ASHGABAT: CÄSARENWAHN IN DER WÜSTE

Reisebericht

ASHGABAT: CÄSARENWAHN IN DER WÜSTE

Seite 1 von 6

16.Sept. 2009, 22 Uhr 30

"Rückenlehnen und Tische bitte senkrecht stellen!" ertönt es auch auf Englisch aus dem Bordlautsprecher. Nur 30 Minuten sind vergangen, nachdem die Boeing in Mary, im Osten Turkmenistans, abgehoben hatte. Offensichtlich befinden wir uns schon im Landeanflug. Ich habe einen Fensterplatz und mein Blick geht nach links vorne in die dunkle Nacht hinaus. In der Tiefe tauchen ein paar Lichter auf. Dann mehr und mehr. Noch mehr. Die Lichter wachsen zusammen zu einem hellen Riesenteppich. Einige hellerleuchtete Straßenzüge zeichnen sich ab. Einzelne hohe, schneeweiße Gebäude nehmen Konturen an. Es besteht kein Zweifel mehr: Das da unten ist eine große Stadt! Das muss Ashgabat sein! Ashgabat, von dem ich - ich muss es bekennen - vor meiner Reise noch nie etwas gehört hatte. Ashgabat, die Hauptstadt Turkmenistans, gelegen in der Wüste Karakum, nahe der Grenze zum Iran. Ich bin des Nachts in Dubai gelandet, in Abu Dhabi - doch wie verblassen im wahrsten Sinn des Wortes dagegen diese Städte gegenüber dem, was sich da unten gerade vor meinen Augen auftut!



Eine dreiviertel Stunde später sitze ich mit meiner 5-köpfigen Gruppe und unserem turkmenischen Reiseleiter Alexander, einem ehemaligen Deutschlehrer, im Kleinbus, der uns ins Hotel bringen soll. Nun ja, auch vom Flughafen Dubai führt eine taghelle Lichtschneise mehr als 30 Kilometer mitten durch die Wüste in die Stadt. Doch unsere Augen werden größer und größer. " Das gibt es doch gar nicht!" entfährt es dem einen, "Das darf doch nicht wahr sein!" dem anderen. Wir fahren über vierspurige, fast autolose Magistralen an schneeweißen Hochhäusern vorbei, 12 bis 15 Stockwerke hoch, von unten bis oben durch versteckte Lichtquellen geschickt illuminiert.



die schneeweiße Stadt



Dann unvermittelt eine gewaltige Brunnen- und Fontänenanlage, überragt von mächtigen Standbildern;



Licht und Wasser



Ein pyramidenartiges Gebilde, dessen Farbe von der einen in die andere übergleitet.



Restaurantturm



Unabhängigkeitsdenkmal bei Nacht

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Alexander kommt mit seinen Zuordnungen kaum mit: "Links Wohnhäuser, rechts das Puppenmuseum, vorne in Fahrtrichtung der Neutralitätsturm. Gleich kommt das Handelszentrum," So geht es weiter, wir können seine Angaben gar nicht so schnell "verdauen", unsere Augen wandern ungläubig von einem Objekt zum nächsten. Wo sind wir nur "gelandet"? Ist das hier das turkmenische Las Vegas?



Wohntürme bei Nacht



Hotellobby

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Endlich hält der Bus vor einem - natürlich weißen! - Gebäude: unser Hotel. Wir sind am Ziel! An der Rezeption in der großzügigen Lounge Zimmervergabe. Wo ist der Lift? Fehlanzeige! Also geht's notgedrungen mit dem Koffer in der Hand über einen etwas abgewetzten Teppich eine so manchem Schloss gut zu Gesicht stehende Treppenflucht hinauf. Das Zimmer ist leicht muffig. Das Bettzeug aus Synthetik. Der Klodeckel hat einen langen Riss und lässt sich nicht hochstellen, einige Kacheln sind beschädigt, andere schlecht verputzt. Ich werde aus meinem Traum herausgerissen. Gerade noch hatte ich mich wie in Tausendundeiner Nacht gefühlt. Jetzt hat mich die Wirklichkeit wieder. Sollte in dieser Stadt alles nur Fassade sein? Außen hui und innen pfui?






Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • RdF54

    Hallo Hartmut,
    was eine Reise in eine surreale Stadt - von Dir gut beschrieben und erzählt! Deine tollen Fotos geben Deine Eindrücke wieder.
    Nach dem Lesen bin auch ich gefangen zwischen Kopfschütteln - Verwunderung - großen Augen und viele Fragen ....
    Gut gemacht!

