Hambacher Forst "Wann, wenn nicht jetzt, wird diesem unsinnigen Einsatz Einhalt geboten?"

Mit dem Tod eines Journalisten hat der Streit um den Hambacher Forst einen traurigen Höhepunkt erreicht. Der prominente Naturführer Michael Zobel, der in dem Konflikt eine Vermittlerrolle übernommen hat, ist fassungslos. Wir sprachen mit ihm über das Vorgehen von RWE, Politikern und Polizei
Naturführer Michael Zobel

Will die "besonnenen Kräfte" im Wald stärken: Naturführer und Aktivist Michael Zobel

Gestern starb im Hambacher Forst ein Journalist, die Räumungsarbeiten sind vorerst ausgesetzt. Was bedeutet der Vorfall für den Streit zwischen RWE, Landesregierung, Waldbesetzern und Kohlegegnern?

Ich war in der vergangenen Nacht bis zum Morgengrauen im Hambacher Wald mit vielen Menschen sehr nah an der Unglücksstelle. Und wir alle konnten und können immer noch nicht fassen, was geschehen ist. Trotz der Geschehnisse dröhnten die Generatoren, leuchteten die Flutscheinwerfer die Baumhäuser aus, wurde der Wald wie in den Vortagen fast hermetisch abgeriegelt. Ich frage mich: Wann, wenn nicht jetzt, kehrt Besinnung ein, wird diesem unsinnigen Einsatz Einhalt geboten? Lasst uns wieder Luft holen und vernünftig miteinander reden. Wir brauchen nicht noch mehr Verletzte oder Tote.

Ihre regelmäßigen "Waldspaziergänge" fanden nicht immer in einem so dramatischen Kontext statt ...

Meine Freundin und ich bieten diese Führung sein viereinhalb Jahren an. Zum ersten Termin kamen 50 Leute, das fanden wir sensationell. Am vergangenen Sonntag haben wir bei 7500 aufgehört zu zählen. Der Charakter der Führung hat sich natürlich verändert. Am Anfang waren es ungefähr zu drei Vierteln Naturführungen, und zu einem Viertel ging es um große Politik und Energieversorgung. Dieses Verhältnis hat sich umgekehrt. Aber das geht auch gar nicht anders, weil es ein so wichtiges, aktuelles Thema ist und die Lage sich im Moment dramatisch zuspitzt. Am vergangenen Sonntag durften wir zum ersten Mal nicht in den Wald. Das war keine Führung, sondern eher eine Demonstration.

Machen Sie trotzdem weiter?

Ja, denn es passiert gerade sehr viel. Es gibt die Mahnwache, es gibt die Waldspaziergänge, kleinere oder größere Demonstrationen, Peter Wohlleben hat sich angekündigt, Unterstützung kommt von Grünen und Linken, der Deutschen Waldjugend … Gestern habe ich in einem großen Aachener Kindergarten gearbeitet. Als wir aus dem Wald zurückkamen, standen am Eingang Eltern, um Unterschriften und Geld für die Waldbesetzer zu sammeln. So etwas passiert überall in der Gegend. Wir haben sehr viel Rückenwind gerade, und auch die Medien sind zu großen Teilen auf unserer Seite. Unter anderem, weil der herbeigeredete Widerstand nicht stattfindet.

Die befürchtete Eskalation ist ausgeblieben?

Es gibt eine extreme Diskrepanz zwischen dem, was angeblich alles passieren würde und dem, was jetzt wirklich passiert. Im Sommer fing es an mit dem Verfassungsschutzbericht des Landes NRW. In dem steht sinngemäß, die Besetzer im Hambacher Forst gefährdeten die freiheitlich demokratische Grundordnung. Das war ein erster Schritt über eine Grenze hinaus, der nicht hätte passieren dürfen. Gewalttäter, hieß es dann, würden aus ganz Europa anreisen. Natürlich gab es im Wald auch Menschen, die nicht an einer friedlichen Lösung interessiert waren. Aber das darf man nicht zu hoch hängen. Vor drei Wochen verlautbarte das Innenministerium, im Wald habe die Polizei bei Erkundungen ein ausgeklügeltes Tunnelsystem entdeckt, über das Aktivisten in den Wald eingeschleust würden.

