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Intensiv leben Warum wahre Abenteuer so wertvoll für uns sind

Haus kaufen, Sportwagen fahren, Karriere machen? Das war früher wichtig. Heute zählt mehr, was du erlebst. Titus Arnu über eine Gesellschaft auf der Suche nach dem Wow
Abenteuer

Drei von vier Befragten würden lieber Geld für Erlebnisse ausgeben als für Dinge, sagt eine Studie

Vielleicht stammte das Wasser, das zu Kristallen gefroren den Grat zum Gipfel des Mont­ blanc bedeckt, einst aus Bali oder Hawaii und brach vor Jahrtausenden dort als tropische Welle sanft auf den Strand, be­vor es als Wolke durch die Atmosphäre getrieben wurde. Jetzt und hier aber, in gut 4500 Meter Höhe, ist es so hart wie Beton, eine glitzernde Schneeflanke: Rechts und links geht es mehr als 1000 Meter in die Tiefe. Der Weg zum Gipfel vor uns steigt 35 Grad an und ist stellenweise nur ein, zwei Meter breit. Es ist dunkel und extrem windig: Böen zerren so stark an mir, dass ich mich mit allen Vieren auf den Grat ducken muss. Mit meinen Begleitern kann ich mich nur brüllend verständigen.

Vier Uhr morgens, Eiseskälte, dünne Luft – da kann man sich fragen: Was tue ich hier? Warum nehme ich die Strapazen auf mich? Seit vielen Jahren schon gehe ich in die Berge, auf Ski­ und Hochtouren, zum Fels­ und Eisklettern. Andere laufen zu Fuß durch die Wüste Gobi, rudern allein über den Atlantik oder messen sich mit den größten Wellen des Ozeans. Was wir gemeinsam haben: Einen vernünftigen Grund gibt es für unsere Unternehmungen meistens nicht. Ganz gleich ob in Schneeflanken, Canyons oder in blauen Tiefen: Wir alle brennen für unsere Projekte, trainieren, sparen und organisieren, manchmal jahrelang, damit ein Traum Wirklichkeit wird – auch wenn er noch so irre klingt. Und warum? Eigentlich nur deshalb, weil wir es können. Und weil wir es wollen.

Expeditionen sind der einzige Weg, den Horizont zu erweitern. Um endgültig zu beweisen, dass die Erde keine Scheibe ist, musste man sie eben mit dem Schiff umrunden. Längst sind die höchsten Gipfel der Welt erstbestiegen, die meisten Inseln kartografiert. Sa­telliten haben jeden Punkt an der Oberfläche unseres Planeten er­fasst. Wer will, kann am Rechner per Google Earth die entlegensten Gegenden erkunden, ohne sich körperlich anzustrengen. Die Route über den Bosses­-Grat auf den Montblanc zum Beispiel wurde von einer Bergsportfirma mit 360-­Grad­-Kameras aufgezeichnet, sodass man den Gipfel ganz locker virtuell zu Hause erklimmen kann.

Die Besteigung am Monitor bietet spektakuläre Weit­- und Tief­blicke, aber das Erlebnis am Berg lässt sich dadurch nicht ersetzen. Und wie es scheint, hungert gerade unsere digitalisierte, vernetzte, umfassend informierte Gesellschaft nach „echten“ Erfahrungen – sei es ein Viertausender in den Alpen, ein Bungee-Sprung von einer Brücke oder eine Stand-up-Paddling-Tour auf der Ostsee.

Wertvorstellungen haben sich verschoben

Das US-Marktforschungsunternehmen Harris hat mehr als 2000 Menschen zwischen 18 und 34 Jahren zu ihren Konsumgewohnheiten und ihrer Lebensplanung befragt, mit überraschendem Ergebnis. Lange war sozialer Status an materiellen Besitz gekoppelt: mein Haus, mein Sportwagen, meine Yacht. Bei jungen Erwachsenen in westlichen Gesellschaften haben sich die Wertvorstellungen auffällig verschoben. Drei von vier Befragten würden lieber Geld für Erlebnisse ausgeben als für Dinge. Und: Je mehr sie verdienen, desto stärker ist ihr Wunsch nach besonderen, „realen Abenteuern“.

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Je mehr unser Arbeits- und Sozialleben im Internet stattfindet, je müheloser es geworden ist, materielle Begehrlichkeiten zu stillen, umso stärker sehnen wir uns nach handfesten Erfahrungen. Backen, Töpfern, Nähen und Gärtnern sind im Trend. Großstädter arbeiten im Sommer freiwillig auf der Alm. Für den schnellen Adrenalinkick zwischendurch bieten Erlebnisprofis wie Jochen Schweizer leicht konsumierbare Erlebnisse an – von „Schnitzen mit der Kettensäge“ bis hin zum „Erotic-Food-Kochkurs für zwei“. In München hat Schweizer eine Erlebnis-Arena eröffnet mit Indoor-Surfanlage, Bodyflying und Kletterwand.

