Durch die Atacama

Reisebericht

Durch die Atacama

Reisebericht: Durch die Atacama

Dies ist der erste Teil der längsten Reise, die wir Mitte der 70er Jahre in Südamerika unternahmen - 16 000 km in 8 Wochen...
Da sich etliche RC-Mitglieder auch in zwei vorhergehenden Berichten nicht durch fehlende Fotos vom Lesen haben abhalten lassen, hoffe ich sehr, dass sie auch diesmal meiner Reise ihre geschätzte Aufmerksamkeit schenken mögen.

Ungelöstes Rätsel die Zweite...



Von Kollegen, die nach Deutschland zurückgekehrt waren, hatten wir einen VW-Campingbus gekauft - ein sehr bescheidenes Modell, gemessen an heutigen Standards. Aber er bot Platz zum Schlafen und Kochen.

Wir brachen gen Norden auf. Die Wüste kannten wir zum Teil; allerdings waren wir damals im Winter nach Antofagasta gefahren.
Die Panamericana verläuft schnurgerade. Sie brachte uns zuerst in den "Kleinen Norden", in die Vorwüste, in der es noch Kakteen gibt und ein paar tapfere Gräser. Allerdings auch - und wir hatten das Riesenglück gehabt, es erleben zu dürfen - ein Blumenmeer, wenn etwa alle 10 Jahre einmal Regen fällt. Zehn Tage später dann Blumen, soweit man blicken kann... Der Anblick ist so grandios, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Die Kinder springen herum, pflücken Blumensträuße und wissen nicht, wohin sie sich zuerst wenden sollen.

Wir genossen jeden Windhauch.
Stop in La Serena, eine am Meer liegende Stadt, die einzige, deren Innenstadt im Kolonialstil der Spanier gebaut ist. Wunderschön - aber alles fake... Vor langer Zeit hat ein ehemaliger Präsident, der von dorther stammte, die Stadt so umbauen lassen. Im 16. Jahrhundert waren zwar ein paar Spanier (z.B. Pedro de Valdivia) bis Chile gekommen, hatten einige Städte gegründet, aber Gold war hier wirklich nicht zu finden gewesen. Deshalb zogen sie auch schnell wieder ab, nicht ohne vorher das Amt des "Vizekönigs" zu installieren. Einer davon erwies sich überraschenderweise als sehr pro-chilenisch, viele Plätze, Straßen sind nach ihm benannt, und sogar auf der plaza von La Unión stand eine bronzene Büste von dem Mann mit dem nicht eben spanischen Namen "Bernardo O`Higgins"!
Die Architektur südamerikanischer Städte ist im Prinzip sehr langweilig. Sie sind alle geplant und haben praktisch alle den gleichen Grundriss. Begonnen wurde mit einer "cuadra", einem Quadrat mit genau festgelegten Abmessungen, an dessen Seiten die wichtigsten Gebäude errichtet wurden: Hier die Kirche - gegenüber die Bank. In der Mitte die plaza. War die cuadra umbaut, wurde im Baukastensystem die nächste an der bestehenden angelegt. Sehr langweilig, aber praktisch. Fragst du nach einer Adresse, dann heißt es: "Zwei cuadras geradeaus, drei cuadras links..."
Viele Südamerikaner empfinden deshalb das europäische Straßensystem als äußerst verwirrend.
In Vina del Mar hatten wir die Hausnummer 1549. Das bedeutete, daß wir 15 cuadras von der plaza, also dem Mittelpunkt der Stadt, entfernt wohnten.

