Mach's gut Michel

Reisebericht

Mach's gut Michel

Reisebericht: Mach's gut Michel

Hamburger Klinker-Utopien: Wie an der Wasserkante eine neue Stadt entsteht.

Elbstrand

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„Da gönnt der eine dem andern nich’ die Budder aufm Brood“, schimpft der alte Mann im blau-weiß gestreiften Fischerhemd. Am Ufer ziehen die Villen der Elbchaussee vorüber, vor seiner Nase kämpfen die Möwen um ein Brötchen − unbeeindruckt vom Donnern eines Airbus-Beluga, der im Dunst des frühen Morgens im Anflug auf das Finkenwerder Firmengelände ist. Anstatt das Möwen-typische Verhalten durch Futterverweigerung zu strafen, greift er unter den Fuhrmannskittel, um noch ein Brötchen hervorzuholen: „Scheißen sonst alles voll, die Biester.“, schimpft er und befördert das Backwerk backbord von der Fähre. In Oevelgönne, dem alten Fischerdorf, steigt der weißhaarige Alte aus, zieht im klischeebedienenden Nieselregen seine Kappe tief ins Gesicht und macht sich in Richtung der urigen Backsteinhäuschen von dannen. Die Stadt, „neee“, das sei nix mehr für ihn, hat er vorher noch gesagt, „zu viel los da“. „Los“ mit „ou“.



Die Fähre des Hamburger Verkehrsverbunds, die hier wie ein Bus auf der Elbe fährt, legt wieder ab. Die blau-roten Kräne des Containerhafens ziehen vorbei, die haushohe Schiffswand eines schwarzen Hanjin-Frachters aus Südkorea, das Glaskuppeldach des alten Fischmarkts, der barocke Turm des „Michel“ − das vielleicht bedeutendste Wahrzeichen der Hansestadt −, die schwimmenden Blohm & Voss-Decks, die St. Pauli-Landungsbrücken, die Bismarck-Statue am Eingang der legendären Reeperbahn.



Erleuchtung



Ahoi!

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Schließlich legt das Wassertaxi am Sandtorhöft an, dem Tor zum neuen Hamburg. Hafen City. Das neue Aushängeschild der maritimen Metropole. Nur wenige Hundert Meter entfernt, im Containerhafen, tobt die Globalisierung. Hier toben sich Architekten, Bauunternehmer und Investoren aus. Ein ganz neues Viertel, fast 160 Hektar groß, wird auf dem Hafen-Brachland gebaut, „brownfield development“ nennt sich die Aufwertung des Areals. „Wahnsinn“, nennt es der filmende Tourist neben mir. Schon jetzt, rund 15 Jahre vor der geplanten Fertigstellung, zieht die Hafen City täglich mehr Besucher an, als den Turm des Michel erklimmen.



Sie flanieren über die Baustelle, eine der größten Europas, und bestaunen die Utopie in Klinker, Glas und Stahl an der Wasserkante. Direkt am Anleger Sandtorhöft, an der Spitze einer lang gezogenen Landzunge, ragt die rote Fassade des historischen Kaispeichers A in die Höhe. Gestützt wird der entkernte Kubus von zig blauen Stahlträgern, getragen von 1611 im Elbschlick versenkten Betonpfählen. Noch diesen Winter soll dem alten Kakaospeicher eine gläserne Krone aufgesetzt werden, eine transparente Wellenlandschaft, 110 Meter hoch, nach den Entwürfen der Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron. Darunter werden zwei Konzertsäle gebaut. Rund 68Millionen Euro haben Hamburger Bürger bislang für das monumentale Bauwerk der Elbphilharmonie gespendet, bald schon soll das neue Wahrzeichen dem Opernhaus in Sydney die Show stehlen − mit Leichtigkeit.



Hafen City



Repräsentative Prachtbauten entstehen auch für viele Unternehmen. Unilever baut seine Zentrale, SAP, Kühne + Nagel und die chinesische Großreederei China Shipping sind bereits in ihre Domizile eingezogen. Am Sandtorpark auf dem Gelände der ehemaligen Kaffeelagerei lässt sich in der „International Coffee Plaza“ die Neumann Gruppe nieder und vom anderen Ende des Quartiers klingen die Schläge eines überdimensionierten Hammers, der die Stützpfähle für das neue Verlagsgebäude der Spiegel-Gruppe in den Schlamm rammt.
Kein Gebäude ist hier weit vom Wasser entfernt, die meisten liegen sogar direkt an der Elbe, an einem Hafenbecken oder am Fleet.



Alster



Hamburg ist maritim, der Wind weht immer vom Meer und lauscht man genau, ist sogar hier das ferne Moll der Nebelhörner zu vernehmen. Dennoch ist das Wasser ein Mitspieler, der sich nicht zum Verbündeten machen lässt. Die Hafen City, wo einst Viehweiden waren, dann Manufakturen, Speicher und Kontore standen, liegt außerhalb Hamburgs Hauptdeichlinie und somit mitten im Überflutungsbereich der Elbe. Heute sind es nur Schietwedder mit weichem Sprühregen und üblichem Tidenhub, doch eine Sturmflut wie die von 1962, bei der 315 Menschen ihr Leben verloren, droht jederzeit. Deshalb schützen hohe Mauern an den kilometerlangen Kaipromenaden die neue Stadt, die wie auf einer riesigen Warft auf bis zu acht Meter über Normalnull angehoben wurde − das ist moderne Rekultivierung an der Wasserkante. Nur so ist es möglich, das Wohnen in Hamburg nach 120 Jahren zurück an die Elbe zu bringen.



