Mehr als Kieler Woche und Förde Überraschung an der Ostsee - was Kiel alles zu bieten hat

Martimes Blau stattt Nachkriegs-Grau: Nicht nur während der Kieler Woche, dem weltgrößten Seglertreff, ist Schleswig-Holsteins Hauptstadt sehenswert. Auch sonst hat Kiel das triste Image abgestreift – mit einem eigenen Craft Beer und dem ersten Michelin-Stern
Kieler Woche

Ein Fährschiff fast so groß wie ein Hochhaus nimmt Kurs auf die Innenstadt, eine Läuferin in Pink blickt kurz auf. Dann überholt sie locker den mit Rucksack schwer beladenen Blaumann, der von der Marine zum Joggen abkommandiert ist. Die Kieler Förde ist Laufsteg und maritimes Kino zugleich: 17 Kilometer streckt die Ostsee eine blaue Meereszunge tief ins Land bis hin zur Hörnbrücke, die vom Bahnhof zum Ostufer führt. Rappelvoll im Sommer, wenn Windjammer und Jachten zum weltweit größten Seglertreff strömen, der Kieler Woche. Was zählt da, dass die Hauptstadt Schleswig-Holsteins vielerorts von Nachkriegsmoderne geprägt ist, mit der Bombenwunden verschlossen wurden?

Kiel trotzt dem grauen Image kreativ. Zum Beispiel mit Lille, dem ersten eigenen Craft Beer, das in der Alten Mu aus der Braukessel-Taufe gehoben wurde. Das Gelände der ehemaligen Kunsthochschule ist bevölkert von Initiativen und Start-ups. „In Kiel ist alles noch nicht so etabliert, die Menschen haben Lust auf Neues“, sagt Lille-Brauer Max Kühl, der fürs Kunststudium von der Elbe an die Förde gewechselt war. Inzwischen kredenzt auch der Ministerpräsident Lille-Bier bei Empfängen in der Landesvertretung in Berlin.

Eine Radtour durch Kiel

Voller Überraschungen: die Radtour am westlichen Förde-Ufer, Kiels Schokoladenseite (Mieträder: Rad- station im Umsteiger, Sophienblatt 27–29; E-Bikes: Touristinformation, Andreas- Gayk-Str. 31). An der Kiellinie der vier Kilometer langen Uferpromenade, schauen am Geomar-Aquarium Seehunde neugierig aus ihrem Außenpool (Düsternbrooker Weg 20). Von Mai bis September schlägt auf der Reventlouwiese das Camp 24/7 seine Zelte auf, weckt mit Loungemusik, Schnupperkursen und gesegelten Stadtrundfahrten Lust auf Wassersport. Wenn Deutschlands einziges Landesparlament mit Meerblick debattiert, leuchtet am Ufer die raketenförmige Arbeitslampen-Skulptur des Künstlers Stefan Kern (Düsternbrooker Weg 70).

After-Work-Partys steigen jeden Donnerstag in der Seebar, die zur Seebadeanstalt Düsternbrook gehört. Von dieser nostalgischen, vor 80 Jahren auf Pfählen erbauten hölzernen Badeanstalt könnte ich in die Förde tauchen oder eben in der Seebar einfach einen Kaffee trinken (Kiellinie 130). Doch ich radle weiter. Hinter dem militärisch genutzten Tirpitzhafen tut sich eine verwunschene Welt auf: der Anscharpark. Der Komplex des ehemaligen Marine- und Garnisonslazaretts verfiel lange Zeit. Haus 8 nutzen inzwischen Künstler, andere Gebäude werden restauriert, ein neues Wohnquartier entsteht. Nebenan, in der ehemaligen Marinetechnikschule (Arkonastr. 1), grübelt bei Dreharbeiten Tatort-Kommissar Borowski alias Axel Milberg in seinem TV-Büro über ungelösten Fällen.

Kiel Seebar

Die Seebar gehört zur Seebadeanstalt Düsternbrook.

Mit der Fähre Kiel entdecken

Ab in den Schuhkarton, wie die Fähre Adler 1 ihrer Form wegen genannt wird. Nicht ohne vorher einen Blick auf die riesigen Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals geworfen zu haben. Über ihn pendelt die Fährkiste kostenlos zwischen Wik und Holtenau, einem der malerischsten Viertel von Kiel: In der Kulisse eines ehemaligen Tante-Emma-Ladens für Seeleute tanzt man sonntags im Schiffercafé Tango (Tiessenkai 9–10). Frisch vom Kutter verkauft nebenan Tim Staufenberger samstags in der Saison seine leicht nussig schmeckenden Bio-Muscheln, die er am Rande des ehemaligen Marineflieger-Geländes in der Förde züchtet. Radelt man noch weiter nach Friedrichsort, lässt sich der Rückweg in die Innenstadt bequem und aussichtsreich mit der Förde-Fährlinie 1 bewältigen.

Was man in Kiel erleben kann

Von seiner kreativsten Seite zeigt sich Kiel in der Alten Mu. Bis 2012 war der einstige Hochschulkomplex Sitz der Muthesius Kunsthochschule. Nun entwickeln dort die Mitglieder des „Alte MU Impuls-Werk e. V.“ (Lorentzen- damm 6–8) Visionen für eine zukunftsfähige Gesellschaft – wie ein Dorf in der Stadt, das Arbeiten, Wohnen und Lernen vereint. Schon jetzt lassen sich im Glückslokal Kleidung und Möbel tauschen, baut die Rostlatte Bettlatten zu Skateboards um. „Ju- chuuuuh“, jubelt es in Leuchtschrift am neuen Standort der MU (Legienstr. 35) – und gibt damit die Stimmung in der Stadt wider. Straßenzüge werden neu belebt, so der Jungfernstieg, wo Aleksandra Stopka im Blütenwerke (Jungfernstieg 27) Sträuße bindet, Lars Müller im Craft-Beer-Store Brewcomer (Stiftstr./Ecke Jungfernstieg) Bier vor mintgrüner Vogeltapete präsentiert.

Essen und Schlafen in Kiel

Kiels erstes Craft Beer „Lille“, das der Kommunikationsdesigner Max Kühl, 33, und der Industriedesigner Florian Schefke, 31, an der Alten Mu entwickelten, erobert die Gastronomie im Norden. Inzwischen ist sogar der Bau einer eigenen Brauerei in Planung. Beste Fischbrötchen mit deftigem Goldrauch-Matjes gehen an der Fischbar über den Tresen (Reventlouwiese). Dem Coffee-to-go-Hype begegnet Kai Lyck mit seinem Restez À Table! Warum auch köstliche Croissants, Macarons und Eclairs im Gehen genießen? (Sternstr. 18). 

Mit zentraler Lage am Bahnhof punktet das B&B-Hotel (Kaistr. 70, DZ ab 80 €). Renoviert und großzügig erweitert ist das Hotel Kieler Kaufmann, eine wohltuend entspannte Residenz mit Fördeblick und nordischem Design in den Zimmern im Anbau. Im hauseigenen Restaurant „Ahlmanns“ schwört Mathias Apelt auf feine regionale Küche – Steckrübe mit Rauchaal oder Bürgermeisterstück vom Holsteinischen Rind mit Kartoffel-Steinpilz-Roulade. Mit seiner Kreativität erkochte er jüngst den ersten Michelin-Stern für Kiel (Niemannsweg 102, DZ/F ab 188 €).

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