Interview Reinhold Messner und der Kailash

Der Kailash in Tibet ist noch jungfräulich - bis heute hat kein Mensch den Gipfel je betreten. Reinhold Messner hätte 1985 die einmalige Gelegenheit gehabt, doch er lehnte ab. Warum eigentlich?
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Die Umrundung des Kailash gilt als eine der wichtigsten Pilgerreisen im Leben der Tibeter

GEO Saison: Wieso bekamen ausgerechnet Sie die Genehmigung?

Reinhold Messner: Ein Freund von mir war der Arzt eines hohen Ministers in China. Der kam in den Achtzigern in die Schweiz, um sich behandeln zu lassen. Mein Freund konnte ihm helfen. Vor der Abreise sagte er: "Sie haben einen Wunsch frei." Und Professor Rhomberg erwiderte: "Ich wünsche mir, dass ich mit Reinhold Messner zum Kailash reisen und dass Messner ihn besteigen darf." Kurz darauf erhielten wir aus Peking die Genehmigung, den Berg zu umrunden. Und ich bekam die Option, ihn ein Jahr später zu besteigen. Ein tolles Angebot.

... das Sie nicht annahmen

Zu den größten Legenden, die den Kailash umgeben, gehört die Geschichte des Yogis Milarepa, der im 11. Jahrhundert einsam am Fuß des Berges gelebt hat. Er soll den Gipfel auf einem Sonnenstrahl sitzend erreicht haben. Der Berg wurde dabei nicht berührt. Das heißt übertragen: Er darf nicht banalisiert werden, etwa durch eine Expedition mit Seil und Haken. Es wäre ein Sakrileg, ihn zu erobern. Die Einheimischen wollen das nicht. Also habe ich den Berg zweimal umrundet, aber nicht bestiegen.

Sie haben aber schon viele heilige Berge besucht und bestiegen.

Der Kailash besitzt die größte Ausstrahlung. Er ragt neben einem See auf. Das Weibliche und das Männliche liegen so direkt nebeneinander. Der Berg stößt, so sagen die Einheimischen, aus einem Urmeer heraus und bleibt als phallisches Symbol stehen.

Haben Sie den Berg aus spirituellen Gründen umrundet?

Nein, aus Neugier. Es ist eine der stärksten Wanderungen, die man machen kann. Es hieß einmal, die Chinesen wollten eine Straße um den Berg bauen. Doch daran glaube ich nicht.

Wie schätzen Sie den Kailash aus alpinistischer Sicht ein?

Der Berg ist besteigbar. Gute Kletterer würden ihn problemlos schaffen.

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Bergsteiger Reinhold Messner hat den Kailash aus Respekt bis heute nicht erklommen

Und die Kora [Pilgerweg am Kailash] kann jeder machen?

Die Kora ist eine Höhenwanderung, der höchste Punkt liegt auf 5700 Metern. Wer nicht akklimatisiert ist, tut sich schwer. Es kann lebensgefährlich sein. Viele Menschen sind früher zum Sterben an den Kailash gegangen. Sie bekamen eine Himmelsbestattung: Die Geier, diese riesigen Vögel, haben ihre sterblichen Überreste verspeist.

Wie voll ist der Pilgerweg eigentlich?

Große Einsamkeit herrscht dort nie. Die Tibeter warten in Zelten am Fuße des Berges auf gutes Wetter und beginnen dann ihre Wanderung, die meistens drei Tage dauert. Jeder Tibeter hat den Wunsch, einmal im Leben dorthin zu kommen. Die vielen Menschen, darunter auch Inder, begegnen sich mit Respekt voreinander. Sie schnaufen auf den Pass hinauf, als seien sie Lokomotiven. Viele schaffen es nicht.

Wie haben Sie die Pilger auf Ihrer Reise erlebt?

In den Gesichtern spiegeln sich ihr Glaube und ihre Zweifel, ihre Anstrengung, eigentlich das gesamte Dasein. In den Gesichtern zeigt sich auch der heutige Zustand von Tibet, ein Volk ohne Zukunft. Der Kailash ist für die Tibeter ein letzter Ankerpunkt, der sie mit ihrer Kultur verbindet. Sie wandern zusammen, begegnen einander. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, kamen teilweise aus unbegreiflich weit entfernten Gegenden. Sie hatten den 500 Kilometer langen Weg, der sie durch Wüsten zum Berg führte, mit einem Karren bewältigt. Die Pilger, die sich niederwerfen, aufstehen, drei Schritte gehen, brauchen zwei Wochen für die Kora. Was für eine Kälte erfahren die Menschen in dieser Zeit, was für einen Hunger! Und das alles nur, um erlöst zu sein, aus der Wiedergeburt befreit zu werden.

Es heißt, am Kailash offenbare sich die göttliche Kraft der Natur. Wie genau zeigt sie sich?

Die Natur hat eine Erneuerungskraft. Das wird uns bewusst, wenn wir uns ihr frei von technischen Hilfsmitteln aussetzen. Die Kälte und der Wind machen klar, dass der Berg unendlich viel größer ist, als ich es bin. Das zeichnet die göttliche Dimension aus. Darin besteht die Quintessenz der Bergsteigerei: Ein Berg muss erlebt werden. Die Maße, die am Berg gelten, sind nicht Meter oder Minuten, sondern Angst, Zweifel, Müdigkeit und unser Muskelkater. Bergsteigen ist kein heldenhaftes Tun, es führt zur Erkenntnis, dass wir Menschen begrenzt sind.

Sind Sie selbst ein spiritueller Mensch, der auf Erlösung hofft?

Mich interessieren die Entstehung und die Geschichte von Religionen und Glaubensrichtungen, weniger der Glaube selbst. Die Idee des Nirwana erscheint mir attraktiv, bedeutet sie für mich doch, dass man sich in der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit verliert. Die Erde entstand aus einem Urknall, dem ein Nichts vorausging. Am Ende steht eine Implosion, die zurück ins Nichts führt. Solche Gedanken kamen mir am Kailash. Sie kommen nicht, wenn wir in unserer Mühle des alltäglichen Lebens stecken, wenn wir Termine haben, ein Buch schreiben, ein Haus bauen. Wenn Sie um den heiligen Berg marschieren, lassen Sie alles hinter sich. Alles wird unwichtig, nicht weil dieser Berg da ist, sondern weil Sie gehen und sich bewegen.

Würden Sie sagen, dass der Kailash ein Ort des Glücks ist?

Das Glück können Sie nicht finden, deswegen kann es auch nicht einen Ort des Glücks geben. Das Glück ist ein Zustand, der vorbei ist, wenn Sie erkennen, dass Sie glücklich gewesen sind. Die Umrundung des Kailash ist nur dann eine glückende Runde, während ich es tue. Je mehr ich mich bemühe, je müder ich werde, je mehr ich von meinem Dasein vergesse, je stärker ich schnaufe, desto ferner bin ich der Frage, ob ich gerade glücklich bin. Durch das Bemühen entsteht das, was die Tibeter in der Meditation als das Schlüsselerlebnis bezeichnen, nämlich die Auflösung. Wenn Sie da oben sind, können Sie nicht mit Ihrem Handy den Hubschrauber rufen – der kommt nie. Sie müssen sich ganz in Ihr Gehen hineinbegeben.

Werden Sie irgendwann wieder zum heiligen Berg zurückkehren?

Ich will bald einmal mit meiner Familie zum Kailash reisen. Die Umrundung sollte ich schon noch schaffen.

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