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El Cid Ritter, Nationalheld - und skrupelloser Opportunist

Im 11. Jahrhundert ringen Christen und Muslime auf der Iberischen Halbinsel erbittert um Glauben und Macht. Einer der Kämpfer in diesen Kriegen ist der Ritter Rodrigo Díaz de Vivar, genannt "El Cid" – als Heerführer für jede der beiden Seiten
EL CID

Mehrmals wechselt El Cid die Allianzen, kämpft mit den Christen, aber auch gegen sie. Nach seinem Tod, so die Legende, binden Männer seinen Leichnam aufs Pferd, um ihrem Herrn in die Schlacht zu folgen

Die Legende ist makellos: Wie kein Zweiter verkörpert Rodrigo Díaz de Vivar das ritterliche Ideal – so jedenfalls steht es in einem berühmten spanischen Text des 12. Jahrhunderts geschrieben. Seinem König sei er stets in tiefer Loyalität ergeben gewesen und habe als selbstloser Streiter für die christliche Sache gekämpft.

Tatsächlich aber ist Rodrigo – den seine Landsleute unter dem Ehrennamen "El Cid" als Nationalhelden feiern – ein skrupelloser Opportunist, den vor allem die Gier nach Reichtum und Ruhm treibt.

König Alfons VI. schätzt Rodrigo Díaz

Es ist die Zeit der Reconquista, der Kämpfe zwischen muslimischen und christlichen Reichen auf der Iberischen Halbinsel. Aber auch Fürsten gleicher Religion ringen dort um Land und Einfluss. Ihre Schlachten lassen sie zumeist von Rittern schlagen. Einer von ihnen: Rodrigo Díaz.

Im Jahr 1081 sammelt er eigenmächtig ein Heer und greift das muslimische Königreich Toledo an – ein schwerer Fehler, denn Alfons VI. ist der Schutzherr Toledos und kassiert dafür Tribute.

König Alfons VI., Herrscher der nordspanischen Reiche von Leon und Kastilien, schätzt seinen Vasallen als Mitstreiter auf Feldzügen, setzt ihn bei Streitigkeiten als Richter ein, verhilft ihm zu einer gut situierten Ehefrau. Kurzum: Rodrigo ist ein bedeutender Mann am Hof, geachtet und wohlhabend. Und doch will er mehr.

Name "El Cid" vermutlich eine Anerkennung der Muslime

Zur Strafe schickt er Rodrigo in die Verbannung. Der beginnt nun ein Wechselspiel der Allianzen. Zunächst bietet er seine Dienste dem muslimischen Herrscher von Zaragoza an, wo er sich schnell als Heerführer bewährt. Mehr als fünf Jahre lang verteidigt er das Königreich gegen Angriffe anderer Fürsten. Als auch Alfons VI. im Frühsommer 1086 Zaragoza belagert, steht Rodrigo auf der anderen Seite der Mauern – und behauptet sich.

Vermutlich kommt er in dieser Zeit zu dem Namen "El Cid" (abgeleitet vom arabischen sayyid, "Herr"): als Anerkennung für seine Erfolge im Dienst der Muslime. Unterdessen gerät Alfons VI. durch die Almoraviden in Bedrängnis – eine muslimische Sekte, die von Nordafrika aus auf die Iberische Halbinsel strebt. Der König braucht einen fähigen Heerführer und wendet sich erneut an Rodrigo. Doch weil der seine Taktik nicht mit dem Monarchen abstimmt, fällt er abermals in Ungnade.

El Cid ernennt sich zum Herrn von Valencia

Plündernd zieht El Cid nun durch Spaniens östliche Küstenregion. Er bringt das Gebiet fast komplett unter seine Kontrolle und fordert Tribut von der muslimischen Stadt Valencia – eigentlich ein Privileg der Krone.

Als Alfons VI. sich mit einer Strafexpedition nähert, fällt Rodrigo in dessen Reich ein und verwüstet ganze Landstriche. Der König muss sich zurückziehen. 1094 ernennt sich El Cid zum Herrn von Valencia.

Dort herrscht er mit harter Hand, errichtet ein Spitzelsystem, presst die Stadt aus. Reiche Bürger hält er gefangen, bis sie sich für gewaltige Summen freikaufen. Seine Truppen plündern das Umland, schüchtern Dorfbewohner ein, beschlagnahmen Waren und Zugtiere. Und gleich mehrmals gelingt es Rodrigo in dieser Zeit, die zuvor lange unbesiegten Almoraviden in die Flucht zu schlagen.

Rodrigo Díaz stirbt am 10. Juli 1099

In den Augen von immer mehr spanischen Christen wird der Haudegen, der gegen alle Wahrscheinlichkeit eine Stadt tief im Feindesgebiet hält, nun zu einem Streiter Gottes, der im Namen des Kreuzes gegen den Islam zu Felde zieht.

Am 10. Juli 1099 stirbt er ohne männlichen Nachkommen. Einer Legende nach schnallen seine Gefolgsleute den Leichnam auf ein Pferd, um weiter hinter ihrem Herrn in die Schlacht zu ziehen.

König Alfons VI. tritt mit Jimena den Rückweg nach Kastilien an

Seine Witwe Jimena kann Valencia noch zwei Jahre gegen die Almoraviden verteidigen. Zwar kommt ihr sogar König Alfons VI. zu Hilfe, doch die feindliche Übermacht ist auf Dauer zu groß. Daher lässt der Monarch die Stadt in Flammen aufgehen, um sie nicht den Feinden zu überlassen, ehe er mit Jimena und seinem Gefolge den Rückweg nach Kastilien antritt.

Und noch während aus der Asche Valencias Schwaden aufsteigen, verbreitet sich von den Schreibstuben der iberischen Klöster aus bereits der Mythos von "El Cid" – dem loyalen Untertanen und Helden der Christenheit.