VG-Wort Pixel

Pro- und Contra-Liste Was spricht FÜR und GEGEN das Gendern?

Pro- und Contra-Liste: Die Gender-Debatte eskaliert zum Krieg um das Sternchen. Muss das sein? Die aktuelle GEO-Titelgeschichte ist ein Plädoyer für mehr Gelassenheit und Höflichkeit
Die Gender-Debatte eskaliert zum Krieg um das Sternchen. Muss das sein? Die aktuelle GEO-Titelgeschichte ist ein Plädoyer für mehr Gelassenheit und Höflichkeit
© Pixelvario/shutterstock
Die GEO-Redaktion wird ab sofort mehr auf gendersensible Sprache achten. Zu dieser Entscheidung hat auch eine Pro- und Contra-Liste geführt

Inhaltsverzeichnis

Dieses Dokument ist ein Blick in den Maschinenraum der Redaktion. Eine Arbeitsgruppe aus zwei Frauen und zwei Männern hat über einen längeren Zeitraum zum Thema gendersensible Sprache recherchiert. Sie hat sich in den Kopf von Menschen hinein versetzt, die für oder gegen das Gendern sind, Studien gewälzt und andere Quellen bemüht. Heraus gekommen ist dieses Papier, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und auch keine wissenschaftliche Arbeit sein soll. Vielmehr soll deutlich werden, wie wir zu unserer Entscheidung gelangt sind, nun bei GEO gendersensibel zu formulieren. Wir stellen diese Liste zur Ansicht und Anregung ins Netz.

Mit herzlichen Grüßen
Jens Schröder und Markus Wolff

a) Gesellschaftlich

Pro:

  • Sprache bildet Realität ab, und die gesellschaftliche Realität ist zur Hälfte weiblich. Das gilt universell und weltweit.
  • Gendern macht Frauen in der Sprache sichtbar, bedeutet ihre legitime Repräsentation. Gendern ist damit kein politisches Projekt, sondern betrifft den Grundwert der Gerechtigkeit.
  • Sprache schafft und prägt Realität, sollte also ein Vehikel von Gerechtigkeit, Fairness und Inklusion sein.
  • Gendern kann als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts hin zu einer zunehmend gleichberechtigten, diversen Gesellschaft verstanden werden. 
  • Sprache ist etwas historisch Gewordenes/Geschaffenes und geprägt durch traditionelle männliche Dominanz. Sie ist kein neutrales, unschuldiges System, das auf Gedeih und Verderb auf eine bestimmte Weise beibehalten werden muss.
  • Die Zeiten des Patriarchats sind vorüber, auch in der Sprache. (Die Ablehnungen des Genderns sind lediglich patriarchale Rückzugsgefechte.)
  • Medien haben eine gesellschaftliche Verantwortung, auch im Sprachgebrauch. Das impliziert: gerecht(er) zu formulieren.
  • Medien müssen sich ihrer multiplizierenden, sprachprägenden (Vorbild-) Rolle bewusst sein und diese reflektiert steuern, nicht dem Zufall überlassen.
  • Ein gutes Viertel (26%) der Deutschen befürwortet das Gendern. Unter den Jüngeren (18-39 Jahre) und Gebildeteren spricht sich sogar etwa ein Drittel dafür aus. (Infratest Dimap Mai 2021) (Siehe die Gegenperspektive dazu unter „Contra“)
  • Da die Gesellschaft nicht nur aus Menschen besteht, die sich als Mann oder Frau definieren, ist etwa das Sternchen mit gesprochenem Glottisschlag das richtige Zeichen. Denn wenn sich in der Sprache etwas ändert, ist es wünschenswert, dass gleich alle ein- und keiner mehr ausgeschlossen wird – selbst wenn es sich nur um wenige Menschen handelt. So wird die sprachliche Inklusion offener.

Contra:

  • Sprache hat nur begrenzten Einfluss auf reale Verhältnisse.
  • Für das Projekt der Gleichberechtigung ist Sprache nicht relevant. Gendern führt z.B. nicht zu besserer Bezahlung von Frauen: Eine gerechtere Sprache schafft noch keine gerechtere Welt.
  • Auf die Frage „Wie wichtig oder unwichtig ist Ihrer Meinung nach gendergerechte Sprache für die Gleichstellung der Frau in Deutschland?“ antworteten über 60 Prozent „sehr unwichtig“ oder „eher unwichtig“ (INSA-Consulere für „Verein Deutsche Sprache“ 2019)
  • Die Geschlechtergerechtigkeit von Sprache stellt sich von selbst ein, wenn die gesellschaftliche Realität gleichberechtigt ist. Dann werden auch bei der generischen (männlichen) Form beide Geschlechter assoziiert („Je mehr weibliche Bundeskanzler (Sic!) es gibt, desto mehr denkt man bei ‚Bundeskanzler‘(Sic!) auch an Frauen.“)
  • Sprachnutzer und selbst sprachliche Multiplikatoren sollten nicht bewusst in Sprachverhalten eingreifen, sondern eine natürliche Entwicklung von Sprache zulassen. 
  • Fast zwei Drittel der Deutschen (65%) lehnen das Gendern ab. Selbst bei den Jüngeren und Personen mit höherer Bildung befürwortet es nur etwa jeder Dritte. (Infratest Dimap) (Siehe die Gegenperspektive dazu unter „Pro“) 36% der Befragten würden sogar ein gesetzliches Verbot des Genderns „eher begrüßen“. 
  • Gendern bedeutet eine unnötige Betonung des Geschlechtlichen in der Sprache. (Beispiel: In England gilt „actress“ als sexistisch, weil auf das Geschlecht verwiesen wird, wenn es doch eigentlich um den Beruf geht.) „Man muss sich fragen:  Welche Aspekte der Individualität möchte man in den öffentlichen Raum stellen. … Gendern macht es unmöglich, das Geschlecht nicht zu sehen. Wer die weibliche Form wählt, sagt: du musst über das Geschlecht nachdenken. Man könnte auch sagen: Jetzt denk mal über die Hautfarbe nach, die Religion.“ (Nele Pollatschek, Schriftstellerin im DLF). 
  • Gendern ist ein akademisches Elitenprojekt und geht an der Lebens- und Sprachwirklichkeit vieler Menschen vorbei; es ist eine Bevormundung. 
  • Gendern ist reiner Ausdruck einer politischen Agenda.
  • Der Fokus aufs Gendern verdunkelt/missachtet andere mit Ungerechtigkeit behaftete Identitätskategorien, etwa Ethnie; ist also inkonsequent.
  • Substantivformen, die nichtbinäre Menschen (etwa Sternchen) übertreiben den inklusiven Repräsentationsanspruch und tragen einer nur sehr kleinen gesellschaftlichen Minderheit Rechnung.