Auf'm Deich



Hafen City

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Die Lage zwischen der denkmalgeschützten Speicherstadt und dem Umschlagplatz der Globalisierung ist einmalig und konkurrenzfähig mit den Gründerzeitvillen entlang der Alster und ihren Armen oder den Herrenhäusern im toskanischen Treppenviertel von Blankenese. 12 000 Menschen sollen in der Hafen City ein Zuhause finden, einige Hundert sind schon in die ersten Wohnungen am Sandtorkai und Dalmannkai eingezogen. Auch wenn jedes Objekt für sich nicht nur Architekturfans Ehrfurcht verspüren lässt, soll die Nutzungsmischung in der Hafen City doch einhergehen mit einer Mischung der Bevölkerung. Beim Verkauf der Grundstücke war daher nicht der Preis entscheidend, sondern die Qualität der Konzepte. Neben Luxusapartments (im Marco Polo Tower kostet keine Wohnung unter einer Million Euro) gibt es auch Eigentumswohnungen im mittleren Preissegment und preiswerte Mietwohnungen, realisiert von Wohnungsbaugenossenschaften. Zusammen mit dem neuen Kreuzfahrtterminal, dem Maritimen Museum, dem Science Center, einer Grundschule, Universität (für Architektur), U-Bahn-Linie, Shopping Mall, Hotels, Restaurants und einem Investitionsvolumen von fast sieben Milliarden Euro, soll sich der Traum der modernen Stadt mitten in der Hansestadt bis zum Jahr 2025 erfüllen. Die beste Aussicht auf das aufstrebende Areal gibt es von der Besucherplattform auf dem Michel. Vielleicht klingt deshalb die Melodie des Trompeters auf dem Turm nicht wie ein Abschiedslied.


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Kommentare

  • liebilein

    Schaue mir, wenn ich in Hamburg weile, auch immer wieder fasziniert die Fortschritte der Hafencity an. Schöner Bericht mit viel Lokalkolorit zum Glänzen gebracht!

  • bzmch

    Schöner Bericht, informativ, schöne Sprache!

  • raupenzwerg

    Danke für diesen schönen Bericht über meine Heimatstadt!

  • KalliZ

    Hamburg ist meine Lieblings-Großstadt, zu recht, das bestaitigt der beeindruckende Bericht!

  • mamaildi

    Wunderschöne Bilder, toller Text - informativ und nachdenklich machend! Wir haben im Januar - an einem wunderschönen Wintertag - die Hafencity zum ersten Mal live gesehen und werden die Entwicklung nun gespannt weiter verfolgen. Danke für deinen Bericht, für uns Südländer, die wir nicht so oft in den Norden kommen, besonders wertvoll... Liebe Grüße - Ildiko

  • Raudi

    Schöner Bericht,Hamburg ist eine tolle Stadt.

  • knallus

    ganz toll beobachtet !!

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  • Blula

    Hat mir ganz doll gefallen. Deine Art zu schreiben sowieso... . Man merkt hier auch, wie sehr Du diese Stadt magst. Die Fotos sind auch -wie immer- ganz großartig. Danke für diesen lesenswerten Bericht!
    LG Ursula

  • marone (RP)

    Deinen Bericht finde ich informativ und gut. Aber mich als Hamburgerin erfüllt es auch mit Wehmut,wie entseelt dieser Stadtteil wirkt und kalt. Was sagte mein Sohn eben,als ich ihn fragte,wie er es dort findet,er wohnt am Rödingsmarkt : "Das ist ein Ghetto,ein Reichenghetto " Versöhnlich und interessant ist das Gewürzmuseum und das kleine Afgahnische Museum und natürlich die alten Speicher. Wer erleben durfte,wie da noch das richtige Leben tobte,Handel und Wandel,alles war in Bewegung und wenn man in den Freihafen wollte,musste man ,durch den Zoll,das war immer etwas abenteuerlich,man könnte ja eventuell etwas geschmuggelt haben. Na ja,es lebe der Fortschritt oder wie ? Aber der Flair ist für immer verschwunden. Heute war ich im Gängeviertel ,erfreulicherweise setzen sich die Leute für die alten Häuser ein, ohne die Hafenstrasse wäre so etwas heute nicht möglich!!!!!
    Zum Beispiel der alte wunderhübsche Altonaer Bahnhof wurde ratz..fatz abgerissen oder das wunderbare Bismarckbad...na ja , so ist es eben,der Krieg hat auch Vieles unersetzlich zerstört und dieses sind eben die Schäden und der Preis des vermeintlichen Fortschrittes,den Leute planen und durchsetzen,die mit Hamburg an sich nichts am Hut haben,ausser Geld raus schlagen. Vielleicht höre ich mich etwas verbittert an,aber ich bin einfach traurig über einige Bauentschlüsse,die bestimmt manches Mal hätten positiver umgesetzt werden können für Hamburg.
    Es gibt ja auch noch gute Ecken hier,sehens und liebenswert und geschichtlich interessant.

  • PushMaike

    echt sehr informativ.
    Die Entwicklung der Hafencity interessiert mich. Wenn ich in Hamburg bin schaue ich ggf. auch mal mit vorbei!!!

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