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Psychologie Leseprobe: Welche Tricks beim Abnehmen helfen

Thomas Ellrott erforscht das Essverhalten, Fettsucht und Strategien zur Gewichtsstabilisierung an der Universität Göttingen. Mit GEOkompakt sprach er über den Hang der Menschen zur Fettsucht und zur Frage, wie sich die überflüssigen Pfunde nachhaltig verhindern lassen

GEO KOMPAKT: Herr Dr. Ellrott, wie viele Menschen in Deutschland sind übergewichtig?

DR. THOMAS ELLROTT: Rund 53 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer. Das ist aber nicht die alarmierende Zahl, denn Übergewicht hat oft noch keinen Krankheitswert. Problematischer sind diejenigen, die unter krankhaftem Übergewicht, auch Adipositas oder Fettsucht genannt, leiden. Das sind immerhin gut 23 Prozent der Erwachsenen. Adipositas ist für Deutschland ein großes Gesundheitsproblem.

Leseprobe: Welche Tricks beim Abnehmen helfen

Dr. Thomas Ellrot erforscht als Ernährungspsychologe Essverhalten, Fettsucht und Strategien zur Gewichtsstabilisierung an der Universität Göttingen (hier mit einem Messgerät, im Vordergrund, das den Kalorienverbrauch eines Probanden ermittelt)

Weshalb ist krankhaftes Übergewicht so ungesund?

Bei Adipositas liegt in der Regel überdurchschnittlich viel Körperfettgewebe vor. Dieses Gewebe kann entweder unter der Haut angesiedelt sein, dann sprechen wir von Unterhautfettgewebe. Oder es kann sich zwischen und in den inneren Organen im Bauchraum bilden. Insbesondere dieses "viszerale" oder "abdominale" Fett ist nicht einfach nur ein Energiespeicher. Es ist eine Art komplexes Organ, das aktiv Hormone ausschüttet - und die können der Gesundheit schaden.

Welche Wirkungen haben die vom Fett ausgeschütteten Hormone?

Sie fördern Entzündungsprozesse, etwa in den Blutgefäßen. Die Wände der Blutgefäße nehmen dadurch Schaden, wodurch wiederum die Wahrscheinlichkeit steigt, an Arterienverkalkung zu erkranken. Obendrein nimmt der Blutdruck zu, ebenso das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Zudem bildet sich bei vielen adipösen Menschen mit der Zeit eine Insulinresistenz aus. Auf Dauer führt das zu Diabetes Typ 2. Es gibt aber auch Menschen, die zwar die Diagnose Adipositas haben, deren Körperfett sich jedoch nicht primär im Bauchraum befindet, sondern die zu viel Fett auf den Hüften haben, also Unterhautfettgewebe. Diese Betroffenen haben ein weitaus niedrigeres Risiko für die eben genannten Folgeerkrankungen.

Beeinflusst die Ernährung, wo sich das Fett im Körper verteilt?

Nein, die Fettverteilung ist genetisch vorgegeben. Durch die Ernährung kann man nicht steuern, wo sich Fett ansammelt.

Warum sind so viele Menschen übergewichtig?

Der biologische Mechanismus ist simpel: Wer über längere Zeit mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, legt automatisch Kalorien für die nächste Notzeit beiseite. Dieses Überlebensprogramm hat der Körper in Jahrtausenden des Mangels perfektioniert. Heute aber leben wir in der paradiesischen Situation kalorischen Überflusses. Hinzu kommt: Menschen in den westlichen Industrienationen verbrauchen immer weniger Energie, weil immer mehr Maschinen körperliche Arbeit übernehmen. Eigentlich müsste der Durchschnittsbürger heute deutlich weniger Kalorien essen als noch vor einigen Jahrzehnten.

Tatsächlich aber fällt es uns besonders schwer, uns in Bezug auf Kalorien zu beschränken, da Essen in großen Mengen und allen Geschmacksrichtungen stets und ständig verfügbar ist. Daher versuchen immer mehr Menschen, ihre Pfunde mithilfe diverser Diäten zu verlieren.

Gibt es irgendeinen Faktor, der alle Diäten eint - so unterschiedlich sie auch sein mögen?

Sie haben alle das gleiche Ziel: den Kalorieneintrag unter jenen Betrag zu senken, den man braucht, um das Körpergewicht zu halten. Die dafür vorgeschlagenen Strategien sind allerdings zum Teil extrem unterschiedlich. Bei der einen Diät meidet man Kohlenhydrate, verlegt die Ernährung eher auf Fett und Eiweiße. Bei einer anderen Diät wird Fett vom Teller verbannt, stattdessen können so viel Kohlenhydrate gegessen werden, wie man mag. Beides kann indes funktionieren. Letzten Endes aber geht es bei allen Diäten darum, den Kalorieneintrag zu senken. Im Ergebnis ist das also recht simpel.

Und weshalb gelingt es so vielen Abnehmwilligen nicht, ihr Ziel nachhaltig zu erreichen?

