Ladakh -- Himalaya "Ski & Rodel gut"

Reisebericht

Ladakh -- Himalaya "Ski & Rodel gut"

Reisebericht: Ladakh -- Himalaya "Ski & Rodel gut"

Manchmal schneit es im Sommer...

Reisebericht von Silke Gondolf - All Rights reserved

Der Himmel über Indien...

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Ski & Rodel gut

Alle sind sie noch da, die hohen Himalaya Berge mit ihrem Schnee. Unter dem Flugzeug hat sich eine kristallweiße Spitzendecke ausgebreitet. Berge rechts, links, vorne, hinten so weit das Auge reicht – und noch viel weiter. Der Flieger umschifft die Bergspitzen wie ein Ruderboot die Klippen. Die „Götter“ sind zum greifen nah: Sichtflug und dann volle Pulle auf die Landebahn Lehs.
So landet man auf 3600 Metern, inmitten des Himalayas.
Leh: ein grünes Pappeltal mit türkisfarbenen Flussadern und jeder Menge indischem Militär. Bewaffnet stehen sie an der Landebahn Spalier. Die Schweinegrippe sorgt diesmal für noch mehr unsinnigen Papierkram. Mundgeschützte Krankenschwestern schauen einem wenig tief in die Augen und stempeln eifrig das Sanskrit Formular „Schweinegrippefreier Mensch“ ab.
Die Sonne scheint, wolkenfreies Glück. Klare Luft, liebe Menschen, gutes Essen und unzählige Möglichkeiten die Berge zu bekrabbeln.
Doch erst mal ist „Wolkenbirne mit roten Knopfaugen“ angesagt. Der Schädel brummt, der Körper fragt sich, was er mit diesem Scheiß soll und die Blase nutzt jede Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Wasser rein, Wasser raus und immer wieder Aspirin. Ausnahmezustand für Herz und Kreiskauf. Schleppend langsam geht alles, das Blut kämpft sich durch meine Adern.
Zum Glück weiß das Blut noch nicht, dass es noch viel mehr durchstehen muss, als schlappe 3600 Höhenmeter bei Sonnenschein.

Die Royal Enfields knattern auf der Straße, es sind wenige Touristen in Ladakh – aber anscheinend sind alle die da sind, zweiräderig motorisiert. Leh mutiert zum „Goa der Berge“. Gespielt gelangweilte Hippiekids mit verstaubten Haaren und stechend, blauen Augen flanieren in den Straßen, gemischt mit ergrauten Sinnsuchern aus aller Herren Ländern. Es gibt was zu gucken in Leh.
Das denken sich auch die Kühe, denn die gucken besonders ausgiebig. Vierbeinige, beeuterte Verkehrsberuhigung a la Indien, gemischt mit zweibeinigen, orientierungslosen, beseelten Sandalenträgern. Ein Schauspiel das sich am besten vom Dach des Touristen Hot Spots, namens „Il Forno“- aus sicherer Entfernung, mit einer indischen Lasagne und mit einem Pott viel zu süßem Masala Tee betrachten lässt.

Drei Tage und viele Atemzüge später: ich bin immer noch im Schneckentempo unterwegs. Terrassenleben mit flatternden Gebetsfahnen, SPF 50 und literweise Wasser. Als kurzer „Fitness Scheck“: einmal um den Acker schleichen, einen ungeheuer grünen, indischen Lolli kaufen und wieder ab in die Horizontale. Die Beine sind schwer, die Luft ist noch immer viel zu wenig für meine Lungen - und doch ist es schön. Anfang Juni ist jeder Ladakhi auf dem Feld und sät und pflanzt von Hand. Das Tal wird langsam grün. Blumen kämpfen sich raus, doch auf den Bergwipfeln liegt ringsum dick der Schnee. Im Schatten ist es so kalt, das Daunenjacke, Schal, Handschuhe & Mütze sinnvoll sind - während einem die Füße zeitgleich in der Sonne bei 51 Grad verbrennen.
Dies ist ein Fleck Erde mit sehr netten, fürsorglichen Menschen. Als das erste Flugzeug in Leh landete, vor vielen Jahren, kamen die Ladakhis mit jeder Menge Futter zum Landeplatz – sie dachten, dass so ein großes Tier, was so viele Sachen tragen kann, doch unheimlichen Hunger haben müsste. Das war Damals, aber auch heute wird in diesem harschen Klima, Menschlichkeit zum überleben gebraucht. Jetzt kommen wir „Zivilisierten“ zwischen Juni & September und man kümmert sich um uns. Wir, die alle Motten panisch für Kleiderfresser halten, ein Yak nicht vom Dzo unterscheiden können und Masala Chai, den sonst zuckersüßen Milchtee, ohne Zucker trinken möchten.
Das Ladakhi Wort „Juley“, ist ein Wort für alles: „Danke/Guten Tag/Hallo/Fuck Off/Nein/Ja/Bitte…“. Wir sind die eigentliche Attraktion Ladakhs.
Der Tag startet mit Aspirin und endet mit Socken waschen. Nichts im Gepäck was praktisch wäre. IPod, Lautsprecher, Akkus aller Formen, Laptop, Video und Fotokameras (Plural) und was der moderne medienbesessene Mensch sonst noch braucht, um sein Leben und das Leben der Anderen, zu konservieren. Ein Stückchen Zeit, ein Stückchen ferner Wirklichkeit haltbar machen. Die Zeit steht. Hier geht nichts schneller, bloß weil der Mensch es will.


