Das Leben im Wind

Reisebericht

Das Leben im Wind

Reisebericht: Das Leben im Wind

Nicht jeden Tag hat die Sonne geschienen, schon gar nicht wenn man 7800 KM mit dem Rad, von Cusco in Peru nach Ushuaia in Feuerland, unterwegs ist. Auf dem Rad sitzt man mittendrin, ich konnte nicht die Augen verschließend an den bettelnden Kindern am Straßenrand vorbeirollen. Auf dem Rad sind die lachenden Gesichter näher, die blühenden Felder sind prächtiger und das Leben ist abenteuerlicher.

Ein schwerer Start

Kinder am Wegesrand

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Wieder wird mir schwarz vor Augen, ich bleibe ruhig stehen, atme tief ein, atme tief aus, halte mich am Rahmen des Rades fest, das neben mir steht. Vier Wochen akklimatisierte ich mich in Cusco, in Peru, aber mein Körper hat sich immer noch nicht an die dünne Luft in 3400 Metern Höhe gewöhnt, ich muss warten bis die Dunkelheit in meinem Kopf verschwindet.
Ich habe schon einige Höhenmeter hinter mir und genieße den Blick von oben auf die Stadt, die den ganzen Talkessel ausfüllt und sich die Berghänge hinauf, immer ärmlicher werdend, ausbreitet. Wolkenschatten tanzen über die Berge, die Stadt leuchtet im frühen Morgenlicht.
60 Kilogramm wiegt mein Urmel, mein Fahrrad, mit Gepäck als ich den Hausberg von Cusco hinaufstampfe. Am Anschlag fahrend erreiche ich die letzten Häuser der Stadt. Ein Junge sitzt neben der Straße und feuert mich an.
' Bueno Amigo, bueno' super mein Freund, super. Solche Ereignise begeleiten mich ab heute auf meiner Reise. Nur mit Mühe schleppe ich im vorwärts. Ich schalte zurück, versuche einen verträglichen Tritt zu finden. Lange, gerade einsehbare Anstiege liegen vor mir, denke nur noch das Nötigste, schalte weiter zurück, obwohl die Steigung nur mäßig ist. Langsam gehen mir die Gänge aus. Werfe eine Blick zurück, Cusco verschwindet hinter mir. Weit oben am Berg sehe ich eine Weg, sehe ein paar Häuser. 'Mein Gott' denke ich 'Hoffentlich ist das nicht mein Weg' Er ist es nicht, kurz darauf wird die Straße flacher, fällt. Kein Schild weist auf den Scheitelpunkt hin, was sind schon 4000 Meter Höhe in Peru?
Auf dem Weg nach Pisaq fliegt die Bergwelt an mir vorbei, wie eine Oase empfängt mich das heilige Tal der Inkas, das Urubambatal. Übernachte in Calca in einem kleinen, sauberen Hostal.



Freunde

Die Luft wird dünn

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Es ist Dezember, Sommer in Peru, Regenzeit in den Bergen. Jeden Abend werde ich von einem Gewitter gejagt. So auch heute. Ich stehe unter einem 10 Zentimeter breiten Dachvorsprung, esse kleine Bananen, starre in den Regen.
Zwei bunte Farbflecken tanzen durch das Gewitter auf mich zu. Tourenradler, schwer beladen, eine lange Reise im Rücken. Ihre Räder sind aufgerüstet mit Wassertank und Ersatzteilen, sie sehen eher wie Schlachtrösser aus. Mein Urmel wird ganz stumm. Elias und Immanuel zwei Brüder aus Wien, auf dem Weg nach Buenos Aires, wir haben die selbe Richtung, nach Süden zum Lago Titicaca, beschließen bis zum Mittag zusammen zu bleiben. Wer von uns dreien ahnt an diesem Tag schon, was wir alles zusammen erleben werden, wieviele Pässe wir gemeinsam erklimmen werden, über zwei Monate sollen wir zusammen unterwegs sein. Der beste Teil meiner gesamten Reise.
Die beiden haben schon viele Kilometer in den Beinen, während ich erst gestartet bin. Ich habe Mühe dranzubleiben, fahre immer einige Schritte hinter ihnen, damit sie mein Keuchen nicht so hören können.
Nach einigen gemeinsamen, schönen Radtagen kommen wir nach Lampa, einem Ort abseits aller Touristenwege. Nur mit Mühe finden wir eine einfache Unterkunft.
Turista, wird in Peru eine Krankheit genannt von der nur bestimmte Bevölkerungsgruppen befallen werden. Mich erwischt sie in der Nacht, früh am Morgen wache ich auf, noch ist es dunkel, mit geht es nicht gut, irgendetwas springt in meinem Magen herum. Ich bin froh das es nur wenige Meter bis zur Toilette sind. Später, ich sitze im Hof, vor der nächsten Attacke habe ich ein paar Minuten Ruhe. Die Sonne geht bald auf um die Kälte der Nacht zu vertreiben. Plözlich reißt Elias die Tür zu unserem Zimmer auf, nur mit einer Unterhose bekleidet stürmt er in den Hof. ' Wo ist das Klo' schon ist er in dem engen Raum verschwunden, auch ihn hat die Krankheit befallen. Der Tagesablauf ist schnell erzählt, entweder schlafe ich, sitze auf dem Klo, oder ich knie davor, 12 Stunden lang erbrechen, an ein Radfahren ist heute nicht zu denken. Elias und ich müssen uns die Toilettenzeiten genau einteilen, damit es in den Drangzeiten zu keinem Engpass kommt. Erst am Abend lassen die Beschwerden nach.



