Ölindustrie in der Nordsee Brent Spar und die Folgen

Am 30. April 1995 enterten Greenpeace-Aktivisten die Öl-Plattform Brent Spar - um ihre Versenkung in der Nordsee zu verhindern. Mit dabei: Greenpeace-Öl-Experte Christian Bussau. Mit ihm sprachen wir über die folgenreiche Kampagne. Und einen peinlichen Lapsus

GEO.de: Herr Bussau, Sie waren 1995 als Aktivist auf der Brent Spar. Was war für Sie der bewegendste Moment?

Christian Bussau: Das war die Räumung am 23. Mai. Shell hatte eine riesige Plattform neben die Brent Spar schleppen lassen und traf Vorbereitungen. Ein Kran wurde ausgerüstet mit einem Metallkorb, um Sicherheitskräfte auf dem Helikopterdeck abzusetzen. Meine Aufgabe war es, die Treppe zu blockieren, die vom Helikopterdeck zum Arbeitsdeck führte. Als die Shell-Leute in den frühen Morgenstunden gelandet waren, kam ein aufgeregter Shell-Mitarbeiter und forderte mich auf zu gehen. Er zog an mir, aber ich war mit einem Schloss festgekettet. Er fragte mich auf englisch, wo der Schlüssel sei, aber ich behauptete, ihn nicht zu verstehen. Nun hatten wir fast zwei Tage lang ganz dicht neben der Shell-Plattform gelegen und uns gegenseitig belauert. Also sagte er: "I know you very well, your english is quite good."

Brent Spar und die Folgen

Protestierte vor 20 Jahren an Bord der Brent Spar gegen deren Versenkung: Dr. Christian Bussau, Meeresbiologe und Greenpeace-Öl-Experte

Brent Spar und die Folgen

16. Juni 1995: Greenpeace-Aktivisten besetzen zum zweiten Mal die ausgediente Ölplattform Brent Spar. Shell-Mitarbeiter und Sicherheitskräfte versuchen, sie mit Wasserwerfern daran zu hindern

20 Jahre später: Was machte die Brent Spar-Kampagne zum Erfolg?

Der entscheidende Erfolg ist das Plattform-Versenkungsverbot, das die Umweltminister der Nordostatlantik-Anrainerstaaten 1998 einstimmig beschlossen. Wir haben immer gesagt, es geht nicht nur um diese eine Plattform. Es ging darum, einen Präzedenzfall zu verhindern. Denn die Brent Spar war die erste Plattform, die im Meer versenkt werden sollte. Zu einer Zeit, als Altpapier- und Altglascontainer schon zum Alltag gehörten, wollten wir aufzeigen: Industrieschrott gehört nicht ins Meer!

Während der Brent-Spar-Kampagne hatte Greenpeace mit einer falschen Zahl argumentiert. Angeblich 5500 Tonnen Öl und Gift sollten sich noch an Bord der Plattform befinden. Tatsächlich waren es 130 ...

Die Kampagne dauerte vom 30. April bis zum 20. Juni 1995, als Shell aufgab. Vier Tage vor Ende der Kampagne gaben wir eine Presseerklärung in Großbritannien heraus, zwei Tage vor Ende der Kampagne in Deutschland, in der wir nicht mehr mit der von Shell selbst herausgegebenen Zahl arbeiteten - rund 130 Tonnen schwach radioaktive und ölige Schlämme - sondern mit einem eigenen Schätzwert. Als klar war, dass unsere Zahl nicht stimmte, haben wir uns bei Shell entschuldigt. Dennoch wurde uns später vorgeworfen, wir hätten mit falschen Zahlen die öffentliche Meinung manipuliert. Das ist falsch. Die Öffentlichkeit und viele Politiker standen zu diesem Zeitpunkt längst auf unserer Seite. Umso ärgerlicher, dass uns kurz vor Schluss der Kampagne dieser Fehler unterlief.