Einmal Gompa und zurück

In Leh gibt’s eine alte Gompa, oben über allem städtischen Leben thront sie seit 500 Jahren. Der Weg dorthin ist zugleich der Trainingspfad für Ladakhs ausländische Neuankömmlinge. Frischbeschuhte, weiße Menschen mit bunten Hüten, dicken Hintern und kleinen Rucksäcken quälen sich den Hang hoch. Die erste Gompa, der erste buddhistische Tempel, das erste Mal auf 3600 Metern – Touristen sind hart im nehmen. Ihre Reiseveranstalter geben ihnen das volle „Gompa Programm“- trotz Atemnot wird die Sache durchgezogen. Der Rote Kreuz Helikopter des indischen Militärs fliegt die, die schlapp machen runter, zurück ins Leben in den Sauerstoff.
Langsam wie eine langbeinige Schnecke schleiche auch ich an unzähligen Chörten vorbei , den Hang hoch - jedoch an der nicht einsichtigen Rückseite des „Übungshanges für Hochlufttouristen“. Schließlich will ich nicht mit Ferngläsern, der auf den Terrassen sitzenden Touris beobachtet werden. Mein Tempo ist die reinste Blamage, für jemanden der jeden Tag eine Stunde joggt.
Ich schleiche und kämpfe gleichzeitig mit vielen Feinden: meine schweren Kameras baumeln unkontrolliert an meinem Hals, die Wasserflasche gluckst fordernd am Gürtel, die Blase hat sich nahezu verselbstständigt - bei einem Drittel weniger Aussendruck. Ausserdem müssen zwei Trekkingstöcke mit meinen Beinen und Armen koordiniert werden - und ich frage mich, ob es sich etwa so anfühlt, wenn man richtig alt und schlapp ist. Trotzdem ist es schön und gerade deshalb ist es schön, denn der nicht vorhandene Sauerstoff zwingt mich dazu, meine nächste Umgebung, den Boden, den Himmel, die Steine, die Wolken, die Fußabdrücke anderer zu betrachten – um dann einen Fuß vor den anderen zu setzen und die Zeit dem Körper zu geben.
Der Wind rauscht über das karge Land, fällt über die Berge in das Tal.
Morgens lag Schnee in Leh, doch die Sonne toastete ihn schnell weg. Was ist Winter, wenn das hier Sommeranfang ist… Knallharte Jungs mit dicken Bergschuhen auf knatternden zweirädrigen Kisten erzählen von wochenlangen Trekkingtouren in kompletter Abgeschiedenheit und ganz ohne Komfort. Ja, sie wissen alles, sie haben es hinter sich, sie haben den Himalaja im Griff. Trotzdem interessiert sich niemand für sie. Das Los der Wagemutigen in einer Herde Schafe.
Denn hier als „Zivilisierter“ mit den Fingern zu essen, in jede Ecke zu pissen, jede Rupie dreimal umdrehen, zu stinken wie ein Yak und wie ein Inder zu rülpsen, das ist für viele die Befreiung vom Ich. Mein „Shangri La“ sind meine Augen, bzw. das was sie sehen: die Weite, das Nichts, die endlosen Berge und die „Juley“ plappernden Menschen mit den tadellosen Zähnen.


Immer 100 km bis Pakistan

Eine Reise mit Jeep und Fahrer nach Nubra. Einmal über die Berge, einmal merken wie sich 5300 Meter anfühlen, merken wie es ist, ohne Profil auf den Reifen über schneebedeckte schmale Himalaya Pisten in schwindelnder Höhe zu schliddern - und spüren wie kalt es sein kann, in Indien im Juni.
Klar hatte mein Fahrer Sandalen an, klar fuhr er mit Socken, klar auch, das wir am „Hang“ – das Wort „Hang“ klingt putzig im Himalaya - rutschten und nicht weiterkamen auf der spiegelglatten Schneedecke zum erliegen kamen. Links von uns der Abgrund, rechts bedrohlicher Schnee- & Geröllgulasch. Der Schnee fiel unaufhörlich weiter, in Styroporkugelform. Meine Füße froren fest, die Luft war dünner als unsichtbar. Drohend die Schneemassen über der Straße, eisige Formationen frisch gepudert - bei Temperaturanstieg mit Sicherheit eine einzige Lawine mit Felsbrockeneinlage. Der verzweifelte Fahrer schippte mit einer geliehen Schaufel Geröll vor die aalglatten Reifen, dann ging es ein paar Meter weiter. Am „India Gate“ hingen wir wieder malerisch fest – hinter uns reihten sich Busse, Jeeps und Trucks. Keiner kam an meinem Sandalen tragenden Fahrer, mit seinem blankpolierten Reifen vorbei und ich stand im Schnee mit Schal und Mütze und wusste alles besser….und dann der vermeintlich höchste befahrbare Pass der Welt 18.600 Fuß stand protzig auf dem Schild. Aber das ist gelogen „Worlds highest motorable road“ - mein Höhenmesser zeigt verschämte 5300 Meter und das reicht manch einem Menschen dann auch schon zum abkotzen und für ein in Erinnerung bleibendes Schwindelgefühl. Runter, nichts wie runter wollen viele.
Aber es gibt viel zu sehen hier oben, unter anderem eine verglaste, stickige Teebude auf dem Dach der Welt. Die „Himank“, die Straßenbauarbeiter des Himalajas, nennen das hier ihr Zuhause. Der Schnee und der Pass sind ihr Arbeitgeber, ständig muss die Straße von Schnee geräumt und von Erdrutschen befreit werden. Teer auf 5300 Metern Höhe, das indische Militär will beweglich bleiben, Pakistan ist 100 km weit weg und schläft nicht.
Deutschland ist gut, höre ich immer wieder, denn Hitler war ein toller Führer. Das es Osten und Westen nicht mehr gibt, ja da hat man schon mal von gehört. Ein indischer Rechtsanwalt fragt ganz offen, ob denn Deutschland überhaupt eine „Geschichte“ hätte, so wie Indien. Ja, das haben wir auch, auch so wie Indien, nur anders.
Indische Touristen quellen verquollen in Scharen über den Khardung La Pass. Mützen wie billige Bankräuber haben sie auf, mit Sehschlitzen für Mandelaugen und Schutz für knallrote, triefende Nasen der „Flachland Indianer“. Der erste Schnee für diese Reiseinder mit 20, 30, 40, 50, 60 Jahren.
Nein, man kann den Schnee nicht mitnehmen, der bleibt hier.


