11. September 2001 - Welle der Angst

Reisebericht

11. September 2001 - Welle der Angst

Reisebericht: 11. September 2001 - Welle der Angst

Als Schreiber spürt man immer wieder "Hitze" über sich kommen, MUSS einfach was loswerden, drauflos schreiben, notfalls aus den Gedärmen raus... Selten ist mir ein Text später so fremd vorgekommen, so untypisch, wie das, was ich damals zu spüren glaubte und niederschrieb. Übers Meer hinweg vernahm ich eine Bedrohung, ohne zu wissen, woher sie stammte.,

Avenue Victoire



Es war an der Avenue Victoire, den 11. Septemeber 2001.

In Downtown Noumea.

22 Grad Süd, bzw. 28 Grad im Schatten.

Zwischen der Texaco Tankstelle und dem Yachthafen.

Es war am Markt.

Es waren acht Kanaken, die mir hinter einer Palme einen rauchenden Joint unter die Nase hielten.

Es war wie oft.

Es wurde gefaselt, gelacht, „Casse pas la téte!“ gerufen. Es war mitten im Getriebe Noumeas.

Es war auf dem Weg zum Dingy, um letzte Vorräte an Bord zu bringen., Es war in einem Gedanken, der mich auf dem Weg dem Hafen entlang begleitete. Es war ein Gefühl beim ins Wasser schauen, den Wellen zuschauen, den Schlangen, wie sie sich dem Riff entlang ahlten und wanden, wie kurze, geringelte Bootstaue, die selbstständig geworden sind.
Es war ein ganz normaler Tag im Leben eines Kapitäns, der gerade im Begriff war, zu den Inseln auszulaufen. Der die Wolken mit kritischeren Augen beobachtet, als jeder Bauer. Der versucht, eine Strömung im Meer auszumachen, bevor er ausläuft.

Es war auf einer kleinen Wiese am Hafen, eingeklemmt zwischen einem grossen, vollen Parkplatz und einem grossen vollen Yachthafen. Ich setzte mich neben ein turtelndes Liebespaar und ein Strassenfeger näherte sich langsam von rechts. Ich hatte den Schatten eines Papayabaumes über mir und ein paar lose Blätter Papier im Sack. Unbeschriebenem Papier. Ich suchte einen Stift und fand keinen. Ich fragte den Strassenputzer und er lieh mir seinen. So sind die Strassenputzer von Noumea! Und ich machte es mir bequem, ging dem Gedanken nach, der sich dem Gang dem Hafen entlang, seit ich den Joint mitgeraucht hatte, in meinen Kopf eingenistet hatte. „Achtung, die Zeit!“ Es blinkte.

Es war am 11.September 2001, auf einer kleinen Wiese am Hafen einer kleinen Südseestadt, als ich - während der Strassenputzer welke Palmenblätter einsammelte - folgendes schrieb:

"Über die Zeit

Achtung! Die Zeit ist wie ein Meer.
Sie hat kein Anfang und kein Ende.
Man kann nicht auf ihr laufen. Man kann nur schwimmen darin.
Auch gegen den Strom.
Ausser wenn er zu stark ist.

Dann nimmt die Zeit einen mit.
Und man muss aufpassen, dass man nicht auf einen Felsen getrieben wird.
An die Kante. Der Zeit. Wie sie heute ist.
Mit konvusen Wellen.
Die es schwer machen, zu navigieren.

Durch das Meer der Zeit.
Die so anders ist.
Als gestern.
Aufgewühlter. Fast schon wie vorgestern. Als die grossen Schiffe aufbrachen. An alle Kanten der Zeit. Und der grosse Sturm war.

Der die Zeit durcheinander brachte.
Neue Fische entstanden.
Denen ein Auge fehlte.
Oder Fische mit Sonaraugen.
Die seither die Meere durchstreifen.

Die seither die Zeit angeben.
Den Ton. Die Akustik. Den Klang.
Der Fische aus dem Meer.
Der Zeit.
Die den Haien ähnlich sind. Die Angst machen. Die da sind. Die sein wollen.

Im Meer. In der Zeit.
Die kein Anfang hat. Und kein Ende hat.
Ist.
Da ist zum schwimmen. Zum Leben. Zum Sein. Spass gemeint war. Ein galaktischer Witz. Ein Stein mit einem Meer drumrum.

Und ein paar Inseln. Grosse Momente. Als die Kokosnuss von der Palme fiel.
In den Schoss des Affen.
Der Angst hatte.
Vor der Zeit.
An Land kroch. Schutz suchte. Im Wald. Unter Blättern. Den Faustkeil erfand.

