Kultur Der Kurzzeit-Nomade

Drei Wochen im Tien Schan Gebirge: Der Berliner Filmemacher Wolfgang Mertin, 68, begleitete für die arte-Reihe 360 Grad – GEO-Reportage eine kirgisische Nomadenfamilie und ihre 600 Tiere bei ihrem beschwerlichen Weg auf die 3000 Meter hohe Sommeralm. Für seinen Film hat er einen Preis auf dem Atlantis Natur- und Umweltfestival in Wiesbaden gewonnen. Ein Interview

Herr Mertin, wie war das Leben als Nomade?

Das war kein Problem, ich habe mich einfach auf deren Lebensweise einstellt. Man kann zum Beispiel nur essen, was dort wächst oder produziert wird. Das kann gewöhnungsbedürftig sein, wie etwa Stutenmilch. Die hat Körpertemperatur und schmeckt süß. Oder Kumys, das ist gegorene Stutenmilch mit einem geringen Alkoholanteil.

Und wo haben Sie geschlafen?

Auf der Alm habe ich in einer Jurte geschlafen. Beim Marsch bauen die Nomaden ihre Jurten nicht auf, wir haben dann in ganz einfachen, kleinen Zelten geschlafen. Als es in Strömen regnete, lief das Wasser natürlich ins Zelt.

Das klingt unbequem.

Ja, aber die meiste Zeit schliefen wir in der Jurte. Und dort hatten wir es recht warm, weil dort einen Eisenofen stand. Es gibt aber in dieser Höhe kein Holz, man heizt mit Yakdung. Das verblüffende daran ist, es stinkt nicht! Es ist ja im Prinzip getrocknetes Heu.

Haben Sie sich am Ende der drei Wochen auf eine Dusche gefreut?

An Bequemlichkeit hat es nicht gefehlt. Unser Protagonist Bachit hat uns ein Saunazelt gebaut, mit einem großen Wasserofen und einer Bank mit Waschschüsseln drauf. Er hatte einen kleinen Bach direkt in das Waschhaus umgeleitet. Da konnte ich mich mit warmen und kalten Wasser waschen.

Wie sind Sie denn auf Bachit und seine Familie gestoßen?

Die Journalistin Edda Schlager hatte für den Deutschlandfunk eine kurze Reportage über den Almauftrieb gemacht. Als ich die hörte, war mir sofort der Film im Kopf klar.

Was hat Sie an der Geschichte so fasziniert?

Das Ereignis selbst, der Almauftrieb. Das stellte ich mir spannend vor, und das war es dann auch. Zum Beispiel als wir mit der Herde und den Lastwagen den reißenden Strom überqueren mussten. Ich saß neben dem Fahrer im Auto. Als wir zum Fluss kamen schoss der Wagen nach unten, ich dachte er überschlägt sich. Dann tauchte der Wagen ins Wasser ein, da bangt man jede Sekunde: Hoffentlich bleibt er nicht stehen, hoffentlich rutscht er nicht weg! Und hoffentlich kommen wir auf der anderen Seite wieder hoch! Es ist in erster Linie natürlich eine Abenteuergeschichte.

Sind Sie ein Abenteurer?

Das Abenteuer reizt mich. In den 80er Jahren habe ich den Film „Dem Ussuri-Tiger auf der Spur“ gedreht. Der endete damit, dass ein ausgewachsener Tiger aus drei Metern Entfernung auf den Kameramann und mich zusprang. Wir konnten ihm nur noch die Kamera entgegen werfen und weg hechten. Der Tigerfänger, der hinter uns stand, hat dem Tiger im Sprung ins Herz geschossen, sonst wäre meine Filmkarriere längst vorbei. Im Tien Schan Gebirge leben Schneeleoparden, aber die haben wir nicht gesehen. Die sind scheu.

Für den Zuschauer ist das aufregend. Freuen Sie sich als Filmemacher über die Schwierigkeiten?

Aber nur! Natürlich wäre es eine tolle Geschichte gewesen, wenn der Wagen stecken geblieben wäre. Dann ist man unglaublich dicht an den Menschen dran, an ihren Fähigkeiten, an ihren Emotionen. Aber ich hätte es Bachit nicht gewünscht.

Welcher Moment hat sie am meisten bewegt?

Die Geburt des Fohlens. Wir haben davon 40 Minuten gedreht, das zu anderthalb Minuten zusammenzustampfen tat weh. Andere Geschichten mussten wir ganz rauswerfen. Zum Beispiel ein Reiterspiel, das sie in Kirgisistan mit einem Ziegenbalg spielen. Eine Art Reiter-Rugby. Tolle Bilder!

Haben sie jenseits der Dreharbeiten auch viel Zeit mit Bachit und seiner Familie verbracht?

Wir haben zusammen gefrühstückt, Mittag gegessen, Abendbrot gegessen. Wenn es Schwierigkeiten gab, haben wir mit angepackt. Am Abend haben wir gemeinsam Wodka getrunken und uns Geschichten erzählt. Mein Team und ich fühlten uns wie Mitglieder der Familie.

Ihre Filme handeln oft von Reisen und sie spielen meist in der ehemaligen Sowjetunion. Ist das eine persönliche Neigung?

Meine Motivation für einen Film ist immer: Das möchte ich mal erleben! Da will ich mal hin! Die ehemalige Sowjetunion fasziniert mich. Ich kenne die Gegend seit 1974, weil ich damals in Moskau Korrespondent für das DDR Fernsehen war. Ich liebe das Land und die Leute. In meinen Filmen geht es immer um Menschen die ihr Leben packen, trotz Schwierigkeiten.

Der Film beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels. Trotzdem ist es ein positiver Film geworden.

Wir haben in den Städten unser Verhältnis zur Natur vergessen. Bachit lebt in unmittelbarer Nähe zur Natur, er redet nicht von Klimawandel. Er stellt sich einfach auf die Veränderungen ein. Bachit merkt dass die Weiden im Tiefland kaputt gehen und dass weiter oben neue Weiden entstehen, also zieht er dort hin. Ein Hirte sucht immer nach neuen Weiden.

Das Interview führte Thomas Salter

Die neuen Nomaden von Kirgisistan
Die neuen Nomaden von Kirgisistan
Je schneller die kirgisischen Gletscher schmelzen, umso riskanter wird für eine Nomadenfamilie der jährliche Almauftrieb. Ein 360°-Video

Weiteren Informationen zu GEO-Filmen (Links, Buchtipps, Video-Kurzfassung u.a.)

Homepage des TV-Senders Arte

Fact Sheet: Die neuen Nomaden von Kirgisistan

  • Tien Shan heißt das Himmelsgebirge an der Grenze zwischen China und Kirgisistan. Seine Gipfel sind über 7000 Meter hoch.
  • Viele Kirgisen versuchen heute ihr Überleben durch Weidewirtschaft zu sichern.
  • Dafür reichen die Wiesen um die Dörfer nicht aus, deshalb treiben sie ihre Herden oft mehrere Tausend Höhenmeter ins Gebirge.
  • Durch das Abschmelzen der Gletscher wird der Auftrieb zum Abenteuer: Oft müssen die Tiere durch reißende Wasser getrieben werden.
  • Doch das Land, das durch das Abschmelzen frei wird, dient den Tieren als Weidefläche.
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