El Lago

Wir fahren durch den Altiplano, einer Hochebene, in rund 4000 Metern Höhe. Hier liegt auch 'El Lago' der Titicacasee. Mehrere Flüsse münden in den See, nur einer, der Rio Desaguadero, finden den Weg wieder heraus. Kommt aber nicht weit, er verdunstet in den Weiten des Altiplano, erreicht nie das Meer.
Zur endlosen Brauntönen, gesellt sich das endlsoe Blau des Sees. 41 Inseln liegen im See verstreut, wie Samaragte ragen sie aus einem blauen Seidentuch heraus.
Ich lebe eine Woche auf Anapia, einer kleinen Insel im Südteil des Sees, bei einer Familie, bei Fransisco und Luisa komme ich gut unter. Am Abend stehe ich vor dem Hof, betrachte ein Gewitter wie es über den See zieht. Ein Mädchen biegt um die Hofecke, erschreckt sich so arg an mir das es schreiend wieder davon rennt. Ich bin der einzige fremde auf Anapia.
Fransisco gliedert mich in den Inselalltag ein , der wird von der Sonne bestimmt, sie geht sehr früh auf, versinkt gegen 18.00Uhr. Es ist fast dunkel als ich in die Küche komme. Die Küche ist der wichtigste Raum jeder Familie, der einzige Raum in dem ein Ofen steht, der die Bewohner vor der Kälte schützt. Der Boden besteht aus Fest-getrampeltem Lehm, zwei Töpfe stehen auf dem kleinen Ofen, eine Kerze verbreitet, als einzige Lichtquelle, ihr warmes, flackerndes Licht. Aufsteigende Rauchschwaden sammeln sich unter der Decke. Es gibt keine Möbel, Luisa sitz auf einer Holzrolle, überwacht das Feuer. Sicher bin ich der Paradiesvogel des Jahres, der als erster ein Fahrrad mit auf die Insel schleppte aber ich fühle mich geborgen und wohl oder wie Fransisco zu mir sagte: 'Bleib bei uns, dann hast du wieder eine Familie'.
In Copacabana wartet eine andere Familie auf mich, Elias und Immanuel.



Küchenwelt



La Paz

Am Abgrund

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Zu Hause mußte ich versprechen das ich sie nicht fahren werde. Ich wollte meine Familie beruhigen und habe zugesagt aber ich wußte das ich um die Strecke von La Paz nach Coroico nicht herumkomme. Sie hat den zweifelhaften Ruf die gefährlichste Straße der Welt zu sein, offizielle Angaben sprechen von 100 Toten im Jahr, die Gefahr der Piste liegt in ihrer Beschaffenheit. Meist wurde sie als einspurige Piste aus einer senkrecht abfallenden Wand herausgearbeitet, wird aber zweispurig befahren. Busse quetschen sich an Lastwagen vorbei, der Bergauffahrende berührt dabei fast die Felswand, während die Räder von dem Buss zentimetergenau am Abgrund stehen. Es wird im Linksverkehr gefahren, so hat in unserem Fall, der Busfahrer die Abbruchkante genau im Blick. Die Passagiere dagegen, haben einen freien Blick in die Tiefe, die an manchen Stellen mehrere hundert Meter hinunter reicht. Überall stehen Kreuze von denen die es nicht geschafft haben. Manche sind schon so alt und verwittert das ich die Namen der Unglücklichen nicht mehr erkennen kann, bei anderen sind die Blumen noch nicht verwelkt.
Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, vor jeder Kurve hoffe ich das mir nichts entgegen kommt, der Felsen neben mir wird zu einem Überhang, von dem ein Wasserfall auf die Piste stürzt, es wird schmierig und glatt.
Nach Coroico steigt die Straße wieder an, auf gröbstem Kopfsteinpflaster, hier erholen wir uns zwei Tage und dann? Ich habe versprochen sie nicht zu fahren, während Elias und Immanuel mit dem Bus nach La Paz zurückkehren, fahre ich die Todestraße wieder hinauf. 60 Kilometer nur bergauf, 3450 Höhenmeter, durch alle Wetterlagen, durch alle Jahreszeiten, ein Anstieg der mir alles abverlangt.

