Von Panne zu Panne durchs peruanische Hochland

Reisebericht

Von Panne zu Panne durchs peruanische Hochland

Reisebericht: Von Panne zu Panne durchs peruanische Hochland

1981 unternahmen mein (Jetzt)-Ehemann und ich unsere erste Fernreise. Damit es recht abenteuerlich werde, sollte es nach Peru gehen.

Flieger defekt

Gebucht waren zwei Plätze auf der Maschine der Avianca. Beim Einchecken am Flughafen in Frankfurt erfuhren wir als erstes, dass die Maschine einen Defekt habe und wir 10 Stunden später mit der Viasa abfliegen sollten. Kulanterweise bekamen wir einen Gutschein für das Flughafenrestaurant - Reiserecht steckte damals noch in den Kinderschuhen – und wir trollten uns. Unser Flieger landete dann zwischen in Bogota, dort durften alle aussteigen, denn Priorität hatte eine Schüleraustauschgruppe nach Caracas. Die Restplätze wurden nach dem Windhundprinzip, der schnellste gewinnt, vergeben. Zum Glück waren wir und unser Gepäck dabei. Nach großem Bahnhof in Caracas mit Kapelle und knapp 24 Stunden Gesamtflugzeit landeten wir doch noch in Lima.



Ohnmächtig in der Eisenbahn

Der „South America on a shoestring“ – heute Lonely Planet – verriet uns ein brauchbares Hotel und wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof, um die Fahrkarte für den Zug nach Huancayo zu erstehen. Ja, der fuhr damals noch und ohne Akklimatisation von 0 auf 4800m. Ich wurde ich kurz vor dem Pass ohnmächtig. Zum Glück ging ein „Mann im weißen Kittel“ durch den Zug und jeder dem die Luft ausgegangen war, bekam ein wenig Sauerstoff aus der Gasflasche. Ergebnis der Fahrt: Soroche (=Höhenkrankheit) in Reinstform.



Gepäck in Gefahr

Auf der Suche nach dem empfohlenen Hotel bekleckerte ein Einheimischer heimlich einen unserer Rucksäcke mit gelbem Schaum und erbot sich dann beim Reinigen helfen. Zum Glück hatten wir von diesem gängigen Trick gelesen, sich des Reisegepäcks der Traveler zu bemächtigen. So blieb unser Gepäck bei uns.



Krampf im Hintern

Linienbus in den peruanischen Anden

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Die Busfahrt vom Andenstädtchen Ayacucho nach Cuzco sollte laut Reiseführer 20 Stunden dauern, doch wir hatten den altersschwachen Kühler des öffentlichen Busses nicht einkalkuliert. Denn dieser leckte und musste deshalb an jeder Wasserstelle mittels einer Colaflasche aufgefüllt werden. Schließlich dauerte die Fahrt geschlagene 36 Stunden. Mein Mitfahrer, eingezwängt zwischen 5 Mitreisende auf der überfüllten Rückbank, klagte über Krämpfe im Hintern.,



Hut gemopst

In Cuzco waren neben Besichtigungen Einkäufe angesagt, denn wir wollten ja den Inkatrail machen – ging damals noch ohne Permit – Also auf zum Markt. Wir feilschten um Nudeln, Erbsenpürree und Thunfischdosen. Laut Reiseführen die ultimative Trekkingverpflegung und vor allem typisch einheimisch. An einem der Stände konnte sich ein kleines Mädchen bald nicht mehr halten vor Lachen und später wurde mir auch klar warum, mein Schlapphut – damals der letzte Schrei – wurde mir in diesem Moment aus der Hosentasche gefingert und bekam Beine.



Fototasche aufgeschlitzt

Jahrelang hatte ich auch noch Spaß an meiner ledernen Fototasche. Beschützt durch meinen Ellbogen überstand meine Kamera die Reise, aber einen langen Schlitz mit der Rasierklinge konnte der Arm nicht verhindern. Zum Glück gab es damals noch Schuhmacher mit großen Ledernähmaschinen und so kam meine Fototasche zu einer aparten Zickzack-Verzierung.



Griff in die Latzhose

Doch das konnte uns alles nicht aufhalten, den Weg nach Macchu Picchu anzutreten. Bis zum bekannten Kilometer 40 wollten wir mit der Eisenbahn fahren und standen am frühen Morgen auf dem Bahnsteig, die Platzkarte in der Hand. Der Zug fuhr ein, die Platzkarte wurde in der Brusttasche der Latzhose – der damaligen Standardkleidung der Traveller – verstaut. Wir stiegen ein und plötzlich fand sich mein Begleiter von einer Gruppe Einheimischer umringt, die ihn auf spanisch zutexteten.. Nachdem die Jungs und Mädels wieder ausgestiegen und der Zug angefahren war wussten wir, warum: Sie hatten in die Brusttasche der Latzhose gegriffen, Fahrkarte und Kleingeldbeutel rausgeangelt und sich dann schnellstens verdünnisiert. Zum Glück waren Pass, Flugticket und die große Reisekasse am Körper und mussten nicht betrauert werden, es konnte also weitergehen!!



