Klimawandel Hitzewelle im Mai: Tut nicht so überrascht!

Lange haben wir so getan, als ginge uns der Klimawandel irgendwie nichts an. Doch die Mai-Hitze zeigt: Das wird nicht lustig
Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

*** Kolumne "Alles im grünen Bereich" ***

Nach einem 800-Meter-Lauf in Hamburg kollabieren elf Schüler in der Mittagshitze. In einigen Gegenden wird Trinkwasser knapp. Die ersten Gemeinden verbieten das Rasensprengen und Autowaschen. Die Waldbrandgefahr steigt jeden Tag. Bauern fürchten um ihre Ernten. Im Emsland erreicht das Quecksilber 34,2 Grad Celsius: Nicht im Hochsommer in Kalifornien oder in Griechenland. Sondern in Deutschland, im Mai 2018.

Die Chancen stehen gut, dass dieser Mai den bisherigen Rekordhalter des Jahres 1889 ablöst. So wie der Vormonat. Nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 war ein April so warm.

Seit Wochen das gleiche Bild: Während der Süden mit heftigen Gewittern, Überschwemmungen und Hagel eingedeckt wird, schwitzt und dürstet der Norden erbarmungslos. Ob im Büro oder im Bus – überall kann man jetzt bange Fragen hören: Wie soll denn erst der Sommer werden? Und ist das jetzt der Klimawandel?

Auf die erste Frage antworten Meteorologen unaufgeregt: Kann sein, dass es so weitergeht. Kann auch sein, dass es kühler wird. Seriös vorhersagen lässt sich das nicht.

 Brandenburg, Treplin, Weizenfeld
In manchen Landesteilen Brandenburgs gab es im gesamten Monat Mai keine Niederschläge. Viele Betriebe rechnen schon jetzt mit erheblichen Ertragseinbußen. Unter der Trockenheit leiden besonders der Raps, Weizen, Roggen und Gerste

Ja: das ist der Klimawandel

Auf die zweite Frage lässt sich antworten: Natürlich ist das der Klimawandel. Zwar deuten die Prognosen für den Norden Deutschlands langfristig eher in Richtung höhere Niederschläge. Doch Wetterextreme, so viel steht fest, werden sich häufen. Extreme Temperaturen, extreme Niederschläge und zerstörerische Stürme – von all dem wird es in Zukunft mehr geben. Nicht nur am Mittelmeer, sondern auch bei uns.

Richtig überraschend ist das nicht. Klimaforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass die Temperaturen global steigen, dass das Wetter extremer wird. Aber lange haben wir so getan, als ginge uns Mitteleuropäer das irgendwie nichts an. Sicher, das schmelzende Eis und der Meeresspiegel. Aber bauen sie deswegen nicht schon jetzt die Deiche einen halben Meter höher? Was soll schon passieren? Und überhaupt: Was ist schon ein Grad mehr in 150 Jahren?

Werden wir uns halt anpassen. Den Menschen ist doch immer etwas eingefallen. Dann halten wir irgendwann eben auch im Norden Siesta. Das klingt ulkig - ist aber eine fahrlässige Verharmlosung des Problems.

Es wird mehr Hitzetote geben – auch in Deutschland

Schon jetzt ächzen vor allem ältere Menschen unter der Hitze, aber auch Säuglinge und Kleinkinder sind gefährdet. Seniorenheime, Pflegestationen und Krankenhäuser, vor allem in den eng bebauten Städten und asphaltierten Ballungsräumen, werden sich auf weiter steigende Temperaturen einstellen müssen.

In der Hitzewelle des Sommers 2003 starben allein in Deutschland nach Hochrechnungen 7000 Menschen zusätzlich. Es war die wohl größte Naturkatastrophe der vergangenen Jahrhunderte in Europa. Gegen Ende dieses Jahrhunderts könnten solche Katastrophen Normalität sein.

Im Süden Europas sieht es noch dramatischer aus. Bis zum Jahr 2100 rechnen Experten mit insgesamt 152.000 zusätzlichen Todesfällen jährlich – vor allem in den Mittelmeerregionen. Und weltweit werden drei Viertel der Menschheit regelmäßig „tödlichen“ Hitzewellen ausgesetzt sein.

Wir steuern auf 3 Grad und mehr zu

Die jahrelangen Appelle an die Staatengemeinschaft, an Politik, Wirtschaft, Landwirtschaft, Verbraucher, scheinen wirkungslos verhallt zu sein. Die Weltgemeinschaft, vorne mit dabei der Ex-Klimaweltmeister Deutschland, ist trotz des pompös gefeierten Pariser Klimaabkommens in der falschen Richtung unterwegs. Die 2-Grad-Grenze – jene Temperaturerhöhung, jenseits derer die Dynamik des Klimawandel so richtig an Fahrt aufnimmt – ist nicht mehr einzuhalten. Heute steuern wir eher auf eine Erwärmung von 3 Grad zu. Und mehr.

Hören wir auf, uns etwas vorzumachen: Es ist nicht fünf vor, sondern kurz nach zwölf. Es wird jetzt ungemütlich, auch in Deutschland. Und niemand soll sagen: "Wenn wir das gewusst hätten!"

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