Seit vielen Jahren präsentiert GEO immer wieder spektakuläre Bilder des Amerikaners George Steinmetz, der sich in aller Welt mit einem Ultraleichtflieger über seine Fotomotive erhebt. (Im November-Heft über den trockenen Himalaya-Tälern von Ladakh).
Über seine jahrelange Arbeit in und über den Trockenzonen ist auch eine beeindruckende Multimedia-Slideshow entstanden, die Sie hier sehen können:
Steinmetz’ großes Lebensprojekt ist jetzt in einem neuen GEO-Buch zusammengefasst. Und natürlich hat es sich der langjährige GEO-Expeditionsleiter Uwe George nicht nehmen lassen, dazu selbst das Vorwort zu verfassen, das wir Ihnen unseren Abonnenten hier bereits zur Lektüre anbieten:
"Seit ich vor einem halben Jahrhundert erstmals eine Wüste betrat, bin ich ihr verfallen. Allein in die größte, in die Sahara, habe ich mittlerweile 30, meist monatelange Expeditionen unternommen. Und bis heute ist es mir nicht gelungen, die wirklichen Dimensionen dieses Raumes von kontinentalen Ausmaßen zu erfassen. Denn er ist ja keineswegs öd und leer, sondern verwirrt durch seine Vielfalt, durch seine höchst unterschiedlichen Landschaften, durch Phänomene, die selbst die kühnste Fantasie kaum erfinden könnte. Und nicht zuletzt durch die geradezu Schwindel erregende Tiefe des Himmels über ihm, in dem die Gestirne in windstillen Nächten so klar und farbenprächtig dem Horizont entsteigen, dass man die Rotation der Erde zu spüren meint. Tatsächlich wurden die Wüsten der Erde zur Verführung meines Lebens. Und sie haben mich unendlich viel gelehrt. Schon weil sie, ein gutes Drittel der Landfläche unseres Planeten, sich gewissermaßen aus sich selbst erhalten. Unablässig wirken in ihnen die abtragenden Kräfte der Erosion auf die entblößten, von keiner Vegetation geschützten Gesteinsschichten der Erdkruste ein. Der Wind peitscht Sand und Staub, die Zerfallsprodukte, wie ein gigantisches Sandstrahlgebläse über sie hin, so dass ständig neues Schleifmaterial entsteht.
Die Abtragungen und Umlagerungen dieser Selbstverwüstung aber decken immer tiefere, ältere Schichten der Erdkruste auf und bilden so gleichsam ein erdgeschichtliches Tagebuch, dessen steinerne Seiten der Wind von hinten nach vorn umblättert. Es ist ein Werk von dreieinhalb Milliarden Seiten, eine Seite für jedes abgelaufene erdgeschichtliche Jahr, und für den, der darin anhand der Gesteinsbeschaffenheit und der eingelagerten Fossilien zu lesen versteht, eine schier unerschöpfliche Informationsquelle über längst vergangene Erdepochen – nicht nur über die Vergangenheit der Wüsten, sondern über die gesamte Entwicklungsgeschichte unseres Planeten.
So beweisen vielerorts Mengen von Schalen und Skeletten vielfältiger Meereslebewesen, dass riesige Areale heutiger Wüsten im Laufe langer erdgeschichtlicher Zeiten von Meeren überflutet waren. Oft wichen die Fluten erst nach 50 bis 50 Millionen Jahren, als sich die Platten der Erdkruste verschoben oder hoben. Skelettfunde belegen, dass einst Wale schwammen, wo sich heute Sandwogen erstrecken. In den entlegensten Regionen der Sahara bin ich über versteinertes Seegetier geschritten, das hier gar vor über einer halben Milliarde Jahre im Urozean lebte – etwa 100 Millionen Jahre, bevor die ersten Pflanzen und Tiere diese Urheimat allen Lebens verließen, um die bis dahin öden und leeren Kontinente zu besiedeln, Urwüsten über unvorstellbare Zeiträume. Doch völlig aufgegeben hat die Wüste ihre Herrschaft über die Kontinente zu keinem Zeitpunkt der weiteren Erdgeschichte. Gegenwärtig dehnen sich die meisten Wüsten infolge des Raubbaus allzu vieler Menschen mit Hilfe allzu effektiver Werkzeuge an Vegetation und Wäldern sogar rapide aus - und fast alle Bewässerungspläne erweisen sich als bloße Illusionen.
Die Erdgeschichte lässt uns erkennen, dass es den Zustand der Nichtwüste, dass es also das Leben auch auf den Kontinenten erst seit relativ kurzer Zeit gibt. Und dieser Zustand wird - vergleichsweise – auch nicht allzu lange währen. Viele Menschen mag das schrecken. Dem Zeit seines kurzen Lebens ebenfalls der Wüste verfallenen französischen Dichter Antoine Saint-Exupéry gerieten all dieser Einsichten zur Poesie. "Das Leben siedelt sich an wie Moos an altem Gemäuer. Für eine kurze Periode, nur für einen glücklichen Tag im Ozean der Ewigkeit."
Aber auch in ferner Zukunft wird die Wüste das kosmische Schicksal der Erde sein, ein Schicksal, dem sich unser äußerer Nachbarplanet Mars längst hat fügen müssen. Auffallend rot gefärbt, wie er ist, hat er die Fantasie und Interesse der Menschen seit jeher erregt, ja ihnen Furcht und Schrecken eingeflößt. Seit der Erfindung des Fernrohres wurde er dann neben dem Mond zum bevorzugten Studienobjekt der Astronomen, die ihn wegen seiner Rotfärbung und des Mangels einer Wolkendecke schon bald als Wüstenplanet einordneten und seine rötliche Hülle als gewaltige Staubstürme identifizierten.
