Reisebericht

Reisebericht: Ein Besuch des Kiewer Höhlenklosters

 
 
 
 
 
Reisebericht: Ein Besuch des Kiewer Höhlenklosters

Der Flug von Frankfurt am Main nach Kiew soll zwei Stunden und 25 Minuten dauern. Nach dem Start unseres Flugzeugs kommt die Sprache auf die Sehenswürdigkeiten in Kiew, wo das Finale der 14. Fußball-Europameisterschaft 2012 stattfand. „Die beeindruckende Petscherskaja Lawra, eines der ältesten russisch-orthodoxen Klöster der Kiewer Rus, ist ein Muss für jeden Touristen “, stellt eine wohlwollende Ukrainerin fest.

 
 
 
 
 

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Petscherskaja Lawra ist ein Muss für jeden Touristen

Der Flug von Frankfurt am Main nach Kiew soll zwei Stunden und 25 Minuten dauern. Nach dem Start unseres Flugzeugs kommt die Sprache auf die Sehenswürdigkeiten in Kiew, wo das Finale der 14. Fußball-Europameisterschaft 2012 stattfand. „Die beeindruckende Petscherskaja Lawra, eines der ältesten russisch-orthodoxen Klöster der Kiewer Rus, ist ein Muss für jeden Touristen “, stellt eine wohlwollende Ukrainerin fest.

Das Hotel „Kreshchatyk Guesthouse“ liegt im Herzen der ukrainischen Hauptstadt, an der prachtvollen und betriebsamen Kretschschatyk Straße. Ein Junge am Eingang des Hotels ist sehr höflich und auf die Frage, wie wir die Kiewer-Petscherskaja Lawra erreichen könnten, antwortet er mit einem freundlichen Lächeln kurz und klar: „Sie müssen mit der U-Bahn bis zur U-Bahn-Station Arsenalnaja fahren, weiter mit dem Bus Nummer 24 bis Lawra oder Sie sollten einen Fußmarsch durch den wunderschönen Park „Slawa“ (zu deutsch „Ruhm“ oder „Ehre“) machen. Sie brauchen dafür etwa 30 Minuten, nicht mehr.“
Das dürfte wohl zutreffend sein. 30 Minuten später stehen wir vor den „Heiligen Toren“, vor dem Haupteingang zur Lawra. In grauer Vorzeit glaubten Orthodoxe, dass sie von Gott Vergebung für ihre Sünden erhielten, wenn sie durch Tor gingen. Falls jemand plötzlich stolpert, heißt es, dass dieser die „unzähligen Sünden“ hat, die ihn nach unten ziehen. Nicht gestolpert und bezahlt kleinen Eintrittspreis, betreten wir den Boden eines der ältesten Höhlenklöster der Kiewer Rus. Großartige, vergoldete Kuppeln der orthodoxen Kirchen glänzen im Sonnenlicht. Der 96 Meter hohe Glockenturm, der 62 cm in die nord-östliche Richtung geneigt ist, thront über den grünen Hügeln des rechten Dnjepr-Ufers. Der große, von Mauern umgebene Klosterkomplex teilt sich in zwei Bereiche: die Obere und die Untere Lawra.



 
 
 
 
 

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Auf einer Aussichtsplattform

Ein drahtiger mittelgroßer Mann um die vierzig empfiehlt uns nachdrücklich, zuerst die Untere Lawra anzuschauen. „Dort befinden sich Mönchshöhlen, sogenannte Nahe und Ferne Höhlen, die den historischen Kern der Anlage bilden. Ich möchte ihnen raten, den Mönch Daniil als der Führer zu nehmen, er erzählt über das Höhlenkloster anschaulich und sehr bildhaft“, meint der Kenner der Lawra. Wir folgen seinem Rat und bereits nach zehn Minuten steigen wir in der Begleitung des berühmten Mönchs zu den Nahen Höhlen ab. Daniil ist ein 48 Jahre alter Mann mit tausend kleinen Fältchen um die lebhaften grünen Augen. Von einer Aussichtsplattform blicken wir auf großartige goldene Kuppeln der orthodoxen Kirchen, auf den majestätischen Dnjepr, auf Metromost, auf die riesige Statue „Rodina Mat“ (Mutterland) im Park „Slawa“. Und wir weiden uns an unübersehbarer Weite.



 
 
 
 
 

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Das Höhlenkloster wurde erstmals in der Chronik Nestors unter im Jahr 1051 erwähnt.