Nasse Daunen

Rucksack mit Beinen

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Beim Einstieg in den Inkatrail hielt der Touristenzug an und entließ uns und unser Gepäck ins Freie. Ihr könnt Euch ja vorstellen: 1,68 mit 1,00 m Rucksack auf dem Buckel. Schließlich mussten neben Klamotten für 4 Wochen noch Schlafsack – unten im Tragegestell - und Isomatte - oben drauf mit Gurten festgeschnallt- mit. Auf dem Kopf statt Schlapphut, der war ja geklaut worden, ein Handtuch. Denn eine gestrickte Wollmütze mit Ohrenwärmern sollte es nicht sein und die heute weltweit verbreitete Baseballkappe war 1981 noch nicht bis ins Hochland von Peru vorgedrungen. Für den ersten Abend hatten wir Thunfischdosen und Fladenbrot gekauft und selig schlummerten wir nach dem Aufstieg im einwandigen Minizelt ein. Gegen Morgen wunderte ich mich, dass es um mich herum leicht feucht wurde: in der Nacht hatte sich Tau aufs Zelt gelegt und immer, wenn man im Schlaf die Außenwand berührte, kam Wasser innen durch und irgendwann waren halt auch die Daunenschlafsäcke nass. Na,ja was nimmt man für ein Abenteuer nicht alles in Kauf.



Kochen unmöglich

Zeltplatz oberhalb von Macchu...

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Also erstmal Frühstück: auf den Campinggazkocher hatten wir wegen des Verbotes im Flugzeug verzichtet und freundliche Zeitgenossen rieten uns statt dessen zum Esbitkocher. Nur hatte keiner bedacht, was es heißt auf 4000m Höhe Wasser damit zum Kochen zu bringen: ein schlicht unmögliches Unterfangen. Das merkten wir spätestens beim Abendessen, als wir Nudeln kochen wollten. Aber wir waren ja jung… und irgendwie überstanden wir die drei Tage mit viel Quellwasser und wenig Essen. Nur am letzten Abend fiel es uns schwer, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wir campten direkt oberhalb Macchu Picchus, in Sichtweite anderer Trekker. Die hatten einen Campinggazkocher dabei und erzählten stolz, sie hätten zuhause für jeden Tag 4 x 5-Minuten Terrine eingeschweißt und das sei ja „sooo praktisch und schnell“. Am nächsten Morgen verschwanden wir als erstes in der Cafeteria der Ruinenstadt und machten uns zum Frühstück über halbe Hähnchen her.



Auf der Polizeiwache

Baden in Aguas Calientes

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Zur Belohnung quartierten wir uns nach ausführlicher Besichtigung der Ruinen in Aguas Calientes, direkt unterhalb der Ruinen vom Machu Picchu ein. Ein ausgiebiges Bad in den heißen Quellen tat unseren geschundenen Gliedern gut und gegen Abend promenierten wir frisch gewaschen auf dem Bahnsteig, der Hauptverkehrsstraße, auf und ab. Plötzlich sprach uns ein Polizist an und fragte, ob wir französisch könnten. Als wir dies bejahten, bat er uns auf die Wache und wir durften für ein armes Würstchen dolmetschen, das man - angeblich - Marihuana rauchend aufgegriffen habe und nun schon die zweite Nacht in der örtlichen Zelle verbrachte, einem offenen Anbau mit Sandsteinpritschen und Metallgittertür davor. Bei Minusgraden in der Nacht bestimmt kein Vergnügen. Immerhin kam ein Protokoll zustande und wir durften in unseren Schlafsack und am nächsten Morgen zurück nach Cuzco. Von dort wollten wir mit dem Nachtzug nach Puno.



Kampf ums Zugticket

Da die Tickets heiß umkämpft waren, standen wir ab zwei Uhr nachmittags fünf Stunden lang abwechselnd an der Fahrkartenausgabe an, um kurz vor Öffnung des Schalters festzustellen, dass wir von Platz 10 auf Platz 60 zurück gefallen waren. Die Einheimischen hatten professionelle „Platzhalter“ bezahlt, deren Auftraggeber nach und nach eintrudelten. Trotzdem ging der Verkauf zügig voran. Unsere Hoffnung auf Tickets wurde aber vollends erstickt, als kurz bevor wir an der Reihe waren, der Helfer des Verkäufers rief: „ya vienen las touristas“, jetzt kommen die Toursten, und die Klappe des Schalters lautstark nach unten ging.. Nun war gutes Ticket teuer, denn vor dem Bahnhof blühte der Schwarzmarkt. Dort ergatterten wir glücklicherweise gültige Fahrkarten und nach einer schlaflosen Nacht, alle hatten vor Langfingern gewarnt, die im Zug skrupellos zugriffen, erreichten wir Puno.



