UNGARN - Winterreise in tiefste Provinz

Reisebericht

UNGARN - Winterreise in tiefste Provinz

Reisebericht: UNGARN - Winterreise in tiefste Provinz

Eindrücke einer Reise in die tiefste ungarische Provinz

Mitte Dezember war ich mit dem Zug nach Budapest gefahren, von dort weiter fünf langweilige Stunden in das Provinzstädtchen Csurgo im Südwesten von Ungarn. Eine Freundin hatte mich dort am frühen Abend mit dem Auto abgeholt. Etwa 20 Kilometer enfernt liegt dann die kleine Stadt Berzence und nochmal fünf Kilometer außerhalb ist dann endlich Arpadbacs erreicht.



Winterliche Dorfstraße

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Dies ist eine winzige Ansammlung von etwa zwanzig Häusern, die links und recht an der einzigen, schlaglochübersäten, halbwegs geteerten Straße aufgereiht daliegen, in kleinen, jetzt von Schnee bedeckten Vorgärten. Hinter den Häusern gibt es meist kleine, schäbige Stallungen für Geflügel und Schweine und dahinter breiten sich eher schmale aber dafür langgezogene Felder aus.



Winterliche Dorfstraße



Nur etwa die Hälfte der Häuser sind noch ständig bewohnt von meist alten Leuten. Die andere Hälfte ist schon vor Jahren an betuchte Ausländer verkauft worden und dienen den jetzigen Besitzern meist nur als Feriensitze. Sie sorgen aber auch für ein nicht zu unterschätzendes Nebeneinkommen für die ständigen Bewohner. Diese werden für Arbeiten in Haus und Gärten der Zugereisten entlohnt.



Winterliche Dorfstraße

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Die Straße nach Arpadbacs zweigt zwei Kilometer entfernt von der Landstraße zwischen Berzence und Somogyudvarhely ab und dort gibt es auch eine Bushaltestelle. Das ist die einzige Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz. Auf der anderen Seite verliert sich die Trasse neben den eingezäunten Gebäuden eines verwaisten Schweinezuchtbetriebes einfach in weiträumigen, brachliegenden Feldern und wildem Buschwerk. Bei heftigem winterlichem Schneegestöber, so wie ich es neulich erlebt habe, kann man wirklich meinen, daß dort die Welt endet.



Das Haus der Freundin ist wegen begrenzter pekuniärer Möglichkeiten noch nicht so generalsaniert wie einige der Gebäude in der Nachbarschaft, aber sie will es sowieso lieber etwas rustikal und bodenständig. Geheizt wird natürlich mit Holz, aber es gibt schon Strom, seit ein paar Jahren auch fließendes Wasser und der Bau einer Kanalisation ist für die nahe Zukunft auch schon geplant, dank Fördermittel aus der EU.



Das Wetter war während der ersten beiden Tage meines dreitägigen Besuches denkbar schlecht. Dauerschneefall und ungemütliche Temperaturen knapp unter Null Grad. Der heftige Wind wird in dieser flachen Landschaft durch keine Hindernisse gebremst und er treibt die wirbelnden Schneemassen um die niedrigen Häuser und türmt sie an geschützteren Stellen zu Wächten auf. Der Sturm flaute irgendwann mal ab, aber es schneite dicht und nass weiter. Über Nacht war das Land mit einer dicken Schneeschicht bedeckt.



Waldgeist

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Ich machte einmal einen Spaziergang auf einem ehemaligen Bahndamm, der einst Arpadbacs mit der Außenwelt verbunden hatte. Kein Mensch war anzutreffen, kein Lärm war zu hören. Eine durchaus angenehme Stille, die nur einmal unterbrochen wurde, als ein paar Rothirsche plötzlich aus dem lichten Gehölz heraustrabten und den Damm überquerten, zu schnell, um ein Foto zu machen. Bei so einem Gang kann man dann schon mal einem komischen Waldgeist begegnen.



Winterlandschaft



Webstuhl

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Im Haus gab es zu tun. Die beiden Holzöfen wollten ständig mit klobigen Scheiten gefüttert werden. Die Freundin kochte gut und üppig auf und arbeitete an ihrem Webstuhl. Ich vertrieb mir die Zeit hauptsächlich mit Lesen und Schreiben.



In der guten Stube



Eine Nachbarin, die Suzanna , besuchten wir einmal zum Kaffee. Ihr Mann war erst vor kurzem gestorben und sie war froh über jeden Besuch. Sie spricht auch recht gut Deutsch. Das kleine Fernsehgerät in einer Ecke der Wohnküche lief immer. Meist schaute sie unsägliche ungarische Musikshows an. Wir machten unsere Witze darüber. Bei einem besonders schmalzigen Lied, bei dem ein schmieriger Heini eine kuhäugige Nymphomanin anschmachtete, fiel mir dann folgender bayerischer Text dazu ein:

Heut´ hat mir´s Gulasch gar ned gschmeckt,
Und a mei Katz is heid verreckt.
Des miese Weda is a Graus.
Man ko gar ned vor´s Haus hinaus.
Des is a Platz wo´s neamand gfällt.
Des is, glaub ma´s, am A... der Welt!

Na ja, wenn ich das so beschreibe, ist es für den Leser natürlich nicht so witzig, es fehlt die Situationskomik, aber wir haben uns köstlich amüsiert!



Nach dem "Sauwetter"

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Am dritten Tag hörte das Sauwetter endlich auf. Die Sonne blitzte sogar zeitweise durch die grauen Wolken. Tags darauf fuhren wir mit dem Auto durch Kroatien und Slowenien nach Graz und dann zurück nach Bayern.


Copyright by: Text und Fotos, Josef Stadler


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Kommentare

  • mamaildi

    Das ist einer dieser interessanten "kleinen" Berichte, die ich hier sehr wertvoll finde, weil man in keinem Reiseführer etwas darüber findet. Aus dem Leben der Menschen eben. Es muss nicht immer Budapest, Balaton oder Hortobagy sein!
    LG Ildiko

  • moho

    Die kleinen "Provinz-Nester", die ich persönlich vorziehe, beschreiben Land und Leute sehr gut! So wie dein Bericht: Mittem im Leben!
    Danke dir fürs mitnehmen.
    LG Moni

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