Zurück in La Paz habe ich Zeit um das Leben auf der Straße zu beobachten. Ganze Familien sitzen am Bordstein, strecken mir bettelnd ihre Hände entgegen. Ich beobachte eine Frau, die schlafend an der Hauswand lehnt, während ihr vielleicht zwei Jahre alter Sohn, halbnackt im Rinnstein spielt, daneben sitzt eine alte Frau, die mir im Schlaf einen Becher entgegen hält. Verkrüppelte Männer, ein Junge der sich mit den Händen vorwärts robbt, einen Bettelbecher zwischen den Zähnen haltend oder die Bäuerin auf dem Markt, deren Schuhe aus zusammengebundenem Pappkarton besteht.
Die Menschen sehen die Touristen, sehen das viele Geld das jeden Tag an ihnen vorüber geht. Wie verlockend muss es sein, dem Geld den Weg in die eigene Tasche zu zeigen.
Was würde ich tun? Wenn mein Kind auf der Straße an hunger leidet. Erst gestern wurde eine Mitbewohnerin des Hotels überfallen, geschlagen und ausgeraubt.
Was würde ich tun? Wenn einem die nächtliche Kälte in die Glieder dringt, man immer auf die Hilfe von anderen angewiesen ist, es aber keinen Ort gibt an dem man solche Hilfe auch bekommt.
Für uns ist die Stadt das reinste Parsdies, wir füllen unsere Vorräte auf, genießen die Vielfalt der Lebensmittel. Es gibt Nudeln in allen Zubereitungsarten, überbackenen Blumenkohl, ich könnte mit Kreditkarte zahlen, gehe auf die Straße, starre in zehn verschiedene, schmutzige Hände.
Was würdet ihr tun?



Hände



Nach Chile

Am ersten Tag des neuen Jahres verlassen wir La Paz. Wir durchqueren den Norden Boliviens, nach Westen in wenigen Tagen erreichen wir den Sajama Nationalpark. Jeden Tag regnet es, die Schneefallgrenze ist bis in die Ebene herab gesunken, wobei die Ebene auf 4000 Metern Höhe liegt. Chile empfängt uns mit Graupelschauer und 2°Grad plus. Jeden Abend bin ich so müdegefahren, daß ich kaum noch in der Lage bin mein Tagebuch auf dem Laufenden zu halten. Unser Weg bringt uns durch die Nationalparks im Norden Chiles.
Die Piste wird immer schlechter, die Umgebung immer feindlicher, Gewitter die sich über uns entladen, alles zerschlagen wollend. Landschaften zum Träumen die sich in Sekunden in eine Hölle verwandeln. Pisten mit Sand gefüllt, grobem und Pulversand. Steinige Abfahrten, wir sind Tagelang auf Salz unterwegs, die Sonne scheint, es gibt keinen Schatten. Immer öfter treffen wir auf wilde Vicnias, eine andere, feinere Lamaart.