Ab ins Tal: Nubra Valley – der Obstkorb Ladakhs

Sanddünen, Gärten, Felder, Rosenbüsche, Pferde, Kamele und klare Flüsse und Wind. Hunder, im Nubratal ist Belohnung für all das schneeige Chaos und den Höhentaumel. Hier ist Ruhe und Stille. Trotz eines unübersehbaren Aufgebots an indischem Militär. Das Dorf am Ende Indiens besteht zu 90 % aus Gasthäusern. Hauptkunden im Juni sind indische Delhi- und Bombay Flüchtlinge. Gute, kühle Luft und Blütenpracht mit Kamelexoten Akzent. In Delhi sind derzeit 50 Grad Celsius, im Nubratal sind es 23. Mütze, Schal und Steppanorak ziehen die „Plains“ Inder nie aus. Kälte ist offensichtlich relativ. Ein Tagesausflug ist es für sie, Zeit genug für 666 Fotos und eine sauerstoffarme Erinnerung an ein schönes Stück Indien. Ich weiß auch nicht was bleibt, nach 4 Wochen Höhenkoller am Ende der Welt. Vielleicht die Aprikosenmarmelade, die göttergleich schmeckt, der Geruch von verwesendem Fleisch, der Geruch der Dungöfen, das knattern der Enfields, die Oma mit den Fischaugen beim Maskentanz?
Auch der ordinäre, kosmopolitische Landstreicher landet hier – aber nur kurz, denn es gilt was abzuhaken und nicht zu erfahren. „Godfather“ oder „Kingfisher“ Bier bringt schnelles Glück auf kurzem Wege. Das Essen ist mäßig und teuer, oder umsonst, wie heute bei Tempelfest. Ein hungriger Blick über die Stachelhecke in die Töpfe der kochenden Dorfbuddhas und schon darf ich mitessen. Im Bach gewaschenes Geschirr als Transportunterlage für ein soßiges Linsengericht: Dal und allerlei Gemüse mit Gewürz. Daneben schläft ein Kind unter einer Männerjacke friedlich auf dem Boden. Ganz einfach eigentlich das Ganze.
Ein nie abbrechendes „Ommanipadmeum“ schallt aus dem Lautsprechern des Dorftempels auf den fast leeren Platz und in die pakistanischen Berge. Alte Männer in roten Roben am Mikrophone. Nach dem langen Anstieg zur Hunder Felsengompa, genau das richtige.
Dahinten ist Pakistan und seine bösen Moslems, „die US bedrohnten Talibans“ und hier murmeln alle Mantras und essen, da sie gute Buddhisten sind, keine Forellen aus dem Bach. Moslems essen Fisch. Die kleinen Flüsse machen das einzige Geräusch, und die Vögel. Grün ist nicht gleich grün, denn das hier ist alles besonders grün. Ein schönes Tal, mit aufgepeitschten Sanddünen und übrig gebliebenen Kamelen aus alten Zeiten. Damals haben die Mongolen sie hier stehen lassen, heute stehen sie immer noch auf den Sanddünen und schleppen Touristen über den Sandkasten Ladakhs. Hier wirbelt der Wind Staub und es ist der landschaftliche Höhepunkt des karg Seins, mit einer gewissen Exzellenz.


Der Dalai Lama schläft hier

Diskit liegt nur 7 km entfernt vom letzten Dorf Indiens entfernt. Mit einem äußerst lebensfrohen Ladakhi Fahrer geht es auf nach Diskit und hoch in den Berg. Hier sitzt ein großes, belebtes Kloster wie ein Frosch am Hang, unter sich eine Riesenbaustelle, denn der Dalai Lama kommt nächstes Jahr zu Besuch und Diskit will sich nicht Lumpen lassen: Ein nagelneuer 12 Meter hoher Betonbuddha, dem noch das Gold fehlt, davor eine prunkvolle Halle und alles was ein Dalai Lama sonst noch so braucht um geehrt zu werden. Oder was Diskit denkt das er braucht.
Das Kloster hat einen weißen Mahakala Buddha zur Ansicht, sonst sind die schwarz oder blau. Das weiße Monster sieht wirklich schrecklich zornig aus. Ich zünde drei Räucherstäbchen an, damit er da bleibt wo er ist und mir allen Driss vom Hals hält. Auf Socken schleiche ich über uralte Kloster Holzböden, abgetretene Planken mit hervorstehenden Nägeln, immer im Uhrzeigersinn auf den heller ausgetretenen Pfaden des alten Holzes und meiner gläubigen Vorgänger. Die Wände sind schwarz vom Ruß der letzten 500 Jahre, die Wandbemalungen verschwinden hinter speckigen Lagen vergangener Zeit. Die Atmosphäre ist einzigartig, die Ruhe und Stille alleine sind es wert jede Klosteranlage in Ladakh zu erklimmen.
Danach ein Besuch bei einer Amchi, einer Naturheilerfrau die die Kunst der tibetischen Medizin beherrscht und auf eine Garnison von 100 Gläsern mit Kügelchen blickt. Das sind die tibetischen Medikamente, Kräuterkügelchen aus Dharamsala die den Menschen Gutes tun. Sie fühlt den Puls mit drei Fingern erst an meiner linken und an der rechten Hand. Mein Puls schlägt und ahnt, dass er nicht 1A läuft. Ja, der Magen ist nicht so klasse und denken tu ich auch zu viel und alles was ich gerne esse soll ich nicht mehr essen. Dann gibt es drei feine Plastiktütchen mit Kügelchen von Frau Doktor. Eine bittere Medizin über deren Inhaltsstoffe, beim Langsamen im Mund zergehen lassen, ich nicht weiter nachdenken möchte. Assoziationen wie Kaninchenkacke mit Löwenzahnmilch sind allerdings höchst lebendig.