1971 erreichte dann die erste Raumsonde den Planeten. Als sich Anfang 1972 der Staub endlich legte, offenbarten die Funkbilder riesige, mit rotem Staub und Sand gefüllte Landschaften, ausgetrocknete Ozeane anscheinend, aus denen sich dunkelfarbene Flächen wie Kontinente erhoben, in die viele hundert Kilometer lange, ehemalige Flussläufe hinein gefräst waren – Landschaften, wie unsere heutigen irdischen Wüsten. Vier Jahre später setzte die erste Landefähre auf dem Roten Planeten auf. Die gestochen scharfen Bilder, die sie zur Erde funkte, vermittelten den Wissenschaftler im Kontrollzentrum das Gefühl, selbst in einer Sand- und Steinwüste zu stehen, und begeisterten sie zu dem Satz: "Da könnte jederzeit eine Kamelkarawane am Horizont auftauchen."
Mittlerweile gehen die Forscher davon aus, dass der Mars die naturgeschichtliche Entwicklung der Erde vorweg genommen hat - von der Urwüste über eine vorüber gehende Lebensphase bis zur Endwüste. Allerdings wie in einer Art Zeitraffer: Mit seiner geringeren Masse und Schwerkraft konnte der Rote Planet keine so substanzreiche Atmosphäre und Hydrosphäre ausbilden wie die Erde, erst recht nicht so gut halten. Während immer noch von gewaltigen Wassereis-Vorkommen unter der Oberfläche des Roten Planeten auszugehen ist, verflüchtigte sich dessen Atmosphäre im Weltraum, so dass der gesamte Mars bereits relativ frühzeitig verwüstete.
Wenn aber eines fernen Tages der Fusionsreaktor der Sonne instabil werden wird, sich das Zentralgestirn zum Roten Riesen aufbläht und Röntgen- und Gammastrahlung apokalyptisch alles Leben, alles Wasser der Ozeane zerstrahlt, dann wird auch der gesamte Planet Terra erneut zur Wüste werden – bis zum Ende aller Zeiten. Während mir im Laufe der Jahre die gegenwärtigen Wüsten der Erde immer neue Erkenntnisse – auch in solche kosmische Zusammenhänge – vermittelten, blieb mir die größte aller Sandwüsten verschlossen, die "Rub al-Khali", das sogenannte "Empty Quarter" im Süden der Arabischen Halbinsel. Über Jahrzehnte scheiterte jede Bemühung um eine Reise- und Forschungsgenehmigung – eine fast unerträgliche Demütigung für meine Besessenheit, denn auch in diesem "Leeren Viertel" – ein Begriff, den die Ängstlichen und Kleinmütigen erfunden haben mussten, die sich nicht aus der vermeintlichen Sicherheit ihrer Städte in die Maßlosigkeit dieser ariden Landschaft trauten – waren gewiss Geheimnisse zu lüften und Antworten auf erd- wie auch kulturgeschichtliche Fragen zu finden.
Doch dann, im Jahre 2002, kam GEORGE STEINMETZ. Dieser Fotograf, der begonnen hatte, die Erde aus der Perspektive eines motorisierten Paragliders umfassend zu inspizieren, verfügte über den magischen Schlüssel zur Rub al-Khali – eine Einladung von Prinz Sultan bin Salman bin Abdul Aziz Al-Saud, Kronprinz Saudi Arabiens und ehemaliger Astronaut. Wie mein amerikanischer Freund dazu gekommen war, blieb auch ihm selbst letztlich unerklärlich. Vielleicht hatte allein seine Nationalität für eine kleine diplomatische Geste am Rande der großen Politik gereicht. Immerhin: Jene Einladung galt auch für mich.
Ich kannte George Steinmetz längst als einen Wahlverwandten, als einen, den die Wüsten ebenso wenig losließen wie mich, den die Neugier auf deren unerkannte erdgeschichtliche Wirklichkeit ebenfalls über die Kontinente trieb. Aber zu welcher – wenn auch durchweg kontrollierten – Waghalsigkeit ihn seine Passion verführte, erlebte ich erst, als ich mit ihm in der Rub al-Khali unterwegs war. Nicht ohne Sorge wurde ich Zeuge seiner Flüge mit seinem filigranen Flugapparat, den er durch unberechenbare Windturbulenzen über wildzerklüftete Landschaften steuerte. Und tatsächlich nötigten ihn Motor-Ausfälle zu Notlandungen auf kaum zugänglichem, oft unerforschtem Terrain. Und mitunter bestaunte ich einfach sein schier unglaubliches Glück.
Doch sein vorliegendes fertiges Werk über die Wüstenregionen der Erde belegt, was hartnäckige unerschrockene Ausdauer bewirken kann. Mit Atem raubenden, oft surreal schönen Fotografien schildert George Steinmetz eine so noch nie gesehene wüste Erde. Und eine davon, eine aus der Rub al-Khali, gleicht verblüffend einem der Nasa-Bilder vom Mars – mit frappierender Analogie der Landschaftsformen, insbesondere der komplexen Sandstrukturen und Dünenfelder. Kein Wunder, dass die Wüstenfotos von George Steinmetz auf mich wirken, als ob ein außerirdischer Astronaut einen neuen fernen Planeten erkundet hätte – oder auch wie eine Foto-Reportage in die unermesslichen Tiefen der Erdgeschichte, indem sie deren Gegenwart mit deren Vergangenheit und deren Zukunft verbindet.