Sturm des Lebens

Reisebericht

Sturm des Lebens

Reisebericht: Sturm des Lebens

Irgendwann erwischt es Jeden...

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Der Auftakt

Es war Ende August und noch weit bis zur Sturmsaison in diesem gefährlichen Teil des Mittelmeers. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht auf`s Meer zu fahren, wenn ich gewusst hätte, was auf uns zukommen wird, sondern wäre in eine der schicken Discos der Costa Smeralda ausgelaufen und hätte mit Mohamed ein paar Miezen aufgegabelt um ihnen meine Yacht zu zeigen. Ein 6,5 Meter langes Uraltboot, das von mir über Jahre zum Hochseekreuzer aufgemöbelt wurde, mit Bugspriet und Balkon hinten, dass es wenigstens 7,5 Meter lang ist. Ein winziges Schiff, innen nicht mal volle Sitzhöhe, aber mit zwei Doppelkojen, wo man schläft wie in einer Sardinendose. Sicher hätte das den Mädels hier gefallen, waren wir doch in Sardinien. Hätten wir das bloss getan...

Der Wetterbericht war gut, der Himmel blau wie ein Königsara-Papagei, keine Wolke bis zum Horizont, also zog ich den Anker hoch und Mohamed und ich stürzten uns in`s grösste Abenteuer unseres bisherigen Lebens, ohne davon auch nur einen Hauch Ahnung zu haben. Von Sardinien ans Italienische Festland ist es nicht weit, ich rechnete damit, am nächsten Tag dort zu sein, um dann in Civita Veccia auf Discoinspektion zu gehen.

Die Insel Maddalena zog rechts an uns vorbei, etwas kahl, ein paar Villen, was war ich froh, nicht hier festzusitzen und mein Swimmingpool putzen zu müssen, sondern frei wie eine geschlüpfte Möve das erste Mal im Leben den offenen Horizont in Angriff zu nehmen! Das hatte ich bis jetzt noch nie. Meine bisherigen Segelreisen hatten immer Land zum Ziel, das ich in der Ferne sehen konnte, so auch damals von Italien nach Korsika, via Gorgona und Caprera, zwei wunderschöne Rastinseln, und dann – sechs Jahre später – von Korsika nach Sardinien, das man auch gut in der Ferne sah, wo es mir dann aber leider bedeutend weniger gefiel, weil alles so kahl war. Korsika war die Erfüllung vieler Jugendträume, entlang der Ostküste kannte ich irgendwann jede Piratenbucht, Porto Veccio wurde meine Ferienheimat, wenn man so sagen kann. Nur an die Westküste Korsikas hatte ich mich nie im Boot getraut, weil sie mir zu gefährlich schien, wegen der Mischung aus nadelspitzen Felsen und dem heimtückischen Mistral. Ich war von Natur aus übervorsichtig, ja, ein regelrechter Schisshase, besonders was das Meer betraf. Diesem Charakterzug stand aber meine unendliche Liebe dem Meer gegenüber, das mir als das Wundervollste erschien, das meine Weltheimat mir bietet. Das Meer mit seinen ganzen Geheimnissen zog mich magisch an. Ich wollte mich ihm widmen, es erforschen, verstehen lernen. Insofern tat ich genau das Richtige...

Mohamed war an der Pinne und summte ein Lied, ich schälte Kartoffeln, es war Vormittag, der Wind war genau richtig, etwa Stärke 4 aus Westen, die Insel Maddalena lag bald hinter uns und verschwand wie auf einer Hebebühne langsam hinter dem Horizont, der Himmel war kristallklar, vor uns lag das weite, göttliche Meer, wie ich es schon immer vor mir sehen wollte. Endlich! Als die Bratkartoffeln fertig gebruzelt waren auf dem Petrolkocher, liess ich erst Mohamed essen - ein noch dünnerer Typ als ich, ein Tunesier auf Europatournee - dann stürzte ich mich auf die Bratkartoffeln, schlang den Rest runter wie ein Geier eine tote Katze auf der Autobahn, dabei hätte ich jeden Bissen geniessen sollen, denn es war die letzte warme Mahlzeit für längere Zeit.

Langsam ging der Mittag in den Nachmittag über, die Sonne brannte mir zunehmend in den Nacken, ich war froh um meine langen Haare. Die Costa Smeralda, die Inseln, das Land, alles war einfach weg! Ist doch herrlich, dachte ich. So sollte das Leben sein! Das Zurückgelassene verschwindet einfach aus den Augen. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen, alles Schlechte versinkt. Was kommt, ist unsichtbar, aber man hat Karten und weiss wenigstens, wohin die Reise geht. Dass ich nicht mal eine Seekarte hatte, sondern nur eine Michelin Strassenkarte von Italien, mit dem Norden auf einer Seite und dem Süden auf der anderen, bereitete mir keine Sorgen. Das Wetter war ein Traum. Der Wind hatte etwas zugelegt, etwa 5 Windstärken, wegen dem Düseneffekt der Strasse von Bonifazio, die jetzt westlich von uns lag, also schräg hinter uns. Auch die Wellen waren etwas grösser, aber meine gute alte Amaryllis liess sie unter sich durchrauschen und hob artig immer das Heck, wenn uns die nächste Welle überholte. Ich hatte das Boot schon seit zehn Jahren, hatte es aber so umgebaut und ausgerüstet, dass es mit dem Originalboot nicht viel mehr als den Rumpf, das Kabinendach und den Mast gemeinsam hatte. Es war dabei ein sehr schweres Boot geworden. Meine Zweifel, wie gut es das Heck anheben wird bei etwas grösseren Wellen von hinten, waren offensichtlich unbegründet, obwohl mein Freibord bloss etwa eine Badelatschenlänge betrug, bei Schuhgrösse 46 jedenfalls. Mehr trennte mein Deck nicht vom Wasserspiegel, das wusste ich.

Je tiefer die Sonne stand, je höher wurden die Wellen und je stärker wurde der Wind. Mir war das bekannt von meinen Küstentrips entlang Korsikas und Sardiniens. Kaum geht dann die Sonne unter, legt sich der Wind und man muss warten, sich treiben lassen, kann Sternschnuppen beobachten, bis am nächsten Morgen wieder Wind aufkommt. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber nicht im Sommer, nicht Ende August, wenn die Sonne golden untergeht und die trockene Maccia, der Busch Korsikas, bis aufs Meer gut zu riechen ist. Napoleon hatte gesagt, er könne seine Insel mit verbundenen Augen erkennen. Wäre er doch dort geblieben...

