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Die Welt mit anderen Augen sehen

Religionsforschung Die wahre Bedeutung der Bibel: Wie Forscher das "Buch der Bücher" neu erklären

Wissenschaftler lesen die Bibel neu: nicht als Gottes Wort, sondern als ein Tagebuch der Menschheit. Ihre Erkenntnisse werfen eine erstaunliche Frage auf: War es womöglich ein Fehler, unser Leben als Jäger und Sammler aufzugeben?
Adam und Eva im Paradies

Der Mythos vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies inspiriert seit Jahrhunderten Künstler wie die Maler Peter Paul Rubens und Jan Brueghel. Doch in der biblischen Erzählung spiegelt sich auch ein realer historischer Umbruch: Vor rund 12 000 Jahren wurden die ersten Menschen sesshaft. Und lebten fortan nicht mehr allein von den Gaben der ungezähmten Natur, sondern von Feldfrüchten, die sie im Schweiße ihres Angesichts anbauten

Ist es nicht seltsam? Kaum hat Gott die Welt erschaffen und seine Schöpfung für „sehr gut“ befunden, da geht es drunter und drüber: Adam und Eva verweigern den Gehorsam, Kain erschlägt seinen Bruder Abel, und die Menschen treiben es so wild, dass Gott sie in der Sintflut ertränken muss. Auch der Turmbau zu Babel endet im Desaster, und in den Sippen der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob herrschen Zank und Zwietracht, Sodom und Gomorra. 

Die Bibel – das Wort eines guten Gottes? Oder das Werk eines fürchterlichen Dilettanten? Der katastrophale Start der Bibel stürzt seit jeher Menschen in Glaubenszweifel. Längst ist die Heilige Schrift zum Sturmgeschütz der Atheisten avanciert. Der Evolutionsbiologe und Religionskritiker Richard Dawkins poltert, sie sei „in großen Teilen nicht systematisch böse, sondern einfach nur grotesk“ – von „einer chaotisch zusammengestoppelten Anthologie zusammenhangloser Schriften“ sei ja auch nichts anderes zu erwarten. 

Da überrascht es nicht, dass die Bibel allenfalls noch an Weihnachten hervorgeholt wird, um die Geschichte von Maria, Josef und dem Jesuskind im Stall von Bethlehem zu lesen. Die meisten anderen Episoden erscheinen im besten Falle unverständlich, im schlimmsten Fall schockieren sie mit Gemetzel, Vergewaltigung, Völkermord. Bibeln, die in den Nachtschränkchen von Hotels liegen, enthalten oft nur noch die Psalmen und das Neue Testament. Der Rest scheint Albträume zu bereiten.

Kain und Abel

Abel ist das erste Opfer eines biblischen Geschwisterstreits, dessen Furor das Bild von Peter Paul Rubens vor Augen führt. Das Alte Testament erzählt immer wieder von Konflikten, die der Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftigkeit mit sich gebracht hat: Brüder, die früher gemeinsam zum Wohle der Sippe jagten und sammelten, sind zu erbitterten Konkurrenten geworden – oft um den väterlichen Grundbesitz, den nur einer erben kann

Höchste Zeit für eine Rehabilitierung der Bibel! Sie trägt keine Schuld daran, zu einem Buch mit sieben Siegeln geworden zu sein. Sie ist das Opfer von Missverständnissen, Fehlinterpretationen und falschen Erwartungen. Räumt man diese beiseite, wird die Bibel nicht nur erstaunlich verständlich, dann geht sie uns alle an, selbst wenn wir gar nicht an Gott glauben. 

Skeptisch? Die Sache ist denkbar einfach: Ein Buch, das seit über 2500 Jahren einen Großteil der Menschheit in Atem hält, das heute noch weltweit von mehr als zwei Milliarden Menschen als Heilige Schrift angesehen wird und mit einer geschätzten Auflage von fünf Milliarden Exemplaren unangefochten auf Platz eins der ewigen Weltbestsellerliste steht – ein solches Buch sollte doch Einblicke in die Natur des Menschen und seine kulturelle Evolution geben wie kein zweites Werk. 

Das war die Ausgangsüberlegung, mit der wir uns an die Lektüre der Bibel machten. Wir – ein Evolutionsbiologe und ein Historiker – lasen das Alte und das Neue Testament nicht aus einer religiösen, sondern aus einer anthropologischen Perspektive. Also nicht als Wort Gottes, sondern als Tagebuch der Menschheit.

Das ist es tatsächlich: Gut tausend Jahre lang haben die verschiedensten Autoren Seite um Seite zum Buch der Bücher hinzugefügt. Viele werden namentlich genannt – von Mose und David über die Propheten und Evangelisten bis zu Johannes von Patmos, dem Visionär der Apokalypse. Wer sich hinter diesen Namen verbirgt, bleibt oft im Dunkeln. Sicher aber ist die Bibel ein Gemeinschaftswerk, geschrieben von Menschenhand.

