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Altlasten des Krieges 1,6 Millionen Tonnen Munition bringen Schweinswale in Gefahr

Sprengungen von Munitionsaltlasten können für Schweinswale tödlich enden
Sprengungen von Munitionsaltlasten können für Schweinswale tödlich enden
© IMAGO / Norbert Fellechner
Auf dem Grund der deutschen Nord- und Ostsee rosten Millionen Tonnen Weltkriegs-Munition vor sich hin. Experten, Bundestagsfraktionen und Umweltverbände sind sich einig: Sie müssen schnell und umweltverträglich beseitigt werden

Die kleinste Wal-Art ist zugleich auch die einzige, die in deutschen Gewässern vorkommt: Der Schweinswal fühlt sich in Nord- und Ostsee wohl. Aber in seinem Lebensraum ist es in den vergangenen Jahrzehnten immer unruhiger geworden. Der Schiffsverkehr nimmt zu, es werden immer mehr Fundamente für Windparks auf hoher See in den Meeresboden gerammt. Weitere Baustellen, wie der Fehmarnbelttunnel, kommen hinzu. Und manchmal detonieren auch Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im Jahr 2019 sprengte ein NATO-Flottenverband 39 britische Seeminen vor der Ferieninsel Fehmarn – in einem Naturschutzgebiet und ohne jede Schutzvorrichtung, etwa einen Blasenschleier, der die Druckwelle auffängt. Bei der Aktion kamen mindestens zehn Schweinswale ums Leben. Vor einigen Wochen konnte eine weitere Munitionssprengung in letzter Minute verhindert werden. Auf der Trasse des Fehmarnbelttunnels war eine Bombe entdeckt worden. Die Sprengung wurde verschoben – bis ein Blasenschleier verfügbar war. Ein solcher, durch Druckluft erzeugter Vorhang aus Blasen rund um den Ort der Detonation fängt die Wucht der Detonation ab.

Was tun mit 1,6 Millionen Tonnen Munition?

"Altlasten aus dem Krieg ohne jeden Schallschutz zu sprengen, verstößt gegen geltendes Naturschutzrecht", sagt Meeresexperte Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). Das eigentliche Problem liege aber viel tiefer.

Das "eigentliche Problem" sind Millionen Tonnen Bomben, Minen, Torpedos und andere Waffen und Munition, die am Ende des Zweiten Weltkriegs und danach in Nord- und Ostsee versenkt wurden – sowohl von deutschen als auch von alliierten Truppen.

Experten schätzen, dass auf dem Grund der Nordsee 1,3 Millionen Tonnen liegen, weitere 300.000 Tonnen werden in der Ostsee vermutet: eine hoch gefährliche Altlast des Weltkriegs. Denn viele der Sprengkörper sind noch voll funktionsfähig. Und wo der Rost sich durch die Metallhülle gefressen hat, treten giftige, teils krebserregende Chemikalien aus, die in die Nahrungskette gelangen.

Der Vorwurf der Naturschützer: "Seit Jahrzehnten versäumt es die Politik, eine Strategie zum Umgang mit Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee zu entwickeln. Das Zögern der Bundesregierung rächt sich jetzt", sagt Detloff. Leidtragende könnten die Schweinswale sein.

Denn weil Meerwasser und Rost an den Altlasten nagen, drängt die Zeit. Sprengungen – die schnellste Lösung – gefährden allerdings nicht nur die streng geschützten Wale, sondern auch Fische und andere Meeresorganismen. Zudem könnten geschützte Riffe irreversibel zerstört werden.

In der zentralen Ostsee gibt es nach Angaben des NABU nur noch rund 500 Schweinswale. Der Bestand ist – wie in der Nordsee auch – abnehmend. "Ob ertrunken im Stellnetz oder getötet bei der Sprengung von versenkter Weltkriegsmunition: Jeder tote Schweinswal ist einer zu viel. Die Politik muss entschlossen handeln," sagte NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

Sachverständige und Bundestagsfraktionen einig

Der Bundestag jedenfalls scheint sich weitgehend einig zu sein. Nach den Fraktionen von CDU/CSU und SPD fordern nun auch FDP und Bündnis 90/die Grünen eine vollständige, umwelt- und tierschonende Bergung der Altlasten unter der Führung Deutschlands.

Unterstützung erhalten die Fraktionen und die Umweltverbände von Sachverständigen wie Jens Greinert vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Es sei dringend nötig, sagte er diese Woche im Umweltausschuss des Bundestages, eine verantwortliche Stelle zu etablieren und eine Bestandsaufnahme in den Munitionsversenkungsgebieten vorzunehmen. Von einer drohenden ökologischen Katastrophe sprach Mikhail Maistrenko von der Russischen Staatlichen Hydrometeorologischen Universität.

Der NABU fordert nun den Aufbau eines Kompetenzzentrums von Bund und Ländern, ein 100-Millionen-Euro-Sofortprogramm zum Start einer Pilotkampagne zur umweltverträglichen Räumung von Munitionsaltlasten in der Ostsee und den Aufbau mobiler Entsorgungskapazitäten. "Das hilft nicht nur dem Schweinswal, sondern auch dem Forschungs- und Industriestandort Deutschland", sagt Andreas Krüger.


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