Wiedersehen ohne Gepäck

In Arequipa, trafen wir unseren Franzosen wieder. Das Konsulat hatte ihn freigehandelt. Auf dem Busbahnhof war er ob der durchwachten Nächte im Knast eingepennt und man hatte ihm sein ganzes Gepäck geklaut.


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Kommentare

  • RdF54

    Wer eine Reise tut, kann viel ....
    Auch das ist Reisen!
    Eindrucksvoll und trotdem locker beschrieben, was man gerne aus der Erinnerung streicht.
    Ihr habt wohl auf einer Reise all das Negative durchgemacht, was ich in 30 Jahren - Gott-sei-Dank - nicht erlebt habe!
    Im Nachhinein liest es sich sehr amüsant, aber ich kann mir gut vorstellen, das es wahrer Stress war ...

    LG Robert

  • liebilein

    Hallo Robert,
    damals war das für uns Abenteuer!! So war "fernreisen und uns hat es Spaß gemacht. Wäre doch langweilig gewesen, wenn alles geklappt hätte. Lebensbedrohlich war es nie. Und irgendwie muss es meinen Mann und mich zusammengeschweißt haben.

  • ToniE

    Ist auch was nicht schief gegangen?

    Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert. Entschuldige, dass es auf eure Kosten war. Erinnert hat mich das irgendwie an englischen Humor (a la Mr. Bean) oder Murphys Gesetz: was schief gehen kann, geht schief.

    Grüsse
    TONI

  • liebilein

    Hallo Toni,
    Du hast recht, auf dieser dieser Reise haben wir viel Lehrgeld bezahlt, aber wir sind heil nach Hause gekommen und haben die wichtigste Erkenntnis gewonnen: "Gute Vorbereitung ist die halbe Miete".
    Monika

  • xflow (RP)

    DAS kann ich mir vorstellen - das schweißt unglaublich zusammen :-) Ein sehr bildlicher Bericht, der in mir etliche Erinnerungen hochkommen läßt.

  • sayangku

    Auch ich finde Deinen Bericht sehr unterhaltsam. Auch wenn diese Ereignisse während so einer Reise anstrengend sind. Im Nachhinein macht so etwas auch eine Reise aus, an die man sich gerne zurück erinnern mag.
    Deine Schilderungen kommen mir sehr bekannt vor ;-)
    LG,
    Christoph

  • Aries

    Habe mich sehr amüsiert - tja, wenn alles gut geht, dann erinnert man sich längst nicht so intensiv ,als wenn Katastrophen den Weg säumen.
    Ich war auch in Cuzco/Machu Picchu etc., und komischerweise ist uns aber auch gar nichts abhanden gekommen! Ich kenne aber viele Erzählungen von Leuten, die praktisch täglich beklaut worden sind. Und einmal traf ich auf Schweizer, die ihren VW-Bus mit 12 Schlössern gesichert hatten - allerdings erst, als alle die guten Sachen schon weg waren...
    Den größten Mut habt ihr aber m.E. dadurch bewiesen, dass ihr AVIANCA gebucht hattet!
    Fröhliche Grüße sendet
    Hedi

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  • trollbaby

    Sehr amüsanter Bericht, aber ich kann mir vorstellen, dass Euch zu diesem Zeitpunkt nicht zum Lachen zumute war! Irgendwie auch bewundernswert, dass Euch das Reisen nach diesen Erlebnissen nicht vergangen ist! ;-)
    LG
    Susi

  • liebilein

    Hallo Susi,
    uns ist doch nichts Ernsthaftes passiert. Ein bißchen länger gebraucht und mehr durchgeschüttelt worden als geplant, Stolz gewesen, dass Pass und große Reisekasse nicht geklaut wurden, blauäugig vorbereitet und deshalb Kohldampf geschoben, mal ein Gefängnis von innen gesehen, in das wir sonst nie einen Fuß hätten setzen dürfen, einen Nachmittag verschenkt und neben vielen anderen eine wertvolle Erfahrung auf dem Bahnhof gemacht. Aber es galt wirklich: Wir waren jung, hatten kein Geld aber genügend Zeit, um uns treiben zu lassen. . Es war halt so, man konnte es nicht ändern und hat das Beste draus gemacht.
    Heute wünsche ich mir oft diesen lockeren Umgang mit den Umständen. Viel zu oft fürchten wir, etwas zu versäumen, optimieren und sammeln einen Höhepunkt nach dem anderen, möglichst viel in kürzester Zeit. Auf der Strecke bleiben die Beobachtungen am Rande, die oft nachhaltiger sind, als die Sehenswürdigkeit.

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