Als die Sonne unterging, band ich ein Reff in das Grossegel, es waren jetzt gut sechs Windstärken, was schon ganz ordentlich ist, aber kaum zu Sorgen Anlass gibt, eher das Seglerherz jauchzen lässt, solange er nicht gegenan kreuzen muss. Mohamed machte einen riesigen Gurkensalat, und den assen wir, während langsam Nacht wurde, Sterne vor uns aufgingen, die schmale Mondsichel hinter uns sichtbar wurde, bevor auch sie im Meer versank, kurz den noch leicht purpurfarbenen Horizont im Westen verzierend wie die Spitze einer galaktischen Moschee. Mohamed war trotz seines Namens gottseidank nicht gläubig, verspürte jedenfalls keinen Drang, sich an Deck gen Mekka zu verneigen und Gebete zu murmeln. Ich hatte ihn vor zwei Tagen am Strand kennengelernt und gefragt, ob er mit mir nach Italien segeln will, was gut zu seinen Plänen passte. Er erzählte, dass er in Paris Geschichte studiert und aus gutem Haus kommt. Vor der Abreise hatte ich mich noch vergewissert, dass er einen gültigen Pass hat. Während zwei Abenden hatte er in seiner Koje neben mir Odysseus gelesen, ansonsten wusste ich wenig über ihn. Hauptsache ich hatte Jemanden an Bord, der steuern kann, während ich mich schlafen lege.

Entgegen meiner “Absicht”, dass sich der Wind nun abschwächen möge, nahm er zu. Ich barg das Grossegel nun komplett, weil das Boot schwer zu steuern wurde. Nur unter Vorsegel wird ein Boot mehr gezogen, als gestossen, und geht somit fast von alleine in der richtigen Richtung. Dann wartete ich gespannt, dass der Wind sich nun doch etwas abschwächen möge, was aber nicht geschah. Womit die zweite Regel in Kraft trat, die mir bereits bekannt war: Wenn im Mittelmeer sich abends der Wind nicht legt, wird er stärker. Viel stärker oft. Wenn es hier Stürme gibt, beginnen sie nachts, schleichen sich an im Dunkeln.

Ich steuerte alleine, liess Mohamed vorschlafen, damit er mich später ablösen könnte. Wir kamen schnell vorwärts, fast etwas zu schnell, schien es mir. Die uns einholenden Wellen waren steiler geworden, aber Amaryllis, die ich von meinem Vater mit siebzehn geschenkt bekam, hob immer höflich ihr Heck und liess sich von den Wellen nicht beeindrucken, trotz der Tonne, die sie durch meine Umbauten schwerer geworden war. Ein feines, nagendes Gefühl des Zweifels begann sich in mir auszubreiten, ob sie sich auch mit mehr Wind noch so gut steuern lassen wird. Immerhin hatte ich das Boot von einem leichten Schwertboot in ein schweres Kielboot umgebaut. Theoretisch müsste das aber viel besser sein, beruhigte ich mich. Aber auch das Steuerruder hatte ich ersetzt, mit einem viel schwereren, das ich selber entworfen hatte, das eine andere Form hatte, viel grösser war. Aber auch das schien mir theoretisch besser zu sein. Also, wird schon, sagte ich mir, bewunderte die Nacht, das Rauschen des Meeres, fragte mich, was in ihm alles verborgen lag an Reichtümern, von denen niemand weiss.

Der Wind nahm weiter zu. Nicht rapide, aber wahrnehmbar. Er kam konstant aus Westen. Das Firmament war klar wie auf einem Berggipfel. Zu klar! So klar, wie es nur ist, wenn sich ein Mistral daherkommt, der jeden Dunsthauch vertreibt. So ein Mist! Konnte DAS sein? Die Wetterprognosen hatten von 5 Windstärken geredet, abnehmend gegen Abend. Offizielle Marineprognosen von Grasse Radio auf Kurzwelle. Kann ja nicht sein, dass die sich so täuschen! Oder...? Es schien mir inzwischen etwa 7 Windstärken zu haben, das Boot wurde immer nervöser, ich auch. Sieben Windstärken sind schon “unordentlich” viel Wind, das Meer wird ungemütlich und wild. Trotzdem schlief Mohamed wie ein zusammengerollter Teppich.

Ich wunderte mich, wie dezent und leise sich dieses Naturschauspiel entfaltete. Ich hatte schon manchen Sturm erlebt, aber im Hafen, wo bereits dieser Wind zum Scheppern und Pfeifen in der Takelage führte, um dann bei noch mehr Wind in beängstigendes Geheul überzugehen. Das kannte ich schon, aber jetzt wurde mir klar, dass es die Masse ausmachte, die vielen Boote im Hafen, die Bäume an Land, alles was sich dem Wind quer stellt, das hörbar wird. Hier war es nur mein kleines Segelboot mit den wenigen Seilen und dem kurzen Mast, das den Wind nur leicht und leise zum singen brachte. Das Meer schien dem Wind artverwandt zu sein, er zerrte nicht an ihm, sondern tanzte mit ihm einen Reigen, nahm es bei der Hand und brachte es zart in Schwung und rythmische Bewegung. Ich staunte und war fast beruhigt über diese gleichzeitige Ruhe.