Letzter Ausweg



Salar de Uyuni

Mittagspause

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Es liegt Jahre zurück als ich zum ersten Mal ein Bild vom Salar de Uyuni gesehen habe. Es zeigte eine blendend weiße Fläche, Wüste, in der keinerlei Leben möglich ist. In der Mitte des Bildes war ein Radfahrer zu sehen, der sich in der fremden Umgebung wohl zu fühlen scheint. Marco der Besitzer des Bildes schärmte mir, von seiner Reise durch Bolivien und durch den Salar vor. Lange Zeit war eine solche Reise für mich undenkbar, lange träumte ich nur davon einmal selbst den Salar zu durchqueren. Es ist so weit, der Traum beginnt.
Stille
Nur das Zerdrücken der obersten Salzkirstalle unter meinen Rädern ist zu hören. Ich fahre allein heute, bin weit hinter Elias und Immanuel zurückgefallen, brauche das heute einfach. Summe ein Lied vor mich hin. Beethoven 'Für Elisa' schwirrt mir den ganzen Tag im Kopf herum. Seit Stunden folgen wir einer Autospur, das Land, die Uferböschung, wie bei jedem normalen See vorhanden, ist hinter uns verschwunden, Inseln, Berge am Horizont die unwirklich über der Salzfläche schweben. Endlos. Ein Meer aus Salz breitet sich um uns aus.
Stille
Der Salar, trocken, gut zu fahren. Mit einer Ausdehnung von 160 x 135 Kilometer ist er der größte Salzsee der Welt. Zwei bis sieben Meter ist die Salzschicht mächtig, von unterirdischen Flüssen durchzogen, die an manchen Stellen durch das Salz brechen, den 'Ojos del salar' den Salzaugen, die einem Angst einflößen können, die einem vor Auge führen das wir auf einer Salzschicht unterwegs sind.
Über uns ist noch blauer Himmel aber rundum , an den Grenzen des Salars haben sich dicke, dunkle Wolken aufgetürmt, die ersten Vorboten.
Auf der Isla Pescado finden wir eine einfache Unterkunft, sie macht nicht den säubersten Eindruck. Das Bettgestell ist ein Salzblock, die Türen und Fenster wurden grob aus Kaktusholz zusammengezimmert. Wir habe ein Dach über dem Kopf, das ist wichtig, den der Himmel hat sich zugezogen, Gewitter entladen sich über dem Salar, Regen setzt ein, Dunkelheit überfällt uns, ich bin froh nicht im Zelt schlafen zu müssen.
Es gewittert und stürmt die ganze Nacht, am Morgen, es regnet noch immer, stehen wir am Rande des Sees, der in der Nacht entstanden ist. Der Salar hat sich mit Wasser gefüllt.
Die Stille ist lauter geworden.
Nur das aufschleudern des Wassers, das an den Rahmen , an meinen Beinen hochspritzt, ist zu hören. Ich habe das Gefühl eines Seglers der über einen See, durch ein endloses Meer gleitet. Kielwasser drängt außeinander, schließt sich hinter mir wieder. Die Wasseroberfläche geht weit entfernt in den Wolken unter, Wolken spiegeln sich im Wasser. Drei Radler rütteln an den Wasserwolken, lassen sie verschmelzen, fügen sich wieder zusammen, von uns bleibt nichts zurück.
Die Wolken reißen auf, bilden blaue Löcher in der Wolkendecke, blaue Teiche um uns herum, grell verfängt sich das Sonnenlicht in unseren Augenwinkeln.
Durch das Wasser ist die Piste nicht mehr zu sehne aber die Ausfahrt aus dem See ist leicht zu finden. Der Horizont wird realer, ein Streifen trennt sich von den Bergen, wandert in das Meer, teilt es, ein Damm.
Durch den Regen hat sich der Sand in Schlamm verwandelt. Es ist kein Fahren, kein Schieben, kein Ziehen mehr möglich. Zu zweit tragen wir die Räder auf trockene Abschnitte, versinken dabei bis zu den Knöcheln im Dreck. Immer mehr Wasser sammelt sich auf der Piste, bald können wir uns den Wasserweg durch den wir trampeln wollen heraussuchen, als Alternative bleibt nur der Schlamm. Dauernd habe ich nasse Füße, plötzlich hasse ich alles um mich herum. ' Ich nehme den Bus' schnauze ich Elias an, der lächelt nur, er weiß genauso wie ich das hier niemals ein Bus fahren kann.
Wieder werden wir von einem Gewitter gejagt, ein Dorf das nicht kommen will, Elisa stürzt, schlittert durch einen Schlammsee, als wir das Dorf erreichen, hat es sich in eine Geisterstadt verwandelt.
Egal wie schwer die Tage auch immer waren, ein schöner und sicherer Zeltplatz entschädigt für alles, der Sternenhimmel beginnt in den Anden direkt über dem Zeltdach, ich schlafe mit der Hoffnung ein, das Schlimmste hinter mir zu haben, wie man sich doch manchmal täuschen kann.