Sumur, 23 Kilometer

Das nächste Dorf im zweiten Tal von Nubra heißt Sumur. Die paar Kilometer könnte man zuhause ja auch zu Fuß gehen. Hier ist es allerdings eine Halbtagesreise mit Jeep, mit dem lustigen Fahrer und seinem blitzblanken Mahindra Jeep und seinem schallenden lachen. Das Wetter spielt seit Tagen verrückt, mein Barometer hat es aufgegeben der jeweiligen Wetterlage mit Millibar zu folgen. 669 Millibar und dann mal wieder gar nix, dicke schwarze Wolken quellen über die Berge, fallen als Schnee oben auf die Pässe und rieseln als eiskalter Regen in das Tal und auf mich. Regen in Ladakh, das ist neu für mich. Im September vor ein paar Jahren war der Himmel immer blitzblank blau und die Wolken blieben hinter den Bergen. Aber wenn es regnet riecht es gut, die Pflanzen dieses grünen Tals freuen sich und daher ist das auch gut so.
Sumur ist ein Dorf, aber es hat eine echte, eigene „J&K Bank“ mit Winteröffnungszeiten und Sommeröffnungszeiten - von jeweils 2 Stunden am Tag - die sich je nach Jahreszeit um eine halbe Stunde nach vorne, oder nach hinten verschieben. Es gibt hier auch Touristen Unterkünfte und eine Tankstelle - und eine ziemlich abgerockte Busstation. Alles da, was Mensch braucht.
Auch eine Art Dorfspelunke, dort kochen 4 Männer gleichzeitig lustige Sachen aus bunten Tüten und der Laden mutet wie ein kommunales Wohnzimmer an: laute Schulkinder mit Staub bedeckt drängen sich zwischen spuckende, große Bauernmänner, wild aussehende Fahrer sitzen zwischen alten zahnlosen Opas die still ihre Suppe mümmeln. Die „Köche“ kaspern rum und es qualmt. Der Wind knallt die Läden auf und zu und ich sitze weiß, fast sauber und fremd mitten drin, wie unsichtbar. Das Essen ist schlecht, die Atmosphäre schön.
In Sumur, steht ein kleines neues Kloster am Hang mit Blick auf Diskit und wurde ebenfalls ausgestattet mit einer für den Dalai Lama reservierten Etage. Mit Aussicht auf die Berge. Der Dalai Lama hat hier sogar ein Klo mit Wasserspülung und eine Dusche mit Boiler. Jeder Menge Geschenke der Gläubigen stapeln sich in einem Korb für den bald kommenden hohen Besucher. Literweise Apfelsaft im Tetrapack kann er sich nächstes Jahr hier abholen…
Alle Klöster im Nubratal sind über Teerstraßen zu erreichen, das ist nett für die Touristen. Es gibt allerdings eins, da muss man 3 Stunden hoch klettern, das ist das Ensa Kloster, oder Ensa Gompa in Fachladakhisch.


Buddha mit Brüsten – nie gesehen!

20 Kilometer können unendlich lang sein. Wie eine plattgetretene Schlange liegt die Teerstraße im hellen Geröllhaufen Ladakhs. Steine in alle Größen und Farben, gewaltig weit verstreut, als hätte es eine kosmische Explosion gegeben. Mitten durch, das sandige Nubra Flussbett mit kunterbunten, gigantischen Kieselsteinen. Im Juni ist hier kaum Wasser zu sehen, aber es scheint hier richtig ab zu gehen, wenn der Schnee schmilzt, dann nehmen die Wassermassen alles mit, was sie bekommen.
Die Ensa Gompa liegt am hoch am Berg und sieht aus wie ein verlassenes Bauernhaus. Kein einziges Zeichen, dass dies ein buddhistischer Tempel ist, verlassen hängt dieser Klotz am Hang. Der Fahrer kämpft sich durch Schlaglöcher und über militärisch fein gebaute Flussbrücken. Hier und da ist ein Stück Berg auf der Straße gelandet und wird per Hand entfernt, langsam aber stetig.
Dann der per pedes Aufstieg zur Gompa. Gämsen ähnlich hochkraxeln und nie dran denken was passiert, wenn man den Halt verliert. Auf halber Höhe verlassen mich die guten Geister und ich dreh um. Scheiß was auf die Gompa da oben, ich komm hier zwar noch hoch, aber nur noch auf dem Hosenboden oder im freien Fall wieder runter. Ich drehe um - und setze mich auf einen Felsvorsprung und beobachte fliegende Helikopter von oben. Die indische Armee fliegt Streife mit nagelneuen Hubschraubern, denn: Pakistan ist auch hier weniger als 100 Kilometer entfernt. Dann ein Wahnsinns lautes Krachen und Donnern was nicht aufhört. Es ist ein Berg, der abrutscht.Die Gewalt hallt durch das gesamte Tal. Ich esse getrocknete Aprikosen und versuche mich an Wahrscheinlichkeits-rechnungen, wann wohl der Berg auf dem ich gerade sitze auch pulverisiert im Tal liegt. Der Tod ist immer greifbar, das wird mir hier jeden Tag vorgeführt.
Touristen berichten strahlend von der Ensa Gompa, nein, der Schlüssel war nicht oben, aber es war toll und man hat einen Buddha mit Frauenbrüsten gesehen. Ich hatte währenddessen Kontakt mit meinen eigenen Grenzen an Waghalsigkeit.