Gegen Mitternacht, und nachdem ich mich mit diesen 7 Windstärken ganz gut arrangiert hatte, wurde es mit einem Mal deutlich kühler und die Windstärke nahm rasant zu, auf geschätzte 8 Windstärken. Nun aber! Könnte der Wind sich etwas ziehmen! Nein, konnte er nicht! Mein Boot wurde noch schneller, es wurde mir unheimlich. Ich steurte einen Halbkreis, sodass die Nase des Bootes im Wind stand und barg das knatternede Vorsegel. Ich brauchte bloss an einer Leine zu ziehen und es rollte sich ein. Jetzt, wo das Boot stillstand, war der Wind dadurch noch stärker geworden, weil ich mich ja nicht mehr in ihm fortbewegte. Danach drehte ich bei. Das heisst, ich band die Steuerpinne an eine Seite, damit das Boot seitlich zu den Wellen steht, und überliess es sich selbst. Eine altbekannte Taktik in schlechtem Wetter, aber es war das erste Mal, dass ich sie anwendete. Ab etwa 8 Windstärken, sagt man unter Seglern, entscheidet zunehmend der Wind und die Wellen, wohin man geht. Gegenan ist nahezu unmöglich, seitwärts wird es immer gefährlicher, da eine brechende Welle ein kleines Boot umschmeissen kann, besonders wenn es unter Segeln vorwärts prescht. Abwarten und Schnee trinken, sprach also der Eskimo. Und warten bis das Meer sich beruhigt. An Tee trinken war aber kaum zu denken, das Boot fühlte sich an, als sei es ein zickiger Mustang auf Brautschau, seit es beigedreht lag. Wodurch Mohamed wach wurde und fragte, ob alles “Bien” ist. Ich sass jetzt auf meiner Koje, der Eingang vom Boot verrammelt. Oh ja, alles Bien, mon ami! Ist so, manchmal beim Segeln. Womit ich zwar nicht log, ihm aber auch nicht die ganze Wahrheit sagte. Soll ich steuern, fragte er und schaute mich in der fahlen Kabinenbeleuchtung aus seinen grossen Kamelaugen an, mit Wimpern, die nur Wüstenbewohner haben. Oh, NON, lass das mal! Wir machen jetzt etwas Pause, dann gehts weiter. Lustlos schlabberten wir den Rest Gurkensalat, der in einem See aus Sauce hin und her schwappte, synchron mit unserem Boot im Meer. An der Salatsauce konnte man sehen, wie wild das Meer geworden war. Es war unsere letzte Mahlzeit für die kommenden 24 Stunden. Bloss wussten wir das noch nicht. An Kochen war nicht mehr zu denken. Alles was ich hatte, waren Kartoffeln, Zwiebeln, Reis, Linsen... Das Übliche unter sparsamen Seglern. Man sieht hungrig aus, wenn auch das Meer hungrig wird.

Was anfangs nur ungemütlich war, wurde spätestens dann unheimlich, als wir seitlich von einer brechenden Welle getroffen wurden. Ich zuckte zusammen. Ein Riese hatte an das Boot geklopft. Seine Message war laut und simpel. Glaubt ja nicht, dass ihr zwei Landkröten euch vor mir verstecken könnt! Ich öffnete kurz die Luke, kletterte ins Cockpit um nach dem Rechten zu sehen und merkte sofort,dass der Wind weiter zugelegt hatte. Etwa 9 Windstärken, schätzte ich. Ab jetzt sind wir in einem Sturm, ab 9 Windstärken denkt man ans Überleben. Und wenn es noch dicker kommt, ist auch Ende mit Beidrehen, also das Schiff sich selbst zu überlassen. Man muss aktiv werden, steuern. Fertig lustig im Boot, Witze reissen und so! Ab 10 Windstärken steht man nicht mehr steif gefroren in seiner “Telefonzelle” und hofft, dass der Riese nicht durch die Glastür kommt. Ab 10 Windstärken muss man üblerweise raus und mit ihm tanzen, diesem Grizzlybären aus Luft und Wasser, der einen Nagel im Arsch zu haben scheint. Mir war mulmig zumute. Im Dunkeln sah ich, wie Wellen sich brachen, helle Flecken im dunklen Meer, die sich fortbewegten. Phantastische weisse Teppiche aus Gischt und Schaum, die dem hoch verehrten Publikum zur Ansicht ausgerollt wird...

Ich befestigte die Steuerpinne an der Schubstange, die ich vor Jahren montiert, aber nie wirklich gebraucht hatte, und die mir nun erlaubte, das Boot von innen zu steuern. Eine Einrichtung, die ich mal von einem kaputten Schlauchboot abmontiert hatte, und die jeder Segler, dem ich sie zeigte, entweder total süss fand, oder dazu brachte, mich in die Kategorie der Spinner einzuordnen, was unter Seglern aber durchaus zum guten Ton gehört. Ein lüttes Siebenmeterboot mit Innensteuerung, also sowas! Wozu brauchst du DAS denn...?

Nun war der Moment. Innen im Boot kramte ich das Steuerrad hervor und montierte es, und zwar rechts vom Eingang, an der Decke, wo der Steuermechanismus ins Bootsinnere ragte. Eine zugegeben recht ungewöhnliche Position. Was sich jetzt auch bezahlt machte, das war mein Ausguck im Schiebeluck, durch das ich Rundumsicht hatte bei geschlossenem Boot. Mit zunehmendem Unbehagen war mir bereits seit Beginn der Nacht klar, dass wir mitten in einer vielbefahrenen Schiffsroute unterwegs waren. Links kamen uns Frachter entgegen, rechts wurden wir überholt. Kaum eine Stunde verging, ohne dass nicht die Positionslichter anderer Schiffe sichtbar waren. Schiffe, die ebenso wie wir zwischen Sardinien und Civita Veccia unterwegs waren. In the middle ofr the road also. Schön!

Das Boot war jetzt von innen verrammelt, alle Schoten dicht und ich stellte mit gemixter Faszination fest, wie gut sich das Boot steuern liess. Auch wenn meine Körperhaltung für Aussenstehende etwas Merkwürdiges an sich hatte, mit Händen an einem Steuerrad an der Decke und gesenktem Blick auf den Innenkompass, der auf dem Boden vor mir befestigt war und fahl leuchtete. Obwohl kein Fetzen Segel hing, ging es voran. Vom Sturm getrieben, waren wir ebenso schnell, wie wenn ich unter normalen Bedingungen segeln würde. Durch den Ausguck konnte ich dem Grizzlybären da draussen eine lange Nase machen. Hä! Hättest wohl nicht erwartet! Dachtest, ich zieh mir jetzt das Ölzeug an und tanze eine Nacht Tango mit dir...

