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Reisebericht: Wintermärchen St. Petersburg
Russland im Winter? Wer kommt denn auf so eine verrückte Idee?
Wie immer: Ich! Schon seit Jahren will ich mir die zaristische Pracht an der Neva anschauen - insbesonders seit das "Bernsteinzimmer" fertig renoviert ist. Und allen Unkenrufen zum Trotz ist eine Städtereise nach St. Petersburg ein voller Erfolg und um diese Jahreszeit sogar noch zu empfehlen!
05.02.2010
Anreise und Hotel
Gleich mal vorweg die am häufigsten gestellte Frage: Ist das nicht saumässig kalt dort?
Nein - St. Petersburg liegt am finnischen Meerbusen und hat dadurch ein für russische Verhältnisse durchaus gemässigtes Klima. Im Februar beträgt der meteorologische Durchschnitt gerade mal minus 5 bis minus 10 Grad. Und genau diese Werte haben wir bei unserem verlängerten Wochenende gehabt. (Was übrigens nur unwesentlich weniger war als wir zur selben Zeit in Wien hatten.)
Unser Wochenend-Arragement habe ich übers Internet gebucht. Der Veranstalter "St.Petersburg.Reisen.de" ist wirklich zu empfehlen. Wir sind gern allein unterwegs und hier haben wir "Individualreisen" für zwei Personen mit deutschsprachiger Führung angeboten bekommen.
Angenehmerweise gibt es von Wien aus auch gleich noch einen Direktflug nach St. Petersburg. Und obwohl St. Petersburg nach Moskau die zweitgrösste Stadt Russlands ist, der Internationale Flughafen ist schlichtweg winzig. Damit war es auch kein Problem, unsere deutschsprachige Führung in Form einer reschen und Herzlichkeit ausstrahlenden Mittvierzigerin namens Tatjana zu finden.
Mit dem Auto braucht es gerade mal eine halbe Stunde ins Stadtzentrum. Frei nach dem Motto "nicht kleckern - klotzen" haben wir uns ein Zimmer im Hotel Kempinski genommen - zentraler geht es fast nicht mehr (sogar mit Blick auf den Winterpalast).
Name verpflichtet und so wird auch das Hotel Kempinski in Moskau seiner Sternekategorie mehr als gerecht. Das gesamte Personal (vom Türsteher angefangen) spricht englisch und ist - wie überall - sehr erfreut, wenn man sich als Tourist die Mühe macht, zumindest "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" auf russisch zu sagen. (Für mich sowieso einfach eine Frage der Höflichkeit.)
Das Zimmer war mehr als ausreichend bequem und groß - mit Ausnahme des Flurs samt Garderobe. Personen, die zu Platzangst neigen sollten vom Versuch, sich zu zweit zum Ausgehen dort anzuziehen, absehen.
05.02.2010
Erlöserkirche
Aber fürs erste haben wir nur unser Gepäck ins Zimmer gestellt und sind gleich wieder los. Tatjana hat uns nur im Hotel abgeliefert - der restliche Nachmittag (es war erst halb fünf) stand zur freien Verfügung. Und da die Erlöserkirche nicht extra am Ausflugsplan gestanden hat, wollt ich gleich mal dort hin laufen.
Das Wetter hält sich an die Vorhersage: Es hat vielleicht minus 7-8 Grad, der Himmel ist durchgehend bedeckt - aber wenigstens schneit es nicht.
Gemäß Stadtplan gerade mal zwei, drei Häuserblock vom Hotel entfernt sind das bei der großzügigen Anlage des Stadtzentrums rasch mal ein Kilometer Fußmarsch - wobei wir feststellen mussten, dass in St. Petersburg zwar die Dächer geräumt werden - nicht jedoch die Gehsteige. Festes Schuhwerk ist somit unbedingt ein Muß bei einem Besuch um diese Jahreszeit.
Zuerst wollt ich mir die Kirche nur von aussen ansehen - konnte mir dann aber einen Eintritt doch nicht verkneifen. Der Besuch kostet umgerechnet ca. 7 Euro pro Person. Und auch hier ist man ausreichend auf Touristen eingestellt, dass Englisch an der Kassa kein Problem ist. Einige Hinweistafeln sind sogar viersprachig (u.a. in deutsch) aufgestellt.
