Deutschlands erster Vegan-Professor "Vegane Eltern stehen unter Beobachtung"

Markus Keller ist Deutschlands erster Professor für vegane Ernährung. Im Interview mit GEO.de spricht er über Eltern, die ihre Kinder rein pflanzlich ernähren, eine neue Ernährungsstudie und Vitamin B12
Vegane Ernährung

Eine aktuelle Studie geht der Frage nach, wie es vegan ernährten Kindern geht

Sie sind Deutschlands erster Professor für vegane Ernährung. Ist Veganismus jetzt kein Lifestyle mehr, sondern Wissenschaft?

Mit dem Thema beschäftigt sich die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Aber es wird immer wichtiger, auch weil die Zahl der Veganer und die Nachfrage nach Informationen zu den Vorteilen und Herausforderungen veganer Ernährung wächst. Es ist also nur konsequent, dem Thema auch eine akademische Heimat zu geben.

Werden Ihre Argumente denn jetzt ernster genommen?

Ich selbst forsche und publiziere ja schon seit vielen Jahren zu dem Thema. Der Titel schadet natürlich in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion nicht, aber er ändert auch nichts an den Forschungsinhalten oder den methodischen Herangehensweisen. Ich werde weiter sachlich und wissenschaftlich argumentieren – unabhängig von meinen eigenen Überzeugungen, Emotionen und ethischen Erwägungen.

Sie wollen die Idee der veganen Ernährungsweise voranbringen. Was spricht denn dafür?

Unser Hauptinteresse ist nicht in erster Linie, die vegane Lebensweise zu verbreiten. Sondern es geht uns vor allem darum, aufzuklären und die wissenschaftlichen Fakten darzustellen. Was die Ethik anbelangt, ist klar: Sobald wir tierische Produkte konsumieren, ist damit Tierleid verbunden. Die ethische Motivation ist auch für über 90 Prozent der Veganer der wichtigste Grund, tierische Produkte zu meiden. An zweiter Stelle, schon mit deutlichem Abstand, folgt die Gesundheit. Dann kommt noch das Thema Ökologie und Welternährung. Uns geht es vor allem darum, die gesundheitlichen Aspekte zu beleuchten: Wo hat die vegane Ernährung Vorteile und wo gibt es mögliche Probleme und Herausforderungen?

Apropos Probleme: Eine aktuelle Studie ergab, dass zehn Prozent der vegan lebenden Kinder unterhalb der WHO-Referenzstandards und damit zu klein waren für ihr Alter …

Das war die VeChi Diet-Studie, die ich natürlich gut kenne, weil wir sie konzipiert haben und zusammen mit Wissenschaftlern der Uni Bonn durchführen. Wir vergleichen dabei Kleinkinder von 1-3 Jahren, die vegan, vegetarisch oder mit Mischkost ernährt werden. Was leider ein bisschen untergegangen ist: Die zehn Prozent stammen aus einer vorläufigen Zwischenauswertung. Inzwischen haben wir über 100 Kinder mehr in der Studie, also insgesamt 420 Kinder. Der Anteil der veganen Kinder, die von der Größe her auffällig sind, ist auf etwa fünf Prozent gesunken. Aber natürlich muss man das ernst nehmen. Es kann ein Hinweis sein, dass in der Ernährung irgendetwas nicht optimal läuft. Es kann aber auch sein, dass die Eltern relativ klein sind, dass Erkrankungen vorliegen oder dass vegane Säuglinge sehr lange gestillt wurden, bevor Beikost gegeben wurde. Wir haben den betroffenen Eltern jedenfalls empfohlen, sicherheitshalber Rücksprache mit dem Kinderarzt zu halten.

Prof. Markus Keller

Der Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Markus Keller ist Leiter des Studiengangs Vegan Food Management an der Fachhochschule des Mittelstands in Köln.

Das negative Echo in der Presse halten Sie für nicht gerechtfertigt?

In der Presse war die Schlagzeile: "Jedes zehnte vegane Kind zu klein!" Doch die Größe ist nur ein Aspekt von vielen. Immerhin bedeutet das aber, dass der ganz überwiegende Teil der veganen Kinder normal groß und schwer war. Abgesehen davon hatten wir bei den veganen Kindern auch einige Ausreißer nach oben, also Kinder, die deutlich größer sind als üblich in dem Alter. Wenn wir uns etwa die Nährstoffzufuhr ansehen, den eigentlichen Hauptteil unserer Studie, sieht die Sache schon differenzierter aus. Beispielweise lag die durchschnittliche Kalziumzufuhr in allen drei Gruppen unter der Empfehlung, wobei die veganen Kinder die niedrigste Zufuhr hatten. Bei der Eisenzufuhr waren hingegen die veganen Kinder die einzige Gruppe, die die Referenzwerte erreicht hat. Auch bei Vitamin C hatten die veganen Kinder im Schnitt die höchste Zufuhr. Man muss also das Gesamtbild betrachten.

Dieselbe Studie zeigt: Vegane Kinder erreichen sogar nur wenig mehr als die Hälfte der empfohlenen Kalziumzufuhr ...