Mon Dieu! Quel tempette! Was für ein Sturm! Mohamed lag in seiner Koje verkeilt wie ein Kinderwagen in einem Kofferraum und las im Licht seiner Taschenlampe Odysseus von Homer, dem alten Schwätzer. Sollte Mohamed Angst haben, so war sie ihm nicht anzumerken. Er war auch nicht seekrank. Und dann begann Mohamed laut vorzulesen, die Abenteuer von Odysseus auf Französisch. Und wie er durch einen wütenden Sturm segelt, der Ärmste, ganz alleine auf einem Floss und auf dem Weg – hörte ich richtig – von Korsika nach Neapel. Hiess zwar ganz anders damals, aber laut Fussnoten im Buch soll es so gewesen sein, erklärte mir Mohamed. Unsere Wege kreuzten sich also irgendwo hier, inmitten der Nacht und im Sturm. So trifft man sich wieder, Kollege, im selben Meer, zum selben falschen Moment. Was bedeutet schon Zeit, dem Meer? Nichts! Es ist immer noch genau gleich wie immer. Wie ewig. Keine Entwicklung, die je stattfindet, erst Recht keine Verbesserung dieses ewigen Schlingels namens Ozean, der mal hübsch und freundlich und gekämmt und rasiert daher kommt, dann wieder voll des Zornes und mit einer Auswahl Keulen hinter dem Rücken. Zeit? Ihm? Bedeutet ihm nie das Geringste, dem Ozean. Weil er kein Anfang hat und kein Ende. Zuerst da war, von allen Elementen, und zuletzt da sein wird. Zuletzt fertig gemacht von Menschenhand, zuletzt gezähmt und rasiert. Das grosse, wilde Meer, die Mehrheit dieser fälschlicherweise Erde genannten blauen Kugel im Weltall links. Wo nichts gedeiht, ausser Spuk und Reflexion und wo doch alles herkommt, was lebt, oder auch nicht. Sei gegrüsst Odysseus, du ewiger Gammler, wo denn sonst kommen Geschichten her, wenn nicht aus dem Meer. Von wo die besten Geschichten gar nie erzählt werden, nur die zweitbesten... Wo Jeder frei zu sein glaubt, aber doch im Käfig aller Käfige hockt, einem Boot, einem Floss, einem Fass. Grüss mir auch Sokrates übrigens, oben im Himmel, oder wo immer ihr gerade hockt. Und euch totlachen würdet über diesen Alpenzwerg und den Kameltreiber unten im Sturm und der Nacht – wenn ihr nicht eh schon längstens tot wärt! Oder eben nicht. Weiterlebt in Geschichten, die man über euch erzählt, die es bis hierher geschafft haben, in unser Eichenfass, das der Sturm vor sich herrollt wie ein wütender Winzer ohne Humor. Auch Sokrates in seinem Fass (badete in Badedas). Wärst ja echt auch lieber zur See gefahren, mein Lieber...! Kein Meer so voller Gefahren, wie eine Meute, die dich nicht versteht!



Spirit of the Sea

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Der Sturm

Was mir am Anfang wie eine Form des sich treiben lassens vorkam, wo man noch in Gedanken woanders herumlümmeln durfte, wurde zunehmend zu einem Hexenritt, der den letzten Funken Beschaulichkeit eingebüsst hatte. Er kündigte sich an mit einer Welle, die so steil und hoch war, dass unser Boot beschleunigte wie ein Mofa und kurz auf der Welle zu surfen begann. Nur kurz. Sehen konnte ich die Welle nicht, es war stockfinster. Mein gerade erst entstandenes Selbstbewusstsein, dass es ja EIGENTLICH gar nicht so schwer war, vor Top und Takel zu lenzen, wie diese Sturmtaktik auf Marinedeutsch heisst, ging ebenso rapide zurück, wie der Speedometer, der die Geschwindigkeit anzeigt, nach oben ging. Satte 8 oder 9 Knoten. Rekord! Hatte so etwas noch nie erlebt! Ab jetzt war ich einer mir neuen Zone des Segelns, wo sich die Geister scheiden. Mehrheitlich wird empfohlen, hinten Trossen auszulegen, die man hinter sich herschleppt, um zu bremsen, damit das Boot unter Kontrolle bleibt. Wenns dann noch dicker kommt, mit Reifen am Ende des Taus. Notfalls schlicht einen Anker hinter sich herschleifen. Hauptsache man wird nicht zu schnell, denn Schnelligkeit in einem Sturm kann das jähe Ende bedeuten, wenn das Boot querschlägt. Auf der anderen Seite steht Vito Dumaz, ein Argentinier, der im 2. Weltkrieg alleine um die Erde gesegelt ist, was sicher keine schlechte Idee war. Er war der Begründer der Theorie, je schneller, je sicherer, man muss nur wach bleiben und ganz konzentriert steuern. In seinem epischen Sturm vor Kap Horn hat er die originelle Idee entwickelt, sich ein Messer in den Unterarm zu rammen, um nicht einzuschlafen. Eine sehr gute Idee übrigens, denn alleine der Gedanke daran hält jeden Segler im Sturm wach! Vito Dumas plädierte dafür, unter Vollzeug vor den Wellen davon zu preschen, weil man so volle Kontrolle behält. Wenn man Vito Dumas heisst. Also hat sein Rezept zum Verlust diverser Schiffe geführt, ausser dem von Bernard Moitessier, wie er in seinem berühmten Buch “Kap Horn, der logische Weg” sehr humorvoll beschreibt. Ideal soll es laut Moitessier sein, die Wellen in einem Winkel von 15 Grad zu nehmen, weil man dann noch etwas schneller wird...

Für mich war die Methode also vorgegeben. Ablaufen, was das Zeug hält. Ich hisste zwar keine Segel, startete aber den Motor. Wie ein knatternder Gokart gings jetzt echt voran! Steuern war das Motto der Zukunft! Genau steuern, etwa 15 Grad weg von den Wellenkämmen, die sehr geordnet aus immer der gleichen Richtung daher kamen. Ich hatte Schweissperlen im Gesicht vor Angst, aber Mohamed liess sich nicht aus der Ruhe bringen und las weiter vor, laut genug, dass ich ihn verstehen konnte im Lärm der Maschine. Aber ich hörte nur noch mit einem Ohr zu. In Gedanken war ich bei Moitessier, diesem Witzbold der Meere, der in den Sechzigern an der ersten Regatta nonstop um die Welt teilgenommen hatte – ALLEINE – und klar in Führung lag, als er von Westen kommend das Kap Horn umrundete. Über Funk wurde ihm gesagt, dass er wohl als Gewinner in London einlaufen würde... Ihn störte dieser Gedanke, denn sein siebter Himmel war das Meer, die Südsee, Tahiti, das er sich im Vorbeisegeln aus der Ferne angeschaut hatte. Und so beschloss dieses Original, einfach weiter zu segeln, am Kap der guten Hoffnung zum zweiten Mal vorbei, wieder unter Australien und Neuseeland durch, bis nach Tahiti, wo er nach eineinhalb Weltumrundungungen seinen Anker schmiss. So wurde aus ihm eine Ikone maritimer Spassvogelei, als auch einer Unerschrockenheit ungeahnten Ausmasses. An ihn dachte ich, während ich Amaryllis durch den Sturm steuerte.

