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Artenschutz Conservation Gardening: Gärten als Zufluchtsort für seltene Pflanzen

Die Traubenhyazinthe Muscari botryoides wird auf der deutschen Roten Liste als "gefährdet" geführt, wird aber häufig als Zierpflanze verwendet und hat ihren Bestand in den letzten Jahrzehnten um 65 Prozent erhöht
Die Traubenhyazinthe Muscari botryoides wird auf der deutschen Roten Liste als "gefährdet" geführt, wird aber häufig als Zierpflanze verwendet und hat ihren Bestand in den letzten Jahrzehnten um 65 Prozent erhöht
© Klaus Brauner / Adobe Stock
Viele heimische Pflanzenarten kämpfen um das Überleben. In Gärten und öffentlichen Grünflächen könnten sie eine Zuflucht finden

Gärtnern im eigenen Garten oder auf dem Balkon liegt im Trend. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen etwas für die Artenvielfalt tun. Das brachte Forschende des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der Universität Leipzig und anderer Einrichtungenauf eine Idee: In den Zeiten von Flächenversiegelung und intensiver Landwirtschaft können Naturinteressierte Gärtner*innen einen Beitrag zum Naturschutz leisten – indem sie bedrohte heimische Arten pflanzen.

"Öffentliche und private Gärten und Grünflächen könnten eine zentrale Rolle für die Erhaltung der Pflanzenvielfalt spielen", sagt die Erstautorin der Studie, Josiane Segar laut einer Pressemitteilung. "Doch hierfür wäre eine Trendwende im Gartenbau nötig."

Das ökonomische Potenzial, so schreiben die Forschenden im Fachblatt Nature Sustainability, sei jedenfalls enorm: Im Jahr 2018 gaben die Deutschen 8,7 Milliarden Euro für Pflanzen aus. In der Corona-Pandemie seien die Ausgaben für Grünes und Blühendes sogar um neun Prozent gestiegen. Zudem sei das Bewusstsein vieler Menschen für den Artenschwund in der Landschaft – und dessen Ursachen – gestiegen.

Heimische Pflanzenarten trotzen dem Klimawandel

Die Vorteile heimischer Pflanzenarten liegen auf der Hand: Sie sind nicht nur schön anzusehen, sondern versorgen nicht nur Honigbienen, sondern auch spezialisierte Insekten mit Nahrung. Und da viele von ihnen an trockene Standorte angepasst sind, haben sie gute Chancen, auch die schleichenden Veränderungen im Zuge der Klimakrise zu bewältigen.

Als Beispiele nennt Senior-Autor Ingmar René Staude von der Universität Leipzig die Acker-Hundskamille,  die Korn-Flockenblume oder die Große Braunelle, die allesamt auf der Vorwarnliste der Roten Liste stehen. Sogar für den Balkon geeignet seien die Kartäuser-Nelke, der Schwarzwerdende Geißklee und die Berg-Aster, von denen die letzteren beiden als "gefährdet" gelten.

Eine zentrale Rolle bei der Kehrtwende sollen nach dem Willen der Forschenden Baumärkte und Gartencenter übernehmen. Sie müssten dafür mit dem Markt für heimisches, zertifiziertes Saatgut verzahnt werden.

Viele Pflanzenarten leiden unter dem Verlust ihres Lebensraums

Weiterhin schlagen die Forschenden vor, die Vermarktung solcher Saaten durch Mehrwertsteuersenkungen gezielt zu fördern und die Vergabekriterien für öffentliche Aufträge an Gartenbauunternehmen entsprechend anzupassen.

Regionsspezifische Listen rückläufiger Arten könnten den Erhalt besonders bedrohter Pflanzen in Gärten und Grünflächen sicherstellen. "Wir sind gerade dabei, eine regionsspezifische Liste für Leipzig zu erstellen", sagt Ingmar René Staude. "Hier sind von den rund 1700 Arten etwa 600 stark zurückgegangen oder gar verschwunden".

Botanische Gärten, Universitäten, Naturschutzverbände, Nachbarschaftsgemeinschaften oder die öffentliche Verwaltung könnten darüber hinaus Wissen und Pflegetipps für heimische Arten bereitstellen.

Viele einheimische Arten leiden unter dem Verlust ihres Lebensraums, etwa durch die landwirtschaftliche Nutzung oder den Straßen- und Siedlungsbau. Jeden Tag wird Schätzungen zufolge in Deutschland eine Fläche von mehr als 80 Fußballfeldern erschlossen und bebaut. Hierzulande sind 76 heimische Pflanzenarten schon ausgestorben, mehr als ein Viertel aller hier vorkommenden Pflanzarten werden immer seltener.


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