Viele Menschen halten eine Diät nur recht kurz durch - ein paar Wochen oder Monate. Aber nie lebenslang. Doch das ist ein gravierender Denkfehler, denn: In dem Moment, in dem ich meine alten Ess- und Bewegungsgewohnheiten wieder aufnehme, kehre ich zu meinem Ausgangsgewicht zurück - der berühmte Jojo-Effekt. Wenn Diäten nur kurzfristig angelegt sind, läuft der Betroffene sogar Gefahr, am Ende sein Ausgangsgewicht zu überschreiten. Quasi ein Jojo-Effekt mit Zinsen.

Leseprobe: Welche Tricks beim Abnehmen helfen

Wie sehr sich der Energiegehalt bei Nahrungsmitteln unterscheiden kann, zeigen die abgebildeten Speisen und Getränke - sie enthalten alle jeweils 200 Kilokalorien. Stangensellerie (l.) ist äußerst energiearm, er besteht zu 93 Prozent aus Wasser

Woran liegt das?

Angenommen, ein Mensch hat im Rahmen einer Diät zehn Kilogramm Körpermasse abgenommen, nun wiegt er 90 Kilo. Jetzt braucht der Körper um einiges weniger Kalorien als vor der Abnahme: Es müssen ja nicht mehr 100 Kilo Gewebe mit Energie versorgt werden, sondern 90 Kilo. Mehr noch: Der Energieverbrauch geht sogar weiter herunter, als man erwarten würde. Denn in unserem Organismus scheint es ein evolutionsbiologisches Programm zu geben, das unseren Körper in einer Notzeit – die ja durch eine Diät vorgegaukelt wird - besonders ökonomisch haushalten lässt. Untersuchungen haben ergeben, dass sich das Zusammenspiel der Muskeln verbessert. Das heißt: Menschen brauchen für die gleiche körperliche Leistung nun weniger Kalorien.

Der Energieverbrauch ist also nach einer Diät deutlich niedriger als vorher.

Genau, und umso schwerer ist es natürlich, diese Gewichtsabnahme langfristig zu halten. Eine weitere Schwierigkeit für Abnehmwillige: Es gibt in der Öffentlichkeit keinen annähernden Konsens darüber, wie ein Mensch Gewicht verlieren kann brechen sie ab, setzen auf die nächste Strategie. Sie betreiben eine Art Diät-Hopping. Diejenigen aber, die am Ende erfolgreich sind, hüpfen nicht von einer zur nächsten Maßnahme. Sondern ziehen eine Diät - welche auch immer - durch.

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Wer sich zu stark zügelt, so Ellrott, riskiert spontane Essanfälle

Hängt der Erfolg einer Diät also vor allem an der Konsequenz, mit der man sie einhält?

Ja, die ist ohne Frage sehr wichtig. Es gibt allerdings keine "One size fits all"-Diät. Aktuelle Studien zeigen: Es scheint relativ egal zu sein, auf welche Diät man setzt. In der Fachwelt findet daher gerade ein Paradigmenwechsel statt. Hat man früher versucht, eine Rangfolge der besten Diäten gewissermaßen für alle zu erstellen, so schaut man heute eher darauf, ob eine Diät zu dem Einzelnen passt. Wie gut kann der Betroffene sie in seinen Alltag integrieren? Davon hängt die Durchhaltbarkeit ab.

Können Sie ein Beispiel geben?

Bei einer kohlenhydratarmen Diät versucht man, Kohlenhydrate in der Nahrung möglichst auszusparen, weil sie eine relevante Menge der Tageskalorien liefern. Im Speiseplan verbleiben Lebensmittel mit hohem Fett- und Eiweißgehalt. Vermieden werden Getreideprodukte, Früchte, jede Art von Zucker und teilweise auch Gemüse. Das sind fast alle pflanzlichen Lebensmittel. Man nimmt nun viele tierische Produkte zu sich: Milch, Fleisch, Käse, Eier. Sowie einige ausgewählte pflanzliche Lebensmittel wie Nüsse, auch mal Salat. Wer von vornherein gern tierische Lebensmittel isst, kann einen solchen Ansatz natürlich besser durchhalten. Schwierig wird es für Vegetarier. Oder gar Veganer.

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Der Energiegehalt von Kiwis ist mehr als dreimal so hoch wie der des Selleries

Welche Diät würde sich in einem solchen Fall eignen?

Zum Beispiel eine kalorienreduzierte Mischkost. Dabei kommt von allen Kalorienarten ein bisschen weniger auf den Teller. Oder man beschränkt nur die Fettkalorien. Wichtige Fettquellen sind nun gerade tierische Produkte sowie einige Pflanzenfette - etwa Nüsse oder Öle. Sie sehen: Das sind genau entgegengesetzte Strategien. Weder die eine noch die andere funktioniert bei allen Menschen. Viele Betroffene setzen sich auch falsche Ziele. Sie sind frustriert, obwohl sie ihr Gewicht eigentlich reduziert haben. Und brechen die Diät frühzeitig ab.

Das ganze Interview lesen Sie in GEOkompakt Nr. 42 "Gesunde Ernährung".

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