließen der Hildegard-Garten und der spirituelle Bibelgarten in Koblenz-Arenberg die grünen Oasen am Rhein.

Im Bibelgarten, gestaltet ab 1845 von dem berühmten Gartenbauarchitekten Peter Joseph Lenné, erzählen 60 Bildstöcke, Kapellen und Grotten die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi und seiner Eltern Josef und Maria. Faszinierend und in unserer hektischen Welt zugleich eine Stätte der Besinnung und Meditation.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Oberes Mittelrheintal zwischen Bingen und Koblenz, die Gärten sind auf beiden Seiten des Rheins.

Anreise: Es gibt zahlreiche IC- und Regionalzug-Verbindungen auf beiden Seiten des Flusses zwischen Koblenz und Bingen sowie zwischen Ehrenbreitstein und Rüdesheim (bahn.de; mittelrheinbahn.de). Mit dem Auto beträgt die Fahrtzeit etwa ab Berlin rund sieben Stunden, ab München über fünf und ab Köln ca. eindreiviertel Stunden.

Beste Reisezeit: April bis Ende Oktober

Die Welterbe-Gärten: Zwischen Bingen und Koblenz gibt es 37 Welterbe-Gärten und Parkanlagen, Burggärten und Promenadenparks – unterschiedlicher könnte das Grün im Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal kaum sein (welterbe-mittelrheintal.de/welterbe-gaerten/alle-gaerten-im-ueberblick).Fähren als schwimmende Brücken: Zwischen Mainz und Koblenz sind Fähren die einzige Möglichkeit den Rhein zu überqueren. Verbindungen bestehen zwischen Bingen und Rüdesheim (bingen-ruedesheimer.de/rheinfaehren), Niederheimbach und Lorch (mittelrhein-faehre.de), Oberwesel und Kaub (faehre-kaub.de), St. Goar und Goarshausen (faehre-loreley.de) sowie Boppard und Filsen (faehre-boppard.de). Nachts verkehren die Fähren nicht.

Unterkünfte: Besonders romantisch sind die Burghotels, etwa in Trechtingshausen auf den Burgen Reichenstein (burg-reichenstein.com) und Rheinstein (burg-rheinstein.de), in Bacharach auf Burg Stahleck (bacharach.de/a-burg-stahleck), in Oberwesel auf der Schönburg (hotel-schoenburg.com), in Kaub auf Burg Gutenfels (burg-gutenfels.de) und auf Burg Liebenstein in Kamp-Bornhofen (castle-liebenstein.com). In den Orten am Rhein gibt es zudem zahlreiche Hotels und Pensionen, außerdem mehrere Camping- und Wohnmobilplätze direkt am Rhein.

Weitere Infos: romantischer-rhein.de; welterbe-mittelrheintal.de; rlp-tourismus.com/de