Bald erreichten wir den "Großen Norden", die Atacama, die trockenste Wüste der Welt. Sie ist atemberaubend schön. Sicher, im grellen Mittagslicht sieht die Landschaft eintönig gelb-grau aus, Konturen sind kaum zu erkennen.
Aber im Morgen- und Abendlicht siehst du die Farbvielfalt der Berge. Die stammt von den verschiedensten Mineralien, die die Berge in dicken Adern schichtweise durchziehen. Und so sieht es aus, als hätte ein vergnügtes Kind des Universums mit einem Sortiment von ziemlich dicken Filzstiften gespielt und dicke Striche von orange, grün, gelb und blau aneinandergefügt.
Es ist heiß in der Atacama. Damals gab es noch keine Autos mit Klimaanlage. Also: immer viel Wasser an Bord haben und sich nicht ohne Kopfbedeckung der Sonne aussetzen. Das Thermometer im Bus zeigte 52 Grad. Das ist schon ganz schön warm, auch wenn es sich um eine knochentrockene Hitze handelt, die etwas leichter auszuhalten ist als feuchte.
Was tun? Die praktisch veranlagte Hausfrau denkt nach und findet eine einfache Lösung: sie klebt von innen Alufolie an die Fenster. Ein wahrhaft blendender Einfall, besonders für entgegenkommende Fahrzeuge. Nur gab es die praktisch nicht. Wieviele begegneten uns? Ein Auto pro Stunde? Und die Temperatur sank tatsächlich um etwa 10 Grad im Inneren des Busses.
Irgendwo stand am Rande der Straße ein Baum, der große Berühmtheit genoss. Er war der einzige auf Hunderten von Kilometern. Ein Schild steht da: "dame agua", gib mir Wasser! Natürlich hält jeder dort an und opfert eine Flasche Wasser.
Dann geht die Sonne unter. Nun schnell einen Schlafplatz suchen! Für ca. 20 Minuten herrschen angenehme Temperaturen. Schon wird es kalt, kälter, saukalt. Es gibt keine Wolken am Wüstenhimmel, keinen
Smog, einfach nichts, was die Hitze hindern könnte, sich ins Weltall zu verabschieden. Schnell in die Schlafsäcke gekuschelt. Am Morgen - die Sonne ist soeben zu erahnen - hat sich unsere Atemluft als Eis an den Fenstern niedergeschlagen. Wieder etwa 20 Minuten angenehme Temperaturen. Jetzt schnell frühstücken! Dann ist es nämlich schon wieder gnadenlos heiß.
Bei der Weiterfahrt halten wir an jeder Tankstelle, nicht nur wegen des Benzins. Wasser, Wasser, Wasser... Irgendwann, es musste ja so kommen, ist an einer Tankstelle die Pumpe "malo". No funciona. Da muss man eben stundenlang warten, bis jemand kommt und sie repariert. Sich aufregen nützt nichts, mit so etwas muss man immer rechnen. Also sitzt man mit anderen Gestrandeten zusammen, spielt Karten, räumt den Bus auf, wäscht ein bißchen Wäsche, die dann in Null Komma Josef wieder trocken ist, klönt, und wenn die "bomba" repariert ist, scheidet man wieder mal als amigo.
Ganz vereinzelt gibt es Oasenstädte. Vallenar ist so eine. Am Abend rollten wir dort ein - wie schön, ein Hauch von Grün und Zivilisation. Mein Blick blieb auf einem Fahrzeug haften. Das war doch nicht etwa...ein Auto?? Ein offenes Holzchassis, eine Art Windschutzscheibe, Speichenräder, mit Hartgummireifen bezogen. Die Batterie war außen am Chassis befestigt. Das "Armaturenbrett" wies zwei Knöpfe auf. Da - ein Herstellerschild: Chevrolet, 1916. Der Besitzer kam aus einem Geschäft heraus, ein sehr altes Männlein, Arzt von Beruf. Ja, viele Leute, besonders Amerikaner, hätten ihm sein Auto abkaufen wollen. Aber das ginge doch nicht! Er würde es doch brauchen, und außerdem müsse er schon lange nichts mehr fürs patente bezahlen.
Das glaubte ich ihm gerne. Das "patente", das Nummernschild, musste jedes Jahr neu gekauft werden. Je älter das Auto, desto weniger musste man zahlen - das chilenische Modell der Kfz-Steuer. Das Vehikel fuhr tatsächlich. Die extrem trockene Wüstenluft - es regnet nie in der Atacama - lässt keinen Rost entstehen und konserviert.
In Vallenar wird außer Wasser noch viel köstliches Obst und Gemüse an Bord genommen, aber nicht zuviel. Mitten auf der Strecke gibt es nämlich einen Kontrollpunkt mit Schlagbaum und allem, was dazugehört. Egal, ob von Norden oder Süden kommend, durfte man nichts an Lebensmitteln behalten, das Kerne, Steine oder Samen enthielt oder in irgendeiner Weise Schädlinge beherbergen könnte. Sogar verpackter, unangebrochener Tee wird aussortiert. Warum?
Zu der Zeit gab es keine Obstschädlinge in Chile. Diesen einmaligen Zustand wollte man natürlich unbedingt erhalten.
Also hinein ins Kröpfchen, was wir an Orangen, Chirimoyas, Melonen und Oliven noch als Vorrat hatten.
Und ich musste mir schon rechtzeitig Gedanken machen, wie wir auf der Rückfahrt so Sachen wie z.B. wundervoll geschnitzte Kürbisse aus Peru etc. würden durchschmuggeln können...

Es geht weiter. In Antofagasta wollen wir zwei bis drei Tage Rast machen, um dann in uns unbekannte Gefilde aufzubrechen.



© Copihue (Aries)


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Kommentare

  • pleuro

    Liebe Hedi, Dein anschaulicher und unterhaltsamer Bericht lässt mich Fotos nicht vermisssen!!! LG Anne

  • freeneck-farmer

    Schön das du uns mitreisen läst. Und bei so ein altes Bericht kan man mal auf Bilder verzichten, es ist schließlich eine Reisecommunity.
    LG Anneken

  • Aries

    Liebe Beate,
    der Kontrollpunkt befand sich tatsächlich mitten in der chilenischen Wüste - entweder, um die Wein- und Olivenplantagen im Norden, und das Obst-/Gemüsegebiet in der Mitte Chiles zu schützen, oder es ist schlichtweg ein weiteres Beispiel chilenischer Logik, mit der man einfach zu leben hatte. An der Grenze wurde selbstverständlich auch noch kontrolliert. Und wenn man dem Zollbeamten versicherte, wie sehr man doch Chile liebe, dann bekam man auch die Packung Mate zurück, die man noch im Bus hatte...
    Herzlichen Dank an euch drei Kommentatoren! Und: keine Fotos notwendig?? Oha! Tja, dann wird es noch mehr Berichte von dieser Reise geben... :-))
    Hedi

