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Emissionen 83 Tonnen pro Person: Tourismus beschleunigt Schneeschmelze in der Antarktis

King George Island
Passagiere auf dem Weg zu einem Schiff auf King George Island. Auf einem rund 2000 Kilometer langen Abschnitt von der Insel nördlich der Antarktischen Halbinsel bis zu den südlich davon gelegenen Ellsworth Mountains entnahmen die Forschenden insgesamt 155 Schneeproben
© mauritius images / All Canada Photos / Alamy / Alamy Stock Photos
Zahlreiche Länder betreiben in der Antarktis Forschungsstationen und auch immer mehr Touristinnen und Touristen entdecken die entlegene Region als Reiseziel. Das bleibt nicht ohne Folgen

Forschung und Tourismus hinterlassen auch in der Antarktis ihre Spuren: Der Verkehr und der Betrieb von Forschungs- und Versorgungseinrichtungen führen zur Bildung von Ruß, der sich auf dem Schnee ablagert und ihn abdunkelt. Dies bremse die Rückstrahlung des Sonnenlichts und lasse den Schnee schneller schmelzen, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachmagazin "Nature Communications". Ihren Berechnungen zufolge beschleunige ein Tourist über diese Prozesse das Abschmelzen von rund 83 Tonnen Schnee. In den betroffenen Regionen könne die Schneedecke im Sommer um bis zu 23 Millimeter schrumpfen.

Ruß entsteht bei unvollständiger Verbrennung von Kohlenstoff, etwa in Dieselmotoren, Kohleöfen oder auch bei Waldbränden. Wenn sich der Ruß auf Schnee ablagert, wird einfallendes Sonnenlicht weniger stark zurückgeworfen - das Rückstrahlvermögen, die sogenannte Albedo, sinkt. Stattdessen wird das Sonnenlicht stärker absorbiert, die resultierende Wärme begünstigt das Schmelzen des Schnees.

Ruß kann über weite Entfernungen transportiert werden

Ruß kann über weite Entfernungen transportiert und fern seiner Entstehung abgelagert werden. In der Antarktis spiele das aber eine untergeordnete Rolle, schreiben die Wissenschaftler um Raul Cordero von der Universidad Santiago de Chile. Hauptsächlich seien lokale Emissionen für die Rußablagerungen verantwortlich, die etwa von Forschungs- und Touristenschiffen, Generatoren, Helikoptern oder Lastwagen stammten.

So entlegen und unberührt wie oft angenommen sind nämlich zumindest einige Regionen der Antarktis nicht. Erst kürzlich hatte eine Studie gezeigt, dass der Kontinent über den Schiffsverkehr mittlerweile mit vielen Regionen der Welt verbunden ist. Zwischen 2014 und 2018 gab es demnach von 58 Häfen weltweit Direktverbindungen an die Küsten der Antarktis, wie Wissenschaftler im Fachmagazin "PNAS" berichteten.

Forschenden nehmen Schneeproben
Die Forschenden nahmen Schneeproben in vier aufeinander folgenden antarktischen Sommern an insgesamt 28 Stellen
© AntarcticaCL

Derzeit seien allein 76 Forschungsstationen in Betrieb, die im Sommer etwa 5500 Menschen Platz böten, schreibt nun das Team um Cordero. Die meisten davon liegen in den Küstenregionen, etwa die Hälfte im nördlichen Teil der Antarktischen Halbinsel und den dazugehörigen Archipelen. Dort landeten auch die meisten Touristen an: Allein in der Saison 2019/2020 seien 74 000 Touristen in die Antarktis gekommen - ein Drittel mehr als noch im Jahr zuvor. Die meisten kommen per Schiff, manche auch mit dem Flugzeug.

Um die Folgen der menschlichen Präsenz zu untersuchen, nahmen die Forscher nun 155 Schneeproben in vier aufeinander folgenden antarktischen Sommern an insgesamt 28 Stellen. Diese lagen auf einem rund 2000 Kilometer langen Abschnitt von der King George Island nördlich der Antarktischen Halbinsel bis zu den südlich davon gelegenen Ellsworth Mountains. Die Forscher filtrierten den geschmolzenen Schnee, um Ruß- und andere lichtabsorbierende Teilchen zu trennen, und bestimmten dann deren Menge.

Zahlreiche neue Infrastruktur-Projekte in der Antarktis

Sie ermittelten eine durchschnittliche Rußmenge von zwei bis vier Nanogramm pro Gramm Schnee in der Umgebung von Forschungsstationen und touristischen Landeplätzen. Das sei weniger als in anderen entlegenen Regionen der Welt, etwa auf dem Tibetischen Plateau oder in den Anden, aber höher als in einsameren Regionen des antarktischen Kontinents, wo die Wissenschaftler eine Belastung von rund einem Nanogramm pro Gramm maßen.

Im Zusammenhang mit der Forschung würden vor allem der Verkehr und die Nutzung von Dieselgeneratoren Ruß erzeugen. In den vergangenen Jahren habe es zahlreiche neue Infrastruktur-Projekte in der Antarktis gegeben, durch die die Emissionen vermutlich gestiegen seien. Im Tourismus würde die Ruß-Belastung im Wesentlichen über die Emissionen der Schiffe erzeugt. Die International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO), der Verband der Antarktis-Reiseveranstalter, umfasse mittlerweile mehr als 50 Anbieter, die eine Flotte von 54 Schiffen betrieben und etwa in der Saison 2019/2020 ganze 378 Fahrten unternommen hätten.

Mit dem Eintreten des Verbandes für ökologisch verantwortlichen Tourismus habe es einige positive Entwicklungen gegeben. Es müsse aber mehr getan werden, schreiben die Forscher. So sollte die Zahl der Touristen in der Antarktis begrenzt und die Umstellung auf hybride oder elektrische Schiffsantriebe beschleunigt werden. Auch die Forschungsaktivitäten sollten mit Blick auf die Rußbelastung optimiert werden.

Anja Garms, dpa

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