Das Feuer, das die Zeit nie hatte.
Das Meer. Aus dem er kam.
Wo alles herkam.
Das Salz. Das Eisen. Das Gold. Der Silizium.
Im Wasser.

Als es ruhig war.
Wellen noch Meereswellen waren.
Und keine Elektromagnetischen.
Das Rauschen von alleine sprach.
Ohne Sinn war.

In den Muscheln steckte. Den Vorfahren der Handys.
Die das Meer der Zeit uns an die Strände gespült hat.
Damit zu spielen.
Den Ton zu hören.
Den Wellen. Den Brechern. Den Stürmen.

Im Meer der Zeit.
Das gerade mal wieder eine langgestreckte Dünung hat.
Was den Fischen egal ist.
Den Tintenfischen egal ist.
Den Delfinen. Den Walen. Den Haien.

Aber nicht den Quallen. Der portugiesischen Galeere.
Mit dem grossen Luftsack. Und den giftigen Tentakeln.
Die zu tausenden über die Kante der Zeit hinausgeblasen werden.
Wo die Affen wohnen.
Die Menschen.
Die die Zeit erfanden.

Durch sie hindurch navigieren.
Blind.
In vollem Vertrauen auf GPS. Hochseetüchtig. Arbeiten. Kämpfen. Gegeneinander. Gegen das Meer. Gegen das Riff. Die Untiefen.
Mittels ausgekochter Technik. Airbags, Rettungsinseln und Kondomen.

Damit alles beim Alten bleibt.
Nichts geschieht.
Keine Welle sich kräuselt.
Kein Delfin hustet.
Obwohl der Himmel grau ist. Dunkelgrau. Schwarz. Wie die Sklaven.

Am Schwimmen. Mit dem Strom. Den Königspinguinen. Im kalten Sektor der Zeit.
Die fliesst. Atmet. Gezeiten hat. Steigt. Fällt.
Wie der Barometer.
Den Sturm ankündigt.

Das Tief. Die Depression. Der Wirbel.
Die Wellen. Die Muster.
Die Schwingung. Die das Meer der Zeit prägen.
Für kurz nur.
Worauf es anders sein wird. Und wieder anders.

Und wieder anders.
Ob wir wollen. Oder nicht.
Die grossen Schiffe durchschaukeln wird.
Die kleinen auch.
Die Quallen.
Der Schaum.

Der von den Wellenkämmen davongetragen wird.
Und die Schwimmer.
Die gegen die Strömung anwollen.
Die Meeresströmung nach Westen.
Zum Ufer.
Das keines ist.

Das zwar breit ist.
Aber auch flach.
Wie eine Scheibe.
Die das Meer nicht ist.
Die die Zeit nicht ist.

Die nur so aussieht, wenn man tief unten steht. Oder schwimmt. Oder paddelt. Gegen die Zeit.
Das Meer. Die Wellen. Die Natur.
Die Zeit hat.
Meer hat. Luft hat. Meerluft hat.

Das Zeitlos ist. Voll ist. Rund ist. Kein Anfang hat. Kein Ende hat.
Auf dem man nicht laufen kann.
In dem man nur schwimmen kann.
Oder ersaufen.
Achtung!"

(Im Gegensatz zu anderen Texten, habe ich diesen nie überarbeitet)



Worldtrade Center New York

Keine Bildinformationen verfügbar


Am anderen Morgen wachte ich vor Anker in der Ire-Bucht auf der Insel Ouen auf und hörte zum Frühstück die Deutsche Welle.


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Kommentare

  • Zaubernuss

    Durch das Meer des Reiseberichts, der so anders ist...
    Er ist ein Gedicht, Wortkunst. Er gefällt mir, weil es Du gewagt hast, Gefühle und Worte miteinander zu verbinden und für andere sichtbar zu machen. Gegen den Strom zu schwimmen, in der Reisecommunity. Das Unheimliche des Ereignisses kommt durch Deine Zeilen gut herüber. Auch wenn Du wenig Fotos gemacht hast, die Bilder entstehen im Kopf. ich danke Dir. LG: Ursula

  • kawasakipower

    Ich kann Ursula nur zustimmen,es ist mitreißend.Danke das du uns teilhaben läßt.
    Lg Melanie

  • Blula

    Dieser Bericht, diese Zeilen von Dir haben mich absolut hat mich absolut mitgenommen und werden mich auch noch eine ganze Weile beschäftigen. Großartig, wie Du dieses "Thema" in Worte gefaßt hast.
    LG Ursula

  • Suleika

    Regt zum Nachdenken an Toll wie du mit den Worten umgehst. Liebe GRüsse beatrice

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