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Woher kommt dieses dringende gesellschaftliche Bedürfnis nach dem Abenteuer, dem „echten“ Leben? Vielleicht liegt es daran, dass sich unsere Arbeitswelt und unser Sozialleben grundlegend verändert haben. Früher bot die körperliche Arbeit den meisten Menschen mehr als genug echtes Leben. Und die Großfamilie lieferte mehr spannende soziale Erlebnisse, als einem manchmal lieb war. Wer täglich als Landwirt oder Bauarbeiter schuftete, suchte am Wochenende nicht unbedingt eine körperliche Grenzerfahrung. Abenteuer waren in der frühen Neuzeit nur etwas für Adelige und andere Snobs, die genügend Geld und Zeit für exzentrische Hobbys wie Bergsteigen oder Yachtregatten besaßen.

Der Begriff der „Erlebnisgesellschaft“ hatte ursprünglich einen negativen Klang. Er wurde 1992 von dem deutschen Soziologen Gerhard Schulze geprägt. Schulze interpretierte den Erlebnishunger der Gesellschaft als Selbstverwirklichung, welche kaum noch von blankem Egoismus zu unterscheiden sei. Er analysierte bestimmte Erlebnismuster und ging davon aus, dass die Freizeitgestaltung abhängig ist vom sozialen Umfeld. Er ordnete bestimmte Erlebnisse gesellschaftlichen Milieus zu: Vereinfacht ausgedrückt seien Höhergebildete über vierzig tendenziell eher an kulturell anspruchsvoller Freizeitgestaltung interessiert, jüngere Menschen mit mittlerem oder hohem Bildungsstand suchten nach Selbstverwirklichung, Menschen aus bildungsfernen Schichten vor allem Unterhaltung.

Die tägliche Dosis Abenteuer

Eine Grundsehnsucht jedoch verbindet sie alle: Ab und zu will der Mensch einfach spüren, dass er noch am Leben ist. Und dieses Gefühl ist eben nirgends so intensiv, einzigartig und unbezahlbar zu erleben wie in der Begegnung mit elementaren Naturkräften, die uns vor Augen führen, wie klein und vergänglich wir sind: in heftigen Stürmen, scheinbar uferlosen Gewässern, hohen Gebirgen.

Soziale Medien helfen uns das Erlebte nicht zu vergessen

Man muss das nicht unbedingt als Gegenbewegung zur virtuellen Lebenswelt des Internets deuten. Denn wer in der analogen Welt etwas erleben will, verzichtet nicht zwangsläufig auf die digitale Begleitung des Erlebnisses. Die Selbstbespiegelung ist dabei ein wichtiges Element. Auch das ist nicht ganz neu – die besten Abenteuer wären ohne die Berichte über sie wohl unbeachtet geblieben. Schon Johann Wolfgang Goethe war ein Vertreter der „Erlebnislyrik“, einer Gedichtgattung, die im Sturm-und-Drang-Stil die Intensität eines Regengusses oder die Form einer Wolke besang, eine archaische Form des Erlebnis-Postings, wie man es heutzutage bei Outdoor-Bloggern findet. Instagram oder Facebook wirken in der Erlebniswelt wie Resonanzkörper, die unsere eigenen Emotionen verstärken und einen befriedigenden Nachhall des Erlebten erzeugen.

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Auch ich selbst werde Fotos von unserer Montblanc-Tour posten. Na klar. Aber entscheidender als die Glückwünsche und Bestätigungen von außen, die ich dadurch ernten werde, ist jener Moment, an dem ich mit meinen Freunden an diesem windigen Sommertag auf 4810 Meter Höhe ankomme. Am Gipfel. Wir sind ganz allein, die Sonne geht gerade auf. Es ist ein einzigartiger, magischer Augenblick, als das Morgenlicht die Viertausender um uns herum zum Glühen bringt: eine andere, eine besondere Welt, in der man kurz zu Gast sein darf. Man steht über den Dingen.

In manchen Alltagsmomenten, wenn etwa die S-Bahn auf meinem Weg ins Büro aus unerfindlichen Gründen im Tunnel stehen-bleibt, es heiß, laut und stickig wird, in solchen unterirdischen Situationen also, erinnere ich mich kurz an diesen erhabenen Morgen auf dem Montblanc. Die Finger schmerzten vor Kälte, mein Gesicht war eingefroren, es war ungemütlich. Aber ich habe mich so lebendig, stark und frei gefühlt, dass ich mein Leben lang davon zehren werde.

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