Zwischenwelt



San Pedro de Atacama

Vulkanleuchten

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Was wir in weiten Teilen zuviel Wasser hatten, fehlte uns an anderer Stelle. An der Laguna Colorada geht uns das Wasser aus, wir sammeln das gekochte Nudelwasser um es später zu trinken. Es schmeckt abscheulich ist aber ein energiehaltiges Powergetränk.
Nach über drei Wochen erreichen wir San Pedro de Atacama. Der Rummel wird uns schnell zuviel, wir bleiben nur so lange um unsere Vorräte aufzufüllen, um eine Mail nach Hause zu schreiben, zu sagen das wir noch am Leben sind, und bald zieht es uns weiter, in die Einsamkeit der Anden.



Landleben



Über den Paso Sico nach Salta

Schwerstarbeit

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Mit dem Bus bräuchte ich 8 oder 10 Stunden bis nach Salta in Argentinien, von einer Stadt zur Nächsten, von einer Oase zur Nächsten. Mit Urmel, meinem Fahrrad brauche ich eine Woche und mehr, aber was würde ich alles verpassen?
Mit dem Rad lerne ich das Leben zwischen den Orten kennen, falls ein Leben überhaupt möglich ist. Es gibt kaum noch Ortschaften am Wegesrand, wir haben keine Möglichkeit etwas einzukaufen. Müssen über einen 4560 Meter hohen Pass, es gibt aber auch in dieser Höhe kein Trinkwasser. Mit zehn Lieter Wasser starte ich von San Pedro aus, erledige die Zooformalitäten, obwohl die Grenze noch über 200 Kilometer entfernt ist. Was würde ich mit dem Bus alles verpassen? Ich lerne die Natur kennen, den Frost der mich jede Nacht in den Bergen begleitet. Die Sonne, vor der ich mich nirgends schützen kann, es gibt keine Bäume, keinen Schatten, beim Anblick einer Baumallee, schon in der Nähe von Salta, bin ich fast vor Freude vom Rad gefallen.
Ich lerne die Menschen kennen, die Scheu vor dem Fremden, die Freundlichkeit, die mir von jedem Dorfplatz entgegenwinkt. Die Gastfreundschaft der argentinischen Grenzer. Wir kommen spät am Abend zur Grenze, die Sonne ist schon untergegangen, wir fragen nach einem Platz für unsere Zelte, werden stattdessen ins Zollgebäude eingeladen, bekommen Lebensmittel, frisches Wasser. Der Wind pfeift die ganze Nacht um das Gebäude, findet uns aber nicht.
Zusammen mit zwei Lastwagenfahrer machen wir eine Pause, sie können es nicht glauben das wir die Strecke mit dem Rad befahren. Halten uns für verrückt und sagen das auch. Loco. Nach langem hin und her einigen wir uns auf ' Un poco Loco' ein kleines bißchen verrückt.
Ich lerne die Einsamket kennen, die Stille der Nacht, betrachte den Sternenhimmel, der nur von rauchenden Vulkanen begrenzt wird.
Ich kämpfe mit dem Wind, jeden Tag. Wie oft, habe ich in dieser Woche die Faust dem Wind entgegengestreckt, habe ihn angeschrien.
'Du besiegst mich nicht, Du nicht' dabei hat er mich zum Anhalten gezwungen, ich muss warten bis er sich ausgetobte.
Wie oft weht er mich von der Seite an, kann einfach die Spur nicht halten, ich habe nicht einmal Zeit um das Tropfen meiner Nase zu stoppen.
Die Schönheit der Berge, der Landschaften geht in der Härte der Piste unter, muss immer auf die Wellen und den Sand acht geben. Kilometer lange ansteigende Geraden, dabei mit Sand gefüllt, an manchen Stellen lag er meterhoch, ja meterhoch.
Ich schreie in den Wind, der Piste wegen, der Wind nimmt meine Schreie mit, mir geht es besser, für Sekunden.
Ich sitze, liege auf der Piste, die Kraft zum Schreien ist mir ausgegangen, Urmel liegt neben mir, stumm, das Gepäck verschoben. Die Piste hat mir den vorderen-und hinteren Gepäckträger zerschlagen.
Sitze auf dem Weg, starre in den Wüstensand, minutenlang.
Ein paar Stunden mit dem Bus aber was würde ich alles verpassen? Nie fahre ich mit dem Bus, lieber ist mir das der Wind meine Schreie mit sich nimmt.



