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Interview "Holz als Brennstoff um die halbe Welt zu fahren, ist Unfug"

Der Biologe Pierre Ibisch ist Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Der Biologe Pierre Ibisch ist Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde
© Evgeny Makarov für GEO
Der deutsche Wald ist angezählt. Im Interview erläutert der Biologe Pierre Ibisch, was nun nötig ist - und warum er die Idee, Energieholz aus Afrika zu importieren, für Unfug hält

GEO.de: Meteorologen warnen vor der vierten Dürreperiode in Folge. Wie steht es um den Patienten Wald?

Pierre Ibisch: Der Zustand ist in weiten Teilen des Landes wirklich kritisch. Die Wasservorräte im Boden sind teilweise aufgezehrt. Wir haben eine außergewöhnliche Dürre, die Bäume sind geschwächt. Gerade, wenn Dürreperioden mehrere Jahre anhalten, geraten Ökosysteme potenziell an Kipppunkte.  

Zurzeit erarbeitet das Bundeslandwirtschaftsministerium eine "Nationale Waldstrategie 2050". Gehen die Ideen in die richtige Richtung?

Mich hat der Entwurf sehr enttäuscht. Die Analyse ist nicht hinreichend, eine komplexe Betrachtung der Ursachen der Schäden findet gar nicht statt. Es wird ausgeblendet, dass die Waldnutzung, die Holznutzung selbst zum schlechten Zustand der Wälder beigetragen haben könnte, zudem werden keine quantifizierbaren Ziele genannt. Das Dokument hat nicht den Charakter einer Strategie. Der Klimawandel wird zwar angesprochen, aber so, als wüsste man schon, wie darauf zu reagieren sei. Waldbau, Holzernte: Alles muss auf den Prüfstand.

Was hätten Sie sich gewünscht?

Als erstes wäre ein interdisziplinäres und partizipatives Gutachten notwendig gewesen. Die legitimen Interessen der Holznutzer hätten ebenso einfließen müssen wie die Wissenschaft zu den ökologischen Grundlagen. Es gibt Abertausende Studien zum Wald, und es ist einer Wissensgesellschaft wie der deutschen eigentlich unwürdig, in einer Nationalen Waldstrategie derart viele Wissensbereiche nicht an den Anfang zu stellen oder sogar ganz auszuklammern. Gerade jetzt, wo wir es mit einer enormen Unsicherheit zu tun haben.

Ein Beispiel?

Es gibt Hunderte von Studien, die die Schädlichkeit von Kahlschlägen belegen. Und was passiert gerade in Deutschland? Auf Hunderttausenden von Hektar sterben Bäume in Monokulturen. Die werden jetzt mit großer Hektik kahlgeschlagen. Überall in Deutschland sind nun nackte Böden zu besichtigen, es kommt zu Erosion, gespeicherter Kohlenstoff wird abgebaut. Ein anderes Beispiel: Bei der Bewertung von geeigneten Baumarten gehen die Meinungen weit auseinander. Manche meinen, die nordamerikanischen Douglasien werden das schon packen. Andere befürchten, dass eingeschleppte Schädlinge nach dem Fichten- ein Douglasiensterben verursachen könnten. Wir benötigen eine differenzierte Bewertung von Risiken.

Was halten Sie von der Idee, den Wald einfach machen zu lassen?

Den Vertrauensverlust von Förstern, die meinen, dass unsere heimischen Ökosysteme jetzt nichts mehr können, teile ich nicht. Auf Flächen, auf denen nach Sturmschäden Holz liegen gelassen wurde, haben wir jetzt artenreiche, strukturreiche Waldbestände. Es gibt eine Notwendigkeit, dem Wald Zeit und Raum zu geben, damit er sich selbst regeneriert. Das tut er nämlich nach wie vor. Und es gibt klare Indizien, dass er das auch in Zukunft, unter sich verschlechternden Klimabedingungen, tun kann.

Über die Hälfte der Holzernte in Deutschland wird mittlerweile in Öfen und Kraftwerken verbrannt. Und wenn es nach dem Willen der Stadt Hamburg geht, kommt bald Holz aus Afrika hinzu. Zu entsprechenden Plänen haben Sie ein Gutachten für die Deutsche Umwelthilfe erstellt. Mit welchem Ergebnis?

Da wir aus der Nutzung fossiler Energieträger aussteigen wollen, scheint Biomasse eine geeignete Alternative darzustellen - allerdings verbunden mit einem enormen Nutzungsdruck auf die Wälder. Woher soll das Holz kommen? Darum schaut man sich auf anderen Kontinenten um.

In Namibia wurde nun zwar das Problem der "Verbuschung" von Landschaften identifiziert, die vorher offener waren und teilweise als Weideland genutzt wurden. Sie werden stärker von Holzpflanzen bewachsen – unter anderem wegen vermehrter Niederschläge und wegen des steigenden CO2-Gehalts der Atmosphäre. Aber mal abgesehen davon, dass Gehölze einen positiven Einfluss auf Bodenbildung, Bodenfeuchtigkeit und Mikroklima haben: Statt der von den Projektentwicklern angenommenen jährlichen Verbuschungsrate von 3,18 Prozent kommen andere Studien auf der Grundlage von Satellitendaten nur auf 0,22 Prozent.

Es könnte also weit weniger Holz anfallen, als Hamburg hofft ...

Genau. Zudem kommt es bei der Rodung vor Ort zur Freisetzung von CO2 aus dem Boden, und die Transportemissionen verschlechtern die Klimabilanz des Holzes zusätzlich. Mit so etwas einen Klimaschutzeffekt zu erzielen, ist nicht realistisch. Im Gegenteil, man sorgt damit unter Umständen für eine Verschlechterung von Ökosystemen in einem ohnehin trockenen Land.

Ihr Fazit?

Das Projekt ist ein schönes Beispiel dafür, dass man aufpassen muss, sich nicht von einer Tasche in die andere zu lügen, indem man seinen ökologischen Fußabdruck einfach auf anderen Kontinenten hinterlässt. Wenn Namibia sich entscheidet, Buschholz zu ernten und in Kraftwerken zu verbrennen, sollte man das vor Ort tun. Holz als Brennstoff um die halbe Welt zu fahren, ist geradezu Unfug.


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