Rückfahrt mit „Road Closed“

„Höchster befahrbarer Pass der Welt: Khardung-La“, diesmal aber andersrum. “18360 Feet“ steht groß auf jedem Pass Schild. Aber das ist ja glatt gelogen, oder die indischen „feet“ sind kleiner…
Morgens früh los von Sumur. Brav, gläubig immer hinter einem plötzlich auftauchendem, heiligen „Lama Autokonvoi“ her. Das golden angezogene „Lamakind“ sitzt auf einem extra „lamagerechten“ Kindersitz, im buddhistisch beflaggten Toyota. Die Ladakhis am Strassenrand falteten die Hände über ihrem Kopf und verbeugten sich vor den modern vorbeireisenden Geistlichen. Eine alte Dame, in klassischer Tracht steht auf einem Berg und verbeugt sich tief, malerisch positioniert vor dem Background des grünen Nubratals. Demut und Glauben in Aktion. Und ich freue mich zu früh, wähne mich schon in Leh, in der Zivilisation, bei einer Pizzas und den anderen Heißduschern. Doch dann kommt das „böse Weiße“ und nicht geht.
Auf den engen Himalaya Straßen rauschen Biker auf alten Enfields an den Bussen und Jeeps vorbei, um dann wie ungefähr 1000 andere Menschen aller Nationalitäten vor einem Schild mit dem Satz „Road Closed“ zu stehen. Hier staut sich die Welt auf ein paar Metern Teer und auf 4600 Metern Höhe: der Pass ist zu, geschlossen wegen Schnee.
Viele standen schon 5 Stunden - um dann noch mal 4 Stunden in eisiger, schöner Höhe zu stehen. Es gab alles: Regen, Hagel, Schnee, Sonne, Nebel und schnelle Wolken. Die hungrigen, kurzatmigen Menschen stapelten sich in der inzwischen heiß laufenden Teebude auf dem „Dach der Welt“. Rupien wechselten im Turbotempo den Besitzer. Die Himank Straßenarbeiter standen im Schnee, mit weißen Skischuhen und großen Schneebrillen. Diese „Fotomodelle“ werden hier fürs stehen bezahlt - und fürs am Sack kratzen. Ein Tee für 10 Rupien, ein Wasser 20 Rupien – nicht jeder kann sich diesen Luxus leisten. Die Jeepfahrer hockten auf dem Boden und spuckten vor ihre Autos. Die „Flachlandindianer“ wechselten die Farbe minütlich-und waren passend für eine Solo Everest Besteigung gekleidet.
Es ist ein Abenteuer für jeden der hier strandet, auch für die Ladakhis. Man hat Respekt vor dem Wetter, dem Schnee und den Bergen – selbst wenn man hier wohnt und jeden Tag über den Pass fährt. Ein indischer LKW befand sich in der „stabilen Seitenlage“ als wir hochfuhren – mit einer weiteren Rolle vorwärts, wäre er abgestürzt.
Nach 4 Stunden warten, pinkeln, Tee trinken und schwatzen ging es weiter. Die Biker quälten sich teils quer den Berg hoch, es war eine ungeduldige Karawane angestauter Fahrzeuge, die alle am liebsten gleichzeitig über den Pass wollte. Als Zugabe, ein Panorama wie es schöner nicht sein könnte. Die Wolken zeichneten die Erde in hell und dunkel.
Auf dem Pass dann eine gewaltiger Kodak Moment für alle Reisenden und wieder milchiger Zuckertee aus der Himank Bude. Die Dixie Klos sind hier oben geschmackvoll in schneeweiss gehalten, die vielen Gebetsfahnen sausen im Wind - hier sind alle glücklich, wenn auch blass. Das Dach der Welt ist oben offen und die UV Strahlen brutzeln mit ungeheurer Wucht auf die Haut. Die eine Fahrspur ist dauergefroren und eisglatt. Nach dem Pass geht es nur noch runter, egal wie. Der Ausblick von hier oben ist unglaublich: klare, kilometerweite Sicht über die Berge. Schneebedeckte Steinkolosse so weit das Auge reicht, Berge sind Götter, besonders wenn man oben steht und hoffen muss, das sie gnädig sind. Dann nach Stunden endlich die grüne Pappeloase Leh, raus aus der Karre, rein ins Hotel und Pizza essen wie ein dummer Tourist.





Sonnenschein mit Butterkeksen

Doch die Freude in Leh zu sein ist getrübt. Es ist zwar endlich wieder mal warm und es ist auch jedesmal schön, wieder „nach Hause“ zu kommen, aber: alle Läden & Restaurants haben alle geschlossen. Denn die Ladakhi Geschäftsleute streiken seit 3 Tagen. Ihnen gefällt das Steuersystem Indiens nicht mehr – also machen sie keine Geschäfte. Sämtliche Restaurants sind zu…keine Pizza???!!! Ein einziges Restaurant, beleuchtet wie für ein konspiratives Treffen, ist Streikbrecher: dunkle Gestalten mit Besteck in den Händen bei Kerzenlicht, kein Mensch sitzt am Fenster, an der Tür das Schild „CLOSED“. Hier kann man heimlich Pizza essen und genau das tue ich….Am nächsten Morgen, immer noch alles dicht, doch schon wieder gibt’s Streikbrecher, diesmal aus der Internet Cafe Fraktion. Im Hinterhof wird per Satellit das Internet nach Leh gezaubert, ich schecke meine Emails, es sind einige.
Der Sommer sei sehr „untypisch“ sagen die Locals – denn es ist Winter im Sommer. Ohne lange Wollunterhose würde ich hier glatt erfrieren. Das Gras will nicht recht wachsen, alte Frauen schneiden „Dinner“ für ihre Kühe schon aus den Pappeln. Überall Frauen, die pflanzen und Männer die Häuser bauen. Die Sonne weckt nachmittags endlich das Grün und die Menschen.




Bekanntschaften aller Art

Shruti, die Inderin aus Kanada; Andre der Portugiese aus Amsterdam; Sebastian der Argentinier aus Mallorca - wir alle sitzen zusammen. Kameramann Andre, Shruti vom kanadischen Zoll, Sebastian der Fotograf. Lange Nächte in Leh sind definitiv unterhaltsam. Dann ziehen alle weiter und der Mikrokosmos löst sich wieder auf. Ich ziehe weiter mit Sonam, auf der Suche nach „Himank Camps“, den spärlichen Unterkünften der Himalaya Roadworker. Sonam ist Tibeter, sein „personal driver“ auch - wir vereinbaren Preise und Service. Soviel Weitsicht und Organisation geht natürlich schief in Indien. Sonam scheint aus einem adligen, tibetischen Kampha Haushalt zu stammen und seine direkten Vorfahren haben noch mit Pferden Feinde totgetreten. Da das heutzutage nicht mehr geht, leide ich unter seiner schlechten Laune und seinen Aggressionen, gut bezahlte Aggressionen mit einer guten Prise „Attitude“. Dennoch: ich habe gestresste 15 Minuten „Straßenarbeiterleben“ auf dem Dach der Welt, auf Video. Uff.


