Foodwatch-Analyse Bericht enthüllt: Agrarministerium beschönigt die Zustände in der Tierproduktion

Schönfärberei statt Realität: Die Informationsportale des Bundeslandwirtschaftsministeriums zeichnen ein einseitiges Bild vom Leben in deutschen Ställen. Das zeigt nun eine Analyse von Foodwatch
Kälber auf der Weide

Trügerisches Weide-Idyll: Jede fünfte Milchkuh lebt heute in tierschutzwidriger Anbindehaltung

Kastenstandhaltung, Fehlbetäubungen, Kükenschreddern: Die Liste der Missstände in der deutschen Tierproduktion ist lang. Doch davon will man in dem zuständigen Ministerium offenbar nichts wissen. Eine Analyse der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch zeigt nun: Mit Steuermitteln werden Verbraucher tendenziös und einseitig beschönigend über die Zustände in deutschen Ställen und auf deutschen Schlachthöfen informiert.

Für den Bericht nahmen die Experten die Informationsportale landwirtschaft.de und tierwohl-staerken.de unter die Lupe, die im Auftrag des Bundesministeriums und nach eigenen Angaben die Öffentlichkeit „durch unabhängige und objektive Information“ über die Tierproduktion aufklären. Das Ergebnis: „Die Missstände im Bereich der Tiergesundheit und beim allgemeinen Befinden der Tiere werden auf den Webseiten weder ausgewogen noch umfassend dargestellt“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Die überwiegende Mehrzahl der tierschutzwidrigen Missstände werde dagegen ausgeblendet.

Kein Wort über tote, kranke, verletzte Tiere in der Turbo-Mast

Zum Thema Schweinehaltung etwa werde zwar erwähnt, dass klimatisierte Ställe „ein hohes Maß an Hygiene“ gewährleisteten. An keiner Stelle findet sich dagegen der Hinweis, dass jedes Jahr 13 Millionen Schweine – rund ein Fünftel aller Tiere – die Mast nicht überleben. Auch dass viele Tiere vor der Tötung nicht ausreichend betäubt sind, unterschlagen die Info-Seiten. Die Bundesregierung teilte auf eine Anfrage der Grünen mit, dass bis zu 12,5 Prozent der Tiere ohne Betäubung getötet werden.

„Ferkelschutzkörbe“, so ist auf landwirtschaft.de zu lesen, „sollen verhindern, dass die Muttersau ihre Nachkommen versehentlich erdrückt“. Das klingt so weit sinnvoll. Allerdings weisen nicht nur Tierschützer, sondern auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) darauf hin, dass Kastenstände für die Muttertiere hohen Stress und Frustrationen ebenso mit sich bringen wie ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen und Verhaltensstörungen.

Auf der Seite tierwohl-staerken.de wird als erstes Beispiel für die Haltung von Milchkühen die Mutterkuhhaltung angeführt, bei der die Kälber bis zu neun Monate bei der Mutter bleiben, meist auf der Weide. So könnte der Eindruck entstehen, dass das die vorherrschende Haltungsform ist. Tatsächlich jedoch ist das die Ausnahme. Und etwa jede fünfte Kuh muss sogar das ganze Jahr angebunden im Stall stehen.

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Ministeriums-Experten deutlich kritischer als die Informationsportale

Mit der einseitig beschönigenden Informationspolitik, darauf weist Foodwatch hin, wiederspricht das Landwirtschaftsministerium auch seinen eigenen Experten. So bezeichnete der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik die gegenwärtige Nutztierhaltung als „nicht zukunftsfähig“ – unter anderem wegen häufig auftretender Krankheiten. Es gebe "erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz".

„Statt der Öffentlichkeit ein realistisches Bild über die Zustände in den Ställen zu vermitteln, betreibt die Bundesregierung massive Schönfärberei“, resümiert Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und Kampagnenleiter bei Foodwatch. Sie hintertreibe dadurch den längst überfälligen gesellschaftlichen Diskurs über eine tiergerechte Nutztierhaltung.