Erkenntnis 1: Wir sind fürs Paradies geschaffen. Nicht für das Leben, das wir jetzt führen

Wer die Bibel liest als Wort Gottes, dem fällt es schwer, zu erklären, weshalb sie von Gewalt und Elend dominiert wird. Aus der Tagebuchperspektive liegt die Erklärung jedoch auf der Hand. Denn warum schreibt man Tagebuch? Weil das Leben vor Schwierigkeiten strotzt, weil man versucht, sich selbst und die Welt zu verstehen – und weil man nach Rezepten sucht, existenzielle Probleme in den Griff zu bekommen. Genau das tut die Bibel: Sie dokumentiert das Unheil der Zeit. Und entwirft Strategien, es zu bewältigen.

Die Autoren der Bibel schlagen sich aber weniger mit den „ewigen Fragen“ der Menschheit herum als mit einem speziellen Typus neuer Probleme: jenen, die aus dem tatsächlichen Sündenfall des Homo sapiens resultieren. Wir meinen damit das Sesshaftwerden, den Übergang vom Jagen und Sammeln dessen, was die Natur hergab, zur Nahrungsproduktion durch Ackerbau und Viehzucht. Schon der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond bezeichnete die Sesshaftigkeit als den „schlimmsten Fehler der Menschheit“.

Die wahre Bedeutung der Bibel: Wie Forscher das "Buch der Bücher" neu erklären

Dieser Auszug stammt aus GEO 01/2018

Lesen Sie in unserer Titelgeschichte noch fünf weitere Erkenntnisse der Religionsforscher. Zum Beispiel: Warum eine Religion nur dann auf Dauer bestehen kann, wenn sie sich im Alltag bewährt. Und weshalb es den "lieben" Gott nur gibt, weil die Bibel den Teufel erfand.

Zwei Millionen Jahre lang hatten unsere Vorfahren als umherziehende Jäger und Sammler in kleinen, egalitär organisierten Gruppen gelebt. Weil die Evolution sie bestens an ihre Umwelt angepasst hatte, besaß das Dasein eine Selbstverständlichkeit, die uns heute fremd ist. In dieser Zeit formten sich unsere psychischen Präferenzen, also jenes Spektrum an Emotionen, Bedürfnissen und moralischen Intuitionen, die es braucht, um das Leben in überschaubaren Gruppen zu meistern.

Solche menschlichen Universalien begleiten uns bis heute: unser Sinn für Fairness etwa, die Sorge um unseren Ruf, aber auch das Misstrauen gegenüber Fremden und die Bereitschaft, sie abzuwerten. Zwar war auch das Dasein der Jäger und Sammler kein Zuckerschlecken, doch die Herausforderungen, mit denen sie sich abmühten, waren vertraut, die Bewältigungsstrategien bewährt.

Seit aber die Menschen vor rund 12 000 Jahren anfingen, im Fruchtbaren Halbmond sesshaft zu werden, Getreide anzubauen und Tiere zu züchten, gerieten sie in die Bredouille. In den zusehends größeren Gemeinschaften trat Konkurrenz an die Stelle von Kooperation. Von domestizierten Tieren sprangen Krankheitserreger auf die Menschen über und entwickelten sich zu tödlichen Seuchen. In Städten und Staaten, die im Laufe der Jahrtausende entstanden, verschärften sich die Probleme: Anführer schwangen sich zu Despoten auf, führten Kriege, versklavten Unterlegene und Schwächere.

Das Wichtige daran: Die wenigen Jahrtausende, die Menschen so leben, sind aus der Perspektive der Evolution ein sehr kurzer Zeitraum. Vor rund zwei Millionen Jahren begannen die ersten Vertreter der Gattung Homo, als Jäger und Sammler umherzuziehen. Würde man sich ihre Entwicklung bis heute als einen Tag von 24 Stunden vorstellen, dann fingen die ersten Menschen vor acht, vielleicht neun Minuten an, sesshaft zu werden. Diese Zeit ist viel zu kurz, als dass sich unsere genetisch fundierten Intuitionen und Verhaltensmuster an neue Lebensbedingungen hätten anpassen können.

Die Bibel hat also recht: Obwohl für das Paradies geschaffen, müssen wir unser Dasein jenseits von Eden fristen, unter nicht artgerechten Bedingungen leben.

Im letzten Jahrtausend vor Christus wurden die Nöte so dringlich, dass an vielen Orten unter Hochdruck nach Lösungen gesucht wurde. In Indien, Persien und China formierten sich Protestbewegungen gegen selbstherrliche, als Gottkönige agierende Herrscher, aus denen neue Religionen hervorgingen: Buddhismus, Zoroastrismus und Konfuzianismus. In Griechenland begehrten Philosophen gegen Tyrannei auf.

Nirgendwo aber war die Lage prekärer, das Bedürfnis nach Rettung größer als in zwei kleinen, unbedeutenden Ländern namens Israel und Juda. Eingeklemmt zwischen Hammer und Amboss mächtiger Imperien wie Ägypten, Assyrien und Babylon, lebten die Menschen in ständiger Gefahr, Opfer von Krieg, Unterdrückung und Sklaverei zu werden. 

Es ist frappierend, mit welcher Akkuratesse die fünf Bücher Mose, die Tora, gerade jene Probleme beleuchten, die durch das Sesshaftwerden entstanden sind.

Kai Michel, Literaturwissenschaftler und Historiker, und Carel van Schaik, Anthropologe und Evolutionsbiologe, sind Autoren des Buches „Das Tagebuch der Menschheit“, erschienen bei Rowohlt.

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