Reisebericht

Reisebericht: El Hierro - die vergessene Insel

 
 
 
 
 
Reisebericht: El Hierro - die vergessene Insel

Zweieinhalb Stunden braucht die Schnellfähre der Reederei Fred Olsen zurück von El Hierro nach Teneriffa, im Hafen von La Gomera wird noch ein Zwischenstopp gemacht. Nur alle zwei Tage fährt ein Schiff nach El Hierro, wir müssen deshalb noch eine Nacht auf Teneriffa übernachten, bevor unser Flieger nach Köln geht. Welch ein Kulturschock ! Das Taxi bringt uns vom Hafen ins gebuchte Hotel, schick, mit etwa 600 Gästebetten, inmitten einer der härtesten touristischen Destinationen Europas : Teneriffa-Süd. Zugebaut mit Hotelanlagen mit 100.000 oder mehr Betten.

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überall Vulkane

 
 
 
 
 

(19 Stimmen)

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El Hierro hat 10.000 Einwohner und etwa 1000 Gästebetten verteilt über die ganze Insel. Man trifft nicht viele Touristen in dieser schroffen Vulkanlandschaft, nicht viele nehmen die doch längere Anreise in Kauf. Pauschalreisen werden nicht angeboten, Hotels und Pensionen sind klein, vermietet werden oftmals Apartments. Am Hafen mieten wir ein Auto und fahren quer über die Insel gen Süden. Steil hinauf führt die 8 km lange Strasse vom Hafen Puerto de la Estaca zur Hauptstadt Valverde auf über 600 Meter, ein Anstieg, der schon den Seeräuber Francis Drake beeindruckte : mit 300 Mann war er im Jahre 1595 an der Küste gelandet und verzichtete ob dieses Anstieges auf die Plünderung der Hauptstadt.






 
 
 
 
 

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La Restinga

 
 
 
 
 

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Wir wollen an die Südspitze El Hierros, in die Ortschaft La Restinga, den südlichsten Punk Europas, ein Paradies für Taucher , die im Meeresnaturschutzgebiet hier ein grandioses Tauchrevier finden.
Immer höher schraubt sich die Strasse durch Pinien- und Kiefernwälder, die noch die Spuren vergangen Waldbrände tragen. Weingärten überall, der Wein der Kooperative Fronterra ist ein guter Tropfen und wird überall auf der Insel ausgeschenkt. Und Nebel, immer nur Nebel. Die Passatwolken hängen an der Insel und lassen nur selten Sonne hindurch, obwohl der Blick auf die Insel La Gomera mit dem dahinter aufragenden Teide auf Teneriffa gigantisch ist. 1502 Meter hoch ist höchste Gipfel El Hierros, der im Zentrum der Insel gelegene Pico de Malpaso. Irgendwann, wenn man die 1300 Meter-Linie passiert hat, führt die Strasse wieder abwärts. Der Nebel verschwindet, die Wälder auch, die Sonne scheint. Wo sind wir nun ? Auf dem Mond ?
Wie krass ist diese Landschaft im Süden El Hierros, ein Vulkankegel neben dem anderen , endlose Quadratkilometer überzogen von schwarzer Stricklava, endlose Lavaströme, die von den zahlreichen Vulkankegeln ins Meer fließen. Alles sieht so aus, als sei es erst gestern passiert, wie seltsam, das die Vulkane nicht mehr rauchen. Ein Eldorado für Vulkanologen, ein schroffes Gelände für Wanderer, die einmal eine ganze andere Landschaft sehen wollen. Erst in den vergangenen sechs Jahrtausenden entstand diese außergewöhnliche Landschaft, der letzte Vulkanausbruch auf El Hierro fand 1793 statt !

