Während der Herrschaft Stalins saß im Gefängnis von Kanan an der Wolga eine Frau namens Lisa. Eines Tages erhielt sie einen Brief von ihrer 15jährigen Tochter: "Liebe Mama, immer wieder denke ich: Wie konntest Du unsere Sowjetmacht verraten? Aber vielleicht bist Du gar nicht schuldig? Dann werde ich ihnen Deinetwegen niemals verzeihen. Wenn Du doch schuldig bist, dann werde ich Dir nicht mehr schreiben, denn ich liebe unsere Sowjetregierung und hasse ihre Feinde. Mama, sag mir die Wahrheit. Deine unglückliche Tochter Soja".
Ihre Mutter schrieb zurück: "Soja, Du hast recht. Ich bin schuldig. Dies ist das letzte Mal, dass ich dir schreibe."
Lisa schrieb nicht die Wahrheit - sie war nicht schuldig. Doch die Mutter wusste: Wer einmal verhaftet ist, muss sich lossagen von seiner Familie, sonst gefährdet er seine Liebsten.
Diese und andere Schicksale hat der britische Historiker Orlando Figes akribisch recherchiert – einige Dutzend Beispiele für vermutlich 25 Millionen Menschen, die unter Stalins Herrschaft deportiert, interniert oder getötet wurden. Um Revolten vorzubeugen nahm der Diktator unschuldige Opfer gern in Kauf: 1937 erklärte er, es wäre "ein gutes Ergebnis", wenn sich fünf Prozent der Verhafteten als wirkliche Feinde entpuppten.
Der "Grosse Terror" während der Jahre 1935-1939 untergrub das Vertrauen, das Familien, Freunde und Nachbarn zusammenhielt. Da es lebensgefährlich war, ein falsches Wort auszusprechen, lernten die Sowjetbürger, ihre Meinung für sich zu behalten. "Sie lernten zu flüstern", sagt der Historiker Orlando Figes. In der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE sind Auszüge aus seinem Buch "Die Flüsterer" abgedruckt.
Bei der Recherche half ihm die russische Menschenrechtsorganisation "Memorial". Seit zwanzig Jahren interviewen ihre Mitarbeiter Zeitzeugen, lassen sich ihre Lebensgeschichten erzählen, lesen ihre (heimlichen) Tagebücher, rekonstruieren die Biografien ganzer Familien. "Wir haben mit Personen gesprochen, die in der Revolutionszeit Kinder waren", sagt Figes, "oft haben sie aus ihren Matratzen Tagebücher und Briefe hervorgeholt und sie uns weinend übergeben."
Doch vor ein paar Monaten beschloss der Moskauer Verlag, der "Die Flüsterer" in Russland herausbringen wollte, das Buch doch nicht zu veröffentlichen - angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. Im vergangenen Dezember beschlagnahmten Polizisten das Archiv von Memorial in Sankt Petersburg. Und zwei Spitzenfunktionäre des Kreml beschimpften die Organisation scharf. Weil sie versuche, die "großartige Erinnerung" an die russische Geschichte zu zerstören.
Wie junge Russen nämlich über die Stalinzeit zu denken haben, das lernen sie mit Hilfe staatlich geprüfter Geschichtsbücher. Die beschreiben den Diktator als "effizienten Manager", der zwar Gewalt befahl - aber doch nur um das Land endlich zu modernisieren.
Wer sich gegen die offizielle Version von Geschichte wehrt, lebt in Russland bis heute gefährlich: Am 15. Juli 2009 etwa wurde die Memorial-Aktivistin Natalja Estemirowa in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt und noch am gleichen Nachmittag erschossen. Sie hatte über Folter und Verschleppung von Gegnern durch die Milizen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow berichtet. Der aber ist Moskaus Statthalter in der Kaukasusrepublik - und soll vielleicht, genau wie Stalin, einmal ein Teil der "großartigen Erinnerung" an die russische Geschichte werden.
Weitere Themen im neuen GEO Epoche:
- Hotel Lux: Wie der Deutsche Herbert Wehner in einem kommunistischen Emigrantenwohnheim vom Opfer zum Täter wird.
- Aufstieg eines Gangsters: Mord, Brandstiftung, Schutzgelderpressung - der junge Stalin ist bereit, alles zu tun, um Geld für die Bolschewiki zu organisieren
- Das Duell: Wie Stalin und Trotzki um die Nachfolge des Revolutionsführers Lenin kämpfen