  • trollbaby

    Hallo Hedi!
    Auch ohne Fotos kann man sich Eure Reise durch die Atacama sehr gut vorstellen! Und Anneken und Beate haben es schon gesagt, es ist eine Reisecommunity. Also rück nur raus mit weiteren Berichten! :-)
    LG Susi

  • Aries

    Hey, Susi,
    dankeschön!
    Wenn ich ganz furchtbar mutig werden sollte, dann krame ich - wenn ich denn in Ecuador angekommen bin - ein paar uralte, digitalisierte Dias hervor der Marke "blaustichig, verschmutzt, verkratzt" hervor...
    :-))

  • Blula

    Danke für diesen wieder sehr unterhaltsamen und einfach lesenswerten Bericht von Dir. Da reist man in Gedanken gerne mit.
    LG Ursula

  • Aries

    Liebe Ursula,
    wenn dir diese Reise gefällt, dann komm doch einfach weiter mit!
    Fortsetzung folgt in Kürze.
    Es freut sich, dich mit an Bord zu haben
    Hedi

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  • Blula

    mach ich glatt... , kannst Dich drauf verlassen!!!
    LG Ursula

  • desertflower

    Liebe Hedi,
    es ist wirklich eine große Freude, mit Dir durch die Welt zu reisen, wenn es auch nur am Bildschirm ist! Hast Du auf Deinen Reisen Tagebuch geführt oder wie schafftst Du es, Dich nach so vielen Jahren noch so lebhaft zu erinnern? Deine Berichte lesen sich so, als hättest Du das alles gestern erlebt! Schreib weiter!!!
    Liebe Grüße Resi

  • Aries

    Liebe Resi,
    ich hatte damals tatsächlich ein Reisetagebuch geführt, schrieb dann später einen Bericht und noch sehr viel später eben diese ausführlichen Erlebnisberichte für mein Schreibforum, in dem ich u.a. ein eigenes Unterforum " Eine Emsländerin in Südamerika" habe.
    Da Anne die alten Dias "aufpoliert" hat, macht es mir jetzt richtig Spaß, diese Berichte hier einzustellen. Je näher wir jetzt Peru und Ecuador kommen, desto mehr Fotos wird es geben.

    Die 5 Jahre drüben waren ungeheuer prägend und sind mir sehr gegenwärtig. Und Schreiben ist nun mal mein Hobby...
    Hab ganz herzlichen Dank für dein freudiges Interesse!
    Sei gegrüßt von
    Hedi

  • brandriba

    Ha, die wilden 70er und ihre Protagonisten :-))) Das Schreibforum tut seine Wirkung, geniesse die Nostalgiereise mir Dir (und Euch von der RC!!!) sehr. LG DAni

  • ruma94

    Machen wirklich großen Spaß, deine Berichte, und so ganz nebenbei lernt man auch viel - ich war noch nie in Südamerika, aber diese "cuadras" hab ich trotzdem vor Augen - haben sie sich in Mannheim wohl abgeguckt! Am besten gefällt mir hier die Szene mit dem Baum! LG, Ruth

  • Aries

    Bin entzückt, Dani und Ruth mit im Schlepptau zu haben!
    Ich danke euch beiden für's Lesen und Kommentieren - ich habe auch immer noch was auf Lager!
    LG Hedi

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  • Global

    Hallo Hedi.
    Bis ich was länger lese - das muss was Interessantes sein. Ich wünsch mir, ich könnte so gut schreiben wie Du. Da ich auch öfters in Südamerika bin, kann ich mir alles so schön vor Augen führen, als ob ich grad dabei wäre. Super geschrieben. Vielen Dank und lieben Gruss. Anita

  • Aries

    Hall, Anita,
    da habe ich ja schon eine ganze Reisegesellschaft an Bord - na klar, wir sind ja auch eine Reisecommunity...
    Deine lobenden Worte freuen mich sehr. Da bleibt zu hoffen, dass du auch die folgenden Berichte liest und bei diesem oder jenem sagst: Ooh... oder auch : Aah...
    Herzliche Grüsse von diesem unglaublichen Sonnen-Sonntag sendet
    Hedi

  • 238EWT

    Liebe Hedi, ich bin dem Geo-Zufallsgenerator dankbar, dass er dieses Kapitel Deiner früheren Chile-Reise aus dem Archiv hervorgekramt hat. Ich habe die Etappe genossen. Deine Bildkunst schätze ich seit anderen Beiträgen, Deine Schreibkunst auch wieder einmal anlässlich dieses Berichts.
    GLG Eberhard

  • freeneck-farmer

    Schön das dien Bericht uns noch mal gezeigt werd.
    LG Anneken

  • Aries

    Dankeschön euch Beiden!
    LG Hedi

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