Was die Aachener Polizei umgehend dementierte ...

Ein weiteres Beispiel: Nach einer Durchsuchung wurden Fotos von Waffen präsentiert, die gefunden worden seien. Eine Nachfrage ergab dann, dass die Fotos zwei Jahre alt waren. Es habe sich nur um Beispiele zu Illustrationszwecken gehandelt. Da wurde unverantwortlich Öl ins Feuer gegossen. Jetzt läuft der Einsatz seit einer Woche, und was ist passiert? Die Polizei, zu der ich gute Kontakte habe, meldet nach fünf Tagen Einsatz mit bis zu 4000 Polizisten zwei leicht Verletzte. Beide konnten weiterarbeiten. Das passt überhaupt nicht zusammen mit dem, was herbeigeredet wurde. Und ich glaube, das mobilisiert viele Menschen, die das nicht hinnehmen wollen.

Sie kennen den Wald wie kaum ein anderer. Was macht ihn eigentlich so besonders?

Die Gegend hier ist nicht sehr waldreich. Da ist jeder größere Wald eine wichtige Oase. Der Hambacher Wald war mit bis zu 5500 Hektar der größte des Rheinlandes – von dem heute nur noch rund 500 Hektar übrig sind. Hier sind zwei Baumarten prägend, nämlich Stieleichen, die ältesten davon vielleicht dreihundert Jahre alt, und Hainbuchen. Und im Frühjahr blühen dazwischen Maiglöckchen, früher millionenfach, jetzt nur noch in kleinen Inseln. Solche Stieleichen-Hainbuchen-Maiglöckchen-Wälder sind so selten, dass selbst der kleine Rest des Hambacher Waldes der größte dieser Art in Mitteleuropa ist. Nach europäischen Naturschutz-Richtlinien müsste er ohne Diskussion unter Schutz gestellt werden. Mir geht es aber nicht nur um die Botanik. Ich habe hier in den vergangenen viereinhalb Jahren fantastische Menschen kennengelernt. Für mich gehört beides zusammen.

Zurzeit deutet trotz des tragischen Todesfalls wenig auf ein Einlenken von RWE hin. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass in einem oder zwei Jahren dieser Wald nicht mehr existiert. Aber ein Slogan auf den Demos ist „Hambi bleibt“, und ich sage immer, auch wenn der Wald weg ist, der Hambacher Forst bleibt, in den Herzen und Köpfen der Menschen. Wer das hier erlebt hat, mit dem passiert was. Vor zweieinhalb Jahren hat mich ein ARD-Team auf einer Führung begleitet. Als die Teilnehmer weg waren, sind wir noch mal in den Wald gegangen und haben ein Interview gemacht, an einer dieser großen Eichen. Eine Frage war: „Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?“ Meine Antwort: „Ich möchte in zehn Jahren an dieser Eiche wieder ein Interview mit Ihnen machen!“ Wenig spricht dafür, dass es so kommt, aber ich glaube an dieses Wunder. Sonst könnte ich diese Arbeit nicht machen.

Sie sind Deutschlands bekanntester Naturführer. Wie kommen Sie mit so viel Öffentlichkeit klar?

Als ich vor 18 Jahren als Naturführer und Waldpädagoge angefangen habe, war ich sehr stolz, wenn in den Aachener Nachrichten für den nächsten Samstag eine Pilzführung angekündigt wurde und mein Name dabeistand. Was sich hier im Moment abspielt, speziell in den letzten zehn Tagen, das konnte ich nicht ahnen, das nimmt Ausmaße an ... Jetzt ruft mich die New York Times an. Das ist irre, und es macht mich auch stolz. Aber ich mag keinen Personenkult, und ich bin nur ein kleiner Teil dieser ganzen Bewegung. Und wenn überhaupt noch etwas helfen kann, um den Wald zu retten, dann ist es eine immer größer werdende Öffentlichkeit. Dazu trage ich gerne meinen Teil bei.

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