Das Höhlenkloster wurde erstmals in der Chronik Nestors unter im Jahr 1051 erwähnt. Der Erste war Illarion, ein Priester aus dem Dorf Beresowo, einer Sommerresidenz der russischen Fürsten. Illarion neigte zum asketischen Leben und sah sich genötigt, sich eine einsame Stelle zu suchen, wo er allein in der Abgeschiedenheit leben konnte. Er entdeckte eine kleine Höhle als Stätte seiner Andacht. Aber bald erwählte ihn der Fürst Jaroslaw für den Stuhl des Metropoliten. Von diesem Zeitpunkt an konnte Illarion nur selten seine Höhle betreten. Sein Nachfolger ist unter dem Namen Antonij als Gründer des Höhlenklosters bekanntgeworden. Sein friedliches, asketisches Leben lockte viele Pilger auf den Weg. Bereits 1061 wohnten in der Höhle etwa zwölf Antonij Gleichgesinnte, die das klösterliche Leben im Rhythmus von Gebet und Arbeit begannen. Sie verbreiterten die Höhle, gruben Mönchszellen und eine erste kleine Kirche. Im Kloster wurde es immer enger zum Leben, geschweige denn, um abgeschieden zu beten. Antonij zog deshalb 1061 auf einen angrenzenden Hügel und grub dort eine andere Höhle. Doch alsbald wurde er von Mönchen wieder umringt, die das neue unterirdische Kloster erweiterten. Als der Fürst Iziaslaw dem Kloster das Land über den Höhlen schenkte, errichten die Mönche eine erste Holzkirche und überirdische Mönchzellen. Dieses Kloster nannte man später „Antonij-Kloster“ oder die „Nahen Höhlen“. Die alten Höhlen heißen die „Fernen Höhlen“.
Der Eingang zu den Nahen Höhlen befindet sich in der Auferstehungskirche Christi. Wir bemerken, dass alle Frauen Kopftücher tragen. „Laut der orthodoxen Tradition müssen die Frauen auf dem Klostergelände und in der Kirche ein Kopftuch und eine längere, nicht zu offene Kleidung tragen. Die Männer müssen stattdessen ihre Mütze ausziehen“, erklärt uns Daniil. Seine Stimme klingt leise, aber deutlich. Neben dem Kircheingang gibt es viele Tücher. Aus Respekt zur Tradition lege ich auch das Kopftuch um. Der Kauf einer Wachkerze ist nicht nur ein billiger Eintrittspreis für einen Besuch der Höhle, sondern auch notwendig wegen der schwachen Beleuchtung. Mit atemberaubender Spannung steigen wir über eine enge Treppe in die faszinierende Welt des Höhlenklosters hinab.



 
 
 
 
 

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Untere Lawra

Die Gänge sind sehr schmal, aber ihre Höhe und die Form der Gewölbe wurden genau durchgedacht, sie entsprechen verhältnisgleich der Größe der menschlichen Figur. Die Höhlenwände sind weiß getüncht. „An den Mauern hängen eigenartige Wegweiser, damit jemand, der ohne Führer das Höhlenkloster besichtigen will, nicht vom Wege abkommt.“ In der Höhle befinden sich auch Mönche, die im Notfall zur Hilfe kommen. Wir entspannen uns und schauen um uns herum. In den Nischen der endlosen Korridore liegen nebeneinander aufgereiht die mumifizierten Leichname der Mönche, die dort im Verlauf von vielen Jahrhunderten bestattet wurden. Seinerzeit führten sie ein entsagungsvolles Einsiedlerleben. Die Mönche verbrachten die meiste Zeit im Gebet und im sehr selten ununterbrochenen Schweigen. Sie widmeten sich auch körperlicher Arbeit, gruben die Höhlen, die später zu der unterirdischen Ansiedelung gemacht wurden, und die gleichzeitig auch als Begräbnisstätte der Mönche dienten. Wenn einer beschloss, auf sich allein gestellt als Einsiedler zu leben, grub er sich selbst sowohl seine Klause wie auch ein Grab für sich innerhalb der Höhle. Er ließ sich allein in der dunklen Höhle einmauern, nur mit einer Durchreiche für das Essen. Diese Fenster sind noch heute zu sehen. Ein Mal für drei Tage brachten ihm andere Brüder das Abendmahlbrot und eine Kerze. Wenn sie beim nächsten Besuch das Essen unberührt fanden, so wussten sie, dass der Einsiedler gestorben war. Die Mönche bedeckten sein Gesicht und schränkten seine Arme über die Brust. Danach legten sie den Leichnam ins Grab oder auf ein Brett. Das Fenster schlossen die Mönche mit einer Ikone oder mauerten es einfach zu. „Oder der Tote sollte sich selbst beerdigen, wenn es in der Höhlenzelle für eine Beerdigung durch die Brüder zu eng war“, so Chronik. Nach drei Jahren oder mehr, aber nicht früher, wurde die Klause geöffnet. Die Luft in den Sandsteinhöhlen war so trocken, dass einige von den Leichnamen nicht verwesten, sondern mumifizierten, ohne dass man sie einbalsamiert hatte. Diese wurden heilgesprochen und besonders verehrt, weil man davon ausgeht, dass diese Mönche besonders fromm waren.
Wir gehen langsam an den von uralten Mönchen ausgemeißelten Nischen vorbei. Die flackernden Kerzen beleuchten spärlich die Särge mit den Reliquien der Heiligen. Kerzenwachs tropft und in der Luft liegt der Duft der Kerzen. In den Nahen und Fernen Höhlen gibt es über 120 mumifizierte Reliquien und je drei kleine schöne unterirdische Kirchen mit metallenen, vergoldenden Ikonenwänden, in denen noch heute die Gottesdienste stattfinden. Der Kirche Antonij gegenüber ist seine Zelle zu sehen. Sie ist so winzig, dass nur drei Personen darin Platz finden könnten. In dem Höhlenkloster wohnte auch der Chronist Nestor, der hier auch bestattet wurde. Es fällt uns auf, dass sich einige Besucher bekreuzigen und ehrerbietig die Reliquien küssen. Ist es nicht lebensgefährlich? Daniil erläutert, dass den Forschungen nach die Reliquien über bakterizide Eingeschalten verfügen, die sogar vor der Strahlung schützen und in geringer Entfernung die Luft reinigen. Andere Menschen bleiben neben den konkreten Heiligen stehen und beten. Mystiker schreiben den Reliquien magische, schützende und heilende Kräfte zu. Manche Pilger halten für wahr, dass sich die Seelen der Heiligen gleich daneben befinden, und sagen deshalb jeder Reliquie „Guten Tag!“.