Trotz der Geschwindigkeit, traf uns wieder eine Welle, die sich brach, und katapultierte uns regelrecht vorwärts. Diesmal aber auf 10 Knoten und vielleicht 10 Sekunden lang, während denen ich mich nur auf den Kompass konzentrierte, um den Kurs zu halten. Dies ging erstaunlich gut. Gerade unter hoher Geschwindigkeit reagiert ein Steuerruder viel sensibler, was mir bereits aus der Theorie klar war, aber ich jetzt zum ersten Mal erlebte.

Die Abstände zwischen den Surfperioden wurden immer kürzer, während das Surfen immer länger anhielt. Mehrere Male kletterte der Zeiger innert weniger Sekunden bis zum Anschlag, was 12 Knoten bedeutete, also etwa 20 Stundenkilometer. Aber da der Zeiger so kräftig bis zum Anschlag hochschnellte, war es wahrscheinlich noch mehr. Parallel kam hinzu, dass das Boot in den Wellentälern abbremste und kaum mehr Fahrt machte, trotz dem Motor, also beinah steuerlos wurde. Die Wellen waren schlicht so hoch, dass in den Wellentälern Flaute war. Es war immer noch Nacht, sehen konnte ich die Wellen nicht, aber ihre Höhe machte mir Angst vor dem Morgen. Ich WOLLTE sie gar nicht sehen! Nach wie vor wunderte ich mich, mit welcher Ruhe das Meer seine Wucht entfalten konnte. Kein schrilles Pfeifen in der Takelage, nur das sonore Dröhnen des Motors.

Es war etwa halb fünf, als die Sterne im Osten kleiner wurden und ein Firnis vager Helligkeit über den Horizont gezogen wurde, kaum sichtbar, ganz sanft, als hinter uns ein Rauschen vernehmbar wurde, das schnell lauter wurde, gefolgt von einem schäumenden Knall und dann mir endlos erscheinender, gespenstischer Ruhe, Stille fast, wäre nicht das Knattern des Motors gewesen. Aus dem Ausguck zu schauen wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, der Kompass war alles was mich interessierte und der Speedometer, der aber kaum nach oben ging. Die kurze Ruhe im Boot war die trügerischste meines Lebens! Sie mag bloss zwei oder drei Sekunden gedauert haben, während denen aus jeder Ritze des Eingangs, des Schiebeluks an der Decke, des Vorluks Wasser reingepresst wurde. PFFFFT! Wie aus einem Schlauch, den man fast zudrückt. Ich hatte nasse Haare, Mohamed ein nasses Bett. Wir waren von hinten bis vorne von einer brechenden Welle zugedeckt worden! Waren für Sekunden ein U-Boot aus Holz. Mohamed legte sein Buch zur Seite und zeigte erstmals Anzeichen von Bekümmertheit. Aber nur kurz, dann lachte er und fragte, wann ich denke, dass wir in Civita Veccia ankommen. Gute Frage! Und eine gute Aufmunterung. Ja, klar, werden so etwa gegen Mittag dort sein, dann trinken wir ein richtig kaltes Bier, essen eine Riesenportion Spagetti Napolitano und gehen dann in die Disco!

Wie wunderbar ist doch dieses Landleben, ging mir durch den müden Kopf. Auch ein Schrebergarten hat seine Reize! Was tu ich hier bloss? Ich konnte mich nicht schlafen legen, denn Mohamed hätte ich den Job nicht zugetraut, essen konnten wir auch nicht, alles was wir hatten, war Wasser aus der Flasche. Zum Pissen raus gehen, ging auch nicht, Klo war auf meinem Boot ein unbekanntes Wort, also pinkelten wir in leere Tupperwarebehälter und machten den Deckel drauf. Ein weiterer Nutzen für Tupperware übrigens, der leicht vergessen wird! Um Sechs kam auf Grasse Radio der Wetterbericht für die Schiffahrt. Laut ihm herrschten in unserem Seeraum (Tyrenisches Meer) 11 Beaufort Windstärke, die Skala geht bis 12. Wir hatten über hundert Stundenkilometer Windgeschwindigkeit, einen Grizzlybären der Amok lief. Ich hatte kaum Gelegenheit nach draussen zu schauen, konzentrierte mich aufs Steuern, auf den Kompass zu meinen Füssen. Mich packte nacktes Grauen, wenn ich doch kurz durch den Asuguck nach draussen schaute, nach vorne, es war eine weisse, kochende See, Wellen brachen konstant, Gischt wurde davon geblasen und ordnete sich zu Streifen aus Schaum, die in Windrichtung vor uns her stiebten. So sieht das Meer aus, jung und gefährlich, wenn der Mensch alt aussieht und blass. Ich duckte mich wieder rein, steuerte um mein Leben und lenkte mich ab mit Gedanken an Joshua Slocum, dem es auch nicht besser ging, als er seine Spray durch die Magellan Strasse steuerte, die ihm weiss wie eine wild gewordene Schneelandschaft vorkam. Hätte es ihn nicht gegeben, wäre wohl das ganze Yachtfieber in den Köpfen des leicht zum Irrsinn neigenden Teils der Menschheit gar nie ausgebrochen. Wäre ich jetzt wohl nicht hier. Wenn der gute, alte Joshua nicht einhändig als erster Mensch um die Welt gesegelt wäre, in einem kleinen, alten Holzkutter, und vorzu darüber berichtete, für Zeitungen schrieb, ja sogar - obwohl vor bald hundert Jahren - in den grösseren Häfen Lichtbildervorträge gab, mit seiner Laterna Magica. Schliesslich ein Buch schrieb, das dem hintersten Talbewohner der Erde die Nachricht vermittelte: Die grösste Freiheit liegt auf dem Meer! Wer sich alleine darin fortbewegen kann, ist Weltmeister, im wahren Sinn des Wortes. Zieht hier und da an Leinen, bis unter ihm die Welt sich dreht, langsam zwar, aber ohne fremde Hilfe. Ein schwer zu vergessender Auftrag, die dieser Weltmeister der Sprache, der er auch war, dem Freiheitsdurstigen mit auf den Weg gegeben hat!

Wieder nahm ich kurz ein Auge voll von der unmittelbaren Wirklichkeit draussen. Eine weisse, verzauberte, hochdynamische Welt, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Und die ich mir gar nicht zu genau anschauen wollte. Wer Moby Dick gelesen hat, weiss, dass Weiss die Farbe des Bösen, ja des Todes ist. Ab und zu schaute ich kurz hoch und freute mich am tiefen Blau des Himmels. Dem Grizzlybären hinter mir, der uns mit Brechern verfolgte, wagte ich nicht, in die Augen zu schauen. Ich hatte nackte, wenn auch nicht panische Angst vor ihm und “telefonierte” unverdrossen weiter mit unserem Schicksal, das an einer Zahl hing, an einem Kompasskurs, den zu steuern meine einzige Aufgabe war. Auch mein knurrender Magen sollte schweigen. Die ganze Welt sollte schweigen! Jeder Gedanke war ein Gedanke zuviel. Ich war nur noch eine Maschine und hatte zu funktionieren. Denn das Meer war weiss, ein Eisbär nun, der mit uns tanzen wollte, Rock n Roll, aber eng umschlungen. Wenn das nur gut geht? Haut ab, Gedanken! Ich bin nur eine Maschine...