Öffentliche Meinung hin oder her: Ist es wirklich ökologischer, Ölplattformen an Land zu entsorgen?

Im Auftrag von Shell hat die Klassifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas im Oktober 1997 einen Report vorgelegt, in dem sechs Entsorgungsoptionen untersucht und verglichen werden. Dieser Report belegt eindeutig, dass gerade bei den Emissionen und Energieverbräuchen die Tiefsee-Entsorgung nicht am besten abschneidet. Sondern die Entsorgung an Land. Aufgrund dieses Reports entschied sich Shell endgültig gegen eine Versenkung.

Wissenschaftler hatten sich auch in der Zeitschrift "nature" für eine Versenkung ausgesprochen. Von seltenen Kaltwasserkorallen war zu lesen, die an den Unterwasserteilen siedelten ...

Wenn Sie ein Auto reinigen und die Karosserie in einem Wald abstellen, werden Sie nach drei oder vier Jahren beobachten, dass sich in dem Autowrack das Leben tummelt. Mäuse haben sich eingenistet, Vögel ziehen ihre Jungen auf. Die Natur besiedelt eine neue Struktur sofort. Das hat aber mit Umweltschutz, wie wir ihn verstehen, nichts zu tun. Sie wollen doch nicht in einem Wald spazieren gehen, in dem Autowrack neben Autowrack vor sich hingammelt, auch wenn sie von seltenen Tieren bewohnt werden.

Es heißt, die Brent Spar-Kampagne habe auch die Macht der Konsumenten demonstriert. Aber getankt wurde weiterhin, bei Esso und BP ...

Natürlich, eigentlich hätte man überhaupt nicht mehr tanken dürfen. Aber ohne diese Unterstützung und die Boykotte hätten wir die Versenkung nicht verhindern können, und das Versenkungsverbot gäbe es heute vielleicht nicht. Nach der Kampagne ging auch bei den anderen Ölkonzernen die Angst um, beim nächsten Mal könne es sie treffen. Auch zwischen 1995 und 1998 wurden Plattformen entsorgt. Da ist doch niemand auf die Idee gekommen, noch einmal eine Versenkung zu probieren.

Ist die Erdölförderung in der Nordsee dank des Versenkungsverbots ein sauberes Geschäft?

Ich bin regelmäßig mit Schiffen draußen bei den Plattformen. Ich bin mehrmals rübergeflogen. Fast immer haben wir eine enorme Ölverschmutzung rund um die Plattformen festgestellt. Allein durch den Normalbetrieb wurden 1995 rund 20.000 Tonnen Öl in die Nordsee eingeleitet. Heute ist es die Hälfte, aber das entspricht immer noch einem mittelschweren Tankerunglück. Dazu kommt die Verschmutzung durch Hunderte von registrierten Unfällen. 2007 waren bei einem Unfall 4000 Tonnen von einer norwegischen Plattform ausgelaufen. Stellen Sie sich mal vor, was hier los wäre, wenn so eine Menge bei einem Unglück vor der deutschen Küste freigesetzt würde.

Die Ölproduktion in der Nordsee ist seit 2000 rückläufig. Erledigt sich das Problem damit nicht irgendwann von selbst?

Das Problem wird sich nur verlagern. In der Nordsee wird es in 50 Jahren vielleicht keine Plattformen mehr geben, denn die Öl- und Gasfelder in der Nordsee sind mehr oder weniger leergepumpt. Aber die Ölkonzerne dringen in andere Gebiete vor, in die Tiefsee und in die ökologisch sensible Arktis. Dort gibt es wegen der kalten Temperaturen kaum Selbstreinigungskräfte, Bergungsarbeiten sind viel schwieriger durchzuführen. Es dauert Jahrzehnte, bis freigesetztes Öl von Bakterien zersetzt wird. Darum geht es bei unserer Kampagne zum Schutz der Arktis.

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