Drinnen noch eine Besonderheit russischer Museen: Beim Eingang gibt es für jeden Besucher ein paar XL-Duschhauben als Überzieher für die Schuhe - bei diesem Matschwetter ein idealer Schutz für Böden und Auslegeware.
Der Eintritt lohnt sich auf jeden Fall. Die Kirche ist innen noch schöner als aussen! Der gesamte Innenraum ist eine einzige Mosaik-Arbeit. Fotografieren ist erlaubt - technisch allerdings ein wenig anspruchsvoll, da der Raum für Blitzlicht einfach zu groß ist bzw. die Mosaiksteine spiegeln; die Kronleuchter zwar für Menschen - aber nicht unbedingt für Kameras ausreichend Licht spenden. Trotzdem sind mir ein paar nette Aufnahmen gelungen.
Zurück im Hotel waren wir mit der typisch russischen "Klimatechnik" konfrontiert. Das Zimmer war völlig überheizt und der Regler am Heizkörper abmontiert. So blieb nur die Alternative entweder über das Gebläse der zusätzlich vorhandenen Klimaanlage gegenzusteuern oder in halbstündigen Intervallen das Fenster aufzureissen. Beides für die Nacht untragbar. Zum Glück ist es meiner besseren Hälfte gelungen, mit Hilfe einer Münze die Stellschraube im Heizkörper zu erreichen und justieren. Damit war das Wochenende klimatechnisch gerettet. (Das selbe Problem hat übrigens auch Tatjana in ihrer Wohnung - aber ohne Stellschraube.) Nur im Badezimmer lies sich wegen der Fussbodenheizung nichts unternehmen. Wer nicht gerade ein Wärmefanatiker ist, bekommt dort spätestens nach 10 Minuten einen Hitzschlag!
Da der heutige Tag zugleich mein Geburtstag war, haben wir uns einen Tisch im Bellvue-Restaurant im Dachgeschoß des Hotels reservieren lassen. Die Panoramascheiben rundherum bieten einen vorzüglichen Ausblick auf die nächtliche Innenstadt und wir konnten ein ausgezeichnetes Essen bei Kerzenlicht (zwar teuer aber sicher nicht überbezahlt) mit Blick auf den beleuchteten Winterpalast geniesen.
Da wir am nächsten Morgen erst für halb zehn mit Tatjana verabredet waren, blieb ausreichend Zeit, das mehr als umfangreiche Frühstücksbuffett des Hotels zu geniesen. Noch selten ist mir eine so große Auswahl von qualitativ hochwertigen Speisen untergekommen. (Keine Ahnung wie viel das Hotel am Gesamtpreis der Pauschale ausgemacht hat - es hat sich auf jeden Fall ausgezahlt!)
06.02.2010
Stadtrundfahrt
Pünktlich um halb zehn war Tatjana in der Hotelhalle und der Fahrer mit Wagen vor der Tür. Formvollendet will er uns die Wagentür aufmachen und renkt sich halb den Arm aus. Die Tür ist schlichtweg festgefroren (obwohl es gar nicht mal so kalt war - vielleicht minus 10 Grad) und nicht nur diese sondern gleich auch noch die Tür auf der anderen Seite auch noch. Während unser Fahrer rüttelt, zieht, von innen drückt bzw. dann mit dem Eiskratzer die Dichtung bearbeitet, meint der Türsteher vom Hotel lapidar auf englisch: "Das ist ein bekanntes Problem bei dieser Marke." (Keine Ahnung, welche Marke - hat jedenfalls wie ein durchschnittlicher PKW bei uns ausgesehen.) Wir sind jedenfalls nach 10 Minuten in die Hotelhalle zurückgegangen während unser Fahrer in die Hotelgarage fahren durfte, um den Wagen im Warmen weiterzubearbeiten.
Im Endeffekt konnten wir mit einer halbstündigen Verspätung die Stadtrundfahrt doch noch starten. Wobei Tatjana meinte, wir können das Programm wie geplant abhandeln - es ist derzeit so wenig Verkehr in der Stadt, dass wir kaum mit Verzögerungen zu rechnen hätten.