b) Linguistisch/ästhetisch

Pro:

  • Sprache verändert sich nolens volens ständig; Veränderung (und deren anfängliche, mitunter heftige Ablehnung) gehören seit jeher zur linguistischen Geschichte. 
  • Das oft ins Feld geführte „generische Maskulinum“ (als verallgemeinernde Form für Männer und Frauen) ist keine grammatikalische Notwendigkeit, zu der es keine sprachlichen Alternativen gäbe. Es handelt sich vielmehr um eine alte Gewohnheit des Sprachgebrauchs (die von historischer männlicher Dominanz geprägt wurde).
  • Sprachpraktisch und in der Wahrnehmung der Sprachnutzer*innen sind Frauen in der männlichen Form immer weniger mitgemeint; die männliche Form ist also durch die Sprachentwicklung auch faktisch keine Universalform mehr, sondern meint spezifisch Männer.
  • Diverse Studien weisen darauf hin, dass die männliche Sprachform psycholinguistisch mit Männern verbunden wird, also keineswegs geschlechtsneutral wirkt (z.B. Stahlberg/Sczesny, 2006 und 2001). Wir gehen davon aus, dass die jüngeren Generationen von Mädchen/Frauen es kritisch sehen, dass die traditionelle Sprache nicht alle Menschen mit einbezieht.
  • Internationale Studien belegen, dass weibliche Sprachformen die männliche Diskursdominanz mindern und Einstellungen hin zu mehr Gleichberechtigung und Toleranz befördern. Mit sehr konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen. (Beispiel: „Automechanikerinnen und Automechaniker“ – Sprache prägt die kindliche Wahrnehmung von Berufen. Werden die in einer männlichen und weiblichen Form genannt, schätzen Mädchen typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sie sich eher zu. (Studie „Yes I can“: Dries Vervecken und Bettina Hannover, (2015, FU Berlin))
  • Bei den zunächst für viele ungewohnten Veränderungen einer gegenderten Sprache stellt sich Studien zufolge relativ schnell Gewöhnung ein. Auch die Erfahrung, was einen guten Lesefluss ausmacht, ist veränderlich und passt sich dem veränderten Sprachgebrauch an. 
  • Die Nutzung von gendergerechter Sprache muss nicht dogmatisch erfolgen, sondern kann dosiert und flexibel geschehen, etwa nach Thema, Textgattung (Reportage, Report, Essay, Infokasten), Textebene (Überschrift, BU, Lauftext) variiert. (Direktes Gegenargument: uneinheitliches Bild in einem Heft.)
  • Gendergerechte Texte müssen nicht allein durch Substantive in Sonderformen gekennzeichnet sein, sondern können durch zahlreiche kreative Formulierungen und Mittel ihre Intention erreichen.
  • Gendergerechte Sprache erhöht die Präzision von Texten. 
  • Das Gendern von Substantiven kann nach unterschiedlichen Mustern geschehen. Dabei müssen die konkrete Bedeutung, die Lesbarkeit und etwa auch die Transkriptionsfähigkeit abgewogen werden. 
  • Eine geschickt angewandte gendergerechte Sprache kann negative ästhetische Wirkungen umgehen.

Contra:

  • Die Sprachtradition sollte gewahrt bleiben.
  • Frauen sind rein formal und traditionell in vielen Fällen durch die grammatikalisch männliche Form mitgemeint. Stichwort: „generisches Maskulinum“.
  • Sprachempfinden: Gegenderte Sprache wirkt künstlich und ungewohnt. Sie ist umständlich, hässlich, holprig und unpoetisch.
  • Gendern lenkt von den Inhalten ab, indem es den Lesefluss behindert.
  • Die Nutzung spezieller Substantivformen – etwa mit Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich oder Binnen-I – führt die Aufmerksamkeit auf die technische Ebene der Sprache und schadet so gerade narrativen, eintauchenden Texten.

Mehr zum Thema