Der Sockel der Inselgruppe der Kanaren entstand schon vor etwa 35 Millionen Jahren, als untermeerische Vulkaneruptionen die ersten Inseln wie bspw. das "alte" La Gomera entstehen ließen. EL Hierro ist jung, erst vor etwa 3 Millionen Jahren schufen neue Eruptionen den Kegel, der sich aus 4000 Meter Meerestiefe nun 1500 Meter über die Erdoberfläche empor hebt.

La Restinga, ein kleiner Fischerort an der südlichsten Spitze El Hierros. Von Valverde führt ein markierter Wanderweg hierhin. Zunächst bieten die lichten Wälder auf den Höhen Schatten, sofern die Sonne überhaupt den Nebel durchdringt und man sich nicht besser wärmer anzieht. Hinter El Pinar führt der Weg nur noch bergab durch die wilde vulkanische Mondlandschaft. Rechts und links stehen Vulkankegel mit runden Kratern in der Mitte., perfekt geformt wie aus dem Lehrbuch. Man läuft über Lavaströme. Perfekte Stricklava, die man sich zunächst nicht zu betreten traut. Wie ein zäher Kuchenteig ist die schwarze Lava hangabwärts geflossen, zäher geworden, hat sich gestaut, gestaucht, ist erstarrt. Ist sie wirklich erstarrt oder bricht man beim Betreten ein und die Füße verbrennen in der glühendenden Lava ? Nun, wir haben es gewagt, alles ist fest und kalt. Aber das Bild drängt sich auf, das alles hier noch in Bewegung ist - daran ändern auch die vereinzelten Pflanzen nichts, die hier und da zaghaft wachsen.
Wer auf El Hierro wandert, sollte in jedem Fall ein vulkanologisches Lehrbuch im Gepäck haben, um die Vielzahl der Formen erfassen und deuten zu können.



Vor der Küste

 
 
 
 
 

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Mit etwas Glück findet man in La Restinga einen Tauchlehrer, der einmal keine Taucher hat. Es ist nicht ganz billig, ihn und sein Schlauchboot für ein paar Stunden zu chartern, aber es lohnt sich. Ein paar Stunden die Küste entlang fahren, was bieten sich da für Panoramen der Insel ! Die Küste ist durchgehend eine Steilküste, viele Meter fällt sie senkrecht ab, nur sehr selten gibt es flache Stellen oder gar kleine Strände mit schwarzem Sand. So kann man die Küste tatsächlich nur vom Wasser aus erkunden. Immer wieder stehen Vulkankegel direkt am Ufer, sind teils schon zur Hälfte ins Meer gestürzt, erscheinen wie durchgeschnitten und geben dadurch einen wunderbaren Blick auf ihre inneren Strukturen frei.
Von den Höhen der Insel erkennt man genau die Lavaströme, sieht, wie sie sich ins Meer ergossen. Über viele Kilometer wird die Küste von herrlichen Basaltsäulen gebildet, manchmal unterhöhlt die Brandung die Basalte, sie stürzen ein, es bilden sich Höhlen. Abenteuerlich, mit dem Schlauchboot etwas hier hinein zu fahren.



 
 
 
 
 

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Bahia de Naos

Auf dieser Tour passiert man auch die "Bahia de Naos", eine Bucht, die wir von La Restinga auch nach einer einstündigen beeindruckenden Wanderung über die Stricklavafelder erreichen. Hier ankerten einst die Schiffe des Christopher Kolumbus, bevor sie aufbrachen, die neue Welt zu entdecken. El Hierro hat also schon seinen wichtigen Platz in der Weltgeschichte.