Zuerst ging es zur Erlöserkirche - allerdings nur von außen - gut, dass wir sie uns gestern auch von innen angeschaut haben. Dann weiter zur Isaaks-Kathedrale - ebenfalls nur von außen. Da sie aber noch hübschere Mosaikarbeiten haben soll als die Erlöserkirche haben wir uns vorgenommen nochmals vorbei zu kommen. Weiter ging es über eine der Neva-Brücken ans andere Ufer. Der Fluss ist ja riesig! An dieser Stelle gut 400 m breit hat man einen fantastischen Blick auf das Palastufer mit dem Winterpalast als Highlight. (In diesem Moment leider völlig gegen die Sonne.)
06.02.2010
Peter-Paul-Kathedrale
Der nächste - diesmal längere - Stopp war die Peter-und-Paul-Festung mit der Peter-und-Paul-Kathedrale, deren dünne vergoldete Spitze weithin als Orientierung in der Stadt dienen kann. Hier in der nur teilweise vom Schnee geräumten Festung bekam man einen guten Eindruck, wieviel Schnee tatsächlich schon gefallen ist. (Laut Tatjana war es bisher einer der schneereichsten Winter der letzten Jahre.)
Die Kathedrale ist kleiner als die Erlöserkirche aber trotzdem von einer stillen Eleganz und man bekommt einen Eindruck von der Verehrung, die in weiten Teilen Russlands noch immer für die Zarenfamilie existiert.
06.02.2010
Winterpalast und Eremitage
Im Rahmen der Tour war jetzt ein Mittagessen geplant. In der Nähe der Peter-und-Paul-Festung brachte der Fahrer uns zu einem kleinen, urigen Kellerlokal namens "Odin". Ein bißchen auf Wikinger getrimmt mit Holzmöbel und stlisierten Wikingerschiffen vor den Kellerfenstern gab's russisch angehauchte Küche mit Salzgurkensuppe und Hühnchen mit Reis.
Anschließend setzte uns der Fahrer vor dem Winterpalast ab. Da unser Hotel gleich ums Eck liegt, musste er nicht mehr auf uns warten und konnte Schluß machen.
Das Wetter macht uns Freude und hält sich zum Glück nicht an die Vorhersage: Es herrscht nämlich Sonnenschein und der Winterpalast glänzt im Sonnenlicht wie ein Schmuckkästchen.
Es war wirklich angenehm, mit einem Guide unterwegs zu sein, der die Eintrittskarten vorab besorgen konnte. Damit konnten wir einen Seiteneingang gänzlich ohne warten nutzen - während sich die "normalen" Besucher erst an der Kassa anstellen mussten. Obwohl um diese Jahreszeit extrem wenig los ist, reichte die Warteschlange (wie wir später von einem Fenster im ersten Stock sehen konnten) durch den halben Innenhof.
In der Eremitage benötigt man zum Fotografieren eine Erlaubnis - mit umgerechnet 4 Euro aber sicher nicht zu hoch angesetzt. Dafür gibt es die Garderobe für die Mäntel gratis. Überzieher für die Schuhe gibt es hier nicht. Von der Garderobe bis zum Beginn der Ausstellungsfläche ist es ein extrem langer Gang an dessen Ende auch der letzte Schuh schon trocken geworden ist. In diesem Gang wird auch deutlich, dass die Eremitage hinter keinem Museum der westlichen Welt nachsteht: Museumsshops (Mehrzahl!), Kaffeezonen mit Cola-Automaten und Dounuts sowie ein paar Internet-Terminals.
Die große Haupttreppe, die in den ersten Stock führt, war leider zur Hälfte wegen Renovierungsarbeiten eingerüstet. Aber dann fing die ganze Pracht der Prunkräume an (inkl. den bereits bekannten Fotografierproblemen - also die Aufnahmen bitte nur als "Belegstücke" ansehen und nicht in Bezug auf die Auflösung qualitativ bewerten).