Aufgeschreckt aus meinem Maschinendasein wurde ich vom Stoss aus einem Nebelhorn, gegen den die Trompeten von Jericho ein Gutenachtlied sind. Wie ein auf einer Feder hochspickender Teufel steckte ich den Kopf in den Ausguck und machte fast in die Hose vor Schreck. Etwa hundert Meter schräg hinter uns schaukelte King Kong des Meeres, nass in der Sonne glitzernd. Auf der Bordwand in riesigen Buchstaben: “Ferrovia Strato”. Eine Eisenbahnfähre. Ganz langsam überholte uns das Schiff auf der rechten Seite. Immerhin hatte es uns gesehen. Ich schaltete mein uraltes Funkgerät ein, dessen Batterien aber fast tot waren und meldete mich auf dem Anrufkanal 16. Hallo, Ferrovia Strato, hier Amaryllis! Sofort kam Antwort und wir wurden in gebrochenem Französisch gefragt, wie es uns geht. Ein Moment bitte! Ich musste mich zuerst mit Mohamed absprechen, immerhin war er in den letzten Stunden recht schweigsam geworden und starrte nur noch an die Decke. Abwechselnd blickten wir aus dem Ausguck zum Schiff rüber. Es rollte und stampfte in der schweren See. Voulez vous gerettet werden, krächzte es im Lautsprecher. Mir war rätselhaft, wie das konkret ablaufen sollte, ausserdem hatten wir ja keine Probleme wirklich. Bislang jedenfalls. (Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass nördlich von uns ein Zweimaster abgesoffen war und eine grosse Rettungsaktion am Laufen war). Wie stellt ihr euch denn das vor, uns an Bord zu nehmen, erkundete ich mich. Bon, wir werden in Luv von Euch gehen, sodass ihr in Windabdeckung seid, dann kommt ihr längsseits und wir haben Kletternetze über Bord hängen. Kletternetze... Ich sah hinter den Scheiben des riesigen Schiffes Menschen, die uns von weit oben beobachteten. Kletternetze... Also ehrlich, so weit bin ICH noch nicht! Mohamed grinste. Auch er schien kaum gewillt, jetzt die maritime Affennummer zu bringen, bloss weil das eine schaulustige, Keks knabbernde Meute Italiener ihren Bambinis gegönnt hätten. Alles BON, Ferrovia Strato, wir finden unseren Weg schon selber! Könnten wir noch unsere genaue Position haben? Nachdem ich noch unseren Zielhafen durchgab, wurde das Schiff schneller und zog an uns vorbei in der selben Richtung wie wir. Ein Palast des Meeres, mit Spelkasino und Bar. Ein King Kong, der uns die Hand zu Rettung reichen wollte, die ich dankend, aber nicht ganz frei von Zweifeln, ablehnte. Schnell waren wir wieder einsam in der schweren See unterwegs.

Gegen Zehn war der Sturm schwächer geworden, das Meer gewann Farbe zurück, Wellen brachen sich zwar noch, aber nicht kontinuierlich, wie als es gerade hell wurde. Die Höhe der Wellen war aber wegen dem nicht kleiner, im Gegenteil. Ihre Spitzen wurden nicht mehr “geköpft” vom Sturm, sie waren reifer und folgten Regeln, so wie auch Menschen, wenn sie erwachsen werden. Wenn aus jugendlichem Chaos und spritzigem Individualismus der Drang zum Gleichschritt aufkommt, mit der uns Wellenberge einzuholen schienen. Je länger je berechenbarer wurden sie. Sind wir Menschen auch bloss Wellen? Angefacht vom Sturm des Lebens, aufgepeitscht zu denkenden Brechern, um dann eine Weile als Dünung durch die Zeit zu reisen, von deren Spitze man die Welt sieht, aus dem Wellental aber nur sich selber. Bis man in fernen Gestaden als kleine, brechende Hundewellen ausebbt und im Sand versickert, mit einem letzten grossen Schlürfen.

Als die Sonne im Zenith stand, konnte ich die Klappe vom Ausguck öffnen, Luft herein lassen, sogar kurz an Deck, wichtige Geschäfte erledigen. Die Wellen waren zwar kaum kleiner geworden, aber der Wind war auf etwa 8 Windstärken zurück gegangen. Die Wellen kamen immer ausgereifter daher, spiessiger, schöner, so wie man sie sich vorstellt, brav und gut erzogen, jenseits der Midlifecrisis, abgeklärt, keine Überraschungen mehr. Was alle freut, ausser vielleicht die Welle selber. An Kochen war aber noch nicht zu denken. Steuern hatte höchste Priorität. Der Motor lief wacker mit und verhinderte, im Wellental steuerlos zu werden, was noch wie vor riskant gewesen wäre.

Nachmittags tauchte am Horizont vor uns Land auf, mehr ahnbar, als sichtbar, Hauptsache BAR! Und zwar HEUTE noch! Verdient ist verdient! Dass es sich um Civita Veccia handeln dürfte, war ziemlich klar, immerhin zog immer wieder mal ein Frachter an uns vorbei und steuerte in der gleichen Richtung, von der auch Frachter auf uns zu fuhren und uns in wenigen Meilen Abstand passierten. Und dann ab in den Hafen, Boot anbinden und rein ins Nachtleben, war die euphorische Devise. Unsere genaue Position war mir unbekannt.