Die Höhenlagen der gesamten Insel El Hierro sind mit lichtem Kiefernwald bewachsen, der von Waldarbeitern ständig vom Unterholz befreit wird, um potentiellen Waldbränden die Nahrung zu nehmen. Dies macht den Wald licht und durchgängig und ermöglicht problemlose Wanderungen querfeldein, was manchmal reizvoll sein kann, denn die Anzahl der markierten Wanderwege auf El Hierro ist nicht allzu üppig.
Reizvoll ist der wohl längste Wanderweg auf El Hierro, der "Camino de la Virgen de los Reyes" - der "Weg der Jungfrau" , eigentlich ein Pilgerweg, auf dem alle 4 Jahre die Statue der Inselheiligen von der "Eremita Virgen de Los Reyes" in die Inselhauptstadt Valverde getragen wird. Ein beschwerlicher, 25 km langer Weg quer über die Insel , der mit einem Anstieg von 900 Höhenmetern beginnt. Durch alle Vegetationszonen der Insel führt dieser Weg und berührt den höchsten Gipfel der Insel und den 1502 m hohen Malpaso, von dem man einen Blick über ganz El Hierro hat und bei klarem Wetter auch La Gomera, La Palma und Teneriffa sieht.



 
 
 
 
 

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Wacholderwald El Sabinar

Vom Ausgangs- oder Endpunkt dieser Wanderung, der Eremita, sollte man in jedem Fall einen Abstecher in den nördlich gelegenen Wacholderwald El Sabinar und zum "Mirador de Bascos" - einem wirklich spektakulären Aussichtspunkt 676 Meter über dem Meer - machen. Der Blick streift über die Abbruchkante El Golfos, eine bis zu 1000 m hohe Steilwand, die eine 25 km lange, halbkreisförmige Bucht einrahmt. Jüngere Forschungen gehen davon aus, das hier einst eine höhere , vielleicht 2500 m hohe Vulkanpyramide stand, deren Flanke instabil wurde und in den Atlantik rutschte - die ausgelöste Flutwelle mag gut 100 Meter hoch gewesen sein.
Man wandert von hier über die Hochfläche, ein karge Weidelandschaft, etwas mager wirkende Kühe schauen gelangweilt. Dann tauchen die ersten der jahrhundertealten Wacholderbäume auf. Gebeugt stehen sie da, trotzen seit endlosen Zeiten dem Wind, der über die Hochfläche fegt, biegen ihre mächtigen knorrigen Stämme Richung Osten und sind dennoch voller Leben.



 
 
 
 
 

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Faro de Orchilla

Über eine lange Schotterpiste - eigentlich bedarf es eines Geländewagens - erreichen wir den Leuchtturm , den "Faro de Orchilla", direkt neben einem Vulkankegel. Die Einsamkeit könnte kaum größer sein als in diesem wilden, abgelegenen Lavafeld, wen wundert es, das hier einst wirklich einmal das Ende der bekannten Welt war ! Amerika war noch nicht entdeckt und den westlichsten Punkt, den man kannte, das war dieser westliche Zipfel El Hierros. Deutlich markiert an dieser Stelle und mit einem Denkmal versehen ist der ehemalige Nullmeridian, den der im zweiten Jahrhundert nach Christus in der Stadt Alexandria lebende Geograph und Mathematiker Claudius Ptolemaeus für diese Stelle festlegte. Er überzog seinerzeit die Erde mit eine Koordinatensystem, das bis ins 19.Jahrhundert verwendet wurde. Die Vegetation dieser Halbinsel besteht ganz überwiegend aus seltsamen Wolfsmilchgewächsen, scheinbar kommen sie mit der Trockenheit und Hitze auf den nackten Vulkanfelsen am besten zurecht.



Playa de Verodal

 
 
 
 
 