Auch wenn sich sicher mehr als genug Leute im Museum aufhalten - in der weitläufigen Anlage verliefen sie sich derart, dass man überall ausreichend Platz hatte und zu jedem Ausstellungsstück gleich hinkam. Die ausgestellten Kunststücke sind aber nur ein Teil der Pracht! Auf keinen Fall sollte man verabsäumen, sich auch die kunstvollen Holzintarsien der Fußböden, den Schmuck der Decken und Türen genauer anzusehen. In dieser Hinsicht ist jeder Saal einzigartig ausgestattet.
Die Kunstschätze der Eremitage sind jedenfalls legendär und die Berichte darüber keinesfalls übertrieben. Allein in der Gemäldegalerie existieren Bilder von Leonardo daVinci, Rubens, Rembrandt, Goya & Co in fast inflationärer Anzahl!
Wobei irgendwann im Rahmen der knapp über 2stündigen Tour das Aufnahmevermögen einfach erschöpft ist und das Interesse an der nächsten Sitzmöglichkeit (um den Ausführungen Tatjanas zu lauschen) proportional mit der Anzahl der durchquerten Räume steigt.
Um einen Eindruck über das Museum zu bekommen, war der Besuch gerade ausreichend. Man könnte aber genauso gut eine ganze Woche darin verbringen ohne alles gesehen zu haben.
Kurze Anmerkung zum Schluß: Das Museum ist - wie die Hotelzimmer und wie schlußendlich festgestellt alle besuchten Museen - ziemlich überheizt. Um diese Jahreszeit ist daher "Zwiebellook" angesagt. Zwar kann man die Mäntel an der Garderobe abgeben - aber mit nur einem dicken Pullover darunter kommt man in den Räumen unweigerlich ins Schwitzen. (In Einzelfällen sind die Angestellten sogar im T-Shirt unterwegs.)
Nach der Eremitage wäre der restliche Nachmittag (es war erst 16:00) wieder zur freien Verfügung. Den erneuten Besuch der Isaaks-Kathedrale - am Vormittag noch euphorisch geplant - haben wir schnell ad acta gelegt. Weder die Füsse noch die geistige Aufnahmefähigkeit wollten mehr mitspielen.
Was uns aber noch ein besonderes Vergnügen beschert hat: Unser Hotel hat nachmittags (15 bis 19 Uhr) den "Tea-Room" geöffnet. Neben einer Auswahl an ausgezeichneten Teesorten gibt es zusätzlich ein "All-you-can-eat"-Buffett mit frischen Früchten, klassischen Sandwiches, erlesensten Törtchen, Cremes, Pralinen, Plundergebäck, usw. - in nach oben offener Kalorienskala.
Verständlich, dass wir nach einem mehr als einstündigen Aufenthalt im Tea-Room das Nachtmahl einfach ausfallen gelassen haben.
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Sehr, sehr gut!! Ich war mal in St.Petersburg als es noch Leningrad hieß. Habe Deinen Bericht deshalb mit besonders großem Interesse gelesen und mich an Vieles erinnert. Ich war auch überwältigt von der besonderen Pracht. Deine Reiseerlebnisse regen dazu an, diese Stadt und ihre Umgebung noch einmal zu besuchen. Sehr, sehr gut sind auch die Fotos, die Du beigefügt hast.
LG Ursula -
Ich bin kein Fan von Winter, aber der Bericht macht richtig Lust gerade im Winter nach St. Petersburg zu fahren!
Herzlichen Gruß
Astrid -
Was für ein Prunk, Die Reise möchte ich auch noch machen. Vielleicht schaffe ich es dieses Jahr. Aber ich möchte dann Moskau und St. Petersburg anschauen und Ende Sommer fahren. In der Winterzeit reise ich nicht so gerne. Danke für den eindrucksvollen Bericht und die tollen Fotos. lg Romy
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Blauer Himmel, Sonnenschein und Gold funkelnde Paläste im Schnee, ein tea room mit Törtchen bis zum Abwinken und dann noch eine Schlittenfahrt ... auch ich bin kein Winterurlaub-Typ, aber das könnte selbst mir gefallen!
Ein total interessanter Bericht!
LG Beate -
Habe mich sofort die Seite des Reiseanbieters angeguckt. Sooooo schöne Bilder. Mir gefällt den Winter, so ich muß mich noch was gedulden. Abe es steht fest, da muß ich auch hin,
Vielen Dank,
LG Anneken
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