Das Problem ist bekannt: Kalzium ist besonders dann ein kritischer Nährstoff, wenn Milchprodukte wegfallen. Diese Zufuhr muss man ersetzen, etwa mit kalziumreichem Mineralwasser, Nüssen und Nussmusen oder mit Kalzium angereicherten Milch-Alternativen. Man muss aber auch wissen: Die Referenzwerte beziehen sich auf eine Mischkost mit einem höheren Anteil tierischer Proteine. Diese enthalten mehr schwefelhaltige Aminosäuren als eine pflanzenbasierte Kost, was dazu führt, dass mehr Kalzium ausgeschieden wird. Bei veganer Ernährung ist die Kalziumausscheidung geringer. Es könnte also sein, dass man bei einer rein pflanzlichen Ernährung tatsächlich weniger Kalzium braucht. Unsere Empfehlung ist aber nach wie vor, sich in allen Altersgruppen an den Referenzwerten zu orientieren. Wer darunterliegt, sollte, egal bei welcher Ernährungsweise, die Zufuhr optimieren. Insgesamt möchten wir mit unseren Studien dazu beitragen, alltagstaugliche und praxisnahe Empfehlungen für eine gesundheitsfördernde vegane Kinderernährung zu entwickeln, damit auch diese Kinder gesund aufwachsen.

Immerhin scheinen die Eltern der teilnehmenden Kinder gut informiert zu sein. Fast alle gaben ihren vegan lebenden Kindern Vitamin-B12-Tabletten oder -Tropfen ...

Das war eine wichtige Erkenntnis. Wir hatten das allerdings auch so vermutet, denn Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, stehen oft unter starker "Beobachtung" ihrer Umwelt, also Verwandten, Kinderärzten oder teilweise auch schon der Frauenärztin. Aber wie alle Eltern wollen natürlich auch vegane Menschen, dass ihre Kinder optimal gedeihen. Und sie sind deshalb in der Regel gut informiert oder suchen fachliche Beratung. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die gibt es auch bei den Mischköstlern. Auch in dieser Gruppe gibt es Kinder, die alles andere als optimal ernährt werden, mit viel Fast-Food, Weißmehlprodukten und zuckergesüßten Limonaden oder Eistee. Entsprechend haben wir ein zunehmendes Problem mit Übergewicht bei Kindern in der Allgemeinbevölkerung, was wir bei den veganen Kindern nicht haben.

Aus der Vegan-Community ist hin und wieder noch die Meinung zu hören, B12 sei auch in Algen oder anderen "tierfreien" Nahrungsmitteln enthalten ...

Dass Vitamin B12 bei einer veganen Lebensweise supplementiert werden muss, ist wissenschaftlich schon lange unumstritten. Auch bei allen seriösen Verbänden, die die vegane Lebensweise empfehlen, ist das angekommen. In Deutschland sind viele Menschen allerdings skeptisch in Bezug auf Nahrungsergänzungsmittel und finden das Supplementieren unnatürlich. Nur leben wir ja heute ohnehin in einer alles andere als „natürlichen“ Umgebung. Daher raten wir Veganern eindringlich zur Vitamin-B12-Supplementierung, um auf der sicheren Seite zu sein und mögliche schwerwiegende Folgeschäden zu vermeiden. Übrigens nehmen auch Mischköstler einen erheblichen Teil ihrer Vitamin-B12-Zufuhr indirekt über Supplemente auf, nämlich über die Anreicherung des Tierfutters zur Erzeugung von Fleisch und Milch.

Die Grünen sind vor fünf Jahren krachend gescheitert mit der Forderung nach einem Veggi-Day in öffentlichen Kantinen. Ist das Thema für die Politik verbrannt? Oder geht da noch was?

Da muss was gehen. Denn wenn wir das Ganze aus Klimaschutz-Sicht betrachten, haben wir gar keine Alternative dazu, unsere Ernährung deutlich pflanzlicher zu gestalten als das momentan der Fall ist. Nachzulesen ist das auch im Klimaschutz-Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz der Bundesregierung. Da kam zum ersten Mal von einer großen Zahl von Wissenschaftlern in einem offiziellen Gremium die klare Handlungsempfehlung für die deutsche Politik: Wenn wir unsere Klimaschutzziele erreichen wollen, müssen wir den Konsum tierischer Lebensmittel, insbesondere von Fleisch, schnell und deutlich reduzieren. Es ist ja nachvollziehbar: Keiner möchte sich in so private Dinge wie das Essen reinreden lassen. Aber Essen ist eben heute nicht mehr nur Privatsache. Wie ich mich ernähre, hat globale Auswirkungen, unter anderem auf das Klima. Insofern wünsche ich mir von der Politik auch deutliche Schritte zur Umsetzung einer klimafreundlichen Ernährung.

Aktuell werden für eine weitere vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Ernährungsstudie noch Probanden im Alter von 6-18 Jahren in den Regionen Ruhrgebiet/Köln und Berlin gesucht. Informationen dazu: www.vechi-youth-studie.de

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