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Wieder zurück auf der Straße, die von der Eremita hinunter zur Küste führt, folgen wir dieser, um den schönsten Strand der Insel zu erreichen, einen weiten Sandstrand vor einer steilen Felswand : die "Playa del Verodal" . Nicht viele Badegäste verirren sich hierhin und liegen im schwarzen funkelnden Sand, der vom glasklaren Wasser überspült wird. So harmonisch dieser Strand auch wirkt, baden ist gefährlich, die Unterströmung hat schon so manchen Schwimmer hinaus aufs Meer gezogen. Wir kommen mit dem Auto von der Eremita, eine wirklich abenteuerliche Piste windet sich in steilen Serpentinen mehrere hundert Meter steil zum Ufer hinab, an manchen Stellen so schmal, das nur zwei Kleinwagen knapp aneinander vorbei passen, dafür ohne Leitplanke oder sonst etwas vergleichbares, aber auf beiden Strassenseiten ein über hundert Meter tiefer, steiler Abgrund ! Hätten wir in der Eremita bloß für die Funktion der Bremsen gebetet ! Weniger gefährlich, weniger spektakulär, überwiegend an der Straße in Küstennähe entlangführend, aber dafür mit herrlichen Ausblicken auf das Meer und auf die Insel ist der Wanderweg, der von Frontera im Golfotal zu diesem Strand führt. Eine schöne Tageswanderung auf Küstennivea mit ausgiebiger Badepause.



 
 
 
 
 

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Cala de Tacoron

 
 
 
 
 

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Wer wirklich schön im Meer vor El Hierro schwimmen will, sollte die "Cala de Tacoron" im Südosten besuchen. Man kann mit dem Auto dorthin, kann aber auch eine vielseitige Wanderung dorthin machen. Los geht es in Frontera - sofort nimmt die Wanderung hochalpinen Charakter an, nahezu 1000 Höhenmeter sind im steilen Anstieg auf dem "Camino de San Salvador" zu bewältigen, bevor man auf über 1300 Meter die höchste Höhe überquert und nun einen Abstieg bis an die Küste beginnt ... da soll mal einer sagen, so eine kleine Insel hätte keine Berge. Wem das zu krass ist, der beginnt einfach irgendwo in El Pinar und folgt dem gut ausgezeichneten Wanderweg zur "Cala de Tacoron". Man passiert Weiler, deren Häuser mit Platten frisch erstarrter Lava verkleidet sind, wandert durch Weingärten und durch Felder riesiger Feigenkakteen. Irgendwann taucht weit weg das Meer auf, aber es ist noch ein ordentliches Stück zu gehen : über Lavafelder, umzingelt von Vulkankegeln, über manche Strecken ist nahezu kletternd abwärts, seltsam anmutende Pflanzen werden immer häufiger. Und dann : der Atlantik ! Noch zweihundert Meter steil hinab, da liegt die traumhafte Bucht, nun folgt die Belohnung auf die anstrengende Tour : eine romantische Strandbar mit ausgesprochen guter, frischer Küche und ein durch Felsen im Meer gesichertes Naturschwimmbecken, in dem man herrlich schwimmen und schnorcheln kann.

Problem dieser und so manch anderer schönen Wanderung : wie kommt man wieder nach Hause ? Rundwanderungen sind entweder für einen Tag zu lang oder - wenn sie zu kurz sind - nicht interessant genug. Ideal ist es, sich irgendwo hin fahren zu lassen, eine herrliche Wanderung rechtfertig sicherlich auch mal die Kosten für ein Taxi oder es bedarf des genauen Studium der gelegentlich verkehrenden Busse.



Literatur + Karten
Izabella Gawin : El Hierro (ReiseKnowHow) - Reiseführer mit 18 Wanderungen, 3.Auflage 2008
Kampass-Wanderkarte 242 : El Hierro 1:30.000, Auflage 2008




 
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Region: Kanaren

Kommentare
  • astrid 01.05.2010 | 19:04 Uhr

    Ein schöner Bericht mit großartigen Fotos! Dass Teneriffa-Sur ein Schock war, kann ich verstehen, doch sobald man die Küste verlässt und sich auf die diversen Wanderpfade begibt, kann man die Touristen an zehn Fingern abzählen.
    Herzlicihen Gruß aus Wuppertal
    Astrid

  • ulandra 28.10.2010 | 23:24 Uhr

    Toller Bericht, Sven!
    Scheint sich in den letzten 15 Jahren nicht sehr viel geändert zu haben...
    Liebe Grüße
    ulandra

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