    LG Robert

  • traveltime

    Ich habe wieder etwas dazu gelehrnt, von einem Gebiet was nicht so oft besucht wird.
    Danke!
    LG Rolf

  • trollbaby

    Hallo Hartmut!
    Jetzt hätte ich fast Deinen Bericht übersehen! Warst anscheinend doch schneller mit dem Schreiben, als ich gedacht habe. :-)
    Ich bin noch immer sprachlos ob dieser ganzen Prachtbauten! Und doch wirkt alles so steril und - ja - mir gehen die Menschen ab. Das Ganze erscheint mir wie eine Kulisse, wo die Einheimischen nichts zu suchen haben. Dennoch fasziniert mich diese Stadt und ich hoffe, dass ich auch einmal die Gelegenheit habe, dorthin zu reisen. Dank Deines informativen Berichtes und Deiner tollen Fotos kann ich mir schon ein sehr gutes Bild von Ashgabat machen. Hoffentlich berichtest Du auch noch von anderen Stationen Deiner Reise!
    LG Susi

  • Blula

    Hallo Hartmut !
    Ich muss gestehen, dass ich von der Stadt Ashgabat zuvor noch nie was gehört habe, dabei kenne ich mich geografisch auf dieser Welt einigermaßen gut aus. Du hast da einen ganz starken Reisebericht geschrieben, der mir nun diese Stadt, diesen Gegend der Welt näher gebracht hat. Und die starken Fotos dazu ... Sehr gut. VIELEN DANK !
    LG Ursula

  • freyabe


    Hallo Hartmut,
    Toller Bericht. Das erinnert doch sehr an den Personenkult um Stalin, den ich noch ganz wage mitgekriegt hab, aber dass es das heute noch gibt ist unglaublich. Mich würde auch interessieren, was Du auf dieser Reise in den "Wilden Osten" sonst noch so erlebt hast. Diese -....stan-Länder der ehemaligen UdSSR interessieren mich.
    Und nun möchte ich noch den Trick wissen mit dem Fotografierverbot?????? Wenn Du ihn verrätst hab ich auch einen Tipp.
    LG Friederike

  • tumtrah

    Liebe Kommentatorinnen, liebe Kommentatoren,
    herzlichen Dank für Eure wohlmeinenden Worte! Euer Interesse an weiteren Informationen über dieses abseits der üblichen Touristenwege gelegene Land will ich demnächst gerne etwas zu befriedigen helfen. Was ich in Ashgabat erlebte, musste ich mir erst einmal von der Seele schreiben. Was noch kommt, wird nicht mehr so spektakulär ausfallen. Dennoch...
    LG Hartmut

  • Tucanos

    Hallo Hartmut,
    ein wunderbarer Artikel, der genau das ausdrückt, was wir bei unserem Besuch in Ashgabat auch empfunden haben. Finde ich gut, das Du kein Blatt vor den Mund genommen hast. Hab ich auch nicht. Wenn Du Lust hast, ließ es jetzt nach , der Bericht ist von der Reise komplett eingestellt. Und Glückwunsch zu den sehr schönen Bildern aus dieser merkwürdigen Stadt.

    Gruß Tucanos

  • nach oben nach oben scrollen
  • Zinni

    Ein toller Bericht über ein mir ganz unbekanntes Land!

  • moho

    Las Vegas 2 oder menschenleere Märchenwelt ?...!
    kopfschütteln, stirnrunzelnd und trotzdem fasziniert mich dein lehrreicher Bericht!!
    Danke dir fürs mitnehmen.
    und eigentlich gehört ein großer Dank Alexander dem Mutigen.
    LG Moni

  • BluGiallo

    Es hat mich geschäftlich nach Ashgabat verschlagen und ich sitze hie ratlos im Luxushotel und staune über die unglaubliche Stadt. Deshalb ein bisschen gesurft. Beruhigend zu lesen, dass es auch andere ratlos gemacht hat. Prachtbauten. Boulevards, Parks und Gärten und kilometerlang beleuchtete Springbrunnen. Aber kein Mensch zu sehen. Könnte auch in einer anderen Galaxis sein. Das ganze Gefunkel steht in der Gegend rum und glitzert sinnlos vor sich hin. Irgendwo müssen die Menschen hier doch LEBEN??

  • tumtrah

    Hallo BluGiallo,
    dies ist ein Kommentar der ungewöhnlichen Art und über den ich mich ganz besonders freue. Eine Bestätigung des Geschriebenen durch einen Augenzeugen, der direkt vor Ort ist! Ich möchte mich für diese Aufmerksamkeit - da hat sich jemand in der Community angemeldet, nur um einen Kommentar schreiben zu können! - ganz herzlich bedanken.

  • Freundinsuche

    Hallo alle Schreiber,
    mein Problem ist schon etwas älter: ich war 1977 (!) im Rahmen einer Mittelasienreise in Ashgabat (damals Aschchabad),Unsere Reisegruppe wurde in die Universität geführt, wo wir tolle Begegnungen mit Studenten hatten, die im Rahmen einer Lehrerausbildung auch die deutsche Sprache lernen mußten, dadurch war eine perfekte Kommunikation möglich. Mit einer Studentin "Nabad Babanjasowa" war ich noch lange über Briefwechsel verbunden, bis die sowjetische Administration das unter bunden hat! Nabad ist jetzt etwa 55 Jahre und bestimmt verheiratet,hat also einen anderen Namen.Trotzdem versuche ich über verschiedene Wege wieder einen Kontakt herzustellen,etwas utopisch,aber wer weiß. Kann jemand helfen? Würde mich sehr freuen. Herzlichen Dank im Voraus

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. ASHGABAT: CÄSARENWAHN IN DER WÜSTE 4.71 21

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps