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Wetterextreme Verheerender Tornado in Tschechien: Droht uns das auch in Deutschland?

Wetterextreme: Verheerender Tornado in Tschechien: Droht uns das auch in Deutschland?
© Ondrej Deml/CTK/dpa
In Tschechien verwüstet ein Tornado ganze Ortschaften und tötet mehrere Menschen. Der Klimawandel könnte künftig zu mehr solcher Wetterextreme führen – in Deutschland ist vor allem der Südwesten betroffen

Autos fliegen hunderte Meter durch die Luft, Trümmerteile bohren sich in Betonwände, Dächer werden weggeschleudert, die Notrufleitungen sind überlastet. Schwere Sommergewitter und ein Tornado fegen am Donnerstagabend über den Südosten Tschechiens hinweg, töten mindestens fünf Menschen und verletzen 200 weitere – Regierungschef Andrej Babis spricht von einer „Apokalypse“. Rund um die Städte Breclay und Hodonin fallen Hagelkörner in der Größe von Tennisbällen zu Boden, im Weltkulturerbe-Schloss Valtice bersten Fensterscheiben. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes wirbelt der Tornado mit Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 400 Kilometern pro Stunde über Tschechien – „ein Tornado, wie er in dieser Stärke in Europa nur selten vorkam“.

So ungewöhnlich der Fall in Tschechien ist, Tornados an sich sind typische Sommer-Phänomene, sagt der Meteorologe und Klimaforscher Professor Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. „Sie entstehen meistens, wenn kalte und schwülwarme Luftmassen aufeinandertreffen – die allermeisten wachsen als eine Art Schlauch aus den Zellen heftiger Gewitter“, sagt Latif. Wann immer es heftig gewittere, bestehe deshalb theoretisch die Möglichkeit, dass ein Tornado entstehe. „Und wenn wir davon ausgehen, dass die Gewitter mit steigender Temperatur heftiger und häufiger werden, wird es in Zukunft auch mehr Tornados geben.“

Das gilt nicht nur für Tschechien. Auch in Deutschland können sich derartige Tornados bilden. Schon jetzt werden etwa 40 bis 50 davon im Jahr registriert. Eigentlich entstehen sogar noch mehr  – doch nicht alle erreichen den Boden, nicht alle werden von Wetterstationen erfasst, manche verpuffen unbemerkt auf dem Land. Kritisch wird es dann, wenn Menschen betroffen sind. So wie im Juli 1968, als der sogenannte Tornado in Pforzheim über die Stadt im Südwesten hinwegfegte, 1750 Häuser beschädigte, 200 Menschen verletzte und zwei tötete. Dass der Tornado hier wütete, ist kein Zufall: Der Westen und Süden, sagt Latif, sind die Tornado-Hotspots Deutschlands. Genau hier ist es relativ warm und vor allem schwüler als im Rest des Landes. „Und wir stehen erst ganz am Anfang der Klimaerwärmung, in Zukunft wird sich das noch steigern“, sagt Latif.

Die Extreme nehmen zu

Auch wenn die Temperatur seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Deutschland schon um 1,6 Grad Celsius gestiegen ist, hat sich das globale Klima bislang erst um ein Grad Celsius erwärmt. „Wenn wir mal bei zwei, drei oder vier Grad Celsius angekommen sind, werden die Extreme noch deutlicher zunehmen“, sagt Latif. Das gilt nicht nur für Gewitter, sondern auch für andere Wetterextreme – für Hitzewellen mit großer Trockenheit, Starkniederschläge oder Hagel.

Welche Auswirkungen es hat, wenn Luftmassen unterschiedlicher Temperaturen aufeinanderprallen, zeigt sich in regelmäßigen Abständen in den USA und in den Tropen, wo es schon heute deutlich wärmer als in Europa ist. Arktische Kaltluft trifft warme, schwüle Luft aus dem Golf von Mexiko, langegestreckte Gebiete, Alleen genannt, von Tornados entstehen. „So extrem wird es bei uns nicht“, sagt Latif. „Aber auch die Gewitter, aus denen bei uns Tornados entstehen können, formen sich hauptsächlich bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit.“ 

Auch im Südwesten Deutschlands entstehen immer wieder Windhosen - wie sie ein Biker im vergangenen Jahr in der Nähe von Stuttgart fotografierte
Auch im Südwesten Deutschlands entstehen immer wieder Windhosen - wie sie ein Biker im vergangenen Jahr in der Nähe von Stuttgart fotografierte
© IMAGO / 7aktuell

Konkret bilden sich Tornados genau dann, wenn sich feuchtwarme Luft am Boden und trockene und kalte Luft in der Höhe übereinanderschichten. Dadurch entsteht ein Aufwind, immer mehr Luft strömt mit immer größerer Geschwindigkeit ins Innere des Schlauchs.

Tornados entstehen ohne Vorwarnung

Das Gefährliche an Tornados: Im Gegensatz zu Hurrikanen entstehen sie zufällig, tauchen nicht Stunden oder gar Tage vorher auf der Wetterkarte auf. „Ein Tornado ist überhaupt nicht vorhersehbar, die Vorwarnzeit deshalb extrem gering“, sagt Latif. „Bei starken Temperaturgegensätzen und Gewittern besteht immer die Möglichkeit, dass sich ein Tornado entwickelt.“ Wie bei Gewittern ohnehin der Fall, gilt dann: Zuhause bleiben. Bei richtig starken Tornados ist man allerdings nur im Keller geschützt.

Wie stark die Extremwetter zunehmen, hänge jetzt vor allem von der Klimaerwärmung ab, sagt Latif. Die Modelle sind in ihrer Vorhersage zwar begrenzt, aber: „Man muss nicht nur damit rechnen, dass es häufiger Extremwetterereignisse geben wird. Sondern auch, dass man sich irgendwann nicht mehr an sie anpassen kann.“

In Tschechien gehen derweil die Aufräumarbeiten weiter. Noch immer wird nach Verschütteten gesucht, hunderte Feuerwehrleute gehen samt Spürhunden in den zerstörten Gemeinden von Haus zu Haus. Der stellvertretende Bürgermeister der stark betroffenen Gemeinde Hrusky, Marek Babisz, sagte der Agentur CTK, dass der halbe Ort dem Erdboden gleichgemacht worden sei. „Geblieben sind nur die Mauern, ohne Dach, ohne Fenster.“


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