Die blauen Augen Indiens

Erst nach stundenlanger Fahrt – und einem unfreiwilligen Campingaufenthalt im Vorgarten einer buddhistischen Familie, wegen „Roadblock“ – lande ich im Dorf Dha. Von der Straße aus, ist dieses Naturparadies nicht einsichtig. Sie leben in Steinhäuser, nicht wie sonst in Ladakh, in weiß getünchten Lehmziegelhütten, mit Holztüren. Dha, eines der wenigen indo-arischen Dörfer in Ladakh, liegt eignetlich 8 Stunden Fahrzeit von Leh entfernt. Die Brokpas/Dras/Darden - und wie auch immer man sie nennt, sind ein altes, rares Volk, vom Aussterben bedroht, abhängig vom Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte, die in gesamt Indien sehr beliebt sind. Sie beherrschen traditionell den Anbau von Aprikosen, Äpfeln, Walnüssen, Mulberrys und Gemüse in höchster Höhe. Auf terrassenförmig angelegten Feldern hocken Frauen mit bunten, blumengeschmückten Kopfschmuck, behangen mit ihrem ganzen Besitz, in Form von Korallen und Türkisen in den Feldern. Alles ist Handarbeit, man kennt jede Kartoffel persönlich und lässt sich das Fotografieren gerne bezahlen. Sie sind hellhäutig, manche haben sogar rote oder blonde Haare und blaue Augen – eine irre Mischung. Ich starre diese Menschen an und sie mich. Aus Trotz fotografiere ich die besonders Blonden und Blauäugigen nicht. Eine Ziege wird Rappzapp von Hand geschoren, mit der Schere, ganz brav liegt sie zwischen den Beinen des Schäfers. Die Ziegen liefern die wertvolle Pashminawolle zum Verkauf und für die Rückenumhänge der Dra Frauen. Weicher Fluff für eines der am schwersten zu bewirtschaftenden Gebiete der Welt.
Das Vieh schläft unten im „Haus“, der Mensch darüber, gewärmt vom lieben Vieh. Die Tiere sind neugierig und extrem zutraulich, man wohnt ja schließlich zusammen. Ein Dzo – eine berggängige Mischung aus Yak und Kuh - ist der Star unter den Haustieren. Ich höre nur das Grunzen aus den tiefsten Tiefen einer Dzo Kehle, sehe dann eine neugierige Schnauze über das prähistorische Holzgatter luken. Kontaktaufnahme mit einer blitzblanken Schnauze. Die Indo Arier haben viele Namen in der westlichen Welt. Alle sind Buddhisten, obwohl die pakistanischen Nachbarn Interesse daran haben, sie zu Muslimen zu konvertieren. Viele schamanistische Zeichen sind an den Häusern zu sehen, die wehren den Einfluss des moslemischen Distrikts Kargils bisher erfolgreich ab. Sie leben an der Grenze zu Pakistan. Auf der Hauptstrasse schlängeln sich die indischen Truppentransporte. Im Nichts lebt auch das indische Militär. Die Straßen sind alle katastrophal schlecht. 20 Kilometer sind eine echte Distanz. Mein Bauch und meine Arme schmerzen, sitzen ist anstrengend bei diesen Straßen. Mir wird sogar vorne im Jeep schlecht.


Ein kleines Tal mit dem Fluss Kanji

Weiter geht es nach Mulbekh, die letzte Bastion der Buddhisten bevor alles nach Westen hin muslimisch wird. Das Tälchen ist grün, in aller Ruhe fließt der türkisfarbene Fluss Kanji durch das Tal. Die Menschen sind hellhäutig, die Frauen stolz und wunderschön - auch mit ihren Kopftüchern. Die Männer gerader, größer und schlanker als die Ladakhi Bauern. Das sieht hier schon aus wie Pakistan. Militärkontrollen überall, Polizeischeckposten wollen meinen Pass sehen. Eigentlich geht mir das alles zu schnell, wir fahren zu schnell durch das Paradies. Ein Paradies mit Hauptstraße. Die bunten indischen Trucks kämpfen sich überall durch, das sind die eigentlichen Panzer Indiens. Übermüdete Fahrer am Steuer, ein Leben ohne Komfort. Ohne die Trucker gäbe es keine Pizza in Leh. Alles muss in diese Region transportiert werden: von Mehl bis Diesel.
Dann Mulbekh mit seinen Staubstürmen. Starker Chai, indisches Dal und Gemüse auf Blechplatten am Straßenrand. Nach 2 Tagen Keksdiät mit Tütensuppe schmeckt alles gut. Dann Variationen von Drecklöchern als Auswahl für meine Übernachtung – ich wähle das Zelt. 4 Grad ist es nachts, ich campe an einem Nebenarm des Indus, unterhalb des Klosters. Das Wasser plätschert und ich liege wie ein Rollmops im Zelt. Es ist arschkalt. Morgens: Sonne und Wärme und ein nasser Schlafsack und die wunderschöne Chamba Statue Buddhas. Riesiggroß in den Fels gemeißelt, im 7 Jahrhundert, als Kaschmir noch buddhistisch war. Perfekt erhalten schaut der Buddha der Zukunft auf Mulbekh und auf mich. Bienen surren rum, Mönche zeigen stolz ihre Gebetsräume – und dann geht’s weiter in der indischen Mahindra Rüttelbox.