 
 
 
 
 

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Wir folgen unserem Führer mit den Kerzen in den Händen weiter nach. Die Silhouetten der Kerzen werfen große Schatten an die Wände. Wir fühlen uns zurückversetzt in eine andere Zeit, eine Zeit, die längst vergangen ist. Nach eineinhalb Stunde gelangen wir wieder auf den Hof der Auferstehungskirche Christi aus dem 17. Jahrhundert. Das Licht der Abendsonne beleuchtet die Kuppel der fünf prächtigen Kirchen der Oberen Lawra: der Hauptkirche, der Maria-Himmelfahrt-Kathedrale, des Glockenturms, der St. Antonius Kirche, der Allerheiligen Kirche und der Dreifaltigkeitskirche. Es drängt uns jetzt zum Aufstieg. Er ist zwar nicht weit, aber dennoch anstrengend und die Rückenschmerzen erinnern noch daran. Durch das südliche Tor treten wir in den Hof der Oberen Lawra ein. Hier ist eine Reihe von historischen und sakralen Bau-Meisterwerken sowie Museen untergebracht. Leider haben wir unsere Kräfte überschätzt. Vor Müdigkeit fast umfallend, finden eine nahestehende Bank und ergötzen uns an der im 11. Jahrhundert erbauten, 1941 zerstörten und Ende 90-er wieder originalgetreu rekonstruierten Uspenski-Kathedrale. Sie ist eines der Wahrzeichen Kiews und ein Anziehungspunkt für Hunderttausende Touristen jährlich. Im Jahr 2012 wurden es wohl noch mehr sein.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • agezur 15.04.2013 | 21:39 Uhr

    Ich bin begeistert von deiner Art zu erzählen . Es ist als ob ich daneben stehen würde, genau so sehe ich alles vor mir. Vielen Dank! Ich denke du hast sicher noch mehr Besichtigungen gemacht - ich freu mich auf Berichte1
    LG Christina

  • natalia231957 (RP) 15.04.2013 | 22:30 Uhr

    Herzlichen Dank für deine netten Worte!
    LG Natalia

  • globetrotter 16.04.2013 | 16:07 Uhr

    Sehr informativ mit schönen Bildern! Für mich besonders interessant, da wir gerade über Ostern in Kiew waren und im Schnee fast "versunken" sind.

  • natalia231957 (RP) 16.04.2013 | 17:46 Uhr

    Das ist sehr schön zu hören! Ich wohnte vier Jahre in Kiew und liebe diese Stadt trotz des Schnees, der im April auch dort liegen kann.

  • Blula 19.04.2013 | 06:07 Uhr

    Wie sehr Du diese Stadt liebst, das, so möchte ich sagen, klingt aus jedem Deiner Worte. Du präsentierst uns hier einen so anschaulichen und wunderbaren Bericht mit exzellenten Fotografien obendrein. Eine Städtereise nach Kiew reizt mich schon immer und nun, nachdem ich Dich hier durch dieses einzigartige Höhlenkloster begleiten durfte, erst recht.
    Vielen Dank.
    LG Ursula

  • natalia231957 (RP) 19.04.2013 | 09:13 Uhr

    Herzlichen Dank für netten Kommentar zum Bericht!

  • Schalimara 19.04.2013 | 14:33 Uhr

    Ein ganz toller Reisebericht, der das Gefühl "Das möchte ich auch sehen" hinterlässt.
    LG Schalimara

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  • natalia231957 (RP) 20.04.2013 | 12:55 Uhr

    Herzlichen Dank für die netten Worte!

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