Das Ende



Abschied

Wir sitzen in einem Straßencafe in Salta, essen Empandas und jeder trinkt einen Liter Bananenmilch. Wegen unserer Essgewohnheiten sind wir in dem Lokal schon gut bekannt.
Keiner redet viel, jeder geht seinen eigenen Gedanken nach, ich denke an die letzten Monate, wie weit ich mit Elias und Immanuel gekommen bin, was wir alles zusammen erleben durften. Elias streckt mir seine Hand entgegen, ab heute fahre ich wieder allein. Ich stehe am Straßenrand bis ich die beiden im dichten Verkehr von Salt nicht einmal mehr erahnen kann. Drehe mich um steige auf mein Rad, fahre nach Süden, nach Ushuaia, doch das ist eine andere Geschichte.



Tor zum Himmel


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Kommentare

  • winklerw

    Diese Reise ist ein Traum für jeden der Radfahren und Südamerika liebt. Ich bin schon auf die Fortsetzung gespannt!

  • Vincent

    Das schreit auf jeden Fall nach mehr! Es wird ja wohl 'ne Fortsetzung geben!?

  • visufix (RP)

    Ich würde mich über ein Fortsetzung auch seeeeeeeehr freuen, habe den ersten Teil begeistert verschlungen!
    Grüße: Martin

  • Mio23

    Ich sag nur "Wahnsinn" und "Respekt"


    Liebe Grüße Mio

  • Guido

    Wahnsinn was du da geleistet und erlebst hast.
    Vielen Dank dass du uns mit deinem tollen Bericht und mit deinen herrlichen Bildern auf die Reise mitgenommen hast!

  • winni

    Mutig, mutig. Das muss ja ein tolles Erlebnis gewesen sein und wunderschön in einen Reisebericht eingepackt. vg winni

  • AndyH

    Servus Reiner,

    Mit jedem Meter den du uns weiter auf deine Reise mitnimmst gewährst du uns immer tiefere Einblicke in deine Gedankenwelt und deine Emotionen. Man spürt förmlich die Weite der Landschaft, die Hoffnungslosigkeit der Bettler, die Anstrengungen der Etappen und die Freude an den elementarsten Dingen wie Wasser, ausreichend Essen...! Freue mich - so wie alle meine Vorredner - auf die Fortsetzung!

    Viele Grüße,
    Andy

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  • Sahara

    Respekt! Das würde ich mich vermutlich nie trauen :). Schön, dass du es geschafft hast, denn sonst hätten wir jetzt keinen so tollen Reisebericht zu lesen!!

  • Birgit

    Hola
    Du hast einen guten Schreibstil. Schon nach den ersten Sätzen musste ich den ganzen Bericht lesen. Die Reise wurde ich auch gern machen.

  • Bolivianer

    Ein sehr guter Bericht mit hervorragenden Fotos ! Aber warum von La Paz / El Alto über den Altiplano zum Salar und nach Chile ? Warum nicht über Cochabamba nach Sucre und weiter nach Potosí - in den anderen Teil Boliviens, die Valles ? Und dann weiter nach Uyuni. - Es gibt viele Berichte über die von Dir gewählte Route - auch in umgekehrter Richtung, schade. - Gab' es denn zu Deiner Zeit in Bolivien die neue, spektakulär in den Fels gesprengte Strasse La Paz - Coroico schon ? Sie soll auch phantastisch sein, nur eben nicht so selbstmörderisch.

  • RdF54

    Ich wußte es ja - die Radler sind vollkommen GAGA!!! :-) (natürlich nett gemeint).
    Ich kann nur sagen - einfach ein TOLLER Bericht mit KLASSE Fotos!!!
    Ich als Nichtradler bin jeden Meter mitgestrampelt und würde mich auch über ein Fortsetzung freuen!!

    LG Robert

  • Geli1969

    Ich habe die Fahrt von La Paz nach Coroico mit dem Bus (Micro) gemacht. Hut ab vor den Radlern!!!! Ich habe es schon so kaum ausgehalten.... Bilder folgen!!!

    GLG
    Geli

  • trollbaby

    Toller Bericht, bei dem die Strapazen, aber auch die Schönheit der Landschaft perfekt rüber kommt! Da Du nun neue Fotos hochgeladen hast, hoffe ich, dass es bald eine Fortsetzung des Berichts gibt!
    LG Susi

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  • Blula

    Respekt!!! Ein großartiger Bericht über eine Reise, die mich absolut begeistert. Ich werde Dir das niemals nachmachen können, doch darüber zu lesen.... das war fantastisch, ebenso wie das Betrachten Deiner wunderbaren Fotografien!
    LG Ursula

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