Lamayuru schmückt sich

Jeeps und Busse stehen Schlange. Alte, traditionell gekleidete Ladakhis, mit dauerkreisenden Handgebetsmühlen überall: in Lamayuru ist Fest angesagt!
Alle 2 Jahre steppt hier alles was Beine hat. Das einzigartige, wertvolle, heilige, gebäudegrosse Thanka ist ausgerollt. Das Kloster speist alle Menschen, es ist ein gigantischer Auflauf von Gläubigen in mitten einer bizarren, unbewohnbar scheinenden Steinwüste, umgeben von 5000 Meter hohen schneebedeckten Bergen. Meine Kamera ist hungrig und schlingt die undefinierbar alten Gesichter in sich rein. Ein Fest für die Augen und die Seele.
Immer im Uhrzeigersinn, ich umkreise die Chörten, die alten ranzigen Gebetsmühlen des Klosters und bete, wie der Rest der Mönche, für den Weltfrieden. Denn dieses Fest am Ende der Welt, ist der Welt gewidmet. Das kleine Kloster, weit weg von Allem - schert sich um die Welt und um die Menschheit. Am Ende des Tages wird das riesen Thanka eingerollt, die kräftigsten Männer des Dorfes rollen das heilige Bild freischwebend auf, während die kräftigsten Mönche es sanft vom Dach des Klosters herablassen. Ein Akt, welcher mit großem Staunen und lautem Mantra Gemurmel begleitet wird. Ich bin unsichtbar, ich knie vor den andächtigen Menschen im Dreck und fotografiere die weggetretenen Gesichter der Gläubigen. Dann ist das Riesenthanka, immerhin 20 Meter hoch, eingerollt und wird von allen gleichzeitig zurück in den Lakhang getragen, den Gebetsraum vom Lamayuru. Die 15 Meter lange Rolle schiebt sich durch die Masse der Gläubigen. Alle wollen das Thanka wenigstens einmal berühren, am liebsten mit der Stirn oder der eigenen Gebetsmühle, das ist wie eine Weihe. Dann liegt die heilige Bilderrolle sicher und von Musik begleitet auf der Ablage und wird erst wieder in zwei Jahren rausgeholt. Viele der Alten haben sie vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben gesehen, und sie sind dankbar.
Kleiner Abstecher durch das Dorf Lamayuru, vorbei an uralten Maniwällen auf der Suche nach dem Löwentempel mit den tanzenden Skeletten. Von unten kann man sehen wie das Kloster in den Berg reingebaut wurde. Alte Holzkonstruktionen stützen die schweren Stupas und die Rundgänge mit Chörten und Gebetsmühlen. Kleinere Bauten im Fels sind die Mönchsstuben, sie leben auf morsch aussehenden Holzplanken. Esel und Kühe leben in engen Verschlägen und haben noch nie eine Weide gesehen, sie leben mit den Menschen am Hang. Die Tiere sind alle erstaunlich zutraulich und zahm. Die Hunde bellen sich nachts heiser und blöd und liegen tagsüber lethargisch im Staub.
Die Lamayuru Mönche proben den Maskentanz Mittags, im knallen Sonnenlicht mit voller Montur. Die Kindermönche hängen rum und schauen dem Treiben zu, spielen und sind einfach nur Kinder in roten Kutten. Die Touristen trudeln ein, das „Moonland Guesthouse“ ist randvoll mit Franzosen und anderem fremdländischen Volk mit dicken Socken und roten Nasen. Hauptgesprächsthema ist Trekking, wer hat wie viele Kilometer und Höhenmeter hinter sich, „Nahtodeserfahrungen“ erhöhen den Wert des Erlebnisses.



Kein Hahn kräht

Am frühen Morgen ist das Licht wie eine 25 Watt Birne. Die Berge sind rötlich, der Himmel blauer als Blau und die Trommeln und Zimbeln der Lamayuru Mönche sind zu hören. Der Maskentanz beginnt mit langsamen Bewegungen und chaotischer Musik, die meine westlichen Ohren strapaziert. Keinen Plan, was da vor meinen Augen stattfindet, Gut gegen Böse, große Maske gegen Kleine, Blau gegen Grün? Es ist dennoch beeindruckend, denn die Locals murmeln Mantras und drehen ihre Gebetsmühlen immerzu, andächtig schauen sie zu. Ein paar „Geister“ gehen rum und versuchen den Zuschauern einen weissen Katta Schal umzulegen, wenn sie es schaffen, kostet das 10 Rupien und man wird wieder befreit. Die kleinen Mönche schauen dem Tanz gebannt zu, manche sind nicht älter als 5 Jahre und sind sichtlich beeindruckt von den „bösen Geistern“ auf zwei Beinen. Die Masken sind mit Totenköpfen geschmückt und sehen zornig aus.
Um Punkt 13.00 holen die Kochmönche die Töpfe raus und verteilen großzügig gelben Pampf an die hungrigen Kindermönche – die Alten müssen warten. Das Fest zieht sich über 3 Tage, ich bleibe bis zur Mittagszeit und verschwinde mit tauben Ohren.



Durch die Mondlandschaft nach Alchi

Die gesamte Alchi Tempelanlage ist zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt worden, denn hier lohnt es sich Einmaliges zu erhalten. Hier, behauptet man, sind die wertvollsten buddhistischen Kunstschätze des gesamten West Himalajas zu finden. Zwischen den Bäumen sind die Gebäude angeordnet, unscheinbar von außen – aber von Innen eine echte Pracht: Statuen, Buddhas und Wandmalereien vom Feinsten. Im ersten Jahrtausend entstanden, steht das hier alles immer noch und wird von einer Handvoll Mönchen bewacht. Gläubige werfen sich auf den Boden und die Atmosphäre ist definitiv speziell.
Alchi macht Spass, auch wenn es ist inzwischen eine Art Disneyland geworden ist. Das gesamte Areal ist eingezäunt, der Indus fließt lautstark im Tal und die Fotoapparate knattern wie befreit. Auf dem Weg zur Tempelanlage reihen sich Verkaufsstände und dicke Inder schieben sich interessiert daran vorbei.
Der Gründer des Klosters kam damals mit einem Wanderstock, den hat er genau hier in die Erde gerammt und die Geschichte will, das er so entschieden hat, hier ein Kloster entstehen zu lassen. Aus seinem Stock ging ein einzigartiger Baum hervor, ein riesen schattenspendendes Gewächs, welches natürlich heilig ist. Diesen Baum gibt es nur hier, den „Wanderstockbaum“…



Zivilisation

Dann wieder Leh, diesmal etwas wärmer als vorher, obwohl die Schneegipfel noch alle da sind. Einkaufen, Leute treffen und auf der Sonnenterrasse abhängen - nach dem heißen duschen. Luxus pur! Shoppen auf dem Main Market, ein Haufen Gebetsfahnen, eine Teekanne die handgezimmert wurde und ansonsten Dinge bestaunen, die es bei uns nicht gibt: perfekte Lebendmausefallen für Buddhisten, Kupferkochgeschirr, zornige Mitnahmemasken und nicht biologisch abbaubare Adidas Anzüge nebeneinander. Mönche strolchen rum, manche wollen ein Eis kaufen, trauen sich aber nicht und betteln stattdessen brav weiter. Daneben ein Wunderheiler mit einem Haufen stinkendem Zeugs und einer Horde Männer um sich rum, Ladakhi Frauen in Tracht und elend gelangweilte Polizisten und Touristen machen das City Flair Lehs vollkommen. Manch ein Aprikosenhändler ist inzwischen eingeschlafen und die Mittagshitze haut zum Schluss auch mich um. Kaum vorstellbar, dass mir hier mal die Luft ausging, es sind doch nur 3600 Meter Höhe, das wird jetzt zum „Kurort“ mit dem meisten Sauerstoff.