Es wurde dunkel, bevor wir den Hafen erreichten. In der Ferne gingen Lichter an, immer mehr davon, bis wir schliesslich auf eine wie eine Lichterkette funkelnde Küste zu segelten. Das Vorsegel stand wieder, der Motor lief aber weiter, um ja nicht steuerlos zu werden. Das einzige Problem war, dass das Land, die Lichterkette, nur von den Wellenkämmen aus sichtbar war, für kurze Augenblicke, bevor wir wieder in das Wellental abtauchten. Beizudrehen und auf den Morgen zu warten, lag nicht drin, dafür hatten die Wellen immer noch zuviel “Wumme”. Mohamed brauchte mir nicht weiter aus Odysseus vorzulesen, zum verstehen, dass nicht Stürme das Gefährlichste sind, sondern Land. Speziell unbekanntes Land! Laut der Michelinkarte hatte ich eine vage Vorstellung, dass der Hafen im Norden der Stadt sein müsste, eine lange Hafenmauer hat und ein Schlupfloch etwa in der Mitte, wo sich auch ein Leuchtturm befinden müsste. Leuchtturm ist gut gesagt! Die ganze Küste funkelte und glitzerte. Etwa drei Sekunden lang, gefolgt von zwanzig Sekunden Dunkelheit. Ich liess Mohamed steuern und hielt mich stehend am Mast fest, um etwas länger Augenschein nehmen zu können. Der Feldstecher nützte nicht viel, denn das Boot tanzte viel zu wild. Aber je näher wir der Stadt kamen, je länger konnte ich sie sehen, und je kürzer wurden die Phasen der Blindheit. Gleichzeitig näherten wir uns der Sicherheit eines Hafens, aber auch der immensen Gefahr, ihn zu verpassen. Euphorie und nagender Zweifel gingen Hand in Hand. Ich ging ans Ruder zurück und begann in einem schrägen Kurs zu den Wellen zu steuern, um Zeit zu gewinnen und einen Zickzackkurs einzuleiten, um so vielleicht näher an den Leuchtturm zu kommen, den wir nach wie vor nicht entdecken konnten. Alle zwanzig Minuten änderte ich unseren Kurs, während Mohamed sich am Mast festklammerte und Ausschau hielt. Umdrehen wäre unmöglich gewesen. Wir mussten den Eingang zum Hafen im ersten Anlauf finden. Wir MUSSTEN!

Von hinten kam ein Frachtschiff, überholte uns in gehörigem Abstand und steuerte Richtung Hafen. Ein Glücksfall, denn so konnten wir genau sehen, wo das Schiff in den Hafen einläuft. Dachte ich. Glaubte ich. Weil jeder Segler nachts zum Gläubigen wird, zum Hellseher. Konzentriert verfolgte ich die Positionslichter des Schiffs und liess sie nicht aus den Augen. Mit Feldstecher bewaffnet hockte ich auf dem Segelbaum, um möglichst hoch zu sein. Dort muss es reingehen, in den Hafen, ich sah es ganz genau. Oder dort! Nein DORT...! Oder... Irgendwann kamen die Positionslichter zum Halten und wurden kurz darauf gelöscht. Wo genau das Schiff in den Hafen eingelaufen war, blieb ein Rätsel. Es wurde zum Ratespiel um Leben und Tod. Würden uns diese Wellen an die Hafenmole klatschen, wäre das Game over. Es hatte immer noch 8 Windstärken, die Wellen waren enorm, ja, sie wurden grösser, steiler, drohten wieder zu brechen, weil das Meer flacher wurde. Im spitzest möglichen Zickzackkurs näherten wir uns so langsam es ging dieser unheimlichen Stadt aus Tausenden Lichtquellen, Autoscheinwerfern, Ampeln, Leuchtreklamen, die auf dem Meer reflektierten. Das schwache grüne Blinklicht der Hafeneinfahrt, endlich, endlich glaubte ich es gesehen zu haben! Da, wieder, ja, ein grünes und daneben ein rotes Blinklicht! Die Einfahrt. Wir lagen genau davor. Voller Zuversicht steuerten wir gerade darauf zu und siehe da, ein riesiger Hafen breitete seine steinernen Arme aus. Die Konturen der Hafenmole wurden sichtbar, Wogen, die sich wütend gegen sie warfen, tosend an ihr zerbrachen, im fahlen Schein der blinkenden Lichter beidseits der Einfahrt. Die mir fremd scheinende Ruhe des Sturms war zu Ende, ein tiefes, mahlendes Rollen wurde hörbar, schrilles Pfeifen des Windes, je weiter wir in den Hafen reinkamen. Ein paar letzte Wellen, die sich wutenbrannt mit einem Fusstritt in den Hintern von unserem Boot verabschiedeten, aber kaum bogen wir nach rechts ab, verebbten sie zu kleinen, harmlosen Katzenwellen ohne Kraft und Hinterlist, während hinter der Hafenmole Elefantenwellen die Luft erzittern liessen in ihrem kurzen, ewigen Sterben.

Wir hatten es geschafft! Das Land hatte uns wieder! Am nächsten Pier steuerte ich Amaryllis längsseits eines riesigen Gummipolsters, das grösser war, als unser Boot. Die Pier war so hoch, dass wir nicht mal hochklettern konnten und so mussten wir sie an den Ketten des Fenders festmachen, der grosse Schiffe vor Kontakt mit der Quaimauer schützt.
Braves Boot, gut gemacht! Es war zwei Uhr, an Bier und Bar dachten weder Mohamed noch ich. Er verkroch sich in die Kabine, ich legte mich auf Deck und versank augenblicklich in Tiefschlaf.

So war es nicht ganz einfach, um etwa vier Uhr in der Früh – also zwei Stunden später - den Kaptän des kleinen Segelbootes zu wecken, das genau dort festgemacht hatte, wo ein riesiger Frachter anzulegen gedachte. Insofern verzeihe ich nachträglich dem Hafenarbeiter, der mir von oben eine Pütz Wasser ins Gesicht schmiss, um mich endlich wach zu kriegen. Der Frachter stand bereits hinter uns und kam langsam auf die Pier zu gesteuert. Wie ein nasser Hund rappelte ich mich auf, brüllte Mohamed wach und schmiss den Motor an, um möglichst schnell zu verschwinden. Der Hafenarbeiter stand wild gestikulierend hoch über uns im Licht des Flutscheinwerfers und zeigte in die Richtung, in die wir wohl sollten. Sie führte in ein anderes Hafenbecken, in dessem Inneren ein Holzpier mit Yachten war, wo wir seitlich anlegten und mit Einsetzen der ersten Morgendämmerung in komaartigen Schlaf zurück verfielen. Dieser währte bis um Sechs, als jemand mit dem Ton eines Vorschlaghammers aufs Kabinendach polterte und etwas von “Polizia Frontera” rein krähte. Wie ein halbtoter, halbblinder Maulwurf blinzelte ich in die messerscharfen Strahlen der ersten Morgensonne. Vor ihr, aufgereiht entlang der Pier, sechs Uniformierte und ein zitternder Schäferhund. Controlla Polizia! Mohamed und ich sollten auf die Pier kommen und die Papiere zeigen, was schon semantisch miteinander zu tun haben musste. Sofort wurden Funkgeräte angeworfen, unsere Namen durchgegeben, vier Polizisten krochen in mein Boot rein, um damit zu beginnen, Sack für Sack, Behälter für Behälter praktisch den kompletten Inhalt meines Bootes den zwei anderen Bullen zu reichen, die alles in Reih und Glied auf die Pier legten, um danach alles vom Schäferhund beschnüffeln zu lassen. Ich hörte die ganze Zeit das Wort Droga und Afrika und Tunesia, worauf auf Mohamed gezeigt wurde, der wie ein ausgestopftes Kamel dastand. Wieso ich ihn von Tunesien hierher gebracht hatte, glaubte ich zu verstehen. Aber NO NO, SARDINIA! Und weiter wurde geblättert in unseren Pässen, hin und her gefunkt, weiter gesucht im Boot, der Schäferhund war jetzt auch drin, aber alles, was drin war, war jetzt draussen, ausser die Ankerkette und die Bootsbatterie. Leider war aus den Pässen nicht klar ersichtlich, wo unsere Reise begann, aber wenigstens hatte Mohamed einen ordentlichen Stempel im Pass, der bewies, dass er legal in Italien eingereist war, von Frankreich aus, wo er eine Aufenthaltsgenehmigung hatte. Womit sich die Aufmerksamkeit wieder auf mich richtete...