Chinesisches Changtang auf indischer Seite

Die Changthang Province ist das Reich der Nomaden, es ist ein Teil „Westtibets“ und hinter dem Sperrgebiet, und hinter der von den Chinesen aufgedrängten Grenze, geht Changthang weiter. Hier leben die Nomaden, die Changpo und ihre Pashmina Ziegen. Yak, Schaf und Pferdeherden mümmeln am kargen Gras. Das ist eine Hochwüste mit diversen stahlblauen Seen und einer Durchschnittshöhe von 4500 Metern. Die Luft ist dünn, der Wind pfeift nicht, sondern bläst - und der Himmel drückt gewaltig. 8 Stunden im Mahindra Rütteljeep die Berge rauf und runter, dann endlich der Tsomoriri See in voller Pracht. Ein Bergsee in knatschblau, passend zum Himmel und läge er tiefer, wäre es ein Paradies für alle Lebewesen. So aber bleibt der Spaß ein paar Menschlein vorbehalten, ein paar Brahmini Enten, den Möwen und den knallharten Nomaden und ihren anspruchslosen Viechern – und den unerschrockenen Touristen. Hier knallt der Wind ordentlich über die schneebedeckten Gipfel und sobald die Sonne hinter die Berge fällt, wird es knackig kalt. Temperaturen von unter Null, im Juni. Ich schlafe im Zelt, nein nicht auf dem Boden, sondern auf alten Militärklappbetten mit Spanplattenfederung. Abends geht eine halbe Stunde für den perfekten „Nestbau“ drauf: erst mal heißes Wasser in die Alutrinkflasche abfüllen, die vorhandenen feuchten Decken als Unterbau benutzen, Trinkflasche in den Daunenschlafsack plumpsen lassen, ausziehen und sofort alles an Merinounterwäsche anziehen was man besitzt- inklusive Mütze und Schal, dann ab ins Bett. Mein Thermostat zeigte 1 Grad, sternenklar mit Milchstraße und dauerkläffenden Hunden und einem kross gefrorenen Boden. Es ist warm im Bett und die Sonne kommt um 6 Uhr über den Berg und der Kältespuk ist vorbei. Die Augen bekommen nicht genug vom Blau des Himmels und des Sees und der unendlichen Weite des Nichts: menschenfreie Welt. Bis auf Tierspuren, die gibt es allerdings überall, die Viecher haben die Sache unter Kontrolle, der Mensch würde ohne sie verhungern. Die kleinsten Ziegen flitzen mit Turboantrieb die Berge rauf und runter, lange weiche Haare wie ein Teppich - und flinke Beine. Die riesigen tibetischen Mastiffs sehen mit ihrem Winterfell aus wie Löwen. Fette schöne Yaks mümmeln in Herden selbst das Dünengras, was ich noch nicht einmal anfassen kann, ohne mich zu schneiden oder zu stechen. Die Yaks und Pferde sind geschmückt mit roten Troddeln, die Pferde tragen Glöckchen, die Murmeltiere interessiert das alles nicht. Die sind neugierig und kommen aus ihren Löchern, die kleinen Hamster ebenfalls. Und mitten in der Idylle das Dorf Karzok, ein ehemaliges Nomadennest, welches sich zur Touristenmetropole und zum Militär Stützpunkt gemausert hat. Es gibt ein paar einfach Restaurants und diverse „Deluxe Zeltcamps“ für uns Ausländer. Aber nur von Juni bis September – dann fällt hier die „weiße“ Tür zu. Die Pässe schließen und die Natur und die Nomaden mit ihren Tieren kämpfen um ein Jahr weiteres Überleben im Nichts und von Nichts.
Der See ist extrem klar und extrem kalt und er liegt als Frischwasser See in einer nicht fruchtbaren Höhe. Maniwälle und Chörten sind überall, viele schamanistische Zeichen und Wünsche sammeln sich hier. Menschen haben die Namen ihrer Liebsten mit großen Quarz Steinen auf die Felsen gelegt, haben Ovos gebaut und hoffen, dass die Götter hier näher an der Erde sind. Die Stille in den Bergen drückt gegen die Ohren und geht in den Kopf und brummt im Bauch. So viel „Nichts“ ist laut und ungewohnt und eine unglaubliche Wohltat. Der Wind kommt und geht. Hier schaut man der Erosion live zu. Die Stimme versackt im Nichts und ich sehe das Ende des Sees. Eine blaue Lache feinsten Wassers auf 4600 Metern Höhe.



Himalaya Salz

Auf dem Rückweg nach Leh geht’s an diversen weiteren Seen vorbei, eine unwirkliche Landschaft mit weiß verkrusteten Boden und einem ganz nahen Himmel. Darunter die Nomadenzelte, entweder modern aus weißem Segeltuch oder die alte Webwollvariante aus Yakhaar, in braun. Die Nomaden vertreiben sich die Zeit sinnvoll mit dem spinnen von Wolle, im Gehen werden nebenbei lange warme Fäden gesponnen. Geld ist hier nichts wert, Läden gibt es keine.
Die Herden sind fett und alles was wiederkäut ist mit Nahrungsaufnahme beschäftigt. Die Pferde sind kugelig rund und übermütig. Der Salzsee schimmert giftig Türkis, hier wurde bis vor kurzem noch Salz abgebaut, jetzt nicht mehr. Die modernen „Salzkarawanen“ verbrennen jetzt Diesel und fahren 100km/h auf einer neuen Teerstraße.
„Naturschutzgebiet“ heißt das jetzt, mit Hunden und Nomaden und Touristen. Mitten in dieser Kulisse: wilde Esel, die ungelenk laufen und prima für die Kamera posieren. Dann geht es den Berg hoch, auf den Taglang La Pass und auf 5200 Meter Höhe. Das ist der „zweithöchste“ befahrbare Pass der Welt, aber es interessiert hier niemanden wirklich – das hier ist keine Touristenhochburg. Hier fahren fast nur Trucker drüber und die haben keine Zeit für Tee.


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Kommentare

  • mamaildi

    Mit spitzer Feder geschrieben - aber sachlich, informativ und so spannend und amüsant, dass es mir nicht schwerfiel, den langen Bericht ohne Pause bis unten zu lesen!

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Ladakh -- Himalaya "Ski & Rodel gut" 4.67 3

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