Etwa gegen Neun ging der Spuk zu Ende und wir durften das Boot wieder hübsch einrichten. Wie Betonpfeiler versanken Mohamed und ich danach wieder in tiefstem Schlaf. Erst am späteren Nachmittag weckten uns unsere knurrenden Mägen und wir suchten notfallmässig ein Restaurant auf, wo wir um zwei Riesenportionen Spagetti flehten, die wir runterschaufelten. Das kalte Bier tat dann sein Übriges. Ich hing im Stuhl wie eine tote Ziege, Mohamed strahlte die Munterheit einer getrockneten Dattel aus. Fliegen summten um unsere Köpfe. Am Himmel kreisten die ersten Geier.



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Geschafft...



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....bis zum nächsten Abenteuer!





Aber das ist wieder eine ANDERE Geschichte... (Strandung in Gibraltar)


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Kommentare

  • moho

    Ich mag deine humorvolle Art zu schreiben. Danke für deinen lebendigen Bericht. Ich brauch jetzt ein deftiges Frühstück!! Dir immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel und eine Hand für das Boot, eine Hand für dich selbst! LG Moni (Landratte)

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja gell, ohne Humor gehts bei mir einfach nicht. Ich fand es DORT und damals (1983) aber nicht im Geringsten LUSTIG... Trotz vielen Tausend weiterer Seemeilen im Atlantik, Pazifik und Indischem Ozean ist mir nie wieder ein solch brutaler Sturm begegnet! Diese Erfahrung machen viele Weltumsegler: Das Mittelmeer ist am heimtückischsten!

  • moho

    dann ist unsere heimische Adira /und Ägäis die beste Übung für jeden Anfänger :-)
    LG Moni

  • 238EWT

    Spannender kann man eine Reise auf einem Segler wohl kaum schildern. Wie immer in Deinen Reiseberichten beeindrucken mich Prosa und Lyrik und vor allem eine in Humor verpackte Portion Sarkasmus in kritischen Situationen.

  • RC-Redaktion

    Ein packender, spannender Bericht. Unsere heutige empfehlung auf der Startseite.

  • moho

    Gratulation Gerd, du bist der TOP Titel heute :-) LG Moni

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, danke, motiviert mich! Ich brauche das Schreiben im Moment als Ausgleich für einen ganz herben Knochenjob... Seit einem Monat baue ich mir eine Selbststeueranlage für mein jetziges Schiff, damit es von Alleine seinen Weg findet... Das ist altbekannte Technik, keine Hexerei, aber doch anspruchsvoll. ich könnte eine fixfertige Anlage kaufen (Made in Germany), bloss fehlen mir grad mal die 10000 Euro... So entsteht jetzt hier in Bali ein Prototyp für etwa 500 Euro, zum Teil aus Schrott. Da bin ich gedanklich sogar bis in meine Träume rein mit den Feinheiten des Steuerns eines Schiffes UNTER ALLEN Bedingungen beschäftigt und erinnere mich immer "gerne" zurück an diesen einen Sturm, und was ich daraus lernen könnte. So war es natürlich für mich, ihn auch literarisch zu reflektieren.

    Die Reise geht von hier bald weiter, etwa um den 20. September rum laufen wir aus in Richtung Madagaskar, Simbabwe, Südadfrika, Namibia. Als Crew ist unter anderen ein Fischer aus Alaska dabei. Bali, wo ich mal vorhatte, länger zu bleiben, sagt mir leider nicht viel. Mich reizen rauere Völker, herbere Klimazonen, wildere Erfahrungen. Kann gut sein, dass mir der eine oder andere Sturm zu Schaffen machen wird, das Kap der guten Hoffnung bietet genug Gelegenheiten dazu...

    PS. Auf dem Foto am Anfang dieser Story ist übrigens mein guter alter Freund Martin rechts im Bild. Von Mohamed habe ich kein Foto hier an Bord. Mohamed wurde später mein Schmuckvertreter in Paris und finanzierte sich so sein Studium in Geschichte.

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  • mamaildi

    Wie der Mistral hast du mich durch deine Geschichte getrieben. Wieder sehr fesselnd - obwohl ich geahnt habe, dass du überleben wirst ;-)))

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, das ist doch die Crux mit allen Meergeschichten: Die "besten" werden nie erzählt...

  • mamaildi

    Genauso makaber ist es mit den Bergsteigergeschichten...

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Nicht WIRKLICH... Oder hast Du schon gehört, dass hundert Bergsteiger simultan VERSCHWINDEN, ohne dass man je weiss, WARUM? Das Meer schluckt, der Berg aber nicht wirklich...

  • moho

    der Berg gibt manchmal wieder frei siehe Ötzi, aber das Meer selten :-( LG Moni

  • mamaildi

    vielleicht sind mir deshalb die Berge lieber, irgendwann kommt alles raus...

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  • mychaosland

    Wieder ein super spannender Bericht. Scheint mir so als hättest du einiges erlebt in deinem Leben. Schreibe bitte weiter. Es macht Spaß zu lesen. LG Alex

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Sturm des Lebens 5.00 14

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